Friedrich Husemann
Husemann, Friedrich

Arzt, Psychiater.

*13.06.1887 Blasheim /Westfalen (Deutschland)
†08.06.1959 Wiesneck (Deutschland)







Friedrich Husemann wurde als Sohn eines Landpfarrers in Blasheim bei Herford in Westfalen geboren. Die Mutter starb nach wenigen Jahren und der Vater heiratete die Schwester der Verstorbenen. Friedrich war der älteste einer großen Geschwisterschar, die zu ihm aufsah und ihn bewunderte. Nach dem Abitur wollte er zunächst wie sein Vater Theologie studieren, sattelte dann aber auf Medizin um. Im Sommersemester 1908 war er in Freiburg und wanderte einmal mit seinen Kommilitonen in den Schwarzwald. Sie rasteten im Dreisamtal und sahen dort, wie die Ruine Wiesneck auf einer Waldzunge in die grüne Ebene vorgreift. Da dachte der 21-Jährige bei sich: „Hier ist ein Fleck voller Friede, hier ließe es sich gut sein.“ (Geiger, 1959) An dieser Stelle begründete er dann 22 Jahre später das Sanatorium Wiesneck, das nach seinem Tode den Namen Friedrich-Husemann-Klinik erhielt. 1909 begegnete er in Genf der Theosophie und bald darauf in Berlin Rudolf Steiner: „Das nächste war die ,Philosophie der Freiheit’, sie erweckte meine Begeisterung.“ (Husemann, F.: Kindheit und Jugend, in: MaD 1957, Nr. 40) In kurzer Zeit arbeitete er sich in die Grundschriften Rudolf Steiners ein und wenige Monate später hielt der Student in Bielefeld seinen ersten anthroposophischen Vortrag zu dem Thema: „Das Ich als Arzt“. Das Manuskript blieb erhalten (Husemann, F., in: BeH 1974, Nr. 6). Wir begegnen einer klaren Sprache, die mit einfachen Beispielen aus dem täglichen Leben überzeugt. Zeitgenössische Ansichten werden sinnvoll in den Gedankenfluss eingeordnet. In reifer und abgeklärter Weise entwickelt sich das Konzept einer vom Ich impulsierten Hygiene. Man versteht als heutiger Leser unmittelbar, wie dieser Mann als Lehrer, Vortragender und Schriftsteller die Anthroposophie souverän vertreten konnte. So war es ganz selbstverständlich, dass Husemann zusammen mit anderen Pionieren bei den ersten anthroposophischen Hochschulkursen von 1920–22 regelmäßig als Redner auftrat.

Er hat später einmal seinen Impuls so formuliert, dass er versucht habe, die anthroposophische Medizin lehrbar und lernbar zu machen. Und das war es auch, was er konnte. Sein erstes Buch über „Goethe und die Heilkunst“ schildert die Entwicklung der alten Medizin bis hin zu Goethe und führt dessen Impulse dann weiter bis zu Rudolf Steiner. Es wird dem Leser ganz selbstverständlich, dass jener Lebensstrom so hat verlaufen müssen, und dass Goethe und Rudolf Steiner noch nicht allgemein anerkannt sind, empfindet er nur als vorübergehendes Hemmnis, wenn er die in der geschichtlichen Entwicklung selbst liegende Richtung erfasst hat. Ebenso einleuchtend das zweite Buch: „Vom Bild und Sinn des Todes“, wo der Autor schon im Vorwort feststellt, dass „je weiter man zurückgeht, der Tod den Menschen immer weniger rätselhaft erscheint“, und dadurch in dem Lesenden die Gewissheit aufdämmert: So wird es in der Zukunft auch wieder sein, dafür ist die Anthroposophie in die Welt gekommen. Sein drittes Buch trägt den Titel: „Das Bild des Menschen als Grundlage der Heilkunst“. Der erste von Husemann allein geschriebene Band erschien in Dresden 1941. Diese Schrift ist bis auf den heutigen Tag eine der besten Einführungen in die anthroposophische Menschenkunde geblieben, deren Kernstück die vier Wesensglieder in ihrem Verhältnis zu Erde, Wasser, Luft und Wärme bilden. Heute, nach über 60 Jahren, wird die 11. Auflage dieses grundlegenden Werkes vorbereitet. Die weiteren Bände über Pathologie und Therapie sind von Otto Wolff in Zusammenarbeit mit weiteren Ärzten nicht weniger erfolgreich weitergeführt worden. Immer wieder ist der „Husemann/Wolff“ als Standardwerk bezeichnet worden.

