Rudolf Meyer
Meyer, Rudolf

Mitbegründer der Christengemeinschaft.

*13.02.1896 Hannover (Deutschland)
†06.07.1985 Göppingen (Deutschland)

Der durch seine Bücher und als Redner weit bekannte Pfarrer in der Christengemeinschaft, Rudolf Meyer, wurde in Hannover geboren. Er absolvierte am Leibniz-Gymnasium in Hannover das Abitur kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Da er aus Gesundheitsgründen nicht zum Militär taugte, begann er sogleich das Studium der Theologie und Philosophie in Kiel, Göttingen, Freiburg (bei Husserl) und Heidelberg. Er legte 1918 in Kiel das erste theologische Examen ab und besuchte das Predigerseminar in Preetz.

1916 hatte er die Anthroposophie kennen gelernt. Er wollte nicht in den Kirchendienst, sondern hielt an seinem 23. Geburtstag seinen ersten anthroposophischen Vortrag in Lübeck, dem ungezählte in den weiteren Jahrzehnten folgten. Zur Eröffnung des ersten Goetheanum-Baus im Herbst 1920 hielt Rudolf Meyer (nicht zu verwechseln mit Rudolf Meyer aus Berlin) drei Vorträge zum Thema „Geschichtsphilosophische Probleme des Christentums im Lichte anthroposophischer Forschung“. Louis Werbeck stellte ihn beim Hamburger Zweig als offiziellen Redner für Anthroposophie in ganz Norddeutschland ein.

Vom ersten Theologenkurs (GA 342) an war er aktiv bei allen Vorbereitungen, die zur Gründung der Christengemeinschaft führten. Viele Menschen hat er dafür besucht und aufgefordert mitzuarbeiten. Als es im September 1922 endlich zur Gründung kam, war Rudolf Meyer in den Tagen der Priesterweihe für wenige Tage nicht in Dornach. Er wurde am 20. Oktober 1922 in Hamburg geweiht, wo er schon in den Monaten vorher eine Gemeinde mit Hermann Heisler, Thomas Kändler und Friedrich Doldinger gebildet hatte. Trotzdem folgte er nach seiner Weihe Rudolf Steiners Rat und zog mit Rudolf von Koschützki und Kurt von Wistinghausen nach Breslau, um dort und in Hirschberg und Görlitz Gemeinden der Christengemeinschaft zu gründen. Er wohnte in Schloss Koberwitz zu Gast bei dem Ehepaar Graf Keyserlingk, wo er auch zu Pfingsten 1924 den Landwirtschaftlichen Kurs (GA 327) Rudolf Steiners miterlebte. Er wurde in diesen Tagen Mitglied der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Im Jahre 1925 wechselte er sein Arbeitsfeld mit Ludwig Köhler und arbeitete für drei Jahre in Sachsen. Völlig mittellos wohnte er bei verschiedenen Gastgebern in Halle und Leipzig und sorgte von da auch noch für kleine Interessentengruppen in Chemnitz und Auerbach.

1928–31 half er Eduard Lenz in Prag, den deutschen Anteil der Gemeinde zu betreuen, und wirkte dann bis 1936 in einer zweiten Phase in Breslau und ganz Schlesien. Überall begeisterte er die Menschen durch sein umfassendes, geisteswissenschaftlich durchdrungenes Wissen, seine unbegrenzte Gesprächsbereitschaft, seinen feinen Humor und eine besonders verbindliche und ausgleichende Menschlichkeit. Bei allen großen Tagungen der Christengemeinschaft wirkte er mit. Er war Dozent am Priesterseminar in Stuttgart und zog mit Vortragsreihen durch Deutschland und die Schweiz.

Ab 1936 rief ihn die Arbeit in den Westen nach Düsseldorf und ins Ruhrgebiet. – Jetzt heiratete er Johanna Engel-Bobisch. Drei Jahre später wurde er gebeten, angesichts des drohenden Krieges in die Schweiz zu gehen, um die dortige Christengemeinschaft zu stärken. In Deutschland drohte schon lange ihr Verbot.

Zürich wurde sein Wohnort, die ganze Schweiz von Chur und St. Gallen bis zum Genfer See sein Arbeitsfeld. In Zürich konnte das ehrwürdige Haus erworben werden, in dem die Gemeinde heute noch lebt. In Dornach pflegte Rudolf Meyer zu allen Menschen der verschiedenen Richtungen menschliche Kontakte: zu Marie Steiner, Albert Steffen, Ita Wegman, Elisabeth Vreede und Guenther Wachsmuth, bis in alle Verzweigungen der menschlich damals so schwierigen Situation.

