Maria von Nagy
von Nagy, Maria
geb.: Göllner

Schriftstellerin, Herausgeberin.

*13.11.1894 Budapest (damals Österreich-Ungarn)
†19.01.1982 Basel (Schweiz)







Maria von Nagy war in Ungarn bis 1946 die führende anthroposophische Persönlichkeit, hochgradig sozial engagiert, sie leistete Pionierarbeit in der Strafgefangenenfürsorge. Nach dem Krieg setzte sie ihre Sozialarbeit in der Schweiz fort.

Als Grundmotiv ihres Schicksals nannte sie die Güte. Als junges Mädchen begegnete sie einer Lehrerin, die ihr als Erste das Evangelium in die Hand gab, das sie anregte, Griechisch zu lernen. Ein Jugendfreund machte sie erstmals mit spiritistischen Strömungen bekannt. Seitdem beschäftigte sie das Gesetz der Reinkarnation und seit dem Universitätsstudium, das sie als Dr. phil. abschloss, galt ihr Interesse der Entwicklungsgeschichte der Menschheit.

Mit 26 Jahren erfuhr sie erstmals von der Anthroposophie. Es war Hans Reichert, der sie im März 1921 bei ihrem Besuch in Dresden mit der Geisteswissenschaft bekannt machte. Er empfahl ihr als erste Lektüre „Die Philosophie der Freiheit“. Nagy: „Hans Reichert förderte meine weiteren Studien aus der Ferne auf jede Weise. Auch abonnierte er mir die Wochenschrift ,Das Goetheanum’, wofür er das Geld mit Kartoffelschälen in der Kantine in Dornach verdient hatte!“ (Nagy, Memoiren I, 1974, S. 9)

Maria Göllner heiratete 1918 Emil von Nagy, der als Jurist, Parlamentsmitglied und Justizminister (von 1923 bis zum 20.2.1924) im öffentlichen Leben Ungarns großes Ansehen genoss. Dies ermöglichte ihr, einem inneren Ruf folgend, eine ausgedehnte Tätigkeit zur Humanisierung des Strafvollzugs. Sie begann mit der Gefängnisarbeit im Herbst 1918 nach dem Ausbruch der Revolution in Ungarn und setzte sie dann 25 Jahre hindurch fort. Schon während des Ersten Weltkriegs war sie als Studentin mit der Sozialarbeit in Berührung gekommen und hatte darin ihre Lebensaufgabe erkannt.

1924 reiste Nagy zum ersten Mal nach Dornach, nachdem sie in den Budapester Zeitschriften von der Vernichtung des ersten Goetheanum gelesen hatte. Es war zur Ostertagung, die auf der Brandstätte stattfinden sollte. Dort hatte sie am Karfreitag in der Schreinerei die erste Begegnung mit Rudolf Steiner, den sie u.a. auch „um Ratschläge für meine Gefängnisarbeit“ bat. „Er gab mir solche und machte Zeichnungen zu bestimmten Hinweisen für mich auf hellblaue Blätter. Nach vielen Jahren konnte ich sie einem in Deutschland tätigen anthroposophischen Gefängnisfürsorger weitergeben.“ (Ebd., S. 14) Während ihres Dornacher Besuchs im Frühjahr und in dem darauf folgenden Aufenthalt im Herbst nahm sie an etwa 50 Vorträgen und Ansprachen Steiners teil. In diesen Herbst-Wochen begann ihre Freundschaft mit Albert Steffen, „mit dem ich insofern schon in geistiger Beziehung gestanden hatte, als die Gestalt der Christine in seinem Drama Das Viergetier seit Jahren eine Anregung für mich in meiner Gefängnisfürsorgearbeit gewesen war.“ (Ebd., S. 11)

In den nachfolgenden Jahren profilierte sich Maria von Nagy – seit 1924 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft – als führende anthroposophische Persönlichkeit in Ungarn. 1926 war sie die eigentliche Gründerin der Landesgruppe der Gesellschaft und einer achtklassigen Rudolf Steiner-Schule in Budapest, die bis 1933 bestand. Sie organisierte und finanzierte die Übersetzung von Werken Steiners in die ungarische Sprache, gab sie in einem eigenen Verlag heraus und trat selbst als Autorin hervor. Von Januar 1930 bis ins Kriegsjahr 1944 war sie Initiatorin und Herausgeberin der an die Strafanstalten des Landes versandten Halbmonatsschrift „Bizalom“ (Vertrauen). Dabei legte sie großen Wert auf die aktive Mitarbeit der Strafgefangenen selbst und forderte sie zur Einsendung von eigenen Beiträgen auf. Die Titelzeichnung hatte Albert Steffen entworfen. (Diese Zeichnung schmückte seit 1949 das Blatt „Ausblick auf das kommende Arbeitsjahr“ der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.)

