Kurt Hendewerk
Hendewerk, Kurt

Schauspieler.

*29.06.1900 Rawitsch/Provinz Posen (damals Deutschland)
†13.08.1975 Arlesheim (Schweiz)



















Einer der markantesten Sprecher und Schauspieler der Goetheanum-Bühne und zugleich ein kompromissloser Repräsentant spiritueller Praxis in den darstellenden Künsten war Kurt Hendewerk.

Wie so viele aus dem Künstlerkreis um Rudolf Steiner und Marie Steiner stammte Kurt Hendewerk aus dem Osten Europas. In Rawitsch, einer kleinen Landstadt der früheren Provinz Posen im heutigen Polen, wurde er geboren. Er war der jüngste von zwölf Geschwistern, der Vater, eine ernste, gütige Gelehrtennatur, war Gymnasialprofessor, die Mutter, jüdischer Herkunft, klein und zart, aber quicklebendig und fantasievoll. Der Vater starb, als der Knabe zehn Jahre alt war. Die Mutter zog mit den noch unselbstständigen jüngeren Kindern nach Berlin, wo Kurt Hendewerk das humanistische Gymnasium bis zum Abitur besuchte. Es waren die schweren Jahre des Ersten Weltkrieges, in dem zwei seiner Brüder gefallen sind. Er selbst diente noch kurz in einem berittenen Jägerregiment. Nach dem Krieg half er in der Landwirtschaft, besuchte die Technische Hochschule in Berlin und arbeitete anschließend in der Maschinenfabrik von Borsig.

Durch seine älteste Schwester kam er in Berlin in Berührung mit der Anthroposophie und wurde 1923 Mitglied der gerade begründeten „Freien Anthroposophischen

Gesellschaft“. Er begegnete den „Haaß-Berkow-Spielen“ und wirkte bei einer Aufführung des Redentiner Osterspiels mit. Die Schauspieler der Gruppe um Gottfried Haaß-Berkow waren bereits im April 1921 an das erste Goetheanum gekommen und hatten von Rudolf Steiner Anregungen für ihre Arbeit erhalten. Hendewerk stieß dazu, als sie sich im September 1924 gerade aufmachten, zum „Kurs für Sprachgestaltung und dramatische Darstellungskunst“ (GA 282) nach Dornach zu fahren. Er hatte im Gegensatz zu anderen Teilnehmern weder eine Schauspielschulung durchgemacht noch Bühnenerfahrung gehabt. Ganz unvoreingenommen nahm er Rudolf Steiners Ausführungen und Marie Steiners Rezitationen auf. Alles war für den 23-Jährigen Neuland. Als die jungen Schauspieler gegen Ende des Aufenthaltes Rudolf Steiner einiges aus ihren Rollen vorsprachen, sagte er zu ihnen: „Wenn Sie ein Jahr gründlich sprachlich arbeiten und im nächsten Sommer wiederkommen, werde ich mich freuen, ein Stück mit Ihnen einzustudieren.“ (Redlich 1981, S. 18) Es sollte nicht mehr dazu kommen.

Für kurze Zeit kehrte Hendewerk mit den anderen in den Bühnenbetrieb zurück, um erstmals Abend für Abend auf der Bühne zu stehen und unter der verständnisvollen und weitgehend freilassenden Leitung von Gottfried Haaß-Berkow erste Erfahrungen zu sammeln. Manche bleibende Freundschaft knüpfte sich hier. Gertrud Redlich, seine um sieben Jahre ältere, in allen künstlerischen Belangen ihm eng verbundene Wegbegleiterin, gehörte schon früh zum Kern von Haaß-Berkows Spielergruppe. Sie hatte aus ihrem subtilen Empfinden für sprachliche Formen sofort Marie Steiners Größe erkannt und Hendewerks Aufmerksamkeit auf ihr ungewöhnliches Künstlertum gelenkt.

1926 begann Marie Steiner in größerem Umfang ihre sprachliche und dramatische Arbeit. Um bei der Eröffnung des zweiten Goetheanum 1928 die beiden Mysteriendramen „Die Pforte der Einweihung“ und „Die Prüfung der Seele“ zu spielen, galt es ein Ensemble zu bilden. Hendewerk wurde in diese Arbeit aufgenommen. Für die ganze Gemeinschaft, die sich bildete, begann jetzt die Zeit des Aufbruchs in völlig neue Bereiche der darstellenden Künste. Die Schauspieler waren zwar vollgültige Mitarbeiter Marie Steiners, ebenso waren sie aber auch für die nächsten 20 Jahre ihre Schüler – und es war eine strenge Schule! Sie ging ganz von den musikalischen und bildhaft-plastischen Formkräften des Wortes aus und begann diese rein sprachliche Schulung mit Sprechchören. Kurt Hendewerk stand wohl anfänglich zurückhaltend in der zweiten Reihe, bis sie nach kurzer Zeit seine Begabung erkannte und ihn zum Anführer des Chores machte – er blieb es durch die folgenden Jahrzehnte. Der Sprechchor als Schulungsinstrument für alle Goetheanum-Schauspieler entwickelte sich rasch und ganz unerwartet zu einem Kulturfaktor, der auf wochen-, ja monatelangen Reisen europaweit in den großen Häusern gastierte.

