Alfred Harwood
Harwood, Alfred Cecil

Waldorflehrer, Redakteur, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Großbritannien,Steiner School Fellowship

*05.01.1898 London (Grossbritannien)
†22.12.1975 Forest Row (Grossbritannien)





Alfred Cecil Harwood war über Jahrzehnte Vorsitzender der Anthroposophical Society in Great Britain (AS in GB). Er war Mitbegründer der ersten Steiner-Schule in England und führende Persönlichkeit in der englischen Schulbewegung. Als Autor, Redakteur und vor allem als Vortragender prägte er nachhaltig Anthroposophie und Waldorfpädagogik sowie ihr öffentliches Ansehen in England und in der englisch sprechenden Welt.

Er stammte aus einer Pfarrersfamilie und war das jüngste von fünf Kindern. Er studierte in Oxford, war 1925 Mitbegründer der New School in London als erste Steiner-Schule in England und blieb ihr sein Leben lang verbunden. Von 1937–74 war er „Chairman“ der AS in GB. In dieser Gesellschaft wird der Vorsitzende jedes Jahr von den bei der jährlichen Generalversammlung anwesenden Mitgliedern gewählt. In Harwoods Fall gab es in den 37 Jahren seines Vorsitzes nie den Wunsch nach einem Gegenkandidaten. Das war umso bemerkenswerter, als zur Zeit seines Amtsantritts die AS in GB aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen war und eine Reihe von Freunden, die besonders starke Beziehungen zu Marie Steiner und/oder Albert Steffen hatten, ihre eigene Gruppierung bildeten. Anders aber als in manchen Teilen Mitteleuropas blieben die persönlichen Beziehungen der Mitglieder von diesen Differenzen weitgehend unberührt. So gab es eine Zeit, in der Alan Howard Mitglied des Vorstands der AS in GB war, seine Frau aber eine ähnliche Funktion in der anderen Gruppierung innehatte. In dieser Situation lag auf dem Vorsitzenden eine besonders große Verantwortung.

Sofort nach Kriegsende nahm Harwood die Beziehung zur deutschen Schulbewegung und zu der in Bildung begriffenen deutschen Landesgesellschaft auf und konnte – teilweise direkt, teilweise durch englische Anthroposophen, die Offiziere der Kontrollkommission waren – helfen, Wege für eine anthroposophische Arbeit zu öffnen. Gleichzeitig aber nahm er enge Verbindungen zu der ebenfalls 1935 aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossenen holländischen Landesgesellschaft und besonders zu Willem Zeylmans van Emmichoven auf sowie zu den Freunden in Arlesheim – Schritte, die schließlich zur Freundschaftskonferenz in Arlesheim 1948 führten.

Harwood, durch und durch Engländer, war pragmatisch und zurückhaltend. Er war überzeugt, dass ein Zusammenschluss der getrennten Gesellschaften nur möglich sei, insofern die Frage der esoterischen Schule gelöst würde. Denn er sah sich als Erbe eines Auftrages, der von Ita Wegman über George Adams auf ihn selbst übergegangen war. So lag ihm viel daran, persönliche Beziehungen zu dem Dornacher Vorstand herzustellen. Das führte zu den Goetheanum-Tagungen in Leicester 1961 und 1962. Rudolf Grosse und Hagen Biesantz kamen aus Dornach und in den Gesprächen mit ihnen wuchs Harwoods Vertrauen. Auf dieser Grundlage konnte sich die AS in GB unter Harwoods Führung 1963 wieder mit der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft verbinden. Damit war etwas Neues in der Geschichte okkulter Gesellschaften geschehen: Nach dem Tod des Gründers sind immer Spaltungen eingetreten. In der Schule, die mit der Weihnachtstagung 1923/24 begründet wurde, konnte die Einheit von neuem errungen und bestätigt werden. Mitteleuropäer sahen in Harwood den typischen englischen Gentleman, Briten erlebten ihn als den idealen englischen Akademiker: tolerant, entspannt, liebenswürdig. Fast jeden Vortrag begann er in humorvoller Stimmung, um zuerst einmal den menschlichen Kontakt mit seiner Zuhörerschaft herzustellen. Anschließend wurde in jeder seiner Darstellungen deutlich, dass er über einen großen Wissensschatz in Geschichte, Literatur und der antiken Klassik verfügte, den er für ein Begreifen des neuen Geistes, für den er sich einsetzte, fruchtbar machte.

