Julius Hebing
Hebing, Julius

Kunstmaler.

*14.01.1891 München (Deutschland)
†20.08.1973 Murrhardt (Deutschland)





Julius Hebing war Maler und Forscher auf dem Gebiete der Goethe´schen und Steiner´schen Farbenlehre. Aus seiner schriftstellerischen Tätigkeit ragen „Welt – Farbe – Mensch“ und „Lebenskreise – Farbenkreise“ heraus.

Der Vater von Julius Hebing war Dekorations- und Kirchenmaler, später als Experte für malerische Techniken beim Callwey-Verlag tätig. In wunderbarer Weise hat der Maler später in seinen Erinnerungen die ersten malerischen Eindrücke beschrieben, welche er als Kind vom Vater empfangen hat. Das freie Spiel fließender Farbe, wie es z. B. beim so genannten „Marmorieren“ auftritt, hat er viel später in verwandelter Form in der Lasurmalerei für die Waldorfschulen aufgegriffen.

Die Leidensjahre eines Malerlehrlings, streng eingebunden in die alten handwerklichen Regeln und oft der Willkür eines Meisters ausgesetzt, verbringt er in Oberbayern. Eine Gesellenwanderung führt ihn in die Schweiz und nach Oberitalien, bis an den Comer See. 1909, in St. Gallen, nimmt diese Wanderung jählings ein Ende durch eine lebensbedrohende Blinddarmentzündung, die er aber glücklich übersteht, obwohl die Ärzte ihn bereits aufgegeben hatten. In der Rekonvaleszenz beschäftigt er sich mit Leben und Werk von Hans Thoma, der – Malergeselle wie er – sich zum Kunstmaler herangebildet hatte, ihm eifert er nach. Im Winter 1911/12 besucht er erstmalig eine Kunstschule, die Westernriederschule in München, ein Jahr später eine andere private Kunstschule. Der Art und Weise, wie man damals nach Gipsabgüssen und präparierten Tieren zeichnete und malte, kann er nicht viel abgewinnen.

Der junge Maler wird am 4. August 1914 mit etwa 1.000 anderen jungen Leuten im Münchener Löwenbräukeller eingezogen. Damit wurde das bisherige Leben wie ausgelöscht. Er erlebt den nun einsetzenden Drill und die furchtbaren Grabenkämpfe als ein ohnmächtiges Ausgeliefertsein und eine menschenunwürdige Rechtlosigkeit. Aber gleichzeitig widerfährt ihm auch durch einen Offizier das Privileg, mitten in diesem Chaos zeichnen und malen zu dürfen. Die Hölle von Arras überlebt er als einer der ganz wenigen seiner 200 Mann starken Einheit. In einem Schutthaufen findet er ein Büchlein von Schopenhauer: „Aphorismen zur Lebensweisheit“. Das Interesse für Philosophie erwacht.

1916 erfolgt ein totaler gesundheitlicher Zusammenbruch. Mehrere Lazarett- und Genesungsaufenthalte schließen sich an, in denen er sich künstlerisch weiterbildet. 1917 kommt er in die bayerische Heimat zurück. Die seelischen und physischen Schäden seiner Kriegserlebnisse verfolgen ihn jahrzehntelang. Schrittweise weitet sich sein Horizont für die Kunst. An einem Bild von Lovis Corinth, „Apostel Paulus“, tritt ihm zum ersten Mal das Wesen der Kunst als Ausdruck einer höheren Wahrheit entgegen, welche weit über den einzelnen Künstler hinausweist. In der Nachkriegszeit hat er sich vor allem an der Natur herangebildet, sie bleibt für lange Zeit seine Lehrmeisterin. Erste Erfolge stellen sich in der damaligen Schwabinger Kunstszene ein. Er avanciert zu einem anerkannten Landschaftsmaler.

Gleichzeitig ist er aber immer wieder genötigt, sich mit handwerklichen Malerarbeiten über Wasser zu halten. Im Winter 1922/23 flüchtet er nach Berlin. Er kopiert im Auftrag alte Meister, wird aber von gewissenlosen Kunsthändlern ausgenutzt. Über eine Plakatankündigung zu zwei Vorträgen im Februar 1925, „Von Laotse zu Christus“, „Von Buddha zu Christus“, entdeckt er über die Christengemeinschaft die Anthroposophie. Emil Bock schenkt dem mittellosen Maler eine Freikarte. Insbesondere der Vortrag von Friedrich Rittelmeyer gab ihm die Gewissheit, dass er etwas von jener geistigen Heimat gefunden hatte, nach der er schon lange Ausschau hielt. 1926 ist ihm aus seiner 1916 geschlossenen ersten Ehe mit Anna Dietl ein Sohn, Johannes, geboren.

Sein Schicksal nimmt eine glückliche Wendung, als er über einen Direktor der Deutschen Bank den Auftrag bekommt, zwölf deutsche Städtebilder für deren Erholungsheim im Teutoburger Wald zu malen. Im Herbst 1930 ist dieser Auftrag abgeschlossen.