Friedrich Husemann arbeitete von 1921–24 zusammen mit Ludwig Noll, Felix Peipers und Otto Palmer am Klinisch-Therapeutischen Institut in Stuttgart, das regelmäßig von Rudolf Steiner besucht wurde. Rudolf Steiner erteilte Ratschläge für die dort behandelten Patienten. Husemann berichtet: „Offensichtlich war Dr. Steiner bei diesen Besprechungen intensiv innerlich tätig, ehe er aus seiner geisteswissenschaftlichen Erkenntnis heraus den Krankheitsbefund darstellte und eine Therapie empfahl; aber das war von Fall zu Fall verschieden. Und immer hatte man das Erlebnis, dass er mit liebevollem Interesse und innerer Freude sich dieser Aufgabe widmete. Auch wenn er – wie meistens – anstrengende Sitzungen hinter sich hatte, erschien er frisch und elastisch.“ (Degenaar, A. G.: Krankheitsfälle und andere medizinische Fragen, besprochen mit Rudolf Steiner, Vorwort von Husemann, F., o. A.)

Weiterhin sind Hinweise Steiners überliefert, wie er sich das medizinische Vademekum vorstellte, dessen Abfassung er von Ludwig Noll und von Friedrich Husemann damals dringend forderte (GA 259), was aber beide in dem gewünschten Zeitraum nicht zustande brachten. „Der Kommende Tag AG“ als Klinikträger musste 1925 liquidiert werden, das Klinisch-Therapeutische Institut ging auf Rudolf Steiners Rat in eine Privatklinik Otto Palmers über und das angegliederte Forschungsinstitut wurde wieder geschlossen.

Friedrich Husemann, der in der Landesheilanstalt Ellen bei Bremen 1920 seine psychiatrische Facharztausbildung abgeschlossen hatte und auch im Stuttgarter Institut für die psychiatrisch erkrankten Patienten zuständig war, suchte dann nach einer neuen Wirkungsstätte, die er in Günterstal bei Freiburg fand, wo er 1925 das Sanatorium Riedberg eröffnete. Die Räume dort wurden bald zu klein und man zog 1930 nach Wiesneck um, wo Husemann ohne eigenes Kapital, ausschließlich mit Spenden, die er persönlich gesammelt hatte, und mit Krediten ein großes Grundstück kaufte und zusätzlich zu den vorhandenen Gebäuden einen Neubau errichtete, sodass etwas mehr als 50 Patienten aufgenommen werden konnten. Dieses Unternehmen war in jeder Hinsicht eine große Pionierleistung. Die menschlichen Grundlagen, die für ein solches Werk nötig sind, beschrieb Husemann in seinem Weihnachtsbrief 1929 mit folgenden Worten: „Oft schon musste ich denken: Wenn es keine Krankheit gäbe, wie viel positive Beziehungen zwischen den Menschen wären nicht zustande gekommen! Krankheit hat immer auch eine soziale Aufgabe. Sie erfordert von Arzt und Helfer eine Vertiefung der Erkenntnis, eine Steigerung der Liebefähigkeit, vom Kranken eine Überwindung des Befangenseins in der eigenen Persönlichkeit. So kann in einem Sanatorium immer mehr die Gesinnung entstehen: Krankheiten sind gemeinsame Aufgaben. Gewiss will der Kranke zunächst aus ganz persönlichen Gründen gesund werden; aber er wird es nie ganz werden können, wenn der Wunsch zur Gesundheit ein rein egoistischer bleibt. Der Kranke und der Heiler sollten empfinden: Sie wirken an einem objektiven Geschehen, ja in Wirklichkeit am ganzen Weltenprozess mit, wenn sie eine Krankheitserscheinung in Gesundheit verwandeln.“ (Husemann, F.: An die Freunde des Sanatoriums Riedberg, Michaeli 1929) Man hört es diesen Worten an, dass sie von einer Seele ausgesprochen werden, die das in ihnen Enthaltene wirklich will. Eine solche Seele findet dann auch den Schicksalskreis von Patienten, Mitarbeitern und Spendern, die zu dem neuen Impuls gehören und passen.