Nach dem Krieg, in dem er unablässig für Hilfsaktionen an Menschen verschiedenster Herkunft gesorgt hatte, setzte er diese Arbeit noch fort. Es erschienen auch die späteren Gründer der Christengemeinschaft in Frankreich (Gérard Klockenbring) und den USA (G. Brewer) bei ihm, als erste Anlaufstelle im deutschsprachigen Raum für sie. – Eine schwere Darmkrebsoperation beendete diese beeindruckende Schaffenszeit 1950. Als seine Kräfte sich langsam stabilisierten, begann er die längste Phase seines Wirkens an einem Ort in Karlsruhe mit Erwin Lang.

1973 nahm er den Wohnsitz in Stuttgart. Die Führung der Bewegung brauchte ihn als ständigen Berater zu ihren Konferenzen. Als diese Zeit wegen seiner schwindenden Kräfte bald zu Ende ging, zog er noch für einige Jahre mit seiner Frau nach Unterlengenhardt und zum Schluss ins Altenheim Haus Hohenstein in Murrhardt. Im Krankenhaus Göppingen starb er fast 90-jährig am 6. Juli 1985.

Neben seiner Wirksamkeit als zelebrierender Priester, als forschender Anthroposoph, als Redner im gesamten deutschsprachigen Raum gehört Rudolf Meyer zu den fruchtbarsten Autoren der Bewegung. Neben etwa 400 Zeitschriften-Artikeln hat er über 40 Bücher verfasst, darunter auch Gedicht- und Spruchbände. Vielleicht ist „Das Kind“ das am weitesten verbreitete. „Goethe, der Heide und der Christ“ hat manchem Menschen den Weg zu spiritueller Weltauffassung gewiesen. Die Bücher über die Weisheit der Volksmärchen erwiesen ihn als einen ersten anthroposophischen Märchenforscher. „Die Wiedergewinnung des Johannes-Evangeliums“ erarbeitet die bisher exakteste Chronologie des Christuswirkens zur Zeitenwende. „Der Gral und seine Hüter“ ist geradezu ein Klassiker zu dem Thema, ebenso „Novalis“, die „Kalewala“ und die „Nordische Apokalypse“, und niemand außer Rudolf Meyer hat bisher ein Buch über Elias vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt aus vorgelegt.

Rudolf F. Gädeke


Werke: Das Kind, Stuttgart 1927, 8 1974; Vom Schicksal der Toten,
Stuttgart 1934, 9 1993; Die Weisheit der deutschen Volksmärchen,
Stuttgart 1935, 8 1981; Goethe, der Heide und der Christ, Stuttgart 1936,
³1999; Gottesfreundschaft, Breslau 1936, Stuttgart 4 1967; Novalis 1939,
²1972; Das Geisteserbe Finnlands, Basel 1940, später: Kalewala, Stuttgart
²1964; Der Mensch und sein Engel, Schaffhausen 1943, Stuttgart 6 1967;
Vom Sinn des Todes, Schaffhausen 1943, Stuttgart 7 1985; Vom Sinn des
Leidens, Schaffhausen 1943, Stuttgart 6 1983; Die Weisheit der Schweizer
Volksmärchen, Schaffhausen 1944; Die Greifenfeder und andere Schweizer
Volksmärchen, Schaffhausen 1944; Zukunftsformen des Christentums,
Schaffhausen 1945, Stuttgart ²1948; Das Gebet als Lebensmacht,
Schaffhausen 1950, Stuttgart ²1957; Franziskus von Assisi, Arlesheim 1951,
Stuttgart ²1956; Vom Genius der Schweiz, Arlesheim 1952; Der Gral und
seine Hüter, Stuttgart 1956, 5 1999; Die christlichen Lebensideale,
Stuttgart 1960; Menschheitslegenden (L), Stuttgart 1961; Wer war Rudolf
Steiner?, Stuttgart 1961, ²1962; Die Wiedergewinnung des Johannes-
Evangeliums, Stuttgart 1962, Berlin ²1989; Albert Steffen, Künstler und
Poet, Stuttgart 1963; Elias oder die Zielsetzung der Erde, Stuttgart 1964;
Nordische Apokalypse, Stuttgart 1967; Die Überwinder. Apokalyptische
Motive, Stuttgart [1969]; Zur Erlösung der Tierwelt, Stuttgart 1970; Der
Toten zur Feier, Stuttgart 1973; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen
ins Englische, Französische, Spanische, Portugiesische, Niederländische,
Russische, Serbokroatische erschienen, zahlreiche Beiträge in CH, weitere in
AQ, AP, DD, FB, G, MaD, Med, Msch, N, St, Tch, ThD.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Hiebel, F.: Pfarrer Rudolf Meyer, in: N 1985, Nr. 29; Lenz, J.:
Rudolf Meyer, in: N 1985, Nr. 40; Wistinghausen, K. v.: Rudolf Meyer, in:
MaD 1985, Nr. 153; Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Gädeke, R. F.:
Die Gründer der Christengemeinschaft, Dornach 1992.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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