Hermann Linde
Linde, Hermann

Maler.

*26.08.1863 Lübeck (Deutschland)
†26.06.1923 Arlesheim (Schweiz)



Hermann Heinrich Bernhard Linde galt um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert als der hervorragendste Orientmaler in Deutschland; er hat die halbe große Kuppel des ersten Goetheanum ausgemalt. Ohne ihn als Bühnenbildner wären die Mysteriendramen-Aufführungen in München nicht möglich gewesen.

Sein Vater Hermann hatte das einzige Fotogeschäft Lübecks übernommen. Er war als Freimaurer 49 Jahre Mitglied der Johannesloge „Zum Füllhorn“ und von 1880 bis 1889 Meister vom Stuhl. Seine Mutter Katinka war die Tochter des Stubenmalers Stolle, der Lindes erster Mal- und Zeichenlehrer wurde. Er wuchs mit sechs Geschwistern auf. Seine Schwester Käthe und die Söhne Lothar und Christian seiner Brüder Max und Adolf wurden Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. Linde besuchte das Katharineum und trat 1881 als Lehrling in das Geschäft des Vaters ein. Dieser brachte ihn 1882 auf die Kunstakademie nach Dresden, damit er den Blick für das Fotogewerbe schärfe.

Mit 21 Jahren bat er den Vater, Maler werden zu dürfen. Er studierte bis 1885 in Dresden, anschließend bis 1889 in Weimar. Es folgten von 1889 bis 1896 Wanderjahre – 1892 unterbrochen von einem Dreivierteljahr in Hamburg –, die ihn nach Italien, Tunesien, Ägypten, Antwerpen, London, Paris und insbesondere für zweieinhalb Jahre nach Ceylon, Indien und Kaschmir führten. In Indien war er Gast hoher Kolonialbeamter und wurde nach Tripadi, dem heiligsten Ort, den bislang als einziger Europäer nur der ihn führende Beamte betreten durfte, mitgenommen. Er begegnete allen Menschen mit liebevollem Interesse und hatte viel Humor, war klein und zierlich, aber ein tollkühner Reiter. Er empfing prägende Eindrücke durch Licht, Farben und religiöse Gebräuche des Landes. 1894 überreichte ihm in Simla der Vizekönig die Goldmedaille für sein Bild der Langar-Prozession. 1893 gewann er für sein Bild „Arabische Flickschuster“ die Silbermedaille im Kristallpalast in London. 1896 erhielt er in Tunis auf der jährlichen Gemäldeausstellung den ersten Preis.

Linde galt in Deutschland nun als der beste Orientmaler. Seine Werke hingen in den großen Museen in Hamburg, Köln, München, Bremen, Aachen und Lübeck. 1896 bis 1898 malte er in den Sommern in Dachau, zu dessen Künstlerkolonie Maler wie Spitzweg, Leibl, Liebermann, Corinth, Slevogt, Hölzel, von Uhde und von Herterich gehörten. Von Herterich und Liebermann waren seine Freunde, ebenso Rohlfs seit seiner Studienzeit. Er malte jetzt ländliche Szenen und Genrebilder und zählte zu den deutschen Impressionisten. Seit 1899 lebte er in München, wo er 1900 die Malerin Marie Hagens heiratete. Ende 1900 fand der Umzug nach Etzenhausen statt. Er gehörte der „Künstlervereinigung Dachau“ an.

1904 hörte Linde in München erstmals einen Vortrag von Rudolf Steiner. 1906 wurde er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Auf einem Foto vom Kongress der europäischen Sektionen der Theosophischen Gesellschaft in München 1907 sieht man Linde. Wer damals die Kulissen malte, ist nicht überliefert. Von 1909 bis 1913 malte Linde den wesentlichsten Teil der Kulissen für Edouard Schurés „Die Kinder des Luzifer“ und für die vier Mysteriendramen Rudolf Steiners. Rudolf Steiner nennt Linde einen der Hingebungsvollsten, Opferfreudigsten in München und er fügt hinzu: „Von wie vielen [...] müssen wir sagen: In der Zeit, in der wir es zu arbeiten hatten, wäre es ohne Hermann Linde nicht zustande gekommen.“ (GA 261, ²1984, S. 264)

Diese Bühnenbilder entstanden aus einem wirklichen Erleben. Linde hatte Erfahrungen in der elementarischen und in der Seelenwelt. Sophie Stinde, Hermann Linde, Felix Peipers und Otto Graf von Lerchenfeld gründeten im Sommer 1910 den „theosophisch-künstlerischen Fonds“ zur Finanzierung der Mysterienspiele. Anfang April 1911 gründeten die vier Genannten sowie Pauline Gräfin Kalckreuth und einige andere den Johannesbauverein mit dem Ziel eines eigenen Baues. Nach Sophie Stindes Tod 1915 wurde Hermann Linde Vorsitzender.

