Daniel Dunlop
Dunlop, Daniel Nicol

Unternehmer, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Großbritannien.

*28.12.1868 Kilmarock/ Ayrshire, Schottland (UK)
†30.05.1935 London (UK)





Daniel Nicol Dunlop wurde am 28. Dezember 1868 in Kilmarnock, Schottland, als einziges Kind von Catherine und Alexander Dunlop geboren. Der Vater war Architekt und überzeugter Quäker, der leidenschaftlich predigte. Nach dem Tod der erst 26-jährigen Mutter im Jahre 1873 wuchs Daniel im Hause des Großvaters mütterlicherseits auf der an keltischen Steinkreisen reichen Insel Arran auf. Daniel Nicol – so der Vor- und Nachname des Großvaters – war ein gälisch sprechender Fischer. So lernte der kleine Daniel früh fischen, Netze herstellen oder reparieren. Bald nach dem Tod der Mutter begann er auf Geheiß des Vaters mit einer täglichen Bibellektüre, was er das ganze Leben beibehielt. Mit neun Jahren klärte er einen Kreis von zwölf Freunden an Sonntagen über den mit keinem anderen Menschen vergleichbaren Christus auf, den er als „kristallisiertes Wort“ bezeichnete. Im Sommer 1882 – Daniel stand im 14. Lebensjahr – starb eines Nachts unerwartet der Großvater, dessen Bett der Enkel teilte. Das furchtlos durchlebte Ereignis öffnete dem jungen Mann das erste Tor bewusster spiritueller Erlebnisse: In einer inneren Schau sah er den Großvater und sich in anderer Gestalt, in anderen Erdenleben. Szenen aus Ägypten und dem orphischen Griechenland zogen an ihm vorüber. „Damals bin ich erwacht“, sagte er später. „Ich hatte eine Art Vision von der Zukunft, alle meine Ideen gehen darauf zurück.“ (Meyer ²1996, S. 32)

Nach der Übersiedlung auf das Festland, Schulzeit und einer Lehrzeit in einer Maschinenfabrik in Ardrossan kam es wegen seines Vaters autoritärer Natur zu einem Bruch mit ihm. Der 17-Jährige fand in Glasgow eine Stelle bei einem Fahrradhändler und vertiefte sich nachts in historische, philosophische und okkultistische Literatur.

1887 begegnete Dunlop bei einem Besuch in Irland seinem Lebensfreund George William Russell, der als „AE“ – vom gnostischen Wort Aeon – zahlreiche Werke poetischen und visionären Inhalts schrieb und auch malte. Zwei Jahre später übersiedelte Dunlop nach Dublin, wo er als Wein- und Teehändler arbeitete. Es bildete sich ein Freundeskreis, zu dem auch William Butler Yeats gehörte, in dem die Werke Helena Petrowna Blavatskys und Mabel Collins’ studiert wurden. Bei einem Dantevortrag lernte er Eleanor Fitzpatrick kennen und lieben. Doch sollte ein unabhängiger Theosoph heiraten? In einem nächtlichen Schauerlebnis erscheint nach hartem Kampf widerstreitender Mächte auf dem inneren Seelenschauplatz das Gesicht eines alten, weisen Mannes, „der mich zu lehren begann“. Der 1891 geschlossenen Ehe mit Eleanor entsprossen zwei Töchter und ein Sohn. Gemeinsam mit Russell gab Dunlop zwischen 1892 und 1897 die theosophische Zeitschrift „The Irish Theosophist“ heraus.

Im Herbst 1897 übersiedelte die Familie nach New York. Dunlop setzte sich in Wort und Tat weiterhin für die theosophische Sache ein; er betätigte sich eine Weile als Privatsekretär der charismatischen Catherine Tingley. Er machte die für ihn bedeutsame Bekanntschaft des Okkultisten H.W. Percival, der altwestliche kosmologische Kenntnisse besaß. Nach einer Beschäftigung bei der Maschinenfabrik Pierce & Miller wurde er 1899 zum europäischen Verkaufsleiter der Firma Westinghouse ernannt. Bald darauf zog die Familie nach London.

