Bernard Lievegoed
Lievegoed, Bernard J. C.

Arzt, Hochschullehrer, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden.

*02.09.1905 Medan, Sumatra (damals Niederländisch-Indien)
†12.12.1992 Zeist (Niederlande)









Bernard J. C. Lievegoed hatte eine ganz außergewöhnliche Eigenschaft, die von den verschiedensten Menschen wahrgenommen wurde – und er wirkte und verkehrte in den unterschiedlichsten Kreisen. Wenn er sprach, ob vor großem Publikum oder in kleinen Kreisen, erlebten viele Zuhörer unmittelbar: Dieser Mann spricht genau das aus, was mich augenblicklich beschäftigt, er spricht direkt zu mir. Er sprach mit einer etwas hohen Stimme, was man nach höchstens zehn Minuten vollkommen vergessen hatte, da man spätestens dann von dem Dargestellten gänzlich in Anspruch genommen war. Die Ideen waren stärker als die Worte. Dies kennzeichnet eine zweite Eigenschaft Lievegoeds: Wenn er vom Geiste sprach, wenn er Zusammenhänge zwischen Mensch und geistiger Welt darstellte, erlebte man etwas von Leben Durchdrungenes, etwas wirklich Wahres, nie etwas Theoretisches.

Hatte er im Umgang etwas eher Sanguinisches, so war sein Denken vor allem von Stärke geprägt. Eine Kraft, die sich in Initiativen umsetzte. Er war ein Gründer. Im öffentlichen Leben des Landes war er engagiert und bekannt, die Anthroposophische Gesellschaft in Holland leitete er seit 1961.

Wie ?Ita Wegman ist auch Bernard im damaligen Niederländisch-Indien geboren worden, in Medan auf Sumatra, einer Insel in der „Kette von Smaragd“, wie die Holländer Indonesien nannten. Sein Vater war Chefredakteur der größten Tageszeitung und ein engagierter Kämpfer gegen die sozialen Auswüchse des Kolonialismus, seine Mutter war aktiv in der Frauenbewegung. Die Natur war das alles beherrschende Motiv der Jugendjahre: heiß und schwül, von üppiger Vielfalt und Lebenskraft, märchenhaft und dämonisch in einem. Viele Anekdoten säumen diese Jugendzeit: die Kanufahrten auf den tosenden Flüssen, die Begegnungen mit wilden Tieren, der Kugelblitz, der durchs Zimmer fährt – aber auch die Cholera des Zweijährigen, um ihn herum sterben die Kinder, er bleibt mit knapper Not am Leben, zum Teil gelähmt. Eine allgemeine Schwäche wird ihn bis zu seinem zwölften Lebensjahr begleiten, die Frage nach dem Sinn des Lebens bleibt für immer. Neben dem herrlichen Kinderleben in der indonesischen Natur erwacht ein starkes, fantasiegetragenes Innenleben. Zum Jüngling gereift und mit bestandenem Abitur, liegen Schulbesuche in Sumatra, Amsterdam, Rotterdam, auf Java und in Den Haag hinter ihm.

Er entschließt sich zum Medizinstudium in Groningen, das er 1930 in Amsterdam mit dem Schwerpunkt Psychiatrie abschließt, er promoviert 1939 mit einer Arbeit zur therapeutischen Anwendung musikalischer Elemente. Während der Promotionszeit, die ihm nicht viel bedeutet, bekommt er das Buch zur Erweiterung der Heilkunst von Ita Wegman und Rudolf Steiner in die Hand. Er hat das elementare Erlebnis, Gedanken und Ideen zu begegnen, mit denen sich arbeiten lässt. Der Student hatte in den Vorlesungen über den Menschen immer das unbefriedigende Gefühl, nur den einen, den unwichtigen Teil zu hören; nun sieht er dem die Möglichkeit einer umfassenden Menschenerkenntnis gegenübergestellt, den wichtigen Teil. Es ist Frühjahr 1926, ein Jahr nach Rudolf Steiners Tod.

Die in ihm geweckten Erkenntnismöglichkeiten bringen ihn in Kontakt mit denen, die in Holland schon anthroposophisch arbeiteten, er begegnet ?Daniel van Bemmelen, Hélène Drooglever-Fortuyn, ?Pieter de Haan, ?Max Stibbe, er lernt die 1923 begründete Waldorfschule in Den Haag, den Generalsekretär der holländischen Anthroposophischen Gesellschaft ?Willem Zeylmans van Emmichoven und Ita Wegman kennen. Während sich am politischen Himmel Europas die drohenden Wolken des Faschismus zusammenbrauen, herrscht bei diesen jungen Menschen Aufbruchstimmung. Der Wunsch ist groß, die neuen Erkenntnis- und Handlungsperspektiven der Anthroposophie möglichst vielen mitzuteilen, solange es noch möglich ist. So wird die Idee eines internationalen Jugendtreffens, das als Zeltlager organisiert werden soll, geboren: das Kamp de Stakenberg. Das Ereignis findet nach sorgfältiger Vorbereitung durch Willem Zeylmans, Hans Grelinger und Bernard Lievegoed im Sommer 1930 statt. Das auf 400 Teilnehmer ausgelegte Lager muss für weit mehr als 1000 Jugendliche aus allen europäischen Ländern erweitert werden. Sie finden hier etwas dem fanatisierenden Zeitgeist Entgegengesetztes.

