Gottfried Husemann
Husemann, Gottfried

Mitbegründer der Christengemeinschaft.

*18.04.1900 Blasheim / Westfalen (Deutschland)
†19.05.1972 Arlesheim (Schweiz)



Gottfried Husemann war maßgeblich an der Gründung der Christengemeinschaft, an der Ausgestaltung und Fundierung ihrer Arbeit beteiligt; besonders nachhaltig prägend wirkte er im Rahmen seiner jahrzehntelangen Leitung des Priesterseminars in Stuttgart.

Er wurde am 18. April 1900 in der Nähe von Herford als erster Sohn in der zweiten Ehe seines Vaters geboren. Der Vater war evangelischer Pfarrer, seine Mutter stammte von spanischen Hugenotten ab. In großer Geschwisterschar wuchs der Knabe heran. Das Kind brachte von vornherein hellseherische Fähigkeiten in das Leben mit. Bis zum Abitur 1918 besuchte er das Internat der Fürstenschule Schulpforta bei Naumburg.

Im Herbst 1918 musste er noch einige Wochen Militärdienst in Belgien leisten und über das Kriegsende hinaus in Stolp/Pommern. Er begann ein Theologiestudium in Halle, setzte es in Tübingen fort, wollte es aber abbrechen. Er erlebte mit Erschütterung, dass die Universität nach dem Krieg einfach so weiterlief, als sei nichts geschehen. Sein ältester Bruder, Friedrich Husemann, nahm ihn im Herbst 1920 zum ersten anthroposophischen Hochschulkurs (GA 322) zur Eröffnung des ersten Goetheanum nach Dornach mit. Aufgrund dieser Erfahrungen – er hatte inzwischen Kontakt mit der anthroposophischen Studentengruppe aufgenommen – kündigte er in Tübingen einen öffentlichen Vortrag mit dem Thema „Die Schuld der deutschen Universitäten am Untergang des Abendlandes“ an. Der Saal war übervoll, auch ein großer Teil der Professoren erschien; die Zeitung berichtete von einer „recht stürmischen Versammlung“. Die Folge: Er musste Tübingen verlassen und studierte, von Eugen Kolisko begeistert, in Stuttgart Chemie.

Im Mai 1921 formulierte er die entscheidende schriftliche Eingabe an Rudolf Steiner, die drei Wochen später zum ersten Theologenkurs (GA 342) führte. Vom ersten Augenblick an war er initiativ an allen Schritten zur Gründung der Christengemeinschaft beteiligt. Noch studierte er Chemie – jetzt wieder in Tübingen –, aber bereits ab Mai 1922 versuchte er in Köln eine Gemeinde zu sammeln. Am 17. September 1922 wurde er zum Priester geweiht. Schon 1920 war er 19-jährig in Stuttgart Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden.

Im Herbst 1924, anlässlich des Apokalypsekurses (GA 346) und des Pastoral-Medizinischen Kurses (GA 318) in Dornach, wurde er Mitglied der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und erlebte deren Klassenstunden.

Von 1922–31 währten die Bemühungen, in Köln eine Gemeinde zu gründen. Auch wirkte er dort in der Waldorfschule „Neuwachtschule“ mit, die allerdings bald wieder schließen musste. Ständig litt er unter körperlichen Schwächen, die ein Wirken, wie er es sich vorstellte, behinderten. Schließlich musste er für Monate pausieren (1927). Im Jahre 1929 wurde er zum Lenker im westdeutschen Gebiet berufen, 1931 nach Stuttgart zur Leitung des Priesterseminars. Er heiratete im selben Jahr Luba Möhle, die später auch Priesterin wurde.

Als 1933 der Bau des Seminars eingeweiht werden konnte, gab es gleichzeitig schwierige Auseinandersetzungen im Priesterkreis. Gertrud Spörri musste ausgeschlossen werden. Es begann nicht nur durch das Nazi-Regime von außen, sondern auch im geschlossenen Kreis eine Zeit der Krisen. 1933 war Husemann zum stellvertretenden Oberlenker berufen worden; 1936 wurde er voll bestätigt und nahm neben Friedrich Rittelmeyer und Emil Bock eine maßgebliche Stellung in der Leitung der Christengemeinschaft ein.

Friedrich Rittelmeyer starb 1938 und das schon seit Jahren drohende Verbot der Christengemeinschaft durch die Nazis wurde am 9. Juni 1941 wirksam. Fünf Wochen war Husemann im Gefängnis. Dann konnte er ein Medizinstudium beginnen und bis zum Physikum bringen. Bis zum Kriegsende half er in der Chirurgie eines Krankenhauses in Stuttgart.

Anschließend begann die wohl aktivste Zeit in seinem Wirken. Die große Stuttgarter Gemeinde wurde neu versammelt, der Studiengang des Priesterseminars wieder aufgenommen und neu gestaltet, Synoden und Tagungen veranstaltet – in allem wirkte er trotz aller Gegensätzlichkeit zusammen mit Emil Bock wie auch in den Aktivitäten zur Neugestaltung der anthroposophischen Arbeit, besonders ihrer Jugendarbeit in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. 1953 konnte das neue Seminarhaus der Christengemeinschaft eingeweiht werden.

