Emil Leinhas
Leinhas, Emil

Kaufmann, Betriebswirt, Autor.

*04.03.1878 Mannheim (Deutschland)
†20.01.1967 Ascona (Schweiz)
(alternatives Todesdatum: 21.01.1967)













Emil Leinhas wurde in den letzten fünf Lebensjahren Rudolf Steiners zu einem seiner engsten Mitarbeiter. An dessen Seite und Jahrzehnte darüber hinaus war er verantwortlich gestaltend für viele soziale und betriebswirtschaftliche Belange der seit 1919 erheblich zunehmenden anthroposophischen Einrichtungen in Deutschland tätig.

Als ältester Sohn von acht Kindern in der Kaufmanns- und Kunststadt Mannheim aufgewachsen, fiel Emil Leinhas schon früh die Aufgabe zu, im Import-Export-Unternehmen des Vaters mitzuarbeiten. Hier und anschließend in einer Kolonialwarenhandlung absolvierte er seine kaufmännische Ausbildung. Die klaglose Geduld, mit der sein Vater sein Schicksal ertrug – er war in seinen letzten 30 Lebensjahren blind –, ist auch ein Wesensmerkmal seines ältesten Sohns.

Zudem zeigte sich bereits bald sein Interesse an Literatur und Kunst. Kurz nach der Jahrhundertwende in Hamburg tätig, studierte er zusammen mit seinem gleichaltrigen Geigenlehrer Louis Werbeck okkulte und theosophisch-anthroposophische Literatur. 1908 nahm er in Heidelberg an einem Mitgliedervortrag über das Johannesevangelium teil, der für ihn richtungsweisend war.

Im darauf folgenden Jahr heiratete er und wurde Mitglied des Hamburger Zweiges, hörte dort 1910 den Zyklus „Die Offenbarungen des Karma“ (GA 120), erhielt seine erste persönliche Meditation von Rudolf Steiner und nahm ab 1911 an den esoterischen Stunden teil. 1911 war er Delegierter des Hamburger Zweiges bei der Generalversammlung der Deutschen Sektion. 1912 wurde er in den engsten Kreis der Theosophischen Gesellschaft aufgenommen. Noch vor 1914 gehörte er zu den 12 Persönlichkeiten der dritten Abteilung der Esoterischen Schule, in der Fragen der geistigen Existenz der anthroposophischen Bewegung beraten wurden. Als Leinhas während des Krieges in Berlin im Kriegsministerium, später im Kriegsernährungsamt tätig war, besuchte er zahlreiche Vorträge Rudolf Steiners in Berlin.

Durch seine kaufmännische Begabung kam Leinhas beruflich frühzeitig in verantwortliche Stellungen. So wurde er bereits 1910 in Hamburg Direktor der Speisefett-Fabrik Schlinck (Palmin).

Nach dem Krieg folgte – vor allem in der Dreigliederungsbewegung – ein überaus bewegtes Jahrsiebt an der Seite Rudolf Steiners: 1919 wurde Leinhas von Emil Molt zum Direktor der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik in Stuttgart ernannt. Er wurde Mitglied im siebenköpfigen Arbeitsausschuss des Bundes für soziale Dreigliederung. Im März 1920 war er Mitbegründer des Aufsichtsrats und im September 1921 Generaldirektor der aus der Dreigliederungsarbeit hervorgegangenen AG „Der Kommende Tag“. Aktiv war Leinhas auch 1919 bei der Verbreitung von Rudolf Steiners Aufruf „An das deutsche Volk und die Kulturwelt“ beteiligt. Seine betriebswirtschaftlichen Kompetenzen und Erfahrungen kamen ihm in seinen kämpferischen Vorträgen über die Dreigliederung zugute.

Zusammen mit Carl Unger und Ernst Uehli gehörte er 1921–23 dem Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft an. Im Februar 1922 war er Vorsitzender auf der Stuttgarter Delegiertentagung, im Juni 1922 sprach er auf dem Wiener „West-Ost-Kongress“. 1922 wurde er Rechnungsführer, später Vorsitzender des Waldorfschulvereins Stuttgart und ab Februar 1923 Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Im gleichen Jahr wirkte er im „Wachsmuth-Lerchenfeld-Kreis“ mit.

In der Schweiz wendete Leinhas mit Ita Wegman und dem Verwaltungsrats-Delegierten Edgar Dürler den Zusammenbruch der „Futurum AG“ ab. Leinhas beriet Dürler und wurde im März 1923 in die Liquidationskommission gewählt. In der Filiale Basel der „Futurum AG“, der „Strick- und Wirkwarenfabrik AG“, hat er von September 1922 bis August 1925 als Verwaltungsrats-Delegierter die Aufgaben des Geschäftsführers übernommen.

1921 erschien seine Schrift „Der Bankerott der Nationalökonomie“, die Rudolf Steiner besonders anerkannte. Den Brand des ersten Goetheanum hat Leinhas miterlebt. In diesem Jahrsiebt wurde er wie kaum ein anderer zu einem vertrauten Mitarbeiter Steiners, der an Leinhas besonders die sachliche Kompetenz und hohe Verlässlichkeit schätzte. Nach einem letzten Gespräch mit ihm im Januar 1925 war es Leinhas, der Marie Steiner am Todestag Rudolf Steiners auf der Fahrt von Stuttgart nach Dornach begleitete.

Nach dem Scheitern der Dreigliederungsbewegung hat Emil Leinhas auch die Liquidation der AG „Der Kommende Tag“ übernommen. Dabei gelang es ihm, entscheidende Werte zu retten und der neu gegründeten Waldorfschule – nur dort hatten sich die Dreigliederungsimpulse kraftvoll entfalten können – das Überleben zu sichern. Nach dem Ausscheiden der übrigen Direktoren war er im Februar 1925 als alleiniges Vorstandsmitglied des Kommenden Tages auch maßgebend an der Umwandlung in die „Uhlandshöhe AG für Grundstücksverwaltung“ beteiligt. Im Mai 1930 wechselte er in deren Aufsichtsrat und wurde bald dessen Vorsitzender bis zur erzwungenen Auflösung im November 1938.

