Friedrich Hiebel
Hiebel, Friedrich

Hochschullehrer, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Leiter der Sektion für Schöne Wissenschaften am Goetheanum.

*10.02.1903 Wien (damals Österreich-Ungarn)
†16.10.1989 Dornach (Schweiz)

















Friedrich Hiebel setzte sich schon früh aktiv für die pädagogische Arbeit ein, wirkte lange Jahre als Waldorflehrer, war seit seinem 20. Lebensjahr in beinahe allen Literaturgattungen produktiv für die anthroposophische Bewegung tätig. 1939 emigrierte er in die USA und war zunächst als Waldorflehrer und später als Hochschullehrer für Literatur und deutsche Sprache an mehreren Universitäten tätig, zudem gehörte er dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Amerika an. Seine literarische Arbeit konnte er besonders seit Beginn der 60er-Jahre in die anthroposophische Bewegung als Vorstandsmitglied am Goetheanum, als Leiter der Sektion für Schöne Wissenschaften und vor allem als Redakteur der Zeitschrift „Das Goetheanum“ bis zu seinem Tode im Jahre 1989 einbringen.

Als Sohn des Mathematiklehrers Gustav Hiebel und seiner Frau Adele von Goldberger-Buda, die aus einer zum Christentum konvertierten jüdischen Industriellenfamilie stammte, wurde Friedrich Hiebel am 10. Februar 1903 in Wien geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters – Friedrich war damals gerade fünf Jahre alt – zog Adele Hiebel in die Geburtsstadt ihres Mannes, nach Reichenberg um, sie hatte dort eine schöne Villa am Stadtrand erworben. Schon früh zur Selbstständigkeit erzogen, unternahm Friedrich als Elfjähriger Fahrten nach Wien, um eine Aufführung des „Parsifal“ von Wagner zu besuchen oder andere kulturelle Veranstaltungen wahrzunehmen. Ab dem 15. Lebensjahr besuchte er nach alter Familientradition das Benediktinergymnasium Kremsmünster in der Nähe von Wien. Für Sprachen und Literatur zeigte er schon als Schüler Vorliebe und Begabung, sodass er seine Aufsätze des öfteren der Klasse vorlesen musste. In dieser Zeit begann er auch erste kleine Dramen zu schreiben.

Bereits als Knabe hatte Friedrich Hiebel zwei flüchtige Begegnungen mit der Anthroposophie, die er schließlich mit 17 Jahren durch die Mutter von Walter Johannes Stein, Hermine Stein, kennen lernte. Hermine Stein machte Friedrich Hiebel die Werke Rudolf Steiners zugänglich, die er im letzten Schuljahr begeistert studierte. Während des großen Stuttgarter Kongresses „Kulturausblicke der Anthroposophischen Bewegung – Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte“ im Jahre 1921 begegnete Friedrich Hiebel erstmalig Rudolf Steiner. Ein Gespräch mit ihm über Berufs- und Schulungsfragen wurde für ihn, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, zur zweiten Geburt. Einer Anregung Steiners folgend begann er in Wien deutsche Literatur, Geschichte und Sprachwissenschaften zu studieren. Seit der Begegnung mit Walter Johannes Stein und der Stuttgarter Waldorfschule hatte Hiebel das Ziel, Waldorflehrer zu werden. Am Pfingstmontag 1922 in Wien konnte er ein weiteres Gespräch mit Rudolf Steiner führen. Im Jahre 1923 nahm er an der Gründung der österreichischen Landesgesellschaft in Wien teil und gehörte während der Weihnachtstagung 1923/24 zu den jüngsten Teilnehmern. Im Rückblick schreibt er: „Mir war es, als würden die Bretterwände dem Schwergewichte der Erde weichen, als wehte durch alle Fugen und Ritzen des Zimmermannshauses der Atem von weltenerbauenden Mächten, die Mund und Zunge in dem einzigen wurden, der vor uns stand, auserwählt, die Weisung aus dem Weltenwort zu übermitteln.“ (Hiebel 1986, S. 180)

Friedrich Hiebel war mit der anthroposophischen Arbeit so ernsthaft verbunden, dass ihn Rudolf Steiner, ohne dass er selbst darum gebeten hatte, in die Freie Hochschule aufnahm.

