Francis Edmunds
Edmunds, Francis Louis

Pädagoge.

*30.03.1902 Wilna (damals Russland)
†13.11.1989 Forest Row, East Sussex (Grossbritannien)



Francis Edmunds wirkte in der englischsprachigen Welt als Lehrer, als Berater anthropo-sophischer Initiativen und Waldorfschulen, er gründete und leitete das „Emerson College“ in Forest Row (Südengland), eine der maßgeblichen anthroposophischen Bildungsstätten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Louis Francis Edmunds wurde in einer orthodox-jüdisch-russischen Familie geboren. Seine Mutter starb, als er zwei Jahre alt war. Sein Vater wanderte als Kaufmann nach England aus und Francis wurde von seinen Großeltern aufgezogen, bis er mit beginnendem Schulalter dem Vater nach London folgte, der inzwischen mit der Schwester der Mutter dort eine zweite Familie gegründet hatte. Durch die englische Erziehung und die kulturelle Vielfalt der Weltstadt löste sich Francis mehr und mehr aus seiner orthodox-jüdischen Herkunft und als junger Medizinstudent in London trennte er sich ganz von seiner Familie. Auf eigenen Wegen suchte er den Sinn der Welt und, enttäuscht von der materialistischen Wissenschaft an der Universität, ein umfassenderes Menschenbild. Zu jung, um als Soldat in den Ersten Weltkrieg zu ziehen, unterbrach er sein Medizinstudium und schloss sich der sozialistischen Bewegung an. Aber auch dort fand er nicht, was er suchte, weder in der weltanschaulich-ideologischen Orientierung noch in den politisch-sozialen Aktivitäten. Das tägliche Elend der Kriegs- und Nachkriegswirren rief seine starke Willensnatur zur selbstlosen Tat auf. Er trat den Quäkern bei und wurde 1922–24 mit einer Quäkermission nach Russland geschickt, wo er auf tage- und nächtelangen Ritten zu Pferde Notrationen zu verteilen hatte und die verheerenden Folgen der bolschewistischen Revolution unter der hungernden Bauernbevölkerung erlebte.

Langsam, aber sicher wandelten sich seine ursprünglichen wissenschaftlichen Forschungsideale in Medizin und Therapie zu einem existenziellen Interesse an menschlicher Entwicklung und Erziehung. Zunächst wurde er Lehrer an einer „Quäker-Friends-School“ im Libanon und später unterrichtete er in der Schweiz an der „International School“ in Genf.

Erschütternde Erlebnisse beim Experimentieren im Schwellenbereich des Bewusstseins zwischen Wachen und Schlafen ließen Francis auf Rat eines Freundes Rudolf Steiners Anthroposophie kennen lernen. Er studierte kurze Zeit am Goetheanum, wurde 1930 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und nahm Kontakt mit den Lehrern der ersten englischen Waldorfschule „The New School“ (später Michael Hall School) auf, die im Januar 1925 in Süd-London gegründet worden war. Von den dortigen Lehrern gebeten, eine erste Klasse zu übernehmen, gab Francis sein Vorhaben, das Medizinstudium noch zu beenden,   endgültig auf – im Herbst 1932 wurde er Klassen- und Fachlehrer. „Wie ein Feuerball erschien er in unserer Schule“ – so erlebte ihn eine Oberstufenschülerin, die später seine Frau wurde. Er brachte eine neue Dynamik in die noch junge Schule, gründete und dirigierte das Schulorchester und den Chor, inszenierte Dramen und führte die älteren Schüler auf Wanderungen und Exkursionen in die Natur. Er übernahm die monatliche Herausgabe der „Michael Hall News“.

Bis 1960 war Francis Edmunds an der Michael Hall School mit der ihm eigenen Energie tätig. Während der Kriegsjahre wurde die Schule nach Minehead by the Sea (Somerset) evakuiert, wo in sehr improvisierten Verhältnissen weitergearbeitet werden konnte. Die Lehrer nahmen Schüler in ihre Familien auf, eine Internatsabteilung wurde eingerichtet. Er hielt neben der pädagogischen Arbeit viele Vorträge für die Soldaten, die zur Verteidigung an der Küste stationiert waren.