Ebenfalls in das für die anthroposophische Bewegung umwälzende Jahr 1923 fällt seine Tätigkeit im Verwaltungsrat der 1922 gegründeten AG Internationale Laboratorien (ILAG) Arlesheim. Im Oktober 1924 realisierte er zusammen mit Emanuel Joseph van Leer die Übernahme der Laboratorien in Stuttgart und Schwäbisch Gmünd in die ILAG, aus der die Weleda AG hervorging.

1926–35 sorgte Leinhas als Direktor für den Aufbau der deutschen Weleda. Unter anderem richtete er dort die Werkstunden (Betriebsvorträge) ein. Ab 1930 hatte Leinhas in der Redaktion der Zeitschrift „Anthroposophie“ mitgearbeitet und von 1931 bis zum Verbot 1935 in der Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft in Deutschland.

Die 1935 in der Abberufung von Vorständen und im Ausschluss von Mitgliedern gipfelnden Schwierigkeiten in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft belasteten ihn sehr. Er setzte ein Zeichen und schied im gleichen Jahr aus seiner Direktorentätigkeit aus.

Nach 1935 handelte er mit Lederwaren und trug die wirtschaftliche Verwaltung der Stuttgarter Waldorfschule mit.

Auch nach 1945 blieb der Ausgleich und die Vermittlung zwischen kontroversen Positionen sein Bestreben: Er gehörte dem ersten großen Arbeitskollegium der sich neu bildenden Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland und 1947 dem geschäftsführenden Ausschuss des Stuttgarter Mitarbeiterkreises an. Sein Bemühen, eine Anerkennung der Marie Steiner testamentarisch übertragenen Autorenrechte für das Werk Rudolf Steiners innerhalb der Gesellschaft zu erwirken, blieb erfolglos. Die dadurch verursachten Schwierigkeiten ließen ihn einsam werden, doch bewahrte er sich sein Vertrauen in die Zukunft. Seit 1949 arbeitete er unter anderem als Herausgeber und Rechnungsrevisor in der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung.

1950 hat Leinhas zusammen mit Karl Heyer, Herbert Hillringhaus und Carlo S. Picht Vorschläge zur Begründung der deutschen Landesgesellschaft vorgelegt, sich jedoch anschließend auch aus dieser Arbeit zurückgezogen. Dagegen hat er bis zu seinem Tod im hohen Alter von fast 89 Jahren aktiv im Heidenheimer Arbeitskreis mitgewirkt.

Leinhas verfasste neben der erwähnten Schrift vor allem die aus der Dreigliederungsarbeit entstandenen Werke „Vom Wesen der Weltwirtschaft“ und „Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner“ – lange Zeit ein Standardwerk zur Geschichte der Dreigliederungsbewegung. Beide Schriften stehen für das innere Anliegen dieser unabhängigen, pflichtbewussten und umsichtigen Persönlichkeit: zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beizutragen. Dabei gelang Emil Leinhas die seltene Verbindung von nüchternem wirtschaftlich-praktischem Denken und begeisterter Ideenorientierung. Konzentrierte Sorgfalt und Zuverlässigkeit, aber auch eine aus seelischem Gleichgewicht gestützte Bescheidenheit charakterisieren ihn, dessen Leben mit der Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft entscheidend verbunden war.

Michael Toepell


Werke: Der Bankerott der Nationalökonomie, Stuttgart 1921; Die Idee des
Kommenden Tages, Stuttgart 1921; Zur Dreigliederung des sozialen
Organismus, Lorch 1946; Vom Wesen der Weltwirtschaft, Lorch 1949; Aus der
Arbeit mit Rudolf Steiner, Basel 1950; Von den Aufgaben und Zielen der
Wirtschaft, Basel 1958; Einige Gesichtspunkte zum Verständnis der Vorgänge
in der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung, Stuttgart 1963,
²1973; Übersetzung ins Englische erschien;
Beiträge in Sammelwerken, zahlreiche in BfA, weitere in MaB, Ber, G, N, A,
AT, BeH, BzD, DD, DsO, EK, HR, MaD, PhS, WdN, WNA.
Literatur: Kühn, E.: Zur Dreigliederungs-Bewegung, in: MaD 1963, Nr. 66;
Götte, F.: Emil Leinhas, Hahn, H.: Der Dreigliederung verschworen, in: MaD
1967, Nr. 80; Zbinden, H.: Zum Gedenken an Emil Leinhas, Froböse, E.: Für
Emil Leinhas, in: MaB 1967, Nr. 40; Leinhas, F.: Emil Leinhas in memoriam,
Zaiser, G.: Für Emil Leinhas, in: MaB 1967, Nr. 41; Lauer, H. E.: In
memoriam Emil Leinhas, Friedenthal, R.: Emil Leinhas, in: BfA 1967, Nr. 3;
Groddeck, W.: Zum Gedenken an Emil Leinhas, in: BGA 1967, Nr. 19;
Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O.
1970; Götte, F.: Emil Leinhas zum 100. Geburtstag, in: MaD 1978, Nr. 124;
GA 260a, Dornach ²1987; Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988; Kühne,
W.: Die Stuttgarter Verhältnisse, Schaffhausen 1989; GA 259, 1991; GA 260,
5. Auflage 1994; Lüscher, A. u.a.: Rudolf Steiner und die Gründung der
Weleda, in: BGA 1997, Nr. 118/119.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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