Ernst Fiechter-Zollikofer
Fiechter-Zollikofer, Ernst Robert

Architekt, Archäologe, Hochschullehrer, Pfarrer in der Christengemeinschaft.

*28.10.1875 Basel (Schweiz)
†19.04.1948 St. Gallen (Schweiz)



Wie ein Weg durch die Zeitalter kann einem der Lebensgang von Ernst Fiechter erscheinen: Als Archäologe tauchte er tief in die Spuren vergangener Kulturen ein, als Architekt baute er Häuser für die Menschen der Gegenwart, als Pfarrer in der Christengemeinschaft arbeitete er an einem erneuerten, zukunftsweisenden Christentum mit.

Ernst Fiechter war der älteste Sohn des Arztes Robert Fiechter und seiner Frau Sophia, geb. Jung. Der bekannte Psychiater Carl Gustav Jung war sein Vetter. In Basel, in der durch Persönlichkeiten wie Friedrich Nietzsche und Jacob Burckhardt geistig geprägten Stadt, verbrachte er seine Kindheit und Jugend. Er besuchte das humanistische Gymnasium. Nach dem Abitur (1894) machte er zunächst eine Maurer- und Zimmermannslehre, um dann in München an der Technischen Hochschule Architektur und Archäologie zu studieren. Er schloss 1899 mit dem Diplom als Architekt ab und promovierte 1904 zum Dr.-Ing. mit einer Dissertation über den Aphaiatempel in Aegina. Die dortigen Ausgrabungsstätten erforschte er gründlich und konnte dadurch den Tempel weitgehend rekonstruieren. Ab 1900 war er immer wieder beruflich auf Reisen in Ägypten, Griechenland, Mittel- und Süditalien, Frankreich. Seine 1906 verfasste Habilitationsschrift war dem ionischen Tempel am Ponte rotto in Rom gewidmet. In München war er als praktizierender Architekt und Privatdozent tätig. Im Jahre 1907 führte ihn sein Schicksalsweg auch nach St. Gallen, wo er seine Gattin, Paula Zollikofer, kennen lernte.

Fiechter entwarf und errichtete zahlreiche Privathäuser, beteiligte sich an Umbauten und an der Ausgestaltung von Räumlichkeiten in Museen.

Nach einer Tätigkeit als Architekt und Privatdozent in München wurde er 1911 als Professor für Baugeschichte an die Technische Hochschule Stuttgart berufen. Er hätte auch Leiter des Archäologischen Institutes in Athen oder Professor in Dresden werden können. Stuttgart blieb der Ort seines Wirkens während 26 Jahren. In dieser Tätigkeit verbanden sich die praktischen Fähigkeiten, der künstlerische Sinn und das umfassende Wissen so, dass Fiechters Arbeit international geschätzt wurde. So wurde er 1919 Mitarbeiter und später Sachverständiger des Landesamtes für Denkmalpflege in Stuttgart und restaurierte zahlreiche Kirchen und Kapellen in diesem Gebiet. „Bauten, wie z. B. die Alexanderkirche in Marbach, St. Martin in Oberlenningen, die Nikolauskapelle in Calw, das Rathaus in Ravensburg, verdanken ihm ihre lebendige und zugleich ehrfürchtig-pietätvolle Wiedererweckung“.

Im Zusammenhang mit der 1919 eröffneten Waldorfschule und der Tätigkeit von Friedrich Rittelmeyer im Hinblick auf die Christengemeinschaft kam es zur Begegnung mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie. Fiechter schrieb darüber: „Durch Kommerzienrat Emil Molt lernte ich während meiner Rektoratszeit (1919/20) Dr. Rudolf Steiner kennen und nahm von da an die Gelegenheit wahr, seine Vorträge zu hören. Aber erst 1924 wurden mir die ersten Umrisse der Anthroposophie deutlich, vorher war alles wie ein mit Nebeln verhängter Himmel. Es war ein Glück, dass der persönliche Eindruck, den Rudolf Steiner auf mich machte, ununterbrochen stark fortwirkte. Friedrich Rittelmeyers Eintreten für Rudolf Steiner wurde für uns maßgebend.“ Seine drei Kinder, Charlotte, Paul und Niklaus, besuchten die Waldorfschule. Als 1923 ein Ruf an die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich an ihn gelangte, entschied er sich, wegen seiner Kinder in Stuttgart zu bleiben, obwohl er gerne in die Schweiz zurückgekehrt wäre. In diesem Zusammenhang beschloss er alles in seinen Kräften Stehende zu tun, um die Entwicklung der Anthroposophie zu unterstützen.