Schon seit 1936 leitete Francis Edmunds im Auftrag des Lehrerkollegiums das erste anthroposophische Lehrerseminar in der Englisch sprechenden Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der wieder aufgenommene einjährige „Michael Hall Teacher Training Course“ in die schnell wachsende, auf ein großes Anwesen in Sussex (Südengland) übergesiedelte Schule integriert. Neben dem Schulunterricht und der Seminararbeit leitete er mit seiner Frau das Oberstufen-Internat der Schule mit Schülerinnen und Schülern aus aller Welt. Die Edmunds-Familie mit zwei Töchtern und einem Sohn wohnte für sieben Jahre in „Kidbrooke Mansion“, dem alten, historischen Herrschaftshaus, inmitten von oft über 60 Jugendlichen. 1953 bewirkte Francis Edmunds eine konsequente Zusammenarbeit der Waldorfschulen in Großbritannien und über viele Jahre war er Vorsitzender der „Steiner Schools Fellowship“. Seit den frühen 50er-Jahren reiste er jährlich in die USA, um den Aufbau der nordamerikanischen Waldorfschulen zu unterstützen.

Aus seinen weitläufigen Erfahrungen als Erzieher, in der Erwachsenenbildung und der anthroposophischen Arbeit formte sich in ihm allmählich eine Vision für die Zukunft: eine Aus- und Weiterbildungsstätte basierend auf dem Werk Rudolf Steiners. Den Kern des Konzepts sollte ein „Foundation Year“ bilden, eine Einführung in die Anthroposophie besonders für die neuen Generationen von jüngeren Menschen, die eine Ausbildung zum Waldorflehrer suchten. Die Stätte, die ihm vorschwebte, sollte aber auch unabhängig von Berufsplänen für jeden offen sein, der nach einer tieferen, an einem spirituellen Menschenverständnis orientierten Weiterbildung suchte. Transformation, nicht nur Information sollte das Grundprinzip des Lernprozesses werden; Seelenvertiefung und Gefühlsentwicklung durch künstlerisches und handwerkliches Tun; aktiv-bewusstes Heranbilden eines Verhältnisses zu den Naturreichen durch objektive Beobachtungsschulung; erste, positive und lebendige Auseinandersetzung mit Steiners philosophischen, evolutionären und epistemologischen Schriften; Kurs- und Vortragstätigkeit eines internationalen Dozentenkollegiums; Jahresfeste kreieren und feiern, Chor-, Orchester- und Theateraktivität; gemeinsam von Studenten und Dozenten zu leistende landwirtschaftliche, gärtnerische und hauswirtschaftliche Arbeit; wöchentliche Zusammenkünfte mit Rück- und Vorblick zur Evaluation und Orientierung des gemeinschaftlichen Lebens; angeschlossen an dieses „Foundation Year“ berufsbezogene Ausbildungskurse. Kurz: Vor seinem inneren Blick konfigurierte sich eine Stätte, wo Studieren, Arbeiten und Leben in einer Auseinandersetzung mit den Weltvorgängen stattfinden können. Er dachte für längere Zeit daran, ein College in New England, USA , zu gründen.

1962, in seinem 60. Lebensjahr, wurde es Francis Edmunds mit finanzieller Unterstützung vieler Freunde, vor allem aus Amerika, möglich, seine Vision zu realisieren. Die Arbeit begann und entfaltete sich allerdings nicht in den USA, sondern in Südengland; ganz bewusst wählte er den Namen eines der größten Vertreter der spirituellen Kultur Amerikas für das College: Ralph Waldo Emerson. Aus dem unscheinbaren Anfang der ersten zwei Jahre im Rahmen des von Michael Wilson geführten heilpädagogischen Heimes „Sunfield Homes“, Clent (West Midlands), wo sich zwölf Pionierstudenten aus verschiedenen Ländern und Kontinenten zu dem ersten „Foundation Year“ versammelten, wuchs „Emerson College“ rasch heran. In einem zweiten Provisorium, in Kriegsbaracken der Waldorfschule „Michael Hall“ in Forest Row (Sussex), wurde das dortige Lehrerseminar eingegliedert. Schließlich konnte nach einigen Jahren bei Forest Row ein Grundstück mit großem Landhaus und landwirtschaftlichem Betrieb erworben werden. Gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth Edmunds-Adney, die besondere Fähigkeiten entwickelte, die Eurythmie im „Foundation Year“ einzuführen und mit Studenten und Kollegen die Jahresfeste künstlerisch reich und fantasievoll zu gestalten, leitete Francis Edmunds das College. Neue Gebäude wurden erstellt, weitere Dozenten und Mitarbeiter schlossen sich an, neben der Waldorflehrerausbildung entstanden Lehrgänge zu verschiedenen Berufsgebieten, in Künsten, Landwirtschaft oder Entwicklungshilfe. Als Höhepunkte des Schaffens von Francis Edmunds im College galten seine Inszenierungen von Shakespeare-Dramen. Sein Verständnis, seine Liebe und Begeisterung für den großen Barden steckten die Laienspieler an, und so wurde dieses dramatische und seelenpädagogische Erlebnis für die ganze College-Gemeinschaft immer wieder ein zentraler Beitrag zur individuellen Entwicklungsdynamik der Mitwirkenden und Studenten.

