Joseph van Leer
van Leer, Joseph Emanuel Jan

Kaufmann.

*31.10.1880 Amersfoort (Niederlande)
†02.11.1934 Baku (damals Sowjetunion)



Joseph van Leer war Holländer und als erfolgreicher Kaufmann in verschiedenen Sparten und Ländern tätig. Seitdem er im Jahre 1909 Rudolf Steiner begegnete, setzte er sich energisch für die Entfaltung der anthroposophischen Bewegung ein – insbesondere für den Aufbau der Weleda und die Finanzierung des ersten und zweiten Goetheanum-Baus.

Als Kaufmann ausgebildet, reiste van Leer vor dem Ersten Weltkrieg für Textilfirmen in Deutschland. Nach dem Krieg ließ er sich in Österreich nieder und gründete eine eigene Firma, mit der er im internationalen Holzhandel großen Erfolg hatte. Bereits seit 1911 konnte er es sich leisten, Rudolf Steiner auf seinen Vortragsreisen zu begleiten. 1916 hielt er selbst öffentliche Vorträge in den USA. In Deutschland förderte er die Dreigliederungsbewegung und half bei der Futurum-Liquidation in der Schweiz. Die anthroposophische Bewegung und Gesellschaft standen im Vordergrund seines Denkens und Handelns und es war ihm selbstverständlich, dass die Interessen seines eigenen expandierenden Unternehmens dahinter zurückzustehen hatten. Daraus entstanden ihm zeitweise wirtschaftliche Sorgen und Probleme, die auch an seiner Gesundheit zehrten.

Der öffentliche „West-Ost-Kongress“ der anthroposophischen Bewegung 1922 in Wien konnte im Wesentlichen durch van Leers großzügige finanzielle Unterstützung verwirklicht werden. Dank seiner Mithilfe bei der Organisation gewann dieser wohl größte anthroposophische Kongress zu Steiners Lebzeiten eine viel beachtete internationale Ausrichtung.

Infolge seines Rufes als erfolgreicher Geschäftsmann wurde van Leer im April 1923 in den Verwaltungsrat der internationalen Laboratorien-AG (I. L. A. G.) gewählt und im Dezember 1923 als Nachfolger von ?Ita Wegman als Präsident des Verwaltungsrates berufen. Damit vereinigte er in seiner Hand eine umfassende Vollmacht zur Leitung der Weleda, von der er auch Gebrauch zu machen wusste.

Am 2. Oktober 1923 hielt Rudolf Steiner auf Anregung von Ita Wegman einen Vortrag für Ärzte in der Wohnung van Leers in Wien. Im selben Jahr übergab Steiner Joseph van Leer ein mehrseitiges Papier mit einer kurzen und prägnanten Darstellung des „Systems der anthroposophischen Medizin“ (so genanntes „van-Leer-Papier“), damit er sich für diese „neue Medizin“ in den USA einsetzen könne. Van Leer gründete in den USA eine Niederlassung der Weleda und hatte bereits in dieser frühen Aufbauphase der Firma einen weltweiten Markt für die anthroposophischen Arzneimittel vor Augen.

Wichtige Entscheidungen in der wirtschaftlichen Führung der Weleda pflegte er nach Rücksprache mit Rudolf Steiner und Ita Wegman alleine zu treffen, ohne die Mitglieder des Verwaltungsrates einzubeziehen. In diesem Zusammenhang war er eine enge wirtschaftliche Verflechtung der Weleda mit der Einsinger Knopffabrik der Gebrüder Maier „Cornungula“ eingegangen, mit dem Ziel, dass die Knopffabrik die im Aufbau befindliche Weleda finanziell unterstützen sollte. Entgegen seinen Erwartungen geriet die Knopffabrik in finanzielle Schwierigkeiten und musste bald Konkurs anmelden, wodurch die Weleda – infolge gegenseitiger Bürgschaften – hart an den Rand des Zusammenbruchs geriet. Nicht nur van Leers eigenes Unternehmen wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen, auch gegen Ita Wegman, die sich für eine finanzielle Unterstützung des Einsinger Unternehmens in Mitgliederkreisen der Anthroposophischen Gesellschaft eingesetzt hatte, wurden Vorwürfe erhoben, die Ende der 20-er Jahre in den gesellschaftsinternen Auseinandersetzungen instrumentalisiert wurden. Nur durch größte Opfer aus seinem Privatvermögen gelang es van Leer noch vor seinem unerwartet frühen Tod 1934, alle entstandenen Schulden zu begleichen. Aufgrund dieses missglückten Engagements van Leers als allein unterschriftsberechtigter Präsident des Weleda-Verwaltungsrates forderten die übrigen Mitglieder des Verwaltungsrates im Oktober 1930 eine kollektive Führung. Daraufhin trat er von allen seinen Funktionen zurück.

In Österreich war van Leer Mitarbeiter im Landesvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft und ermöglichte finanziell das Erscheinen einer österreichischen anthroposophischen Zeitschrift.

Joseph van Leer gehörte zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Anfangszeit der anthroposophischen Bewegung und der Pionierzeit der Weleda. Rudolf Steiner hat ihm viel Vertrauen entgegengebracht. Mit großem Idealismus hatte er seine wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten für die Entfaltung der anthroposophischen Sache eingesetzt und keine persönlichen Risiken gescheut.

Auch nach seiner Enttäuschung und seinem Rückzug aus der Verantwortung für die Weleda Schweiz 1930 hat er sich weiterhin für die Anthroposophie eingesetzt. Er starb unerwartet während einer Geschäftsreise, 54-jährig.

Markus Treichler


Literatur: Dürler, E.: Joseph van Leer, in: N 1934, Nr. 45; Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Österreich: Joseph van Leer, in: N 1934, Nr. 47; Eichenberger, H.: Erinnerungen an die Kongreßtage, in: BGA 1972, Nr. 39; GA 260a, ²1987; Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988; GA 259, 1991; GA 260, 5 1994; Lüscher, A. u. a.: Rudolf Steiner und die Gründung der Weleda, in: BGA 1997, Nr. 118/119.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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