Als am Ende des Zweiten Weltkriegs Ungarn zum Kampfgebiet wurde, musste „Bizalom“ eingestellt werden. „Es folgte die Verschleppung meines Mannes durch die Nazis, die Verfolgung meiner Söhne, anschließend meine eigene Verfolgung. Das Ende des Zweiten Weltkrieges vernichtete unsere Existenzgrundlage. Die Familie musste sich in der Welt verstreuen, wir erlebten einzeln, voneinander getrennt, das absolute Nichts, das damals über so viele gekommen war.“ (Zitiert nach Buser 1982)

Weihnachten 1946 kam Nagy im Auftrag des Roten Kreuzes in die Schweiz. Ihr Mann, der keine Ausreisegenehmigung erhielt, blieb zurück. Sie gründete die von ihr geleitete „Arbeitsgruppe für Heil- und Sozialfürsorge am Goetheanum“. Sie schrieb die erste Publikation des Jugendrotkreuzes für Kinder und trat mit einer Reihe von Publikationen hervor (z.T. gemeinsam mit ihrem Sohn Christoph).

In den Jahren nach 1945 war Maria von Nagy in der anthroposophischen Bewegung weithin als Vortragende, Kurs- und Tagungsleiterin tätig. 1954 unternahm sie eine Vortragsreise nach Australien und Neuseeland. In den 50er- und 60er-Jahren leitete sie eine Arbeitsgruppe für Schöne Wissenschaften in Basel. Bis 1970 war sie kontinuierlich als Vortragende tätig.

Maria von Nagy war befreundet mit Alfred Meebold, Hans Reichert und Ludwig Graf von Polzer-Hoditz. (Ebd., S. 16f.) Mit zwölf Mitarbeitern hat sie ein umfassendes Register zum Essaywerk Albert Steffens erstellt. Von ihren Memoiren konnte sie wegen ihrer altersbedingten Sehschwäche nur den ersten Band fertig stellen.

Mario Zadow


Werke: Beszélgetések a kalevala világnézetérôl, Budapest 1943; A kalevala titkáról, Budapest o. J.; Népszokások, mondák és az ember, Vác o. J.; A magyar ôsvallás és a kereszténység, Vác 1941; Finnentöchter. Drei Kleindramen aus Weltkriegszeiten, Augsburg 1952; Rudolf Steiner über den Selbstmord, Dornach 1952, ³1998; Die vier Aspekte der Leidensgeschichte, Zürich 1959; Dialog der Hemisphären, Heidenheim [1960], ²1963; Die Wandbilder der Scrovegni-Kapelle zu Padua, Bern 1962, Heidenheim ²1963; Register zu dem Essaywerk von Albert Steffen, Bern 1970; Die Legenda aurea und ihr Verfasser Jacobus de Voragine, Bern 1971; Memoiren, Bd. I: Rudolf Steiner über seine letzte Ansprache, über Ungarn und über die Schweiz, Brugg 1974; Dante und Brunetto (D), Bern 1974; Über den Tod von A. Steffen, Béla Bartók, Bern 1978; Michaeliták, Ispánk 2000; Kindergeschichten: Die Geige des alten Moresch, Basel 1948; Das Marienkäferchen, Basel 1948; Tagebuch für Knaben und Mädchen, Zürich 1950; Die Sterngeige, Basel 1950, ²1950; Übersetzungen ins Englische, Italienische und Ungarische erschienen; zahlreiche Beiträge in G, N, weitere in BeH, WNA, MaD, Herz.
Literatur: Anonym: Brief, in: N 1939, Nr. 33; Buser, H.: Maria von Nagy, in: N 1982, Nr. 9; Deimann 1987; Vámosi Nagy, I.: Pioniere der Anthroposophie in Ungarn, in: N 1991, Nr. 43; Vámosi Nagy, I.: A kissvábhegyi Waldorf-iskola, Budapest o. J.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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