Michael Ende
Ende, Michael Andreas Helmuth

Schriftsteller.

*12.11.1929 Garmisch-Partenkirchen (Deutschland)
†28.08.1995 Stuttgart (Deutschland)







Michael Endes Vater war der bekannte surrealistische Maler Edgar Ende. Dieser sah Bilder innerlich, mit geschlossenen Augen vor sich, bevor er sie malte. Aus der Dunkelheit kamen ihm die Bilder zu. Sein einziger Sohn Michael wuchs in die bildschaffende Welt des Vaters hinein. Eigene geistige Erfahrungen ermöglichten Edgar Ende sich mit Anthroposophie zu verbinden. Seine Frau, Luise Ende, geb. Bartholomä, war ihm auf diesem Weg zur Seite. Sie hatte ein kleines Kunstgewerbegeschäft in Garmisch. Als zu Beginn des Nationalsozialismus Edgar Endes Kunst als „entartet“ in Deutschland verboten wurde, verdiente sie den Lebensunterhalt für die Familie mit Heilgymnastik und Massage.

Als Michael Ende geboren wurde, stand die Sonne im Sternbild Skorpion, das nach alter Tradition auch Adlerkräfte anregt – nicht astrologisch, sondern symbolisch. Diese Paradoxie, diese Doppelheit von Skorpion und Adler findet man in Michael Endes Leben immer wieder. Er erlebte eine äußerlich arme, aber innerlich reiche Kindheit in München. Im Buch von Peter Boccarius, „Michael Ende. Der Anfang der Geschichte“, kann man darüber lesen. Michael Ende besuchte das Maximilians-Gymnasium. Gegen Ende des Krieges erschienen Männer der Waffen-SS, um die Jungen anzuwerben. Er entzog sich ihnen, indem er erklärte, er wolle Pfarrer werden. Die letzten zwei Schuljahre ging er in Stuttgart in die Waldorfschule. Mehr als jede Schule interessierte ihn das moderne literarische Leben. Schon als Schüler begann er selbst zu schreiben. Einen der ersten schauspielerischen Schritte machte er im Jugendkreis der Christengemeinschaft, wo er im Oberuferer Dreikönigsspiel den Herodes darstellte. Er besuchte die Falckenberg-Schauspielschule und erlebte noch die großen Regisseure Fritz Kortner und Hans Schweikert. In Rendsburg wurde er als Schauspieler engagiert. Am Münchner Volkstheater führte er einige Male Regie. Ab 1954 betätigte er sich als Film- und Theaterkritiker.

1951 erlebte er in Palermo einen Geschichtenerzähler, dem er lauschte und von dessen Erzählkunst er auf erregende Weise angerührt wurde. Es war, als begegnete er durch ihn sich selbst. Von da an wusste er, welchen Lebensauftrag er hatte, aber es dauerte noch Jahre, bis er zur Verwirklichung kam. Erst als er aufgegeben hatte, mit seinen Dichtungen je von einem Verlag angenommen zu werden, und nur noch für die eigene Schublade schrieb, geschah es 1960, dass der Thienemann-Verlag das Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ annahm und damit der Anfang seines Weltruhmes gemacht war. 1962 bekam er dafür den „Deutschen Kinderbuchpreis“. „Jim Knopf und die Wilde 13“ folgte. Er blieb noch eine Weile dabei, Kinderbücher zu schreiben.

1952 lernte er seine spätere Frau, Ingeborg Hofmann, kennen, die damals schon eine in München bekannte Schauspielerin war. Sie entdeckten ihre gemeinsame Liebe für Italien und heirateten auf dem Kapitol in Rom. Von 1971–85 lebten sie in den Albaner Bergen. Luise Rinser hatte ihnen ein Haus mit großem Garten in Genzano di Roma vermittelt. Michael Ende suchte dort den Abstand zur deutschen Sprache und fand so ein neues Verhältnis zu ihr. Ohne das, so sagte er später, hätte er „Momo“ nicht schreiben können.

1972 erschien dieses Buch, das keineswegs nur Kinder erreichte, sondern alle Menschen ergreift, die die heutige Welt nicht so lassen wollen, wie sie ist, und das Maß des Menschen wieder zur Geltung bringen wollen. Es wurde in viele Sprachen übersetzt (wie auch die meisten seiner anderen Bücher), von Marc Lothar zur Oper gestaltet und später auch verfilmt.