In dieser Zeit wurde in Dornach das zweite Goetheanum geplant. Rudolf Steiner wollte Fiechter als Experten für das Projekt beiziehen. Am 6. Januar 1925 traf er Steiner an dessen Krankenbett, doch die vorgesehene Besprechung des Baus war nicht mehr möglich. Dennoch erfasste Fiechter das Wesentliche des neuen Baustils, beschäftigte sich eingehend mit den künstlerischen und technischen Fragen des Betonbaus und veröffentlichte einschlägige Artikel in der Fachpresse. Diese halfen entscheidend mit, dass das Projekt trotz heftiger Diskussionen und Widerstände – zum Teil sogar von Fiechters früheren Kollegen – schließlich doch realisiert werden konnte.

Eine Wende ganz besonderer Art trat 1936 ein. Hatte Fiechter sich schon in seiner Jugendzeit mit der Frage beschäftigt, ob er Theologe werden sollte, ohne einen innerlich realen Zugang zum damaligen kirchlichen Leben gewinnen zu können, so reifte jetzt bei dem 61-Jährigen der Entschluss, sein Leben fortan in den Dienst der Bewegung für religiöse Erneuerung zu stellen. Im April dieses Jahres ließ er sich – zum großen Bedauern der Kollegen und Studenten – emeritieren, beendete die noch laufenden Arbeiten bis 1937 und bezog das Priesterseminar der Christengemeinschaft. Am 11. Juli 1937 erhielt er die Priesterweihe. Zürich wurde nun seine neue Wirkungsstätte. Seine bisherige Tätigkeit brach aber dadurch nicht abrupt ab. Als Architekt konnte er die Ausgestaltung der gotischen Kapelle im „Haus zum Hohen Steg“ für die Christengemeinschaft in Zürich leiten. Das Haus hat eine Vergangenheit, die bis ins späte Mittelalter zurückreicht. Die Kapelle diente zeitweise dem Bischof von Chur als Hauskapelle, später einer Freimaurerloge als Kultraum. Fiechter verband in harmonischer Weise das gotische Gewölbe mit den im organisch-lebendigen Baustil gestalteten Fensternischen und dem an den Altarraum anschließenden Saal. Hatten seine Hände bisher unermüdlich handwerklich und künstlerisch gestaltend gewirkt, so konnten diese Hände nun segnend wirken. Die Art, wie er die Menschenweihehandlung zelebrierte, wurde zum Erlebnis und zum Zeugnis der Spiritualität der erneuerten Sakramente: Ohne falsches Pathos oder Sentimentalität, dafür aber mit einer bis in die Einzelheiten durchgestalteten Sprache und Gestik vollzog er den Kultus.

Die Eidgenössische Technische Hochschule, die Universität und Volkshochschule Zürich zogen ihn zu Vorlesungen und Kursen heran. Auch bei Kirchenrenovationen in verschiedenen Gegenden der Schweiz war er beratend tätig, bis er 1947 nach St. Gallen zog, in die Heimatstadt seiner Gattin, die ihm zeitlebens bei all seiner vielseitigen Tätigkeit helfend zur Seite gestanden hatte. Dort arbeitete er im Auftrag der Christengemeinschaft mit und besorgte Evangelien-Übersetzungen. – Im 73. Lebensjahr wurde er in seine geistige Heimat abberufen.

Andreas Dollfus


Werke: Die Bibliografie umfasst 131 Titel, zumeist Artikel in Fachzeitschriften (siehe Sophia Charlotte Fiechter: Ernst Fiechter – der Künstler, der Forscher, der Mensch. Stuttgart 1950); Beiträge in CH; als Übersetzer: Das Evangelium nach Lukas, Zürich 1945.
Literatur: Maron, E.: Ernst Fiechter, in: N 1948, Nr. 24; Wistinghausen, K. v.: Ernst Fiechter, in: CH 1948, Nr. 5/6; Gnädiger, F. u. a., Dem Andenken Professor Dr. Ernst Fiechters, in: CH 1948, Nr. 7/8; Doldinger, F.: In memoriam Professor Ernst Fiechter, in: CH 1950, Nr. 11/12; Fiechter, S. C.: Ernst Fiechter. Der Künstler, der Forscher, der Mensch, Stuttgart 1950; Fiechter, Ch.: 14 Jahre nach dem Erdenabschied von Professor Dr. Ernst Fiechter, in: MaD 1962; Nr. 59; Fiechter, Ch.: Ernst Fiechter zum 100. Geburtstag, in: N 1975, Nr. 44 und in: MaD 1975, Nr. 114.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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