Unablässig war er tätig, aber auch immer wieder geschwächt und kränklich, unzufrieden mit dem, was er selbst zu leisten vermochte, unzufrieden mit seinen Pfarrerkollegen, seinen anthroposophischen Freunden. Als Emil Bock 1959 starb, steigerten sich die Schwierigkeiten. Eine Südamerikareise brachte nicht genügend Abstand. Zwei Operationen halfen eine tödliche Krise abzuwenden. Noch zehn weitere Jahre musste der „Feuermensch“ mit der „intuitiven Beurteilungsgabe“ und einer „beherrschenden Anspruchsnatur“ – wie der jüngere Bruder es formulierte – die komplexen äußeren und inneren Verhältnisse ertragen, bis er am 19. Mai 1972 starb.

War er nach außen hin in erster Linie weder ein Vortragender noch ein Schreibender, so ist seine überragende Begeisterung, für das Priestertum zu wirken, unvergessen – vor allem bei seinen Schülern. In ihm lebte der entschiedene Wille, aus der geistigen Welt zu wirken. Dieser esoterische Impuls ging merklich für jeden, der ihm näher kam, von ihm aus und konnte durch ihn weitergegeben werden. In vielen Beiträgen hat er in der Priesterschaft diese durchdringenden Impulse, die in ihm lebendig waren, zum Ausdruck gebracht; so war er prädestiniert – Friedrich Rittelmeyer erkannte das früh und setzte sich dafür ein –, bereits als 31-Jähriger die Leitung des Priesterseminars zu übernehmen. In der Arbeit mit den künftigen Priestern, in dem Aufbau und der Ausgestaltung der Kurse des Seminars fand er seine eigentliche Aufgabe: den esoterischen Impuls als sich immer erneuernde Zukunftskraft für die fortdauernde Gründung der Christengemeinschaft lebendig zu halten und weiterzugeben. Generationen von Priestern hat er so in das Priestertum eingeführt. Oft genug erschien er als Garant eines wesentlichen Teils des spirituellen Auftrags der Christengemeinschaft.

Dem widerspricht nicht, dass in der Zusammenarbeit und im persönlichen Umgang mit Gottfried Husemann viele Auseinandersetzungen, kaum beschreibbare Spannungen und Verletzungen entstanden. Wenn sich Husemann im Bereich der christlich-geistigen Motive bewegte, konnte das in ihm brennende Feuer Begeisterung, Verständnis und Engagement für die Qualität und Aufgaben wecken, denen die Christengemeinschaft in einer und die Anthroposophie in anderer Weise verpflichtet sind. Dasselbe in ihm lodernde Feuer aber konnte auch brennen und verbrennen, wenn er die von ihm als richtig erkannten Impulse im anderen Menschen nicht glaubte wiederfinden zu können; wenn sie ihm in einer Art begegneten, die er nicht zu begreifen vermochte.

„Er ging mit den Inhalten anthroposophischer Erkenntnisse priesterlich um; es war nicht so, dass er sie einfach verkündete – seine großartige Begabung bestand darin, dass er die einfachsten Dinge der alltäglichen Erfahrung so auffassen konnte, dass das Geistige aus ihnen selbst hervorging, oft durchleuchtet von goldenem Humor. Dieses esoterische Element war immer getragen von einem Menschen, dessen Geistesschülerschaft meditativ aufgebaut war, und zwar so, dass sie zu wachster Geistesgegenwart führte.“ (Benesch 1972, S. 214)

Rudolf F. Gädeke/Hans-Werner Schroeder


Werke: als Übersetzer: Das Markus-Evangelium, o. A.; Die Begründung der Christengemeinschaft, in: Beltle, E., Vierl, K. [Hrsg.]: Erinnerungen an Rudolf Steiner, Stuttgart 1979; zahlreiche Beiträge in CH, weitere in Ent, MaD.
Literatur: Weißert, E.: Gottfried Husemann zum Gruße anläßlich seines 70. Geburtstags, in: MaD 1970, Nr. 92; Meyer, R., Sydow, J., Benesch, F.: Gottfried Husemann, in: CH 1972, Nr. 7; Wistinghausen, K. v.: Gottfried Husemann, in: MaD 1972, Nr. 101; Thiersch, H.: In memoriam Gottfried Husemann, in: MaB 1973, Nr. 54; Schroeder, H.-W.: Im Gedenken an Gottfried Husemann, in: CH 1982, Nr. 9; Schöffler 1987; Gehlhaar, S.: Die Christengemeinschaft 1924–1945, Darmstadt 1992, Gädeke, R. F.: Die Gründer der Christengemeinschaft, Dornach 1992.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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