Hermann Pfrogner
Pfrogner, Hermann

Musiktheoretiker.

*17.01.1911 Graz (damals Österreich-Ungarn)
†14.12.1988 Konstanz (Deutschland)





Hermann Pfrogner entdeckte das eigentliche Wesen der Zwölf in der Musik. In seinen Schriften zeigt er erstmalig, dass die im 20. Jahrhundert aufkommende Atonalität, insbesondere deren konsequente Ausprägung als Zwölftonmusik bei Arnold Schönberg und Josef Matthias Hauer, nicht bloße Weiterführung der chromatisierten Tonalität der Romantik ist, sondern wirklicher Schwellenübertritt aus der bisherigen musikalischen Dimension der Sieben, die im Zeitstrom erlebt wird, in eine neue Dimension der zwölf zeitfreien „Tonorte“, wie Pfrogner sie nennt. Wenngleich dies eine höhere musikalische Dimension ist, so bringt eine Vereinseitigung des Zwölfprinzips den Tod des Tones als lebendigen „Tonwert“ mit sich. Er wird zum „toten, temperierten Tastenton“, dem jede intervallisch-tonordnungschaffende Kraft abhanden kommt; als Folge hiervon erkannte Pfrogner den rein klanglichen Indeterminismus der Elektronik.

Pfrogner war das einzige Kind eines österreichischen Kaiserjäger-Offiziers und verbrachte die Kindheit in Riva am Gardasee, in Wien und Innsbruck. Dort am Konservatorium erhielt er Klavier- und Musiktheorie-Unterricht. Beides wurde in Wien an der Staatlichen Musikakademie fortgesetzt, neben dem Jura-Studium, das Pfrogner auf Wunsch der Eltern begann. 1934 schloss er beide Studien ab mit einem Diplom in Musiktheorie und einer Promotion in Rechtswissenschaft. Zur Zeit seiner ersten und einzigen Anstellung als Jurist am Finanzamt Göppingen besuchte Pfrogner Hans Pfitzner in München und trug ihm seine Ideen zur „Wiedergeburt der Musik aus der chromatischen Melodie“ vor; sie waren als Buch geplant, von einem Verlag sogar angenommen, sind aber nie zu Papier gebracht worden.

Aus Unzufriedenheit mit dem Leben als Finanzbeamter meldete sich Pfrogner 1940 zum Militär – „Wenn ich draußen falle, so hat mein Leben wenigstens diesen Sinn gehabt.“ (Pfrogner 1985, S. 11) Seine Ideen zur Musik begleiteten ihn durch schwere Kriegserlebnisse als Funker an der Ostfront und verdichteten sich zum Entschluss, sich nach dem Krieg ganz der Musik zu widmen. 1945–47 studierte er Musikwissenschaft in Wien bei Schenk, anschließend arbeitete er an zwei Wiener Musikzeitschriften mit.

Durch eine kurze Beziehung zu Johann Nepomuk David kommt Pfrogner nach Stuttgart und lernt dort seine künftige Frau kennen: Marta Illig (1903–83) ist Geschäftsführerin eines eigenen Betriebes, weder religiös noch musikalisch-künstlerisch interessiert und stellt sich als „Seele von Mensch“ (a. a. O.) Hermann Pfrogners Lebenswerk mit allen ihren Möglichkeiten rückhaltlos zur Verfügung. So konnte er als freier Musikwissenschaftler seine Ideen in Vorträgen und Schriften ausarbeiten, die ihn als Musikdenker bekannt machten und ihm 1958 seine Dozentur für Problemgeschichte der neuen Musik und Akustik an der Musikhochschule München eintrugen. Bei seinen Studenten war Pfrogner sehr beliebt. 1970 wurde er zum Professor ernannt.

1949 und 1951 hatte er in Wien Josef Matthias Hauer besucht, der Pfrogner eigens ein „Zwölftonspiel“ widmete. Aufgrund der Entdeckung der zeitfreien zwölf Tonorte suchte Jean Gebser eine Zusammenarbeit, die aber nicht zustande kam, u. a. wegen der gegensätzlichen Haltung beider der Anthroposophie gegenüber. Pfrogner begegnete ihr während der Arbeit an dem Buch „Die Zwölfordnung der Töne“ durch Anny von Lange und Fritz Büchtger. Zu beiden Musikern ergab sich eine lebenslange Freundschaft, obgleich Pfrogner dem Werk beider kritisch gegenüberstand. Dies ist typisch für Pfrogners warmherzige Menschlichkeit, die über sachlichen Konsens sehr oft weit hinausging. Er wurde 1968 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.

Aus der Beteiligung an Anny von Langes Musiktagungen entstand eine immer intensivere Zusammenarbeit mit Musiktherapeuten aus der anthroposophischen Heilpädagogik in Holland und mit den Ärzten Karl König und Hans Heinrich Engel. Durch Christoph Peter kam Pfrogner auch zu Waldorfmusiklehrer-Tagungen in Stuttgart. Indem er die musikalischen Bestrebungen von Heiner Ruland durch die Jahre 1962–88 äußerst gewissenhaft begleitete, wurden ihm bis zu seinem Tode Rudolf Steiners Anregungen zu den von Kathleen Schlesinger entdeckten altgriechischen Aulosskalen immer wichtiger sowie die Erweiterung des Tonsystems, für die er Béla Bartók als Vorbereiter erkannte.

Heiner Ruland


Werke: Vom Wesen und Wertung neuer Harmonik, Bayreuth 1949; Der Weg der Theorie zwischen Tonalität und Atonalität, Wien 1952; Die Zwölfordnung der Töne, Zürich 1953; Musik. Geschichte ihrer Deutung, München [1954]; Der zerrissene Orpheus, Freiburg i. Br. 1957; Vom Hören und Hörerziehung im Wandel des musikalischen Hörens, Berlin 1962; Lebendige Tonwelt, München 1976, ²1981; Die sieben Lebensprozesse. Eine musiktherapeutische Anregung, Freiburg i. Br. [1978]; Leben und Werk. Versuch einer Lebensbeschreibung, Schaffhausen 1985; TAO. Ein Vermächtnis, [Schaffhausen 1986]; Zeitwende der Musik. Rückblicke – Ausblicke, München 1986; Zur Kosmogenie von Tonordnungen. Die drei Lebensaspekte der Musik, Schaffhausen 1987, ²1989; Beiträge in Fachzeitschriften, BfA, K, Ont, Re.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Ruland, H.: Von den offenbaren Geheimnissen der Töne, in: K 1985, Nr. 12; ders.: Hermann Pfrogner, in: MaD 1989, Nr. 168, auch in: N 1989, Nr. 16; ders.: „Wiedergeburt der Musik“. Hermann Pfrogner zum Gedenken, in: K 1989, Nr. 4; Bay, V.: Hermann Pfrogner, in: N 1989, Nr. 20.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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