Edith Maryon
Maryon, Edith Louise

Bildhauerin, Leiterin der Sektion für Bildende Künste am Goetheanum.

*09.02.1872 London (UK)
†01.05.1924 Dornach (Schweiz)
(anderer Todestag: 2.)









Edith Maryon war eine erfolgreiche Bildhauerin und Porträtbildnerin an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in England. Sie gehört mit Marie Steiner und Ita Wegman zu den engsten Mitarbeitern und Vertrauten Rudolf Steiners. Sie war Mitglied des ersten Hochschulkollegiums der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Leiterin der Sektion für Bildende Künste und Vizepräsidentin der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz. Wir verdanken ihr die heute noch erhaltene, für das erste Goetheanum designierte monumentale Mittelpunktsgruppe „Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman“. Auch die so genannten Eurythmiefiguren und einige architektonische Leistungen gehen auf sie zurück.

Louisa Edith Maryon wurde als zweites Kind von John Simeon und Louisa Church Maryon im Zentrum von London geboren. Ihr Vater war Schneider der Londoner High Society. Sie hatte sechs Geschwister. Das Elternhaus lag unweit des British Museum. Man darf annehmen, dass Edith Maryon die umfangreiche ägyptische, griechische und römische Plastiksammlung gründlich kennen gelernt hat. Sie ging auf die Maria-Grey-Mädchenschule, später auf ein Nobelinternat unweit von Genf.

In den 90er-Jahren studierte sie Bildhauerei an der Central School of Design, die 1896 in Royal College of Arts umbenannt wurde. Die wenigen erhalten gebliebenen Werke und Fotos zeigen, dass sie großes Können und frühe Meisterschaft entwickelte. 1904 wurde sie 32-jährig Associate des Royal College of Arts. Auf Reisen nach Assisi und Rom bildete sie sich weiter. Sie ist in diesem Alter bereits eine angesehene Bildhauerin und Porträtbildnerin, deren Werke immer wieder auf Ausstellungen anzutreffen sind. In der Encyclopaedia Britannica wird sie 1911 als eine der bedeutenden Bildhauerinnen der jüngeren Generation erwähnt. Neben Vollplastik waren besonders Reliefs ihr Gebiet.

Sie interessierte sich für Okkultes, Spirituelles, was in Künstlerkreisen am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht unüblich war. Es gab damals speziell in England zahllose okkulte Gruppierungen, meistens mit einer gewissen freimaurerischen Färbung. Sie schloss sich 1909 einem Zweig des „Order of the Golden Dawn“, genannt „Stella Matutina“ (Morgenstern), an, der von Felkin geleitet wurde. Auch Harry Collison, der spätere Generalsekretär der englischen Landesgesellschaft, war in diesen Zusammenhängen zu Hause. Sie wird dort zum ersten Mal auf den Namen Rudolf Steiner gestoßen sein und nahm brieflich Kontakt zu ihm auf. (GA 263/1)

Als auch ein zweiter Brief keine Antwort findet, reist sie kurzerhand nach Deutschland. So bekommt sie einen ersten Eindruck bei einem Vortrag Rudolf Steiners in Berlin am 14. Mai 1912. Dann folgt das erste persönliche Gespräch – noch mit Übersetzer –, was zu einer völligen Umgestaltung ihres Lebens führt. Im März 1913 wird sie während eines Vortragszyklus in Den Haag in die bis zum Anfang des Ersten Weltkrieges gepflegten esoterischen Zusammenhänge aufgenommen. Im August 1913 erlebt sie die Aufführungen des dritten und vierten Mysteriendramas in München mit und beteiligt sich dabei eurythmisch am Sylphenchor. Mehr und mehr reift die Hoffnung, mit ihren Fähigkeiten auch etwas für die anthroposophische Sache tun zu können, und sie beschließt, England zu verlassen. Anfang 1914 wird dieser Entschluss jedoch noch ernstlich geprüft, sie erkrankt schwer, vermutlich sind es die ersten Anzeichen der Tuberkulose, der sie zehn Jahre später zum Opfer fallen wird. Felkin, der auch ihr Arzt ist, korrespondiert mit Rudolf Steiner über die Behandlung. Sie wird wieder gesund und zieht im Sommer nach Dornach. Unter den vielen Künstlern, die beim Bau des ersten Goetheanum mitarbeiten, wird sie sofort eine besondere Stellung eingenommen haben – einerseits ist sie eine der recht wenigen hochbegabten, kompetenten und erfahrenen Fachleute, andererseits arbeitet sie eng mit Rudolf Steiner in seinem Atelier zusammen.

