Johanna Mücke
Mücke, Johanna

Verlagsleiterin.

*29.10.1864 Berlin (Deutschland)
†23.03.1949 Dornach (Schweiz)







Johanna Mücke verlebte Kindheit und Jugend am Wasser und in Naturverbundenheit.

Berlin wurde neben Dornach ihre Hauptwirkensstätte, wo sie ein Leben im Dienste des Buches leistete. Ihr Vater, der Kaufmann Theodor Mücke, verarmte durch Bürgschaftsleistungen. Durch einen ihrer Brüder angeregt, der sich an der Begründung und Leitung der Konsumgenossenschaften beteiligte, trat sie der sozialdemokratischen Partei bei. Das entsprach ihrem Wesen, war doch die schlagfertige und Humor liebende Berlinerin ihr Leben lang immer bereit zu helfen, zu schenken und zu dienen. – Sie arbeitete 13 Jahre bei der „Deutschen Warte“, kurz beim „Vorwärts“ und dann in einem literarischen Verlag. In den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts besuchte sie Kurse an der Arbeiter-Bildungs-Schule, in deren Vorstand sie ehrenamtliche Schriftführerin war. In dieser Arbeiter-Bildungs-Schule hörte die Arbeiterjugend Rudolf Steiner als Vortragenden u. a. in Geschichte. Der Unterricht fand von 21 bis 23 Uhr statt und erstreckte sich oft mit Gesprächen und Fragen bis nach Mitternacht. Auch an Ausflügen und Nachtwanderungen durch Berlin nahm Rudolf Steiner mit den jungen Leuten teil. Auf die Bemerkung eines Genossen, der Unterricht dieses neuen Lehrers sei nicht materialistisch, antwortete der Begründer der Schule, Wilhelm Liebknecht: „Donnerwetter, was geht euch seine Weltanschauung an! Freut euch, dass ihr einen so guten Lehrer habt!“ (M. Steiner, N 1944, Nr. 44, S. 174) Die Anzahl der Schüler stieg schnell von 50 auf 200 Zuhörer. Diese Bildungsschule entwickelte sich bis 1908 zur Parteischule. Am 7. August 1900 hielt die 35-jährige Johanna Mücke einen Vortrag vor den Arbeitern aus Anlass des Todes von Wilhelm Liebknecht. Unterirdischer Widerstand gegen Rudolf Steiner – „Wir wollen nicht Freiheit in der proletarischen Bewegung, sondern vernünftigen Zwang!“ – machte ihm sein weiteres Wirken dort unmöglich. Rudolf Steiner unterrichtete in dieser Schule in den Jahren 1899–1904. Hier war Johanna Mücke wohl der einzige Mensch, der ahnte, wer da vor ihr stand, und sie war auch der Mensch, der Rudolf Steiner von allen am längsten gekannt hat, da ihr Schicksal sich aufs Engste mit seinen Impulsen verband.

Die eigentliche Lebensaufgabe begann für die 44-jährige Johanna Mücke, als Marie von Sivers ( Marie Steiner) im August 1908 den „Philosophisch-Theosophischen (später: Philosophisch-Anthroposophischen) Verlag“ mit Johanna Mücke als Leiterin gründete. Zu dieser Gründung hatten manch schmerzliche Erfahrungen mit Verlegern und Verlagen geführt. Die Auflagenhöhe dieses Verlages ergab sich aus den wirklichen Bedürfnissen der Leserschaft: So wollte es Rudolf Steiner. Hierzu schreibt Johanna Mücke: „Es war so ganz anders, als man sich solche Gründungen sonst vorstellt [...]. Nichts von Prospekten, Reklamen [...].“ (In: BfA 1949, S. 12)

Der Verlag entwickelte sich, nachdem verschiedene Restbestände von Marie von Sivers für den Beginn aufgekauft waren, stetig und ohne Reklame, ohne je eine Hilfe der Gesellschaft in Anspruch zu nehmen, unter Johanna Mückes Leitung in gesunder Weise; er befand sich im Hause Motzstraße 17, Berlin, unter Rudolf und Marie Steiners Wohnung und überstand sogar die Inflation in den Stürmen der Nachkriegszeit.

Die Zusammenarbeit mit Marie Steiner musste, verursacht durch das ziemlich ununterbrochene Reisen von Rudolf und Marie Steiner, weitgehend schriftlich geleistet werden, u. a. mit vielen Verzögerungen. Hierzu Marie Steiner aus München 1910: „Ich bin dem Schicksal dankbar, das uns in Ihnen einen so starken Freund und treuen Helfer gegeben hat, und bin Ihnen dankbar für die hingebungsvolle Arbeit, die Sie natürlich besser verrichten, als irgend jemand es tun könnte [...].“ (M. Steiner in: BGA 1967, Nr. 17, S. 8) – Johanna Mückes Verkaufsgenie zeigt sich u. a. darin, dass das am Abend angekündigte, in der Nacht gedruckte und am folgenden Tag erschienene Buch Rudolf Steiners „Ein Weg zur Selbsterkenntnis“ zwischen 14.15 und 14.45 Uhr am Büchertisch der Münchner Mysterien-Drama-Aufführung 1912 in 800 Exemplaren verkauft war. – Als Verlagsdirektor hatte Johanna Mücke einen primitiven Tisch und kaum eine ordentliche Sitzgelegenheit; keine Arbeit war ihr zu gering, wie z. B. Frankieren, Postgänge, Geschäftsbücher (die bis zu 14-stellige Zahlen im Chaos der Inflationszeit aufwiesen): „Muckchen“ machte alles.