1974 erhält er dafür den Jugendbuchpreis. Auch das Bundesverdienstkreuz erhielt er. Es folgen „Die unendliche Geschichte“ und „Der Spiegel im Spiegel“. Er schreibt Opernlibretti, die von Sascha Hiller vertont werden: „Der Goggolori“, „Die Jagd nach dem Schlarg“, „Der Rattenfänger“. Theaterstücke von ihm, z. B. „Der Wunschpunsch“, „Das Gauklermärchen“, werden aufgeführt und rühren die Menschen ans Herz. Auf seine Art wird er auch politisch aktiv, indem er sich in Gesprächen mit Politikern, in Interviews und bei sonstigen Gelegenheiten für die Idee der sozialen Dreigliederung Steiners einsetzt.

Michael Ende wollte auch eine neue Liedkultur in deutscher Sprache anregen, die im Stil nicht aus dem Amerikanischen oder Französischen übernommen sein sollte. „Der Trödelmarkt der Träume“ ist auf diesem Hintergrund entstanden. In kleiner, vertrauter Umgebung griff er, wenn die Stimmung entsprechend war, zur Gitarre und begleitete sich selbst zu seinen Liedern. Öffentlich geschah es durch Sascha Hillers Frau, Elisabeth Woska.

Auf die Frage: War Michael Ende ein moderner Dichter?, gibt es kein Ja oder Nein. Er lebte in den Prozessen unserer Zeit, den hellen wie den dunklen, und die Nöte und Fragen unserer Zeit lebten in ihm. Aber er hätte sich nie einer Schriftstellergruppe wie der „Gruppe 47“, zu der bekanntlich Ingeborg Bachmann, Paul Celan und zahlreiche prägende deutschsprachige Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörten, anschließen können.

Auf die Frage: War Michael Ende ein Anthroposoph?, gibt es auch kein Ja oder Nein. Nach seinen eigenen Aussagen hat er das Gesamtwerk Rudolf Steiners gelesen. Er hat es aber nicht als Wissen angesammelt und dann sozusagen in Kunst übersetzt, sondern er hat es als eine geistige Nahrung verdaut, d. h., in Eigenes umgewandelt, individualisiert. Wer in seinen Werken inhaltlich und ausgesprochenermaßen nach Anthroposophie suchte – und das geschah –, wurde enttäuscht. Über eine Verständnis- oder Erklärungssuche auf dieser Ebene pflegte Michael Ende zu sagen: „Die Schulmeister interpretieren Dichtungen. Sie stellen die Frage: Was wollte der Dichter damit sagen? Wenn er das hätte sagen wollen, was die Schulmeister herausfinden, hätte er die Dichtung nicht zu schreiben brauchen. Er wollte nichts anderes sagen, als was er gesagt hat.“

Gerne gab er seine künstlerischen Erfahrungen an andere weiter. So gab er einem Menschen, der Anfänger im Schreiben war, den Rat, nicht krampfhaft nach einem passenden Namen für die Hauptfigur zu suchen. Der würde sich im Schreiben einfach einstellen. Oder den anderen Rat, man müsse die Pause im Schreiben nicht erst dann einschalten, wenn die Ideen für diesmal erschöpft seien, sondern wenn man noch etwas zu sagen übrig hat. Damit müsse man das nächste Mal fortsetzen und der schöpferische Strom käme so wieder zum Fließen.

Seine Bücher bekommen oft das Etikett, fantastisch zu sein. Er unterscheidet aber zwischen exakter Fantasie und fantastischen Erfindungen. Geistige Wahrheiten können sich in fantasievolle Bilder kleiden oder Menschen können sich Fantastisches ausdenken. Michael Endes Geschichten sind nicht fantastisch, sondern bilderreich. Mit Erklärungen und Interpretationen aus vorgefasstem Wissen gelangt man nicht in dieses Gebiet.

Die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ im Hollywood-Stil war für ihn und seine Frau Ingeborg eine Katastrophe. Ingeborg Hofmann-Ende war für seine Arbeit eine Art Stimmgabel, an deren Kammerton er sein Werk orientierte. Sie war in ihrem Urteil unbestechlich. Sie starb in der Karwoche 1985 und wurde auf dem Fremdenfriedhof in Rom, dem Campo Santo Acattolico, mit dem Ritual der Christengemeinschaft bestattet.

Michael Ende hatte keine eigenen Kinder. Er war der Freund aller Kinder, die mit ihm, mit seinen Geschichten in Berührung kamen. In der ersten Ausgabe seines „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ schrieb er am Schluss, wer noch Fragen habe, könne sich an ihn wenden, und gab seine Adresse an. Er bekam hunderte von Kinderbriefen und beantwortete alle und unterschrieb mit den Namen aller Personen, die in dem Buch vorkommen.