Anfang der 30er-Jahre muss bei Bernard der Entschluss gereift sein, etwas für Menschen mit Behinderungen zu tun. Ein Besuch beim heilpädagogischen Institut Lauenstein und der Zuspruch von ?Werner Pache taten ihre Wirkung: 1931 begründet er das erste heilpädagogische Institut in den Niederlanden, das Zonnehuis in Zeist. Eine Initiative, die sofort Anerkennung findet. Er leitet das Heim neben seiner Hausarzt-Praxis bis 1952. 1931 ist auch das Jahr der Eheschließung mit Truus Hinse. Sie starb ein Jahr später, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes. Die Aufbauarbeit des Zonnehuises teilt er seit 1934 mit der Ärztin Nel Schatborn. Sie wird die Seele des Instituts, das bald mit einem zweiten Haus für besonders schwere Fälle erweitert wird, dem Zonnehuis Stenia. Nel Schatborn ist seit 1935 seine Lebensgefährtin, in der Ehe wachsen fünf Kinder auf.

Bernard aber, der seine Liebe zu den Kindern des Instituts nie verlor, wird mehr und mehr von weiter reichenden Fragen in Anspruch genommen. Die Nachkriegszeit gab Gelegenheit, vieles neu zu gestalten. Er wird immer häufiger um Rat und Hilfe in gesellschaftlichen Fragen gebeten, zur Ausbildung Jugendlicher, zur Verantwortungs- und Führungskultur von verschiedenen Unternehmen des Wirtschaftslebens. Und er weiß auf diesseitige Probleme Rat aus spiritueller Kompetenz. Die niederländische Industrie ermöglicht ihm die Gründung des Nederlands Pedagogisch Instituut voor het bedrijfsleven (NPI), eines Institutes für Organisationsentwicklung. Zugleich wird er als außerordentlicher Professor für Sozialpädagogik an die spätere Erasmus-Universität in Rotterdam berufen. Nebenher begründet er 1952 mit Willem Zeylmans und Pieter de Haan den „Verlag Vrij Geestesleven“ in Zeist.

Willem Zeylmans van Emmichoven war Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden. Er, den Rudolf Steiner gebeten hatte, die Leitung der Gesellschaft bei ihrer Begründung 1923 zu übernehmen, wollte sie nach dem Ausschluss aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1935 und der Auflösung während der Nazi-Besetzung jetzt aus einem neuen Geist wieder aufbauen. Er versuchte die zentralisierte Leitungsverantwortung auf verschiedene Kreise zu verteilen und einen kollegialen Stil zu pflegen. So gab es einen Kreis, der sich mit der inhaltlichen Ausrichtung befasste; einen Kreis, der die laufenden Geschäfte zu besorgen und zu vertreten hatte (Vorsitzfunktion); einen Kreis, der sich mit den Verbindungen untereinander und mit der Gesellschaft im Allgemeinen befasste (Sekretärfunktion), und einen Kreis, der sich mit dem Leben und Gedeihen befasste (Schatzmeisterfunktion). Um diesen Ansatz Zeylmans’ zu würdigen, ist zu bedenken, dass in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts die Anthroposophie in ihrer Ausgestaltung noch sehr personengebunden war. Zeylmans suchte die Mitglieder in das Leben und Werden der Anthroposophischen Gesellschaft verantwortlich einzubeziehen: Die Gesprächsgruppen-Kultur nahm ihren Anfang. Noch mit Zeylmans und dem unermüdlichen Sekretär der Gesellschaft, ?Tom Jurriaanse, war die Wiedereingliederung der holländischen Anthroposophischen Gesellschaft in die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft 1960 vollzogen worden.

Nach Zeylmans’ Tod übernimmt Bernard Lievegoed 1961 den Vorsitz. Er schließt unmittelbar an die Intentionen von Zeylmans an. Die Nachfolge von Zeylmans durch Lievegoed, dann durch ?Ate Koopmans und Joop van Dam kennzeichnet einen Schwerpunkt des Wirkens der holländischen Anthroposophen, einen merkurialen Einschlag im Sinne des sozial- und kulturtherapeutischen Wirkens. Es entsteht ein Klima, das ein aktives Miteinander fördert. Lievegoed wird 1963 zum ordentlichen Professor an die Technische Hochschule Twente berufen, das Arbeitsfeld Sozialpädagogik prägt überall sein Wirken. Der Gesundheitsminister beruft ihn zum Leiter der Kommission „Alternatives Gesundheitswesen“ und er ist Kandidat für die progressiv-demokratische Partei. Daneben ist er publizistisch aktiv. Sein Buch zum menschlichen Lebenslauf ist über Jahre in Holland hoch aktuell und bringt ihm einen Schriftstellerpreis ein.

