Otto Graf von Köfering Lerchenfeld
Graf von Köfering Lerchenfeld, Otto

Gutsbesitzer.

*02.10.1868 Köfering bei Regensburg (Deutschland)
†05.10.1938 Salzburg (Österreich)
(anderes Geburtsjahr: 1869)





Otto Graf von Lerchenfeld setzte sich in erster Linie für den Johannesbau – das erste Goetheanum –, für die soziale Dreigliederung und die biologisch-dynamische Landwirtschaft ein. Bei den Vorbereitungen für die Weihnachtstagung 1923/24 spielte er eine wesentliche Rolle.

Entsprechend der Familientradition, die das Erlernen eines Handwerks vorsah, absolvierte er eine Schreinerlehre, wurde Landwirt, passionierter Jäger, Kavallerieoffizier und Gutsherr. 1893 heiratete er Walburga Gräfin von Arco-Zinneberg, mit der er sechs Kinder hatte. Schloss Köfering war Stammsitz der Familie mit ausgedehntem Landbesitz, dessen Majorat er 1908 übernahm.

Er begegnete Rudolf Steiner 1907, im Alter von 39 Jahren, und gehörte zu seinen frühen esoterischen Schülern. Seit 1909 wirkte er in den Mysterienspielen in München mit, 1909 in ?Edouard Schurés Drama „Die Kinder des Luzifer“, 1910 bis 1913 als Germanus, als zweiter Präceptor und als Torquatus Bellicosus in den Mysteriendramen Rudolf Steiners. Er ließ ganze Wagenladungen mit Rosen aus Köfering kommen, um den Saal des Theaters für die Aufführungen zu schmücken.

Vom 10. Dezember 1911 bis zur Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft Ende 1912 gehörte Lerchenfeld dem Vorstand der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft an.

Er war 1911 einer der Mitbegründer des Johannesbauvereins, der in München einen Bau für die Mysterienspiele plante. Als der Bau schließlich 1913 in Dornach aufgeführt werden sollte, begleitete Graf Lerchenfeld diese Initiative dorthin. Er gehörte zu den wenigen Teilnehmern an der Grundsteinlegung am 20. September 1913. Die gegerbte Haut eines männlichen Kalbes, auf der Rudolf Steiner den Text der Grundsteinurkunde verzeichnete, stammte von seinem Köferinger Gut. Graf Lerchenfeld leistete einen erheblichen finanziellen Beitrag zu den Baukosten. Der Münchner Johannesbauverein wurde mit dem im Juni 1913 auf schweizerischem Boden gegründeten zweiten Johannesbauverein verschmolzen. Graf Lerchenfeld gehörte dem Vereinsvorstand bis zum 8. Februar 1925 an, anschließend übernahm der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die mit der Weihnachtstagung 1923 gegründet wurde, die Vorstandsfunktionen in diesem Verein.

Otto Graf von Lerchenfeld hatte eine besondere Bedeutung für die Entwicklung der sozialgestalterischen Impulse Steiners im Jahre 1917, in der entscheidenden Zeit zwischen dem Kriegseintritt der USA und der russischen Oktoberrevolution. Lerchenfeld trat zwar nie öffentlich politisch hervor, war aber von Jugend an den Verkehr in politischen Kreisen gewohnt. Als Erbherr traditionsreicher Besitzungen hatte er Sitz und Stimme im bayrischen Reichsrat, sein Onkel Hugo Graf von Lerchenfeld war bayrischer Gesandter bei der Reichsregierung in Berlin und aus seiner Schul- und Studienzeit war er mit Richard von Kühlmann, dem damaligen Staatssekretär des Äußeren, befreundet. Lerchenfeld kannte Steiners Kritik an der deutschen Kriegführung und Regierung, wie auch seine Beurteilung der Pläne des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson – angesichts des europäischen Völkergemischs hielt Steiner Wilsons Pläne im Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker für abstrakt und ungeeignet, um die europäischen Verhältnisse nach Kriegsende neu ordnen zu können. Im Mai 1917, einen Monat nach Kriegseintritt der USA, trat Lerchenfeld an Rudolf Steiner heran mit der Frage nach einer für Mitteleuropa ehrenvollen Beendigung des Krieges. Diese Frage wurde für Steiner zum entscheidenden Anlass für die Entwicklung seines politisch radikalen Neuansatzes einer Dreigliederung des sozialen Organismus. Steiner führte bis Ende Juni/Anfang Juli 1917 mit Lerchenfeld eine Reihe ausführlicher Gespräche, in denen er die wesentlichen Züge dieses Vorschlags darlegte: Differenzierung des Zentralstaates in die autonomen, aber zusammenwirkenden Bereiche von Wirtschaft, Rechtsstaat und Kultur; Abbau des politischen Machtstatus zugunsten einer differenzierten Verantwortungsstruktur. Steiner setzte weder auf repräsentativ-demokratische Strukturen nach amerikanischem Vorbild noch auf eine reaktionäre Monarchie oder eine Herrschaft des Proletariats im Marx‘schen Sinn. Für ihn gehörte die Ausweglosigkeit, in die die „soziale Frage“ im Laufe des 19. Jahrhunderts geraten war, zu den wichtigsten Ursachen des Ersten Weltkriegs, in ihrer Lösung sah er den einzigen Garanten für dauerhaften Frieden. Eine Annahme seines Vorschlags beinhaltete die Chance, den Kriegsvorwand der Entente, einem rückschrittlichen Staatssystem militärisch entgegentreten zu müssen, zu entkräften. Allerdings bedeutete dies auch, dass die Reichsregierung von sich aus auf überkommene Machtstrukturen verzichtete. Graf Lerchenfeld vermittelte eine Zusammenkunft Steiners mit Richard von Kühlmann, aber es war nicht verwunderlich, dass der Staatssekretär in dem mehrstündigen Gespräch keinerlei Verständnis für die Vorschläge zeigte.