Etwas früher, am 27. Februar 1930, wird er in Berlin Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. 1932 bekommt er über den Räumen der Berliner Gesellschaft ein Atelier im Dachgeschoss und gibt dort Kurse in Malen und Farbenlehre. Hier unterrichtet er auch einige Schüler in einem traditionellen Meister-Schüler-Verhältnis. Viele namhafte Künstler wie Walther Roggenkamp oder Felix Goll u. a. sind so durch ihn an die Kunst herangeführt worden. Nach dem Verbot 1935 waren seine Farbenlehre-Kurse ein Sammelpunkt der Gesellschaft. Sonntags macht er über viele Jahre hinweg Führungen durch die Berliner Museen, regt andere Menschen an, die Welt der Kunst zu erfahren.

1934 hat er erstmals Gelegenheit, die Essenz seiner ersten Farbenlehre-Studien mit 50 Farbtafeln am Goetheanum auszustellen und stößt auf großes Interesse seitens der Künstler und Physiker. Albert Steffen spricht von einem „schöpferischen Sturm“, welchen diese Bilder in seiner Seele erregen. Die „Farbenbriefe“, phänomenologische Anleitungen zur Farbenlehre und zum Malen, entstehen, an deren Zustandekommen manche seiner Schüler und seine spätere Lebensgefährtin, Eva Schuchhardt (Heirat 1935), eifrig mitwirken.

Der immer näher rückenden Bedrohung des Bombenkrieges in Berlin entgehen beide, indem sie 1943 auf die Ehrentrudisalm bei Salzburg ziehen. Dort entstehen viele Landschaftsstudien in Pastell, in denen er die Ergebnisse seiner Farbenlehre-Studien praktisch verarbeitet.

Nach dem Kriege – sein Atelier und viele seiner Bilder sind in Berlin vernichtet worden – findet er an der Eurythmieschule von Else Klink in Köngen ein neues Betätigungsfeld. Eva Hebing ist dort als Sprachgestalterin tätig. Von dort führt beide der Weg nach Stuttgart, wo er am Lehrerseminar der Waldorfschulen und sie als Sprachgestalterin am Priesterseminar unterrichtet. Jetzt beginnt eine segensreiche Tätigkeit, bei der er seine immensen Erfahrungen mit der Welt der Farben der aufkeimenden Waldorfschulbewegung zur Verfügung stellt.

Im Winter 1949/50 ruft ihn die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung nach Dornach zu der ersten Restaurierung der Farbskizzen von Rudolf Steiner.

Von 1952–63 leitet er die künstlerisch-pädagogischen Fachtagungen, welche vor allem in Ulm stattfanden, bei denen die zeichnerischen und malerischen Probleme aller Altersstufen behandelt wurden. Immer kommt es ihm dabei darauf an, dass die im Umgang mit der Farbe tätigen Lehrer vom malerischen „Wie“ ausgehen. Viele Junglehrer haben sich dort in Zusammenarbeit mit älteren und erfahrenen Kollegen wie Karl Auer, Hilde Berthold, Margrit Jünemann und Fritz Weitmann mit wichtigen malerischen Fragen beschäftigt und unter dem sachlich strengen Element des „Meisters“ an der Farbenlehre weitergebildet.

Als diese reiche Arbeit in Stuttgart zu Ende ging, zog er sich mit Eva Hebing 1963 in die wunderbare Landschaft oberhalb des Genfer Sees bei Montreux in der Schweiz zurück. In dem von Rudolf Kutzli begründeten Waldorfschulinternat gewährte man ihm ein weiträumiges Domizil in dem ehemaligen Jugendstil-Hotel. Julius Hebing versuchte nun so viel wie möglich von den gewaltigen Zukunftsperspektiven seiner Lebensarbeit zu „Welt – Farbe – Mensch“ zusammenzufassen. „Lebenskreise – Farbenkreise. Aus den Tagebüchern des Malers“, sein viel zu wenig bekanntes Erinnerungsbuch eines reichen Malerlebens, entsteht.

Vieles, was ihm in seinem Lebenswerk noch wichtig erschien, muss er dann bei einsetzender Krankheit, Ende der 60er-Jahre, unvollendet liegen lassen.

Seine letzten Lebensjahre verbringt er mit seiner Frau Eva im Altersheim der Christengemeinschaft in Murrhardt. Am 28. August 1973 stirbt Julius Hebing.

Sein Werk wird von der Forschungsstelle beim Bund der Waldorfschulen in Stuttgart betreut und von Zeit zu Zeit sind diese Kostbarkeiten einer großen Öffentlichkeit zugänglich.

Heinz Georg Häußler


Werke: Briefe zur Farbenlehre, Hefte I–XV, Berlin 1937–39; Zum Geleit, in:
Steffens, H.: Über die Bedeutung der Farben, Berlin 1937; Welt, Farbe und
Mensch, Stuttgart 1950–56, ²1983; Nachwort, in: Runge, Ph. O.: Die
Farbenkugel, Stuttgart 1959; Lebenskreise – Farbenkreise. Aus den
Tagebüchern des Malers, Stuttgart 1969; Beiträge in EK, HR, MaD, N.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o. O. 1970; Weißert, E.: Julius Hebing, in: MaD 1973, Nr. 106; ders.: Ein
Leben im Dienst der Farbe, in: EK 1973, Nr. 9; ders.: Im Dienste der
Farbenlehre. Julius Hebing, in: DD 1973, Nr. 9; Redaktion: Zum 100.
Geburtstag von Julius Hebing, in: Leh 1991, Nr. 41.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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