Hier lernte er durch Vermittlung von Yeats 1903 James Joyce kennen. Er schrieb Artikel für die „Theosophical Review“ und sah 1905 oder 1906 auf einem theosophischen Kongress erstmals das Antlitz Rudolf Steiners, das „einen unvergesslichen Eindruck“ machte. 1909 kündete Dunlop im „Vâhan“, dem offiziellen Organ der Theosophischen Gesellschaft, die Idee von Sommerschulen an, deren erste noch im selben Jahr stattfand. Im folgenden Jahr eröffnete er bei Manchester das Blavatsky Institute, dem auch Annie Besant einen Besuch abstattete. Zusammen mit Charles Lazenby gab er die Monatsschrift „The Path“ heraus, die bedeutende Artikel aus seiner Feder über praktische Magie, über den Tierkreis, die Funktion des Denkens oder zu christologischen Themen publizierte. Um die gleiche Zeit begründete er den britischen Wirtschaftsverband British Electrical and Allied Manufacturer’s Association (BEAMA). Im Jahre 1912 forderte Dunlop Alfons Baron Walleen, einen langjährigen Schüler Rudolf Steiners, dazu auf, in der von ihm präsidierten Light-On-The-Path-Loge Vorträge über Steiners Christus-Auffassung zu halten – zu einem Zeitpunkt, in dem der von Dunlop abgelehnte Krishnamurti-Humbug seinem Höhepunkt zusteuerte. Dunlop war kein Mensch jäher geistiger Richtungswechsel, aber er ließ Steiner über Walleen wissen, dass man in England bereit sei, „seine Lehre mit offenen Armen aufzunehmen“. Mitten im Krieg veröffentlichte er die völkerpsychologische Studie „British Destiny“; im gleichen Jahr publizierte er ein Buch über spirituelle Entwicklung mit dem Titel „The Path of Attainment“. Die simultane Veröffentlichung dieser beiden Schriften zeigt, dass Dunlop die Betrachtung großer Zeitfragen und die Frage der spirituellen Entwicklung des Einzelnen als zwei Seiten einer Medaille betrachtete. 1918 erschien „The Science of Immortality“, in dem sich erstmals ein Hinweis auf Steiner befindet, und zwar auf dessen Werk „Die Geheimwissenschaft im Umriss“. Im Dezember 1920 wurde Dunlop Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, zunächst ohne aus der Theosophischen Gesellschaft auszutreten; Bürge war der langjährige Schüler Steiners und Übersetzer Harry Collison. In der von Dunlop geleiteten anthroposophischen Human Freedom Group begegnete er im Januar 1922 Eleanor C. Merry, der er bis zu seinem Tod verbunden blieb.

Die erste persönliche Begegnung mit Rudolf Steiner ereignete sich im Frühjahr 1922 in London. Rudolf Steiner ergreift, während Josef van Leer zu dolmetschen suchte, im Schutz des seitlich herabhängenden Tischtuchs Dunlops Hand, um sie minutenlang festzuhalten. Dunlop, der seit seiner ersten bewussten Beschäftigung mit Okkultismus den Wunsch gehegt hatte, einen wahren Eingeweihten im physischen Leib kennen zu lernen, schrieb später: „Die erste Begegnung brachte die unmittelbare Erkenntnis: Hier ist der Wissende, der Eingeweihte, derjenige, der den Geist in seine Zeit hineinträgt.“ (Meyer ²1996, S. 154) Kurz nach dieser Begegnung trat er am Todestag der von ihm nach wie vor verehrten Helena Petrowna Blavatsky aus der Theosophischen Gesellschaft aus. Im Herbst darauf schlug er Steiner zur Stärkung des Impulses des Zentral-Anthroposophischen die Idee von anthroposophischen Sommerschulen sowie einer Reihe von öffentlichen Kongressen in den großen Metropolen der Welt vor. So kam es durch seine Initiative unter Mithilfe von Eleanor Merry zunächst zu den Sommerschulen von Penmaenmawr (1923, GA 227) und Torquay (1924, GA 243). Über die Veranstaltung von Penmaenmawr, die das Thema Initiations-Erkenntnis zum Gegenstand hatte, sagte Rudolf Steiner im Rückblick: „In außerordentlich tatkräftiger und innerlich einsichtiger, ich möchte sagen, esoterischer Art hat Mr. Dunlop gerade diese Sommerschule [...] in die Hand genommen. War doch in Penmaenmawr von vornherein erfüllt, was wir sonst niemals erfüllt gesehen haben.“ (GA 260, 30.12.1923, oder: Meyer ²1996, S. 169)