Rudolf Steiner schildert Linde als still, sanft, gut, opferbereit und tatkräftig. Er betont, wie die Milde von Lindes Seele und sein versöhnender Geist eine Hilfe waren. Er spricht aus, dass Linde sich das Durchdrungensein mit der Christus-Kraft erobert hatte. (GA 261) Linde war Rudolf Steiners esoterischer Schüler und gehörte am 15. Dezember 1911 zu den Menschen, die Steiner zusammenrief, um ihnen die Stiftung einer Gesellschaft für theosophische Art und Kunst unter dem Protektorat von Christian Rosenkreutz zu verkünden. Steiner sprach aus, was acht der Anwesenden durch ihr Tun geworden waren. Linde ist einer der fünf Archidiakone: der Archidiakon für Malerei. Die Aufgabe der Archidiakone bestand in der künstlerischen Vertretung des rosenkreutzerischen Okkultismus.

Am 17. September 1913 wird in Dornach mit dem Ausheben der Grube für den Grundstein begonnen. Nach Rudolf Steiner durften acht Menschen die ersten Spatenstiche tun, darunter Linde. Er nahm am 20. September 1913 an der feierlichen Grundsteinlegung teil und am 22. September an der Generalversammlung des Johannesbauvereins. Auf mehrfaches Bitten Rudolf Steiners hin entschloss sich Linde 1914 zur Übersiedelung nach Dornach. Er hatte die Aufgabe, die Maler(innen) auf die Motive der großen Kuppel zu verteilen. Er malte die drei Motive im Westen und die drei Motive im Osten, wobei ihm seine Frau half. Am 24. September 1916 fand die vierte, am 21. Oktober 1917 die fünfte Generalversammlung des Bauvereins statt. Linde berichtete jeweils über den Fortschritt der künstlerischen Arbeiten. Ihm oblagen viele organisatorische Arbeiten am Bau und im Johannesbauverein.

1916 erhielt Linde den Auftrag, zwölf Gemälde für einen Zweigraum in Mannheim nach Motiven aus Goethes Märchen und Rudolf Steiners erstem Mysteriendrama zu schaffen. 1921 wurden sie im Goetheanum ausgestellt. Sie entstanden unter Mitwirkung Rudolf Steiners, soweit er in Dornach weilte. Linde wirkte als Initiator der Fortbildungsschule im Haus Friedwart. Der Anteilnahme an der Dreigliederungsbewegung opferte er fast sein gesamtes Vermögen. Er wirkte auch als Vortragender über das Goetheanum.

Die Vernichtung des Goetheanum-Baus überlebte er um ein knappes halbes Jahr, in dem er zwölf Pastellskizzen zu den Motiven von Goethes Märchen und dem ersten Mysteriendrama für den Wiederaufbaufonds schuf.

Rudolf Steiner sagte am 29. Juni 1923 über Linde: Er „war [...] einer der ersten, der [...] seine Kunst, sein Sein dem Werke zum Opfer brachte [...]. Das war einer der Besten, die unter uns wirken.“ (Ebenda, S. 264f.)

Die meisten Gemälde der Jahre 1915–23 befinden sich in Dornach (Goetheanum, Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung), etliche von 1890 bis 1914 in den Museen Lübecks und Dachaus, viele aber in Privatbesitz.

Elisabeth Bessau


Ausstellungen nach Lindes Tod:
1936, 1972, 1993, 1995, 1996, 2001 im Goetheanum, 1992 in München, 1995
in Dachau.
Werke: 28 Illustrationen in: Dohse, R.: Meerumschlungen. Ein literarisches
Heimatbuch, Hamburg 1907; Die Entwertung unserer Galerien durch das
moderne Restaurationsverfahren, in: Münchner Kunsttechnische Blätter, 29.4.
und 13.5.1907; Das Goetheanum in seiner Entstehung und künstlerischen
Ausgestaltung, Typoskript 1922; Das Märchen von der grünen Schlange,
Basel 1972; Imagination, Dornach 1988.
Literatur: Linde, H. (sen.): Erinnerungen aus meinem Leben, Lübeck 1915;
GA 264, 1984; GA 261 ²1984; Ranzenberger, H.: Zur Hermann Linde-
Gedächtnis-Ausstellung, in: N. 1936, Nr. 38; Boos-Hamburger, H.: Einiges
über Hermann Lindes Werk, in: N 1937, Nr. 4; Hermann, H.: Zu einer
Ausstellung von Hermann Linde, in: N 1972, Nr. 49; Biesantz, H.: Das
Goetheanum, Dornach 1978; Groddeck 1980; Kiermeier, K. [Hrsg.]:
Dachauer Maler, Dachau 1981; Ludwig, H.: Münchner Maler im 19.
Jahrhundert, Bd. I–IV, München 1981–83; Lindenberg, Chronik 1988;
Bessau, Elisabeth: Der Maler Hermann Linde, in: Amperland 1996, Nr. 1;
dies.: Die Maler der großen Kuppel des ersten Goetheanum. Hermann Linde
und Marie Linde, N 1998, Nr. 11; dies.: Linde, Hermann, in: Biographisches
Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, Bd. XI, Lübeck 1999.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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