Caroline von Heydebrand
von Heydebrand, Caroline Agathe Elisabeth Ferdinande

Waldorflehrerin, Redakteurin

*22.12.1886 Breslau (damals Deutschland)
†23.08.1938 Gerswalde (Mark), Brandenburg (Deutschland)













Caroline von Heydebrand gehörte zu den herausragenden Lehrerpersönlichkeiten der ersten Stuttgarter Waldorfschule. Sie setzte sich konsequent für die neue Pädagogik ein und machte sie zu ihrer Lebensaufgabe. Seit der Gründung 1919 gehörte von Heydebrand bis 1935 als Klassenlehrerin dem Kollegium der Stuttgarter Waldorfschule an und trat zudem als Rednerin auf zahlreichen Hochschulkursen in Erscheinung. Sie gehörte zu den wenigen Menschen, deren Arbeit von Rudolf Steiner durchweg positiv beurteilt wurde. Von 1924–34 war sie nebenbei als Redakteurin der Zeitschrift „Die Freie Waldorfschule – zur Pädagogik Rudolf Steiners“ tätig. Von Heydebrand legte den ersten skizzenhaften Überblick über den Lehrplan der Waldorfschule vor und war leitend am Stuttgarter Lehrerseminar tätig.

Caroline Agathe Elisabeth Ferdinande von Heydebrand und von der Lasa kam als zweitältestes Kind von neun Geschwistern am 22. Dezember 1886 in Breslau zur Welt. Ihr Vater war dort Landrat. Sie liebte die Natur und erhielt von den weiten Wanderungen, die sie mit ihrem Onkel in der schlesischen Wäldern unternahm, unvergessliche Eindrücke. Die Familie wechselte mehrmals den Wohnsitz, bis der Vater 1900 Regierungspräsident in Osnabrück wurde. Doch schon ein Jahr später verstarb er, sodass die Mutter bald wieder nach Schlesien zurückkehren wollte, wo die meisten Verwandten und Freunde lebten.

Durch ihre außergewöhnliche Intelligenz absolvierte sie die Schule ohne jeden Aufwand. Gegen das ihrem Stande entsprechende gesellschaftliche Leben empfand Caroline schon früh eine große Abneigung und wehrte sich, als ihre Mutter versuchte, sie in Schlesien in die ihrer Herkunft entsprechenden Gesellschaftskreise einzuführen. Sie erreichte stattdessen das Zugeständnis ihrer Mutter, das Abitur ablegen zu dürfen, und machte nach Schulaufenthalten in Oppeln an der Oder und Liegnitz in Berlin ihre Prüfung. Im Jahre 1910 ging sie nach München und begann das Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Geographie. Es folgten Studiensemester in Basel, Berlin und Greifswald, wo ihre Dissertation über Novalis’ „Die Lehrlinge zu Sais“ mit „ausgezeichnet“ bewertet wurde. Während des Münchner Semesters hatte sie Rudolf Steiner kennen gelernt und beschäftigte sich auf seine Anregung hin mit Novalis. In der folgenden Zeit setzte sie sich immer intensiver mit der Anthroposophie auseinander. Sie nahm an einigen Vortragsreisen Steiners teil und spielte 1913 während der Uraufführung des vierten Mysteriendramas in München einen Gnom. Während sie einige Semester in Berlin studierte, lebte sie wie Rudolf und Marie Steiner in der Motzstraße 17.

Schon immer für das Pädagogische begeistert, trug sich Caroline von Heydebrand mit dem Gedanken, eine neue Schule zu gründen. Als im Sommer 1919 die von Emil Molt angeregte Gründung der Waldorfschule ins Auge gefasst wurde, bot sie ihre Mitwirkung an. Obwohl sie nur über wenig Unterrichtspraxis verfügte, erhielt sie den Auftrag, die fünfte Klasse, mit 47 Kindern damals die größte Klasse, im Hauptunterricht sowie in den Fremdsprachen zu unterrichten. Ihre äußerst zarte Konstitution und eine feine, hohe Stimme machten es ihr anfangs nicht leicht. Doch binnen einem halben Jahr konnte sie die Klasse für sich gewinnen. Von Heydebrand hatte eine ungemein lebendige Art zu unterrichten, sie dichtete für die Kinder Theaterstücke und vermittelte ihnen eine starke Liebe und Beziehung zur Natur. Sie konnte die anthroposophische Menschenkunde in pädagogisch-schöpferischer Art fruchtbar machen. Davon zeugen auch ihre schriftlichen Ausführungen, beispielsweise zu den Temperamenten.