Im September 1923 wurde Harry Collison auf Vorschlag von englischen Mitgliedern – Rudolf Steiner selbst hätte nach Ita Wegman Dunlop dafür vorgeschlagen – zum Generalsekretär der britischen Landesgesellschaft gewählt. Dunlop traf bereits Vorbereitungen für die im Juli 1924 durch den Prince of Wales eröffnete erste World Power Conference (WPC), der ersten internationalen Konferenz nach dem Krieg, an der auch Deutschland teilnahm. So fuhr er am Ende des Jahres 1923 nicht nach Dornach, wo die Anthroposophische Gesellschaft als „Allgemeine“ neu begründet werden sollte. Dunlop sah Steiner in Torquay und darauf in London wieder. In ähnlicher Art wie das Jahr zuvor äußerte sich Steiner auch über die Sommerschule von Torquay und über beide Kurse sagte er: Sie „waren so veranstaltet, dass man sich okkult angeheimelt fühlen konnte“. Er sprach von ihnen als von „etwas, das in das Goldene Buch der anthroposophischen Bewegung wird in besonderer Weise eingeschrieben werden können“. Dunlop bezeichnete er dabei als einen „feinfühligen, nach weiten Zielen schauenden Anthroposophen“. Beim Abschied in London im August 1924 sagte ihm Rudolf Steiner: „Wir sind Brüder.“ (Meyer ²1996, S. 208)

D. N. Dunlop setzte sich nach Steiners Tod in neuer Art für die Ausbreitung der Geisteswissenschaft insbesondere im Westen ein. „Anthroposophie hat ein neues Organ in mir gebildet“, sagte er und meinte damit, dass seine eigene Schreib- und Vortragstätigkeit in den Hintergrund treten müsse und seine Hauptaufgabe nun darin bestehe, andere auf den richtigen Platz zu bringen. Er sorgte für die englische Übersetzung des von Rudolf Steiner und Ita Wegman gemeinsam verfassten medizinischen Buches; er organisierte 1927 eine weitere Sommerschule in Schottland, 1928 die erste große anthroposophische Weltkonferenz in London.

Er war zahlreichen Menschen behilflich, in England zu wirken oder Fuß zu fassen, so Willem Zeylmans van Emmichoven, Eugen Kolisko, Ludwig Polzer-Hoditz, Karl König, Fried Geuter, Carl Alexander Mier, George Adams Kaufmann, Walter Johannes Stein. Letzteren forderte er im Juni 1933 dazu auf, als Mitarbeiter der World Power Conference, die inzwischen zu einer permanenten Organisation geworden war, nach England zu übersiedeln.

Nachdem sich Collison 1929 aus der Führung der Anthroposophischen Gesellschaft Großbritanniens zurückgezogen hatte, übernahm Dunlop Anfang 1930 den Vorsitz. So wie er bestrebt gewesen war, als Chairman der WPC in die weltwirtschaftlichen Aktivitäten Vernunft, Brüderlichkeit und Harmonie zu bringen, so bemühte er sich als Chairman der Anthroposophischen Gesellschaft Großbritanniens um ein harmonisches Verhältnis zwischen den Aktivitäten an der Peripherie und denen des Zentrums (Dornach). Diese Harmonie wurde nach dem Tode Steiners zunehmend gestört. Ein symptomatisches Beispiel dafür: 1933 wird für die englischen Mitglieder ein „News Sheet“ aus Dornach herausgegeben, obgleich in Großbritannien seit vielen Jahren die u.a. von Dunlop betreuten Zeitschriften „Anthroposophical Movement“ und „Anthroposophy“ zirkulieren; es erfolgt zugleich das Dornacher Verbot des Abdrucks englischer Übersetzungen von Vorträgen Steiners in den genannten Zeitschriften.

Angesichts der unmittelbar nach Steiners Tod einsetzenden polarisierenden Entwicklungen hatte Dunlop bereits 1932 gegenüber W. J. Stein die Bildung einer International Association for the Advancement of Spiritual Science zu erwägen für nötig erachtet. Um ein Gegengewicht zu den Zersplitterungstendenzen zu schaffen, organisierte er 1934 erneut eine allen Mitgliedern offen stehende große Sommerschule in Westonbirt (Kent); zu den Anwesenden und Mitwirkenden zählten: Elisabeth Vreede, W. J. Stein, Karl Schubert, Caroline von Heydebrand, der Moltkeforscher Jürgen von Grone, George Adams Kaufmann, Pieter de Haan, Eugen Kolisko, Eleanor Merry, Rudolf Hauschka, Owen Barfield, David Clement und viele andere.