Bis zum Tode Rudolf Steiners hörte er über 70 Vorträge und war u. a. auch Teilnehmer am Kurs für Sprachgestaltung und dramatische Kunst (GA 282). Seine Freude am Schreiben brachte Friedrich Hiebel schon wenige Jahre nachdem er die Anthroposophie kennen gelernt hatte, aktiv ein und verfasste Aufsätze und Berichte für anthroposophische Zeitschriften, zudem begann er Vorträge und Kurse zu halten. Solange er noch in Wien lebte, schrieb Hiebel im Auftrag des Industriellen Josef van Leer regelmäßige Berichte über kulturelle und künstlerische Ereignisse in Wien für das Dornacher Nachrichtenblatt. Im Jahre 1924 entschloss er sich, sein Studium in Tübingen fortzusetzen, um in dem dort ansässigen Pädagogischen Arbeitskreis mit Wilhelm Dörfler und Friedrich Kübler mitarbeiten zu können. Aus einem Bericht für das Nachrichtenblatt spricht seine Begeisterung für die pädagogische Aufgabe: „Anthroposophie durchleben ist unsere jetzige Erdenaufgabe; diese heißt Erziehung; diese will den freien Lehrer im freien Geistesleben! [...] Wir hören den Ruf ,Es ist an der Zeit’, und aus dem Erlebnis der Zeitenwende heraus, durch das wir uns jung der alten Welt gegenüber fühlen, schließen wir uns fest in den Kreis der Gemeinschaft.“ (Hiebel 1924, S. 144)

Hiebel setzte seine Studien in Jena, Göttingen und Köln fort und promovierte 1928 in Wien mit einer Arbeit über den Romantiker Wilhelm von Schütz. Zwei Jahre zuvor konnte er seinen ersten Gedichtband „Ikarus“ veröffentlichen, dem ein Drama um Johannes den Täufer, „Der Bote des neuen Bundes“, und ein Roman über die Jugendbewegung, „Der geteilte Ton“, folgten. Da infolge der Kriegswirren und der Inflation das elterliche Vermögen verloren ging, musste sich Hiebel sein Studium durch Hauslehrertätigkeit selbst verdienen.

1929 nahm er seine Lehrtätigkeit als Klassenlehrer an der Essener Waldorfschule auf, wechselte jedoch ein Jahr später aufgrund seiner Verbundenheit mit Erich Schwebsch und der Lehrerschaft der Mutterschule nach Stuttgart über. Dort unterrichtete er zunächst Griechisch, Latein sowie Freie Religion und übernahm eine Klassenführung. Nebenbei war er als Mitredakteur der Zeitschrift „Erziehungskunst“, die durch ihn auch ihren Namen erhielt, tätig.

Aufgrund der politischen Entwicklung in Deutschland musste Friedrich Hiebel 1934 die Stuttgarter Waldorfschule verlassen und zunächst nach Wien emigrieren. Auch dort war er Lehrer der Rudolf Steiner-Schule. Nach dem „Anschluss“ Österreichs emigrierte er nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Dornach 1939 in die USA. In New York setzte er seine Waldorflehrertätigkeit weitere sieben Jahre fort und gab nebenbei die Zeitschrift „Education as an Art“ heraus. Bis 1961 war er an verschiedenen Universitäten als Lektor und Professor für deutsche Sprache und Literatur tätig. Sein Emigrantenschicksal teilte Hiebel mit Franz Werfel, Thomas Mann, Emil Ludwig, Hermann Broch, Erich von Kahler, Bruno Walter und Delia Reinhardt, was zahlreiche Begegnungen und Freundschaften mit sich brachte. Auf anthroposophischem Felde war er besonders mit Hermann Poppelbaum verbunden. Hiebel war einige Jahre im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Amerika tätig.

Im Jahre 1945 heiratete er die Bildhauerin Beulah Emmet und gründete mit ihr eine Familie, aus der zwei Kinder hervorgingen. In Amerika erfuhr Hiebels literarisches Schaffen eine deutliche Steigerung, in rascher Folge konnte er Dichtungen und essayistische Werke sowie christologische und literarische Studien, wie beispielsweise sein Buch „Novalis, der Dichter der blauen Blume“, das zeitweise in den germanistischen Seminaren zu den meistgelesenen Büchern zählte, veröffentlichen. Die Schriftrollen vom Toten Meer, das Werk Christian Morgensterns, Goethes und Albert Steffens waren Gegenstände weiterer Betrachtungen.

1961 entschloss sich Friedrich Hiebel, mit seiner Familie nach Dornach überzusiedeln. Bis ihn Albert Steffen 1963 in den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft berief, hatte er einen Lehrauftrag an der Universität in Freiburg. Als Steffen noch im selben Jahr verstarb, übernahm Friedrich Hiebel die Leitung der Sektion für Schöne Wissenschaften, die, auf Steffens Arbeitsimpulsen basierend, eine neue Prägung durch ihn erfuhr. Dazu kam drei Jahre später, nach dem Tode des Dichters Paul Bühler, die Redaktion der Zeitschrift „Das Goetheanum“, die Hiebel wie Albert Steffen in engem Zusammenhang mit dem Aufgabenfeld der Sektion für Schöne Wissenschaften sah.