Durch die Konzentration der Aufmerksamkeit auf die überragenden Leistungen Rudolf Steiners wird häufig vergessen, wie groß der Anteil Maryons am Entstehen der monumentalen Holzskulptur „Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman“ ist. Nicht nur das erste und dritte Modell der „Gruppe“ sind von ihrer Hand; der überwiegende Teil aller praktischen und organisatorischen Arbeiten am großen Modell, das heute im so genannten Hochatelier besichtigt werden kann, und 90 Prozent der Vorschnitzarbeiten bei der Ausführung des endgültigen Werkes in Holz wurden von ihr geleistet. Außer bei ihrem Biographen Rex Raab findet sich Wesentliches aus dieser Entstehungszeit in den Erinnerungen von Assja Turgenieff: „Es war ihr eine Selbstverständlichkeit, mit allen ihren künstlerischen Fähigkeiten nur der Schüler, nur die dienende Hand Rudolf Steiners zu sein.“ (Turgenieff 1972, S. 98)

Rudolf Steiner nennt Maryon häufig als Beispiel für den künstlerischen Einsatz, das Können und die selbstlose Hingabe der Mitarbeiter, wenn er auf seinen Vortragsreisen über den Bau des Goetheanum berichtet.

Die gemeinsame Arbeit auf dem Gerüst an der „Gruppe“ wurde, wie Rudolf Steiner es selber nach dem Tode Maryons für die Mitglieder beschrieb, von einem „deutlichen karmischen Symptom“ eingeleitet. „Ich arbeitete, als die plastische Mittelpunktsgruppe für das Goetheanum noch im Anfange ihres Werdens war, in dem vorderen Bildhaueratelier mit ihr auf dem Gerüste, das um das große Plastelin-Modell errichtet war. Ich glitt durch einen Spalt in die Tiefe und hätte auf einen spitzen Pfeiler auffallen müssen, wenn Maryon meinen Fall nicht aufgefangen hätte. Wenn ich in den folgenden Jahren noch etwas leisten konnte für die anthroposophische Sache, so ist es, weil Maryon mich damals vor einer schweren Verletzung bewahrt hat.“ (Steiner 1924, S. 69) Die Bedeutung des Gesagten – und damit die Bedeutung Edith Maryons für die Entwicklung der Anthroposophie – erschließt sich, wenn man sich vergegenwärtigt, was Rudolf Steiner nach 1916 „leisten konnte für die anthroposophische Sache“: die Entdeckung des dreigliedrigen menschlichen Organismus, die Gründungen sämtlicher Tochterbewegungen von der Medizin bis zur Pädagogik, Heilpädagogik und Landwirtschaft sowie die soziale Dreigliederungsbewegung, die Gründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft mit der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, die Fachzyklen und Karmavorträge.

Bemerkenswert in Bezug auf die „Gruppe“ ist, dass – so die Erinnerungsliteratur – in einem gewissen Moment verschiedene Mitarbeiter darauf drängten, sie an ihrem zentralen Platz im Goetheanum aufzustellen. Sowohl Maryon wie Steiner liebten es, wenn etwas vorankam und ein nächster Schritt getan werden konnte – doch nicht in diesem Fall. Hier war keine Eile. „Kann noch warten“, „Wir haben noch viel Zeit!“, hieß es – so fiel die „Gruppe“, diese sichtbare Kernaussage der Anthroposophie, dem Brand des ersten Goetheanum in der Silvesternacht 1922/23 nicht zum Opfer.

Ein weiteres Motiv in ihrem Leben sind die expressionistisch anmutenden Eurythmiefiguren aus Sperrholz. Der Stil der Zusammenarbeit mit Steiner wiederholt sich hier. Sie ergreift die Initiative, experimentiert zeichnend, im Relief und vollplastisch. Er korrigiert und gibt Anregungen. Sie probiert erneut, stellt sich ganz in den Dienst der Sache. Ohne Edith Maryon gäbe es diese für die eurythmische Arbeit bedeutenden Figuren nicht. Ohne Rudolf Steiner wären sie für die Eurythmie uninteressant. Denn erst der geniale Griff, verschiedenfarbig Bewegung, Gefühl und Charakter in der Urform des Lautes darzustellen, machte die Eurythmiefiguren zu einer unerschöpflichen Inspirationsquelle für Ausbildung und künstlerische Gestaltung.

Bei der Produktion ging Maryon zielstrebig und mit praktischem Sinn vor, sägte und malte größtenteils eigenhändig. Der Gewinn aus dem Verkauf ging in den Baufonds und später an den Bund für Dreigliederung. Rudolf Steiner selber flocht Werbebotschaften in seine Vorträge, in denen er die Figuren zum Beispiel als nettes Weihnachtsgeschenk anpries. Dieser von Rudolf Steiner in seiner Ansprache zu ihrer Kremation als beispielhaft betonte praktische Sinn (GA 261) kommt auch bei ihrem Einsatz für Mitarbeiterwohnungen am Goetheanum zur Geltung. Nachdem durch die wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkrieges auch in der Schweiz eine von großer Wohnungsnot begleitete Rezession ausgebrochen war, setzte sie sich für den Bau neuer Wohnhäuser ein. Die „Engländerhäuser“, heute Eurythmiehäuser genannt, im Südosten des Goetheanum, sind nach ihrem Entwurf und mit Rudolf Steiners Korrekturen und ergänzenden Anregungen entstanden. Sie wohnte selber dort und kümmerte sich um die Verwaltung. Eine vor einigen Jahren gegründete schweizerische Stiftung, die sich für bezahlbaren sozialen Wohnraum einsetzt, nannte sich in Kenntnis dieser Pioniertat „Edith-Maryon-Stiftung“.