Das lange gestörte Gleichgewicht zwischen Zentrum und Peripherie wurde vollends zerstört, als auf der Ostergeneralversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft des Jahres 1935 Ita Wegman und Elisabeth Vreede aus dem von Rudolf Steiner zusammengesetzten Dornacher Vorstand ausgeschlossen wurden. D. N. Dunlop wurde, mit einer Reihe anderer Persönlichkeiten, als ein Vertreter der „Vereinigten Freien Anthroposophischen Gruppen“ aus der Gesellschaft ausgeschlossen; ferner wurden diese Gruppen en bloc nicht mehr als Teile der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft anerkannt, was für Tausende von weiteren Mitgliedern de facto ebenfalls einen Ausschluss bedeutete. Der mit Dunlop befreundete Ludwig Polzer-Hoditz war der einzige Mensch, der auf dieser Generalversammlung mit einer wohl vorbereiteten Rede den Zerfall der von Rudolf Steiner gebildeten Gesellschaft zu verhindern suchte.

Dunlop starb kurz darauf am 30. Mai 1935 infolge einer Blinddarmentzündung in London. Groß war die Anteilnahme. In der „Times“ und in Wirtschaftsblättern erschienen Nachrufe, die seine Verdienste als Gründer der World Power Conference und seine hervorragenden Qualitäten als Konflikte schlichtender Chairman diverser Körperschaften hervorhoben. Zur Kremationsfeier kamen Menschen aus aller Welt, die Dunlop wie einen gütigen Vater oder Freund verehrten. Ita Wegman fuhr von Arlesheim herüber und hielt vor anthroposophischen Freunden in London die letzte Ansprache, in der sie den Eindruck schilderte, den sie vom Antlitz des Verstorbenen empfangen hatte: „In diesem Antlitz trat sein ureigenstes Wesen zutage. Es zeigte die Spuren des Geistes in seiner wahren Gestalt, unbeeinflusst von Nationalität und Erziehung oder durch die Mühen des Alltags.“ (Meyer ²1996, S. 326) Ludwig Polzer-Hoditz, der mutigste Verteidiger von Ita Wegman, D. N. Dunlop und allen aus der damaligen Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossenen Persönlichkeiten, trat ein Jahr später, an Dunlops Todestag, selbst aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft aus.

Daniel Nicol Dunlop wollte wie sein „Bruder“ Rudolf Steiner überall die Kräfte der überpersönlichen, ewigen Individualität wachrufen und sie auch bei anderen stärken. Als er am Himmelfahrtstag 1935 starb, erhielten die konfliktträchtigen Persönlichkeitsimpulse innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft noch mehr Auftrieb.

Thomas Meyer


Werke: Protean Man, London 1912; Symbols of Magic, London 1915;
Studies in the Philosophy of Lorenz Oken, London 1916; Duty, London 1919; The Path
of Knowledge, London 1920; Nature-Spirits and the Spirits of the Elements,
London 1920.
Zeitschriften (Herausgeber oder Mitherausgeber): The Irish Theosophist,
Dublin 1892–97; The Lamp, Toronto 1896–1900; The Path, London 1910–14;
BEAMA News Sheet, London 1915–22; Anthroposophy, London 1926–33,
Anthroposophical Movement, London 1924–75 zu Lebzeiten. Ferner Beiträge
in zahlreichen anderen Zeitschriften.
Literatur: Barfield, O., Adams, G., Wheeler, M., Stein, W. J., Hauschka, R.:
Daniel N. Dunlop, in: AM 1935, Nr. 7; Quigley, H.: The Late Mr. D. N. Dunlop,
in: The Electrical Times, 1935, Nr. 13.7.; D. N. Dunlop, in: World Survey
1935, Nr. 3; Stein, W. J.: An Appreciation of D. N. Dunlop, in: PA 1935, Nr.
1; Zeylmans van Emmichoven, W.: D. N. Dunlop, in: MAVN 1949, Nr. 11;
Zaiser, G.: In memoriam Daniel Nicol Dunlop, in: N 1968, Nr. 51/52; Meyer,
Th.: D. N. Dunlop – ein Zeit- und Lebensbild, Dornach 1987, mit einem
Vorwort von Owen Barfield, Basel ²1996; Merry, E. C.: Erinnerungen an
Rudolf Steiner und D. N. Dunlop, Basel 1992.




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