Friedrichs Ehefrau Minnie Husemann, geb. Volland, gehörte zu den ersten Eurythmistinnen und hat die Entwicklung dieser Kunst unter Marie und Rudolf Steiners Leitung miterlebt und mitgestaltet. Sie gab erfrischende Eurythmie- und Heileurythmiestunden und sorgte für den nie abbrechenden Strom von Eurythmieaufführungen das Jahr hindurch. Wie überhaupt die Fülle von künstlerisch-kulturellen Ereignissen auch nur einer Woche in Wiesneck den rückblickenden Betrachter sehr erstaunt. Im Gegensatz zu ihrem melancholisch gestimmten Ehemann strömte Minnie Husemann eine heitere und von Herzen kommende natürliche Anmut aus, die jedem Besucher, Mitarbeiter und Patienten eine Wohltat war. Dieses Ehepaar war für seine Aufgabe in Wiesneck wie vorherbestimmt. Bald kam auch Rudolf Geiger hinzu, der über seinen lebenslangen Einsatz für die Klinik hinaus als Märchenforscher bekannt geworden ist. Alle seine farbigen Schattenbilder, die er eigens zu den Märchen erfunden und hergestellt hat, sind in Wiesneck uraufgeführt worden. Der Mitbegründer der Christengemeinschaft Friedrich Doldinger hat jahrzehntelang das Sanatorium begleitet und mit Friedrich Husemann eine Lebensfreundschaft gepflegt. Nach dem Krieg waren es dann die Fachkollegen Werner Priever, Maria Uhlenhoff und später Rudolf Treichler jr., die Husemanns Arbeit mit- und weitergetragen haben, sodass jetzt schon eine vierte Ärztegeneration die Verantwortung trägt. Die Friedrich-Husemann-Klinik war die erste und jahrzehntelang die einzige Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie auf anthroposophischer Grundlage und besteht jetzt seit über 70 Jahren, sie hat sich immer weiter vergrößert und genießt bei Patienten, Ärzten und ebenso bei der nichtanthroposophischen Fachwelt einen sehr guten Ruf.

Friedrich Husemann selbst hat, abgesehen von seiner Gründungstat, zu diesem Erfolg vor allem durch seine täglichen Lesestunden beigetragen, wo er mit seinen Patienten gemeinsam Natur, Kunst, Religion, Menschenkunde und Geisteswissenschaft so betrachtete, dass in den Kranken Weltinteresse und ein Sinn für das Leben geweckt wurden. Für die Mitarbeiter waren es ständige Weiterbildungsstunden. Und die Gäste begegneten nicht selten zum ersten Mal der Anthroposophie. Später wurden daraus dann die berühmten Sonntagsstunden, wo Husemanns Vortragskunst sich am lebendigsten entfaltete. Als Arzt setzte sich Husemann ganz persönlich für seine Patienten ein, seine Schwerkranken besuchte er immer täglich. Lange und geduldig konnte er zuhören, um dann mit wenigen Worten Wesentliches zu sagen. Man merkt es seinen Formulierungen an, dass er heilen wollte, auch dort, wo es fast unmöglich schien; das sagte er nüchtern und mit knappen Worten, die dadurch umso glaubwürdiger waren.

In der Nazi-Zeit hat Husemann 1935, 1938 und 1941 die drei oben genannten Bücher veröffentlicht, die sich alle drei eindeutig zu Rudolf Steiner bekannten. Sie wurden dann auch konfisziert und eingestampft. In den jährlichen Weihnachtsbriefen wird Rudolf Steiner bis 1944 zitiert. Natürlich musste man sich äußerlich anpassen, sonst hätte man auch in der Provinz, die Wiesneck war, einen Betrieb dieser Größe nicht aufrechterhalten können, d. h. die Radioreden Hitlers mussten gehört und anschließend musste das Horst-Wessel-Lied gesungen werden, eine Hakenkreuzfahne musste irgendwo zu sehen sein. Husemann wirkte aber im Verborgenen subversiv und konnte es bewerkstelligen, dass keiner seiner Patienten im Rahmen der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ den Nazi-Behörden zum Opfer fiel. Der zuständige Parteifunktionär von Kirchzarten wurde bestochen, damit er keine Kontrollen nach Wiesneck schickte, was lange Zeit gut wirkte. Durch befreundete Menschen jeweils vor einer Kontrolle gewarnt, änderten Husemann und seine Ärzte nachts die Diagnosen in harmlos klingende Krankheiten und kaschierten die Verläufe, sodass das Wort Schizophrenie oder ein wahnhafter Einbruch im Verlauf nirgends erschien. Andere Patienten wurden soweit möglich entlassen oder während der Kontrollen bei den Bauern der Umgebung oder manchmal auch im Wald versteckt. Friedrich Husemann war immer stolz auf diese Rettung. Am 27. November 1944 wurde dann Freiburg weitgehend zerstört und nach dem vorliegenden Evakuierungsplan bezog die Medizinische Universitätsklinik Freiburg das Sanatorium, sodass die eigenen Patienten entlassen oder verlegt werden mussten.