Edith Maryon war nach Gestalt und Charakter durch und durch Engländerin. Sie hatte rötliche Haare, eine durchscheinende Haut und war recht groß. Besuchern aus England war sie eine vermittelnde Gastgeberin und für Rudolf Steiners Besuche in England eine Wegbereiterin, Organisatorin, manchmal auch seine Übersetzerin (z. B. für „Die Kernpunkte der sozialen Frage“, GA 23).

Nicht nur wenn Rudolf Steiner in England war, stand sie fast täglich mit ihm brieflich, oft auch telegrafisch in Kontakt. In seinen letzten Lebensjahren hat er nur einige Dutzende Briefe geschrieben, an Maryon jedoch mehr als fünfzig! Seine Korrespondenz mit ihr (GA 263/1) ist neben der mit Marie Steiner (GA 262) die umfangreichste. Die Briefe haben weniger Anthroposophisches oder explizit Esoterisches zum Inhalt, sondern sind ein beständiger, für Steiner sonst ungewöhnlicher, persönlicher Austausch über menschliche und gesellschaftliche Verhältnisse, seine Befindlichkeit, den Fortgang der Arbeit in Dornach und den Verlauf seiner Reisen. Auch zahlreiche überlieferte Widmungen und Sprüche Steiners waren ursprünglich für Maryon gedichtet. (GA 40/40a)

Der Brand des ersten Goetheanum konnte für die vielleicht wichtigste Mitarbeiterin am Bau nicht ohne Folgen für sie bleiben. Edith Maryon erkrankte erneut an Tuberkulose und war mit Ausnahme einer kurzen Zeit im Sommer 1923 so schwach, dass sie auf dem Krankenlager bleiben musste. Wenn Rudolf Steiner in Dornach weilte – selbst während der Weihnachtstagung –, besuchte er sie täglich.

In Abwesenheit wird sie während der Weihnachtstagung bei der Begründung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft Ende Dezember 1923 zur Leiterin der Sektion für Bildende Künste ernannt. Nach dem frühen Tod der 52-Jährigen am 1. Mai 1924 beruft Rudolf Steiner keine Nachfolge. Edith Maryon war zur Weihnachtstagung die einzige führende Mitarbeiterin der neu begründeten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die als Sektionsleiterin dem Hochschulkollegium, jedoch nicht dem Vorstand angehörte. Erst einige Monate später galt dieselbe Situation für Maria Röschl als Leiterin der Jugendsektion.

Ita Wegman war in ihrem Todesmoment anwesend. Rudolf Steiner gedenkt ihrer ausführlich, in einer Ansprache für die Mitglieder, bei einer Klassenstunde, in der Kremationsansprache, in einem Nachruf, in Vorträgen. Einmal heißt es: „Zwei Eigenschaften waren Edith Maryon eigen, die ihr ganzes Wesen durchzogen. Eine Zuverlässigkeit im Reden und Arbeiten, die dem mit ihr Zusammenwirkenden das Gefühl voller Sicherheit gab; und ein praktischer Sinn, der im Arbeiten überall anzugreifen geneigt war, und dem das Vorgenommene gelingt, weil er die innere Beweglichkeit des Schaffens entfaltet. Für manchen Idealisten, dessen Absichten vor der Wirklichkeit stocken, könnte Maryons Art vorbildlich sein, deren schöner Idealismus stets den Widerstand der Wirklichkeit besiegte, weil bei ihr das Wünschen stets als Wollen sich erbildete.“ (Steiner 1924, S. 69f)

Rembert Biemond


Werke: Briefwechsel mit Rudolf Steiner. Briefe - Sprüche - Skizzen 1912 -
1924, Dornach 1990.
Literatur: Steiner, R.: An die Mitglieder! Totenfeiern, in: N 1924, Nr. 18;
Götte, F.: „Dargebracht am Opferaltare des Wirkens der Gesellschaft“. In
memoriam Edith Maryon, in: MaD 1954, Nr. 28; Fant, Å. u. a.: Die Holzplastik
Rudolf Steiners, Dornach 1969; Turgenieff, A.: Erinnerungen an Rudolf Steiner,
Stuttgart 1972; GA 261, ²1984; GA 260a, ²1987; Lindenberg, Chronik 1988;
GA 263/1, Dornach 1990; Bessau, E.: Der opferreiche Weg der Edith Maryon,
in: Stl 1990/91, Nr. 2; Biemond, R.: Edith Maryon, in: G 1993, Nr. 39; Raab, R.:
Edith Maryon, Bildhauerin und Mitarbeiterin Rudolf Steiners, Dornach 1993.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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