Caroline von Heydebrand hielt zahlreiche Vorträge, u. a. auch bei den verschiedenen Hochschulkursen und Kongressen, die vor allem die Grundlagen der anthroposophischen Pädagogik behandelten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ihr Referat „Gegen Experimentalpsychologie und -pädagogik“, das in „Die Drei“ publiziert wurde. In einem Bericht über den Hochschulkurs in Den Haag 1922 würdigte Rudolf Steiner ihre Arbeit: „Fräulein Dr. von Heydebrand hatte [...] für das Pädagogische zu sprechen. Sie ist eine geborene Pädagogin. Die pädagogische Sendung lebt in jedem ihrer Sätze, wie sie lebt in den Maßnahmen in der Stuttgarter Waldorfschule. Ihr Fundament ist anthroposophische Menschen-Erkenntnis, ihr Wirkungsimpuls von Einsicht getragene Menschen- und namentlich Kinderliebe. Man hört es auch ihren Vorträgen an, dass die Kinder sie lieben müssen. Mir scheint, verständige Zuhörer müssten bei ihr den Gedanken haben: Von dieser möchte ich meine Kinder erzogen und unterrichtet haben.“ (G 1921/22, Nr. 39) Caroline von Heydebrand gehörte dem siebenköpfigen Leitungsgremium der Stuttgarter Waldorfschule an und setzte sich darüber hinaus für die Entfaltung der Waldorfpädagogik in Holland und England ein.

Der Tod Rudolf Steiners brachte einen noch ernsteren und bedingungsloseren Einsatz für die pädagogischen Aufgaben mit sich. Von Heydebrand ging fast vollständig darin auf und pflegte – wie in der damaligen Pionierzeit ohnedies üblich – nahezu kein Privatleben. Ab 1924 übernahm sie die Schriftleitung der Zeitschrift „Zur Pädagogik Rudolf Steiners“, später „Erziehungskunst“, die sie bis 1934 innehatte. Auf ihre Initiative geht das erste Lesebuch für die unteren Klassen, „Der Sonne Licht“, zurück, das sie im Einvernehmen mit Rudolf Steiner zusammenstellte. Ebenso das Lesebuch zur biblischen Geschichte, „Und Gott sprach“, das sie zusammen mit Ernst Uehli herausgab.

Die Ergebnisse ihrer pädagogischen Arbeit konnte von Heydebrand nicht mehr, wie geplant, in einer umfassenden menschenkundlichen Darstellung zusammenfassen. Einen Teil der angelegten Arbeit gab Maria Röschl nach ihrem Tode unter dem Titel „Vom Seelenleben des Kindes“ heraus.

1935, als die Repressionen durch das NS-Regime und auch die Auseinandersetzungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft die Arbeit der Schule bereits spürbar erschwerten, schied sie aus dem Stuttgarter Kollegium aus und engagierte sich – wie bereits in den 20er-Jahren – durch Vorträge, Seminare und Epochen für die Entwicklung der Waldorfpädagogik in Holland und England.

1938 verpasste sie, von dem Besuch einer Megalith-Kultstätte in England zurückkehrend, den Bus und musste einen langen Fußweg zurücklegen. Dabei zog sie sich eine nicht mehr auszuheilende Schwächung ihrer Konstitution und eine Typhusinfektion zu. Sie unternahm dennoch eine Reise nach Deutschland, um sich in Gerswalde, dem von Franz Löffler geleiteten heilpädagogischen Institut in der Mark Brandenburg, zu erholen. Dort starb sie nach einer kurzen Krankheitszeit am 23. August 1938.

Christiane Haid


Werke: Gegen Experimentalpsychologie und -pädagogik, Stuttgart 1921;
Das Kind beim Malen, Stuttgart 1926, 5 1988; Rudolf Steiner in der
Waldorfschule, Stuttgart 1927; Vom Spielen des Kindes, Stuttgart 1927,
(5)1988; als Herausgeberin: Der Sonne Licht, Stuttgart 1928,(16)1992; Das
kleine Kind, Stuttgart 1930; als Herausgeberin mit Uehli, E.: „Und Gott
sprach“, Stuttgart 1930,(2)1987; Vom Lehrplan der Freien Waldorfschule,
Stuttgart 1931,(9)1990; Vom Seelenleben des Kindes, Stuttgart 1939,
später: Vom Seelenwesen des Kindes,(11)1991; Kindheit und Schicksal,
Stuttgart 1958; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische,
Italienische, Spanische, Portugiesische, Niederländische, Dänische,
Russische, Tschechische und Japanische erschienen; zahlreiche Beiträge in
ZP, EK, weitere in A, AB, AGB, BdM, BP, CH, DD, EaA, FW, G, Msch, N, Na,
PA, VOp, WdN.
Literatur: Steiner, R.: Meine holländische und englische Reise, in: G
1921/22, Nr. 39; Heydebrand, E. und W. von: Aus Caroline von Heydebrands
Jugend und späterem Leben, Mellinger, B.: Caroline von Heydebrand, Stein,
W. J.: Persönliche Erinnerung, in: MPK 1950, Nr. 1; Hahn, H.: Caroline von
Heydebrand – zum 14. Todestag, in: MaD 1952, Nr. 21; Lehrs-Röschl, M.:
Caroline von Heydebrand, in: MaD 1956, Nr. 38; Hagemann, E.:
Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Tautz, J.:
Caroline von Heydebrand, in: MaD 1976, Nr. 118; Tautz, J. u.a.: Caroline
von Heydebrand, in: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977;
Siegloch, M. u.a.: Zur 100. Wiederkehr des Geburtstages von Caroline von
Heydebrand, in: MaD 1986, Nr. 158; Jünemann, M. u.a.: Zum 100.
Geburtstag, in: Leh 1987, Nr. 33; Schöffler 1987; Deimann 1987; Lindenberg
Chronik 1988.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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