Monica Freifrau von Miltitz
Freifrau von Miltitz, Monica
geb.: Freiin von Friesen

Dichterin, Schriftstellerin.

*02.01.1885 Zittau/Sa. (Deutschland)
†11.10.1972 Untelengenhardt (Deutschland)
(anderes Geburtsjahr 1883)





Das Schloss Siebeneichen bei Meißen wurde durch sie zu einem anthroposophischen und allgemein kulturellen Zentrum. Sie hatte ein besonderes Verhältnis zur Dichtung von Novalis und schrieb mehrere Bücher über ihn.

Ihren Urgroßvater Dietrich von Miltitz besuchte sein Vetter Novalis oft auf dem Schloss; er schrieb hier „Die Lehrlinge von Sais“. Die künstlerisch begabte Mutter war in Siebeneichen aufgewachsen. Sie starb, als Monica acht Jahre alt war. Das Schloss kam an eine katholische Linie der Familie. Das Mädchen erkrankte schwer an Scharlach; eine Herzerkrankung blieb zurück. Der verschlossene Vater, Freiherr von Friesen, war Offizier. Die Familie lebte winters in Dresden, sommers in Batzdorf, einem Nachbargut von Siebeneichen. Der Vater wünschte jedoch keinen Kontakt nach Siebeneichen.

Monica hatte eine Schwester und zwei Brüder. Stets waren Gouvernante und Hausdame um sie. Nach Abschluss der höheren Töchterschule wurde sie in der Frauenkirche konfirmiert, doch erschien ihr, die mit 13 Jahren eine Christus-Begegnung hatte, der Protestantismus leer.

Als 17-Jährige reiste sie mit dem Vater nach Rom und wurde bei Papst Leo XIII empfangen. Weitere Reisen führten nach Portugal, Spanien, den Kanarischen Inseln und Afrika.

Als der Vater mit ihr schließlich Siebeneichen besuchte, lernte sie dort den 42-jährigen Erben Carl von Miltitz kennen. Vor der Heirat 1910 konvertierte sie zum katholischen Glauben. Seit 1912 lebte sie auf dem Schloss, das seit fast 400 Jahren im Besitz der Familie war. Sie hatte zwei Söhne (1911 Leo Carl, 1912 Ulrich Georg). Ihr drittes Kind wurde 1915 tot geboren. Im Ersten Weltkrieg zweimal schwer verwundet, war ihr Mann gelähmt und desorientiert. Ihre an Tuberkulose erkrankten Söhne brachte sie Ende 1918 in die Schweiz und geriet dabei in den Sog der Revolution.

Oft führte sie Besucher durchs Schloss. Im Januar 1919 beherbergte sie die Haaß-Berkow-Spielertruppe und kam durch sie mit Anthroposophie in Berührung. Steiner-Schriften zu lesen, fiel ihr anfangs schwer. Doch lernte sie willenshaft zu denken und erlebte sich an der Schwelle zum Übersinnlichen. Jede Woche sprach sie an einem öffentlichen Abend über Siebeneichens Geschichte und Novalis. 1920 und 1921 verbrachte die Spielertruppe bei ihr die Sommer-Arbeitswochen mit Aufführungen und Vorträgen.

Bereits 1919 war sie ihrer Lebensfreundin Ida Rüchardt begegnet, die aus Russland kam. Später ging diese nach Dornach und widmete sich der Sprachgestaltung.

Bei Marie Steiners Besuch 1921 in Siebeneichen erfuhr Monica von Miltitz von der Verehrung Steiners für Novalis als Vertreter eines erneuerten Christentums. Nach dem Stuttgarter Kongress „Anthroposophie – ihre Erkenntniswurzeln“ (GA 78) organisierte sie, jetzt Mitglied des Dresdner Zweigs, die erste sächsische anthroposophische Tagung und trug aus ihrer Novalis-Arbeit vor.

Sie hatte viele prominente Gäste. 1926 fand an jedem Sonntag eine Dichterlesung statt, am 26. August „Der Chef des Generalstabes“ von Albert Steffen. Anschließend gründete Steffen den Meißner Novalis-Zweig.

Sie förderte die Dresdner Christengemeinschaft und hatte engen Kontakt zu den Pfarrern (Eduard Lenz, Gerhard Klein). Bei der Sommertagung 1927 war Siebeneichen Ziel eines Ausflugs von Friedrich Rittelmeyer, Emil Bock, Rudolf Frieling u.a. 1927 erschien in Hegners Hellerau-Verlag in Dresden ihr Buch „Das Schloss Siebeneichen“. 1929 begründete sie mit Elisabeth Klein die Dresdner Waldorfschule. Anfang der 30er-Jahre war sie zweimal in den USA, um junge Menschen für Deutschtum im besten Sinne und ein geplantes Deutsch-College zu begeistern. Nach 1933 war dies unmöglich.

Jährlich reiste sie für Wochen nach Dornach zu Ida Rüchardt und besuchte Albert Steffen und Marie Steiner, was von 1933 bis 1939 besonders wichtig war. Zweimal hielt sie im Goetheanum einen Vortrag.

Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 musste sie auf öffentliche Arbeit verzichten. Auf Siebeneichen gab es Hausdurchsuchungen und stundenlange Verhöre, die anthroposophischen Bücher wurden beschlagnahmt. Die Waldorfschule konnte durch Bemühungen Elisabeth Kleins bis 1941 bestehen. Während des Krieges organisierte ein katholischer Geistlicher Jugendtreffen auf dem Schloss. Er bat um ein Gespräch mit dem Christengemeinschafts-Pfarrer Lenz. Im Sommer 1940 wurde Monica verhaftet und einen Tag auf der Polizei festgehalten. Dem Gefängnis entging sie nur, weil ihr Sohn Leo kurz zuvor in Frankreich gefallen war. Ulrich heiratete 1941 dessen Witwe Margaret, geb. Lagerlöf.

Bis 1944 konnte sie die kulturelle Mission Siebeneichens aufrechterhalten. Am 2. Mai 1944 (Novalis Geburtstag) las sie still die wenigen Briefe von seiner Hand.

Auf Wunsch von Prinz Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg gewährte sie Anna Andersson, der angeblichen Zarentochter Anastasia, trotz ihrer Skepsis bezüglich deren Herkunft, monatelang Asyl. Bedingung war, außerhalb des Identitätsstreites zu bleiben. Dadurch kam jene in Beziehung zur Anthroposophie. Auf dem Schloss waren Flüchtlinge und die Y.M.C.A. untergebracht. Vorübergehend wurde die Lagerung von SS-Akten erzwungen. Am 14. Februar 1945 erfuhr sie vom Untergang Dresdens.

Am 6. Mai 1945 kam es zur Eroberung und Plünderung durch die Russen. Mit der Bodenreform erlebte sie tief ihre Rechtlosigkeit. Sie brachte Carl im Krankenhaus in Sicherheit, sie selbst konnte wegen Verschleppungsgefahr nicht zurück. Freunde ermöglichten dann die vorläufige Rückkehr bis zur endgültigen Vertreibung Weihnachten 1945.

Sie ging nach Freital, wo sie neben dem befreundeten Bürgermeister Arno Hennig eine pädagogische und kommunalpolitische Arbeit aufnahm. Ihr Mann fand Aufnahme in einem Altersheim bei Freital (er starb dort 1948), sie erhielt eine kleine Wohnung in der Stadt. Als SPD-Frauensekretärin sprach sie in Fabriken, wo sie die Hilflosigkeit und Seelennot der Arbeiter erlebte, wurde Stadtverordnete und Lehrerin (Wirtschaftsoberschule), ohne den Marxismus zu vertreten. Mit Hennig kämpfte sie für die SPD. Nach deren Zwangsvereinigung mit der KPD verschwand er; sie war in höchster Gefahr. Ohne sich von ihrem Mann verabschieden zu können, wurde sie mit dem Zug nach Westberlin gebracht.

Dort lebte sie bei einer Arbeiterfamilie mit sechs Personen äußerst beengt und baute im amerikanischen Sektor einen Frauenbund auf. Im eiskalten Winter 1946/47 sprach sie vor Studenten über deutsches Wesen, in der Humboldt-Universität im Ostsektor sogar über Anthroposophie.

Nach einer Einladung nach Dornach im Frühling 1948 besuchte sie Anna Andersson in Unterlengenhardt. Die Berliner Blockade verhinderte ihre Rückkehr. Sie half das anthroposophische Zentrum aufzubauen, leitete den Zweig von 1952 bis 1966, arbeitete als Schriftstellerin und Vortragende. Im Johannihaus mit dem kleinen Garten fühlte sie sich wohl. 1954 heiratete ihr Sohn Ulrich ein zweites Mal. 1955 wurde Christoph, 1963 Nicolaus geboren, die letzten Träger des Namens von Miltitz.

Als Vermächtnis schrieb sie ihre Lebenserinnerungen. Klarheit umgab sie und sie erlebte das Jungwerden der Seele, bis sie im hohen Alter von 87 Jahren starb.

Maja Rehbein


Werke: Eine deutsche Frau sieht U.S.A., Breslau 1938; Novalis. Romantisches
Denken zur Deutung unserer Zeit, Berlin 1948, Fellbach ²1973; Das Jahr als
Urbild der Tätigkeit der menschlichen Seele, Typoskript o.A.; Novalis in
anthroposophischer Betrachtung, Stuttgart 1956; Die Legende von Maria und
Josef, Fellbach o.J.; Ein Ausschnitt aus meinem Leben: der Weg zur
Anthroposophie, Typoskript o.A.; Einige Erinnerungsbilder in Ergänzung zu:
Mein Weg zur Anthroposophie, Typoskript o.A.; Geleitwort, in: Novalis Brevier,
Stuttgart 1987; Menschliches Schicksal im Strom der Geschichte,
Unveröffentlichte Studie; Die letzten Gedichte. Ein Heroldsruf für den Geist,
Fellbach o. J.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Tautz, J.: Monica Freifrau von Miltitz, in: MaD 1973, Nr. 103;
Howald, C.: Zur Geschichte des Schlosses Siebeneichen bei Meißen , in:
Internet; Meyer, T.: Monica von Miltitz und Novalis, in: Eä 2001, Nr. 6;
Plato, B. v.: Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Dornach 2003.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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