Nach dem Tod seiner ersten Frau kehrte er nach München zurück. Hier lebte Mariko Sato, die „Die unendliche Geschichte“ ins Japanische übersetzt hatte. 1989 heiratete er sie. Seine Bücher wurden in Japan Bestseller. Als er in Japan zum ersten Mal mit großen Ehren empfangen wurde, erfuhr er, dass das Wort „Momo“ im Japanischen Pfirsich heißt. Das freute ihn sehr. Später wurde in Tokio ein Michael-Ende-Museum eröffnet.

Michael Ende liebte das volle Leben, die irdischen Genüsse. Er mischte sich gern unter das Volk, ob in Bayern oder Italien. Zugleich hatte er einen Blick für das Königliche im Menschen, für den Adel einer Seele. Souveräne Menschen liebte er, unabhängig davon, welchen Standes und welchen Volkes sie waren. Er liebte Menschen und doch war er ein Leben lang ein Einzelner. Im Gedicht „Der Pilger“ sagt er es so: „Denn wer dem Heimweh verfällt / Sucht nach dem Brot und dem Wein / Jenseits der Grenzen der Welt / Singend geht er allein.“

Aus dem vollen Leben wurde er, der vorher nie ernstlich krank gewesen war, herausgerissen durch seine zum Tod führende Krankheit. Er ging durch eine zweijährige Leidenszeit. Auf dem Sterbebett konnte er sagen: „Jetzt bin ich neugierig, wie es in der anderen Welt sein wird.“ Er starb an Goethes Geburtstag, dem 28. August 1995, in der Filderklinik bei Stuttgart und wurde auf dem Waldfriedhof in München mit dem Ritual der Christengemeinschaft bestattet. Der mit ihm befreundete Künstler, Angerer der Ältere, gestaltete seine Grabstätte mit Motiven aus „Momo“.

Die Geschichte seines Erdenlebens ist hier nur angerührt. Sie ist in Wahrheit eine unendliche Geschichte.

Irene Johanson


Werke: Jim Knopf, Bd. I/II, Stuttgart 1960/61, zahlr. Aufl.; Tranquilla Trampeltreu, Stuttgart 1972, ²1982; Momo, Stuttgart 1973, zahlr. Aufl.; Das kleine Lumpenkasperle, Stuttgart 1975, zahlr. Auflagen; Lirum larum Willi warum, Stuttgart 1978; mit Fuchshuber, A.: Das Traumfresserchen, Stuttgart 1978, weitere Aufl.; Die unendliche Geschichte, Stuttgart 1979, zahlr. Aufl.; mit Rettich, R.: Das Schnurpsenbuch, Stuttgart 4 1979; mit Schlüter, M. u. Hiller, M.: Der Lindwurm und der Schmetterling, Stuttgart 1981; Das Gauklermärchen, Stuttgart 1982; mit Schroeder, B.: Die Schattennähmaschine, Stuttgart 1982; Der Spiegel im Spiegel, Stuttgart 1984, zahlr. Aufl.; Der Goggolari, Stuttgart 1984; mit Hessel, C.: Filemon Faltenreich, Stuttgart 1984; Norbert Nackendick, Stuttgart 1984; mit Kanitschneider, B.: Zeit-Zauber, Wien 1984; mit Völkening, M.: Das Märchen vom Zauberspiegel, Düren 1984; mit Krichbaum, J.: Die Archäologie der Dunkelheit, Stuttgart 1985; Trödelmarkt der Träume, Stuttgart 1986; Ophelias Schattentheater, Stuttgart 1988; Die Jagd nach dem Schlarg, Stuttgart 1988; Der Spielverderber, Stuttgart 1989; Der Wunschpunsch, Stuttgart 1989; Die Vollmondlegende, München 1989; Die Geschichte von der Schüssel und vom Löffel, Stuttgart 1990; mit Hiller, W.: Das Traumfresserchen, Mainz 1991; mit Capek, J.: Lenchens Geheimnis, Stuttgart 1991; Worte wie Träume, Freiburg i. Br. 1991; Der lange Weg nach Santa Cruz, Stuttgart 1992; Das Gefängnis der Freiheit 1992; Übersetzungen in etwa 40 Sprachen erschienen.
Literatur: Morel, J., Seehafer, K.: „Es gibt ja so etwas wie anthroposophische Klischees“. Interview, in: I3 1982, Nr. 3; Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 6, Mannheim 191988; Boccarius, P.: Michael Ende. Der Anfang der Geschichte, München 1990; Brunner, D.: Die Macht der Phantasie, in: I3 1995, Nr. 9; Bind, R.: Michael Ende gestorben, in: G 1995, Nr. 21; Spaar, M.: Michael Ende und seine phantastische Welt, in: G 1997, Nr. 17; Spaar, M.: Ein Gang durchs neueröffnete Michael-Ende-Museum, in: G 1998, Nr. 9; Lenz, J.: Erinnern für die Zukunft, Stuttgart 2002.




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