Theodor Beltle
Beltle, Theodor

Unternehmer, Wirtschaftswissenschaftler.

*05.12.1913 Waiblingen (Deutschland)
†11.10.1989 Stuttgart (Deutschland)





Theodor Beltle war Geschäftsführer und Teilhaber eines Süßwarenbetriebes. In dessen Leitung sah er seine Hauptaufgabe in der Schaffung einer sozialen Gesinnung, die verantwortungsbewusste, aber freilassende Zusammenarbeit erlaubte. Neben seinen wirtschaftswissenschaftlichen Interessen unterstützte er maßgeblich den Aufbau und die öffentliche Wirksamkeit der Eurythmie.

Theodor Beltle wurde in eine Kaufmannsfamilie geboren. Der Vater hatte sich vom Lehrling in leitende Positionen und schließlich zum Firmengründer emporgearbeitet. In Waiblingen absolvierte Theodor ohne Freude die Realschule bis zur mittleren Reife. Die vorbestimmte Weiterbildung erfolgte auf der Höheren Handelsschule in Stuttgart, durch eine kaufmännische und eine Konditorlehre im väterlichen Betrieb sowie ein Praktikum in England und in den USA. Er kehrte 1935 nach Deutschland zurück. Im väterlichen Betrieb wurde er bald zweiter Geschäftsführer. Aber die Arbeit war zu dieser Zeit reine Pflichterfüllung und ungeliebt. Wo er sich mit Freuden betätigte, war in Tennis und Skisport.

Mit Kriegsbeginn 1939 wurde er Soldat und war u. a. in Rumänien, Bulgarien und Russland eingesetzt, bis 1945 blieb er bewusst im Mannschaftsgrad.

Für Beltle erfolgte 1940 (26-jährig) der entscheidende Einschlag in seinem Leben durch die Begegnung mit seiner späteren Frau, Erika Wagner. Sie war Anthroposophin. Da er voll im Materialismus seiner Zeit aufgewachsen und von der Allmacht der Naturwissenschaft überzeugt war, entspann sich zwischen beiden über Jahre ein heftiger Kampf um weltanschauliche Fragen bzw. um die anthroposophische Geisteswissenschaft, der ausführlich in Feldpostbriefen ausgetragen wurde.

Die Anthroposophische Gesellschaft war vom NS-Regime 1935 verboten worden, Bücher konnten kaum erworben und vorhandene nicht ins Feld geschickt werden, ausgenommen ab und zu eine Zeitschrift. So vermochten ihn eines Tages Aufsätze von Friedrich Rittelmeyer innerlich anzusprechen und gemeinsame Lektüre konnte in spärlichen Urlaubstagen das Verständnis vertiefen.

Der Umschwung begann mitten im Krieg. Theodor Beltle entdeckte die Möglichkeiten des anthroposophischen Entwicklungswegs. 1944 wurde die Ehe geschlossen.

Nach Kriegsende folgten der Wiederaufbau der zerstörten Fabrik, ein wirtschaftswissenschaftliches Studium und in jeder freien Zeit die nun mögliche Erarbeitung der Anthroposophie. Zeichenhaft ist 1949 der plötzliche Tod des Vaters: Aus dem Betrieb herauskommend, sank dieser auf der Schwelle tot in die Arme des Sohnes, der gerade hereinkam. Nun war es seine Aufgabe, in schweren Zeiten des Aufbaus den Betrieb selbstständig zu leiten. 1950 lernte er den Abteilungsdirektor im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin kennen und schätzen, für dessen Zeitschrift er Aufsätze zu schreiben begann. 1959 wurde ihm der Vorsitz der Landesgruppe Baden-Württemberg der Deutschen Süßwarenindustrie übertragen.

Der Wunsch, Anthroposophie im praktischen Leben zu verwirklichen, wuchs. Mit anderen kleineren Betrieben zusammen plante Beltle eine Lehrlingsbildung im Sinne der Waldorfpädagogik. Da erfolgte 1958 ein dringender Ruf von anderer Seite, den Beltle schließlich als seine wahre Aufgabe ansah: Else Klink bat ihn und seine Frau Erika, für das noch in Köngen am Neckar in Baracken arbeitende „Eurythmische Konservatorium“ ein Haus zu bauen. Sechs mühevolle Jahre folgten, bis Pfingsten 1964 das neue, nun wieder „Eurythmeum“ genannte Haus in Stuttgart eingeweiht werden konnte. Bald hatte sich auch gezeigt, dass neben einem Neubau dringend eine finanziell verantwortliche Institution zu schaffen war, um für Lehrer und Künstler gesicherte Verhältnisse herbeizuführen. Dafür wurde der Verein Eurythmeum e.V. gegründet, Beltle übernahm den Vorsitz, den er bis ein Jahr vor seinem Tod innehatte. Über Jahrzehnte betreute er das Eurythmeum und besprach bei seinem täglichen Besuch in der Mittagspause die anfallenden Aufgaben und Probleme. Seine Finanzierung trug wesentlich zur Realisierung von Eurythmie-Tourneen in alle Welt bei.

Beltle suchte unter Einbeziehung anthroposophischer Erkenntnismethoden die Funktion der Wirtschaft und den Grund ihrer Krisenanfälligkeit zu verstehen.

Sein erstes Buch „Die Funktion der Wirtschaft in Theorie und Praxis“ erschien 1962. Ein Jahr später gehörte er, von Ernst Weißert aufgefordert, dem Initiativkreis der Anthroposophischen Gesellschaft Stuttgart an; die Mitarbeit beendete er nach 21 Jahren. Von 1965–82 war Beltle Mitglied des erweiterten Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, des Vertreterkreises, von 1973–87 Lektor der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Stuttgart.

Seine Arbeit in der Anthroposophischen Gesellschaft und seine wirtschaftswissenschaftlichen Studien brachten ihn mit vielen Persönlichkeiten aus beiden Bereichen in Beziehung. Immer blieb er ein Lernender und Übender. Über seine übersinnlichen Erfahrungen sprach er nicht – erst nach seinem Tod fand die Gattin Aufzeichnungen darüber.

In all seiner Tätigkeit wollte er dem Materialismus entgegenwirken, insbesondere durch sein Buch „Die menschenwürdige Gesellschaft“, das später auch in der Reihe Perspektiven der Anthroposophie bei Fischer erschienen ist.

Seine Lebensmotive lassen sich klar zusammenfassen: Aus der tiefen Christlichkeit, zu der ihn die Anthroposophie geführt hat, entsprang seine Güte, aus der Liebe zur exakten Denkerfahrung im Sinne von Steiners „Philosophie der Freiheit“ der Wunsch, Anthroposophie in Wissenschaft und Praxis wirksam werden zu sehen. In der Kunst sah er die ihm notwendig scheinende Zauberin, die die Seele aus den Fesseln des Alltags erheben kann.

Erika Beltle


Werke: Die Funktion der Wirtschaft in Theorie und Praxis, Berlin 1962;
Die menschenwürdige Gesellschaft, Frankfurt/M. 1974, ³1985; Theorie der
assoziativen Wirtschaft, Berlin 1979; Die Krise, Frankfurt/M. 1984; Bildung
von Assoziationen, in: Die wirtschaftlichen Assoziationen, Stuttgart 1987;
Das Geldproblem in der Volkswirtschaft in Wesen und Funktion des Geldes,
Stuttgart 1989; Beiträge in G, MaD.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Siegloch, M., Klink, E.: Theodor Beltle, in: MaD 1975, Nr. 171;
Veit, W.: Eurythmie. Else Klink. Ihr Wirken, Stuttgart 1985.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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