Seine ersten Veröffentlichungen im Rahmen der Sektion bezogen sich auf sprachwissenschaftliche und kunstwissenschaftliche Themen. Zudem bildete Hiebel einen Mitarbeiterkreis, der die mehrmals jährlich stattfindenden Sektionstagungen mittrug. Als Aufgabengebiete der Sektion sah Hiebel Sprachkunde, Kunstgeschichte und Ästhetik, Mythologie, Poetik, Märchenkunde und Dramaturgie. Darüber hinaus bildeten die Biografik und die Geschichtsschreibung weitere Disziplinen der Schönen Wissenschaften. 1965 veröffentlichte er einen Essayband über „Rudolf Steiner im Geistesgang des Abendlandes“. In den 70er-Jahren erreichte Hiebels literarisches Schaffen mit den drei biografisch-historischen Dichtungen „Campanella“, „Seneca“ und „Der Tod des Aristoteles“ seinen Höhepunkt. Einen Rückblick auf seine Begegnung mit der Anthroposophie und die Weihnachtstagung spiegelt sein herausragendes autobiografisches Werk „Entscheidungszeit mit Rudolf Steiner“. Noch bis in seine letzten Lebenstage hinein literarisch tätig sowie in der Vorstandsarbeit aktiv, starb Friedrich Hiebel vor der Veröffentlichung seines Werkes „Boëthius“ am 16. Oktober 1989 im Goetheanum.

Christiane Haid


Werke: Ikarus (L), Hannover 1926; Der Bote des Neuen Bundes (D),
Stuttgart 1928, Dornach ²1968; Der geteilte Ton (R), Straßburg 1930; Die
Geburt der neuhochdeutschen Sprache, Stuttgart 1931; Die Kristallkugel (D),
Stuttgart 1931; Die letzte Bank (E), Wien 1935; Shakespeare and the
Awakening of Modern Consciousness, New York 1940; Wege zweier Welten
(L), San Francisco 1942; Paulus und die Erkenntnislehre der Freiheit, Basel
1946, ²1959; Novalis, Bern 1951, ²1972; Die Botschaft von Hellas, Bern
1953, ³1983; Christian Morgenstern, Bern 1957, Stuttgart ³1987;
Bibelfunde und Zeitgewissen, Dornach 1959; Albert Steffen, Bern 1960;
Goethe. Die Erhöhung des Menschen, Bern 1961, Stuttgart ³1991; Alpha
und Omega. Sprachbetrachtungen, Dornach 1963; Himmelskind und
Adamsbotschaft, Dornach 1964; Neue Wege der Dichtung, Dornach 1964;
Rudolf Steiner im Geistesgang des Abendlandes, Bern 1965, Stuttgart ³1985;
Mysteriendramen am Goetheanum, Dornach 1973; Seneca (D), Stuttgart
1974, ²1984; Im Stillstand der Stunden (L), Dornach 1978; Biographik und
Essayistik, Bern [1970]; Campanella (R), Stuttgart 1972, ²1980; Der Tod
des Aristoteles (R), Stuttgart 1977; Im Stillstand der Stunden (L), Dornach
1978; Goethe und die Schweiz, Dornach 1982; Das Drama des Dramas,
Dornach 1984; Entscheidungszeit mit Rudolf Steiner, Dornach 1986, ²1987;
$Boëthius (R), Dornach 1991; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen
ins Englische, Italienische und Dänische erschienen; zahlreiche Beiträge in
G, N, weitere in Pfa, EK, A, ANS, Ant, AÖe, BeH, CH, DD, EaA, F, JA, Msch,
OeB, SbK, St, ZP.
Literatur: auch autobiographisch: Aus der Tätigkeit des Pädagogischen
Arbeitskreises, in: N 1924, Nr. 36; Hagemann, E.: Bibliographie der
Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Weißert, E.: Professor Dr.
Friedrich Hiebel zum 70. Geburtstag, in: MaD 1973, Nr. 103; Frankfurt, H.:
Friedrich Hiebel als Lehrer an der Wiener Rudolf Steiner-Schule, in: G 1973,
Nr. 6; Krüger, M. [Hrg.]: Schöne Wissenschaften, Stuttgart 1978; Beltle, E.:
Professor Friedrich Hiebel zum 80. Geburtstag, in: MaD 1983, Nr. 143;
Barkhoff, M., Krüger, M.: Zum Erdenabschied des Herausgebers, in: G 1989,
Nr. 43; Krüger, M.: Friedrich Hiebel. Ein Leben für die Schönen
Wissenschaften, in: G 1989, Nr. 48; Krüger, M.: Friedrich Hiebel, in: MaD
1989, Nr. 170; Barnes, H.: Friedrich Hiebel, in: NAA 1989, Nr. Christmas;
Tautz, J.: Friedrich Hiebel, in: Leh 1990, Nr. 39.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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