Im Sommer 1917 aber arbeiteten Lerchenfeld und Steiner weiter an einer für die Öffentlichkeit gedachten Denkschrift. „Arbeiten Sie niemals für den Erfolg“, bemerkte Steiner in diesem Zusammenhang und Lerchenfeld äußerte später zu ?Fred Poeppig, dass diese Worte angesichts der Verständnislosigkeit der damals führenden Persönlichkeiten seine innere Rettung wurden. Anfang Juli war das Manuskript eines kurz gefassten Memorandums fertig. Dann wurde ?Ludwig Graf Polzer-Hoditz hinzugezogen. Polzer-Hoditz befand sich hinsichtlich Österreich-Ungarn in einer ähnlich vermittelnden Stellung wie Lerchenfeld in Bezug auf Deutschland: Graf Arthur Polzer war Kabinettschef in Wien. Es kam zur Abfassung eines zweiten Memorandums, das auf die österreichischen Verhältnisse zielte. Beide Memoranden, zu Händen der deutschen beziehungsweise der österreichischen Regierung, blieben im Juli 1917 ohne äußeren Erfolg, bildeten aber als erste schriftliche Abfassungen des sozialgestalterischen Vorschlags Steiners den kulturpolitischen Ausgangspunkt der Dreigliederungsbewegung der Nachkriegsjahre.

Mit der Dreigliederungsbewegung blieb Lerchenfeld weiter verbunden. Am 6. November 1918 versuchte er vergebens ein Gespräch mit Kurt Eisner zu vermitteln, der eben die bayrische Republik proklamiert hatte. Das Gespräch kam dann im Februar 1919 durch Vermittlung von Hans Kühn zustande, blieb aber ebenfalls folgenlos.

Lerchenfeld gehörte im Mai 1922 zu den Stellvertretern in der Kontrollstelle der Futurum AG, einer der Einrichtungen, die aus der Dreigliederungsbewegung hervorgegangen waren. Nachdem Rudolf Steiner im Mai 1922 bei einem Vortrag von völkischen Gruppen tätlich angegriffen worden war und daher seine öffentlichen Vorträge in Deutschland nicht mehr fortsetzen konnte, organisierte Lerchenfeld in verschiedenen Städten Studiengruppen mit Arbeitern.

Otto Graf von Lerchenfeld war Teilnehmer an der von ihm mitinitiierten und von Steiner so genannten „Wachsmuth-Lerchenfeld-Gruppe“, in der Steiner drei esoterische Stunden mit Inhalten aus dem früheren erkenntniskultischen Arbeitszusammenhang hielt. Diese Gruppe spielte eine maßgebliche Rolle in den Vorbereitungen zur Gründung einer internationalen Anthroposophischen Gesellschaft, der ein zugleich esoterischer und öffentlich zivilisationsorientierter Zug innewohnen sollte. Im Juli 1923 nahm er an der Delegiertenversammlung in Dornach teil, die eine Erneuerung der Anthroposophischen Gesellschaft und die Frage des Wiederaufbaues des Goetheanum behandelte. Als eines der deutschen Mitglieder im Vorstand des Johannesbauvereins, der seit November 1918 „Vereins des Goetheanum der freien Hochschule für Geisteswissenschaft“ hieß, gehörte er zu den Unterzeichnern des Aufrufs zum deutschen Goetheanum-Fonds vom August 1923.

Lerchenfeld nahm im Juni 1924 am landwirtschaftlichen Kursus in Koberwitz teil, war auch dessen Mitinitiator, und stellte anschließend schrittweise seine Ländereien auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise um. Er gehört zu den Pionieren der neuen Wirtschaftsweise und widmete sich nach Steiners Tod in erster Linie dem Aufbau dieses Kulturimpulses.

Uwe Werner


Werke: Die Memoranden vom Juni 1917, Einleitung, in: Boos, R. [Hrsg.]: Rudolf Steiner während des Weltkrieges, Dornach 1933; Beiträge in G, MaD.
Literatur: Steiner, M. u.a.: Graf Otto Lerchenfeld, in: N 1938, Nr. 42; Fahrländer, L.: Aus der Zuschrift eines Arbeiters, in: MaD 1950, Nr. 13; Poeppig, F.: Eine Erinnerung an Graf Lerchenfeld, in: MaB 1967, Nr. 40; von Grone, J.: Gedanken zum hundertsten Geburtstag von Otto Graf Lerchenfeld, in: MaD 1968, Nr. 86; Steffen, A.: Graf Otto von Lerchenfeld. Gedenkworte, in: Steffen, A.: Geistesschulung und Gemeinschaftsbildung, Dornach 1974; GA 260a ²1987; Lindenberg, Chronik 1988; GA 259, 1991; Lüscher, A. u.a.: Rudolf Steiner und die Gründung der Weleda, in: BGA 1997, Nr. 118/119; Koepf, H., von Plato, B.: Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert, Dornach 2001.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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