In den Mysteriendramen war Hendewerks erste Aufgabe die „Stimme des Gewissens“ und schließlich spielte er seine geliebteste Rolle, den „Professor Capesius“. Die ersten großen Szenen des „Faust“ wurden einstudiert, zusammen mit Goethes „Pandora“. Es folgten die Dramen von Albert Steffen und die Klassiker: Schillers „Braut von Messina“, „Die Jungfrau von Orleans“, „Maria Stuart“ und als letztes Goethes „Iphigenie“. In allen hatte er die großen tragenden Rollen zu verkörpern, stand Marie Steiner in der Regie zur Seite und leitete die Proben, die ohne sie stattfanden. Der „Faust“ wurde 1938 vollendet und fand seine ungekürzte Welturaufführung in beiden Teilen durch das Goetheanum-Ensemble. Wie Hendewerk als Faust den Erdgeist beschwörte, wie er das Buch des Nostradamus las oder den Giftbecher vom Regal nahm, wie er den Pudel erst heranlockte, dann zurückwies oder wie der erblindete, 100-jährige Faust sich an der Wand entlangtastete – Hendewerk als Faust prägte sich dem Zuschauer unauslöschlich ein.

„Als Frau Dr. Steiner sich aus ihrer Arbeit zurückzog, übergab sie ihm noch vor ihrem Tode (1948) die Verantwortung für alles von ihr Einstudierte [...] In Zeiten schwerster Lebenskrisen äußerer und innerer Art war es weitgehend nur ihm, seinem selbstlosen, menschenverbindenden, immer vermittelnden Wesen, seinem eisernen Willen zu verdanken, dass die Schauspielgruppe als Einheit weiter bestehen blieb.“ (Redlich 1981, S. 19)

Kurt Hendewerk war zwar einer der Sterne, zu denen Kollegen und Schüler aufblickten, lebte aber in größter Anspruchslosigkeit. In dem schlichten Holzhaus „Haldeck“, das Marie Steiner für ihre Bühnenleute einrichten ließ, sah man ihn täglich mit Kollegen und Schülern die einfachen Mahlzeiten einnehmen. Hier wohnte er auch in seinem kleinen Stübchen, gab Privatunterricht, übte und studierte. Er übte gern und unermüdlich Sprachgestaltung, seine absolute Hingabe an das Wort war ernst und religiös. Die Kollegen schätzten sein Künstlertum, sie nahmen seine Korrekturen und Anregungen gern entgegen und es war erstaunlich, welch harmonische und zauberhafte Gestalten unter seiner Führung aus jungen, begabten Eleven zum Vorschein kamen. Im Unterricht in der kleinen Schule für Sprachgestaltung war er ein temperamentvoller und konsequenter Kunst- und Menschenerzieher. Die Eurythmisten liebten ihn besonders, denn sie konnten sich durch seinen weiten, freien Atem getragen fühlen.

Trotz oder gerade wegen seiner großen Leistungen bewegten Hendewerk Sorgen im Blick auf die Zukunft: Wie sollte es weitergehen? Konnte das Erreichte überhaupt erhalten, ja weiterentwickelt werden? Wie kann eine moderne esoterische Haltung die Arbeit des Schauspielers bestimmen und in seiner Darstellung frei und unprätentiös zum Ausdruck kommen? Ihm war wohl bewusst, dass der „Dramatische Kurs“ als Modell der Schauspielerschulung noch kaum in Angriff genommen war.

Einer von Hendewerks Lieblingsdichtern war Conrad Ferdinand Meyer. Seine Natur- und Berggedichte im Sinn, hat er in jüngeren Jahren manchen Viertausender der Schweizer Alpen erstiegen. Mit der größten Sehnsucht fuhr er in seinen letzten Lebenstagen noch ins Engadin, um dann zu sterben. Im „Dramatischen Kurs“ heißt es: „Die Wahrheit in der Natur leuchtet dem Geiste entgegen; aus der Wahrheit in der Kunst leuchtet der Geist heraus.“(GA 282, 1981, S. 180)

Jörg v. Kralik


Werke: Unser Weg zur Sprache, in: Götte, F., v. Grone, J. [Hrsg.]:
Gedenkblatt für Marie Steiner, Stuttgart 1949; Beiträge in G, MaB, N.
Literatur: Vorstand am Goetheanum: Zum Hingang von Kurt Hendewerk, in:
N 1975, Nr. 34; von Baltz, K.: Für Kurt Hendewerk, Schuster, V.: Zum Tod des
Schauspielers Kurt Hendewerk, in: N 1975, Nr. 42; Biesantz, H.: Kurt
Hendewerk, in: N 1975, Nr. 52; Hammacher, W.: Kurt Hendewerk, in: MaD
1976, Nr. 116 und in: MaB 1976, Nr. 60; Redlich, G.: Kurt Hendewerk zum
Gedenken, in: RRM 1981, Nr. 11; Schöffler 1987.
Albrecht, Beatrice: "Wegbereiter. Anfänge und Verbreitung des
Sprachimpulses von Marie Steiner in 48 Kurzbiografien", Zürich




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