Manche Anthroposophen können dieses Engagement in der Öffentlichkeit und für das allgemeine Kulturleben nicht teilen, sie werfen ihm vor, zu wenig für die Anthroposophische Gesellschaft zu tun. Die Öffentlichkeit aber sieht in ihm den Vertreter der Anthroposophie. Viele Jugendliche kommen in die Gesellschaft, die Suche nach Spiritualität ist groß. Diesen suchenden Seelen will Lievegoed Nahrung geben. Die Entwicklungsgesetze des dritten und vierten Jahrsiebts werden ihm zur Aufgabe. Er gründet das Propädeutische Jahr zwischen Schule und Studium, die „Vrije Hogeschool“ in Driebergen bei Zeist beginnt ihre Arbeit 1971. Viele, die dieses Jahr durchlaufen, tragen bald Verantwortung in der anthroposophischen Arbeit. In den 70er- und 80er-Jahren nehmen – wie in Deutschland oder Skandinavien – die anthroposophischen Initiativen zu, Waldorfschulen, heilpädagogische Institute und biologisch-dynamische Höfe, Arztpraxen und Therapeutika verzeichnen ein ungestümes Wachstum.

Auf Bitte der Schulbewegung hebt er 1975 das staatlich anerkannte anthroposophische Lehrerseminar aus der Taufe, in den 80er-Jahren begründet er den Verein für anthroposophische Psychotherapie. Er verstärkt die Arbeit im Rahmen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion. Seine frei gehaltenen Klassenstunden sind geistige Ereignisse, von zahllosen Hochschulmitgliedern besucht. An seinem Lebensabend verfasst er sein Buch über biografische Krisen und Entwicklungsmöglichkeiten. „Der Mensch an der Schwelle“ fasst seine Erfahrungen aus einem tätigen Leben im Umgang mit Menschen zusammen. Eine junge Reporterin fragte ihn in einem Radiointerview Mitte der 80er-Jahre, ob er denn zurückblickend auf sein Leben glücklich wäre? Seine Antwort: Liebes Kind, ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken.

Am 2. November 1992 öffnete die Bernard Lievegoed-Klinik für anthroposophische Psychiatrie in Bilthoven ihre Tore. Am 12. Dezember 1992 stirbt Bernard Lievegoed.

Christof Wiechert


Werke: Entwicklungsphasen des Kindes, Stuttgart 1976, 6 1995; Der geistige
Strom der heilpädagogischen Bewegung, Rheineck o. J., Arlesheim ²1978;
Mysterienströmungen in Europa und die neuen Mysterien, Stuttgart 1979,
²1981; Lebenskrisen, Lebenschancen, München 8 1981; Dem
einundzwanzigsten Jahrhundert entgegen, Spring Valley ²1983, Frankfurt/M.
5 1991; Heilpädagogische Betrachtungen, Zeist o. J., Stuttgart ³1995;
Organisation im Wandel, Bern [1974]; Der Mensch an der Schwelle,
Stuttgart 1985, 52002; Besinnung auf den Grundstein, Stuttgart 1989,
²1993; Soziale Gestaltungen in der Heilpädagogik, Horn o. J., Frankfurt/M.
1990 (16.–19. Tsd.); Alte Mysterien und soziale Evolution, Stuttgart 1991,
²1993; Schulungswege, Dornach 1992, ³o. J.; Durch das Nadelöhr,
Stuttgart 1992, ³1994; Über die Rettung der Seele, Stuttgart 1993, 4 1995;
mit Rascher, I.: Geistquellen der Pädagogik, Dornach 1994; Beiträge in
Sammelwerken; zahlreiche Buchveröffentlichungen in niederländischer
Sprache; Übersetzungen ins Englische, Französische, Italienische,
Spanische, Portugiesische, Schwedische, Finnische, Ungarische, Russische
und Tschechische erschienen; Beiträge in BeH, EaA, EK, LN, MaD, MBD,
Msch, Na, VOp, WNA.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; van der Meulen, J.: De levensloop van Lievegoed, in: JNL 1985,
Nr. 1; Deimann 1987; Biemond, R.: Bernard Lievegoed verstorben, in: G
1992, Nr. 51/52; In memoriam Bernard Lievegoed, in: MAVN 1993, Nr. 3;
van Dam, J.: Bernard Lievegoed, in: RMG 1993, Nr. 1, auch in: Selg, P.
[Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Berger, F.: Bernard
Lievegoed, in: MaD 1993, Nr. 185; Wessels, H.: Bernard Lievegoed, in:
SHS 1993, Nr. 2; Bourqui, F.: Bernard Lievegoed, in: MNS 1993, Nr. II;
van der Meulen, J.: Das Testament Bernard Lievegoeds und die Zukunft der
anthroposophischen Bewegung, in: Wittich, J., Stöckli, T.: [Hrsg.]:
Anthroposophische Gesellschaft, Dornach 1994; Fucke, E.: Siebzehn
Begegnungen, Stuttgart 1996; von Plato, B.: Bernard C. J. Lievegoed, in:
Lebensbilder, München 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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