Die Ausstrahlung der Bildungsstätte wuchs und seit Ende der 70er-Jahre versammelten sich jährlich über 200 Studenten aus mehr als 30 Nationen am „Emerson College“. Francis Edmunds war immer wieder auf Reisen in Nord- und Südamerika, wurde als Berater und Mitwirkender beim Aufbau anthroposophischer Initiativen nach Australien, Neuseeland, Südafrika oder Indien eingeladen. Von den Begegnungen mit anderen Kulturen, mit Menschen, Projekten und Problemen brachte er neue Erfahrungen und frische Impulse an das College – und immer viele neue Studenten. Für viele wurde die Begegnung mit Francis Edmunds das Tor zu einer bewussten und aktiven Anthroposophie.

Neben ihm prägte vor allem der Naturwissenschaftler John Davy, der als „Science Correspondent“ des Londoner „Sunday Observer“ tätig war und über viele Verbindungen verfügte, die Arbeit und das Leben des College. Er war 25 Jahre jünger als Edmunds und sein designierter Nachfolger als College-Prinzipal. Als John Davy 1984 nach kurzer Krankheit unerwartet früh starb, wurde es für die fordernde Pioniernatur Francis Edmunds´ nicht leicht, die Führung des College in jüngere Hände einer kollegial-republikanischen Leitungsstruktur zu übergeben.

In seiner letzten Lebensphase begann er neben seiner Kurstätigkeit und kürzeren Reisen, die sich nun vorwiegend auf Europa beschränkten, zu schreiben. Auch das Schreiben fiel ihm nicht leicht. Er war ein Mann des Wortes, ein begabter, dramatischer Redner, der mit warmer, klarer und ausdrucksvoller Stimme aus dem Jetztmoment schöpferisch formulierte und motivierte. Er vermochte umfassende geistig-kosmische Zusammenhänge aus anthroposophischen Perspektiven mit alltäglichen Lebensfragen situativ und undogmatisch zu verbinden. In seiner Gegenwart hatte die Zukunft immer schon begonnen.

Kurz nach einem Beitrag in einer der wöchentlichen College-Zusammenkünfte traf ihn der Tod. Er arbeitete an dem letzten Kapitel seines Buches „Quest for Meaning“ (Die Suche nach dem Sinn des Seins).

Georg Locher


Werke: Rudolf Steiner’s Art of Education, London 1947, 1982 (7. Aufl. mit dem
Titel: Rudolf Steiner Education. The Waldorf Schools); The Scientific and the
Moral in Education, Garden City 1956, ²1965; Anthroposophy as a Healing Force,
New York o.J., ²1968; Anthroposophy – a Way of Life, Hartfield 1982; Selected
Writings on Steiner Education, Stroud 1992; Quest for Meaning, New York 1997;
Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Spanische, Finnische und
Slowenische erschienen; Beiträge in CaM, EaA, EK, Leh, M3, Msch, N, WJ.
Literatur: Krischik, J.: Francis Edmunds verstorben, in: G 1989, Nr. 48;
Locher, G., Thomas, N., Durr, M.: Louis Francis Edmunds, in: ASN 1989/90,
Nr. 6; Fuchs, E.: Francis Edmunds, in: MaD 1990, Nr. 174; Busser, A.: Francis
Edmunds, in: NAA 1990, Nr. Easter.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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