Der Verlag war bald ein Kernstück der anthroposophischen Bewegung und Johanna Mücke war mit jedem Vortrag von Rudolf Steiner, mit jeder Buch-Entstehung persönlich verbunden. Ihr Urteil war ein Gradmesser für das Wahre und Echte, auch in Gesellschaftsproblemen, denn sie hatte sich dazu erzogen, selbstlos zu sein. Es war ihr wichtig, auch für die Korrekturen mit herangezogen zu werden, denn „[...] so wurde die Kluft vermieden, die sonst fast überall zwischen der mehr technischen und der eigentlichen geistigen Arbeit sich auftut [...]“. (Mücke 1984, S. 68)

Während des Ersten Weltkriegs wurden Rudolf Steiners Bücher an verschiedene Truppenteile, Internierte und Gefangene gesandt, was dort als wirkliche Hilfe erlebt wurde. – 1914 ergab sich für Johanna Mücke aus den traurigen Umständen die glückliche Situation, im Sommer an den Schnitzarbeiten des ersten Goetheanum teilnehmen zu können.

Als 1921/22 die größten Säle der Stadt die interessierten Menschen nicht fassen konnten und sogar die Berliner Philharmonie mit 3000 Plätzen für Rudolf Steiners Vorträge gemietet werden musste, erhoben sich feindliche Gegenreaktionen bis zur Verhinderung von Rudolf Steiners öffentlicher Tätigkeit.

Anna Samweber las den Anschlag am schwarzen Brett der Schreinerei in Dornach über Adolf Hitlers erfolgten Marsch auf die Feldherrenhalle in München am 9. November 1923. Der hinzutretende Rudolf Steiner übergab ihr Brief und Mietverträge mit der Bitte, diese Johanna Mücke zu überbringen, damit sie in Berlin kündigen könne. Auf Marie Steiners Verwunderung hin bemerkte er: „Wenn diese Herren an die Regierung kommen, können wir beide nicht mehr nach Deutschland.“ (Samweber, A.: Aus meinem Leben, Basel 1981, S. 44)

Zum Jahreswechsel 1923/24 geschah der Verlags-Umzug von Berlin nach Dornach. 500 Kisten hatten Johanna Mücke und ihre Helfer mit Büchern gefüllt. Am 11. Februar 1924 traf sie selbst in Dornach ein. Nach einer betrüblichen Fehlinformation und deren Richtigstellung durch die Realität war Rudolf Steiner sehr zufrieden über Aufstellung und Bilanz des Umzuges.

Johanna Mücke litt sehr darunter, dass „[...] einige Persönlichkeiten noch längere Zeit nachher immer wieder versuchten, den Verlag Frau Dr. Steiner zu entreißen“ (Mücke 1984, S. 72).

Sie unterstützte Marie Steiner mit all ihren Kräften in dem Bestreben, zu verhindern, was z. B. der Gnosis widerfuhr: dass von dem eigentlichen Werk nur durch die Schriften der Gegner der Nachwelt ein verzerrtes Bild erhalten blieb.

Tiefe Verbundenheit hatte sie auch zu Marie Steiner geführt, der sie in Treue fast ein halbes Jahrhundert diente. Ihre Stellung in der Anthroposophischen Gesellschaft war durch ihre treue und energische Leistung einzigartig.

Erst 1936 übergab die 72-Jährige die Führung des Verlages ihrem Nachfolger Otto Reebstein.

Nach dem Tode Marie Steiners 1948 kam eine große Traurigkeit über Johanna Mücke. Mit einem leisen Anflug von Humor, aber doch aus tiefem Schmerzgefühl heraus klagte sie: Die geistige Welt hat mich wohl vergessen! – Johanna Mücke hat nie viel Wesens von sich gemacht. Man war betroffen von der Würde und Majestät ihres Antlitzes auf ihrem letzten Lager.

Margareta Habekost


Werke: mit Rudolph, A. A.: Erinnerungen an Rudolf Steiner und seine
Wirksamkeit an der Arbeiter-Bildungsschule in Berlin 1899–1904, Basel 1955,
³1989; Aus der Geschichte des Philosophisch-Anthroposophischen Verlages,
in: Marie Steiner-von Sivers im Zeugnis, Basel 1984; Übersetzungen ins
Englische und Französische erschienen; Beiträge in AT, BGA, G, Msch, N.
Literatur: In memoriam Johanna Mücke, in: BfA 1949, Nr. 8; Leinhas, E.:
Johanna Mücke, in: MaD 1949, Nr. 8; GA 262, 1967; Groddeck 1980; GA 39,
²1987; Lindenberg, Chronik 1988; Wiesberger, H.: Marie Steiner-von Sivers.
Ein Leben, Dornach 1988; GA 259, 1991; Kugler, W.: „Die notwendige Dritte
im Bunde“, Johanna Mücke, in: BGA 1993, Nr. 111; GA 40,(8)1998.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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