Nach dem Krieg wurde das Sanatorium so schnell wie möglich wieder eröffnet, Friedrich Husemann wirkte in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, bei den Ärztetagungen und bei den Stuttgarter Hochschulwochen tatkräftig mit und sein Lebenswerk wurde immer bekannter.

Wenn wir diese Lebensleistung als Klinikgründer, Klinikleiter, Vortragender und Schriftsteller bedenken, dann braucht es uns nicht zu wundern, dass die Kraft dazu bestimmten geistigen und persönlichen Prüfungen abgerungen worden ist, die niemand anders als Rudolf Steiner bewirkte. Schon im Mai 1922 schrieb Rudolf Steiner einen Bericht über den Haager Hochschulkurs und charakterisierte die anthroposophischen Redner Eugen Kolisko, Walter Johannes Stein, Karl Heyer, Herbert Hahn und andere und es fällt auf, dass Friedrich Husemann am deutlichsten korrigiert wird (GA 82, S. 243 f.). Steiner schrieb, dass das, was hier gefehlt habe, von Goethe gelernt werden könne. Wie man dann aus dem Buch „Goethe und die Heilkunst“ sehen kann, hat der Betroffene es verstanden, von Goethe zu lernen. Ebenso war es in den Sitzungen des Dreißigerkreises im Jahre 1923, wo Friedrich Husemann – neben anderen – doch eindeutig die schlimmsten Zurechtweisungen Steiners hinnehmen musste (GA 259, S. 269 ff.; GA 262, S. 171). Wer nach wenigen Monaten anthroposophischen Studiums einen so glänzenden Vortrag wie „Das Ich als Arzt“ halten konnte, dessen Ich bedurfte zum weiteren Fortschreiten eben auch einer stärkeren Aufforderung zur Selbstüberwindung. Friedrich Husemanns Werk konnte eine so tiefe Wirkung entfalten, weil er die Prüfungen in produktive Arbeit zu verwandeln vermochte.

Friedwart Husemann


Werke: Der Isenheimer Altar, Buchenbach 1931, Stuttgart 4. Aufl. 1969;
Goethe und die Heilkunst, Dornach 1935, Stuttgart ³2002; Vom Bild und Sinn
des Todes, Dresden 1938, Frankfurt/M. 5. Aufl. 1982; mit Otto Wolff als
Herausgeber: Das Bild des Menschen, Bd. I/II/III, Dresden/Stuttgart/Stuttgart
1941/1956/1978, Stuttgart 10. Aufl. 1991/ 6. Aufl. 2000/ 4. Aufl. 1993;
Wege und Irrwege in die geistige Welt, Stuttgart 1962, ³1977; Beiträge in
Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische, Französische, Spanische,
Niederländische, Russische und Bulgarische erschienen; zahlreiche Beiträge
in ÄR, BeH, weitere in A, CH, DD, DsO, EK, G, K, MaD, Me, N, Na, WKÄ.
Literatur: Kreutzer, R., Geiger, R., Götte, F.: Friedrich Husemann, in: MaD
1959, Nr. 49; Büttner, G.: Die Krise der Medizin, Götte, F.: Friedrich
Husemann als Schriftsteller, in: DD 1959, Nr. 4; Bopp, W.: Gedenken an Dr.
Friedrich Husemann, in: Ggw 1959, Nr. 4/5; Kreutzer, R.: Dr. Friedrich
Husemann, in: N 1959, Nr. 30; Husemann, G., Spieß, W.: Friedrich
Husemann, in: BeH 1959, Nr. 6, auch in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische
Ärzte, Dornach 2000; Götte, F.: Friedrich Husemann, in: MaD 1967, Nr. 82;
Geiger, R.: Erste Begegnung mit Friedrich Husemann, in: MaD 1969, Nr. 89;
Treichler, R., Priever, W.: Zehn Jahre „Friedrich-Husemann-Klinik“, in: MaD
1970, Nr. 91; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr.
Steiners, o. O. 1970; Husemann, G.: Friedrich Husemann zum 100.
Geburtstag, in: BeH 1987, Nr. 4; Geiger, R.: Friedrich Husemann – vor
hundert Jahren geboren, in: MaD 1987, Nr. 160; Treichler, R.: Friedrich
Husemann und seine Bedeutung für eine anthroposophisch orientierte
Psychiatrie, in: G 1987, Nr. 25; Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988;
Selg, P.: Friedrich Husemann und der Beginn klinischer Psychiatrie, in: Mst
1994, Nr. 4; Lüscher, A. u. a.: Rudolf Steiner und die Gründung der Weleda,
in: BGA 1997, Nr. 118/119; Selg, P.: Anfänge anthroposophischer Heilkunst,
Dornach 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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