Drei Menschen bildeten seine nächste Umgebung: Owen Barfield, Daphne Olivier und Marguerite Lundgren. Er begegnete Barfield bereits auf seinem Londoner Gymnasium. Dort saßen die Schüler gereiht nach ihren Leistungen. Während ihrer ganzen Schulzeit saßen die Freunde auf den ersten zwei Plätzen, aber der Klassenbeste war einmal der, einmal der andere. Diese enge Beziehung durchzog ihr ganzes Leben: Studium in Oxford und der literarische Kreis der „Inklings“, Verbindung zu Rudolf Steiners Werk, Vorstandsverantwortung in der AS in GB.

Daphne Olivier kam aus einer kulturell hervorragenden Familie. Sie erkannte früh die Bedeutung Steiners und trat mit der Bitte an ihn heran, die erste Schule im englischen Sprachbereich gründen zu dürfen. Steiner wollte in dem aus vier Frauen bestehenden Gründerkreis auch einen Mann haben. Da die Damen keinen adäquaten männlichen Kandidaten hatten, schlug Daphne ihren Freund und späteren Ehemann Cecil Harwood vor. So traf Harwood Rudolf Steiner 1924 in Torquay und die Schule wurde im Januar 1925 gegründet: „The New School“ in Süd-London, die dann nach dem Krieg als „Michael Hall“ in Forest Row, Sussex, weitergeführt wurde. Harwood arbeitete während seiner ganzen Berufstätigkeit in führender Stellung an dieser Schule. Er gründete und redigierte die Zeitschrift der britischen Schulbewegung, der er den Titel „Child and Man“ gab, eine Schöpfung aus dem Genius des Englischen: präzise und doch weit reichend.

Daphne starb, als ihre fünf Kinder in den Zwanzigern waren. Harwood heiratete ein Jahr nach ihrem Tod die aus Schweden stammende Marguerite Lundgren, eine Eurythmistin in Michael Hall. Sie war in England aufgewachsen und hatte eine innige Beziehung zur englischen Sprache, sodass sie in enger Zusammenarbeit mit Marie Savitch eine dem englischen Sprachgeist gemäße Eurythmie entwickeln konnte, die auf spezifischen Angaben Rudolf Steiners beruhte. Sie gründete mit Harwoods Hilfe eine Eurythmieschule im Londoner Rudolf Steiner House. Mit seinem liebevollen Verhältnis zu Shakespeares Werk und seinem weit gespannten Verständnis englischer Dichtung arbeitete Harwood mit den Eurythmistinnen an der Gestaltung ihrer Programme. Er unterrichtete dort Politik, Literatur- und Kunstgeschichte und verwandte Fächer.

Schließlich müssen noch einige andere Tätigkeitsbereiche erwähnt werden, denen sich Harwood neben seiner Arbeit als Lehrer, Vorsitzender der AS in GB und Vortragender widmete. Viermal war er in den Vereinigten Staaten, um die damals dort noch junge und kleine Schulbewegung zu unterstützen. Einmal blieb er fast ein ganzes Jahr. In dieser Zeit schrieb er sein wichtigstes Buch, „The Recovery of Man in Childhood“, das in dem renommierten Verlag Hodder and Stoughton erschien und bis heute in der englischen Publizistik zu Fragen der kindlichen Entwicklung und Erziehung seine Relevanz behalten hat. Vor allem aber ist seine prägende Tätigkeit als Übersetzer zu erwähnen. Ganz besonders drei seiner Übersetzungen aus dem Deutschen seien hervorgehoben: Unter den zahlreichen Übersetzungen des Seelenkalenders Rudolf Steiners nimmt die seine einen hohen Rang ein. Sie ist dem Original sehr nah, aber durchaus englisch. Dank seiner poetischen Sprachkunst erfreuten sich die britischen Anthroposophen und ihre Freunde an den Oberuferer Spielen, als ob sie während des späteren Mittelalters in Coventry oder Chester entstanden wären. Zusammen mit Alfred Heidenreich hat er den kultischen Texten der Christengemeinschaft ein Sprachkleid gegeben, das dem mit dem deutschen Text Vertrauten als durchaus vollberechtigt gelten kann.

In seinem letzten Lebensjahr, wenige Wochen vor seinem Tod, wurde er während eines Vortrages blind. Er starb fast 78-jährig in seinem Haus in Forest Row.

Rudi Lissau


Werke: The Way of a Child, London 1945, ²1982; The Map of Childhood,
Garden City 1959, ²1965; The Renaissance of Mystery Wisdom in the Work of
Rudolf Steiner, Richmond 1960; The Faithful Thinker, London 1961;
Shakespeare’s Prophetic Mind, London 1964, ²1977; The Recovery of Man in
Childhood, Spring Valley 6. Auflage 1982; Beiträge in Sammelwerken;
Übersetzungen ins Deutsche, Französische, Niederländische und Spanische
erschienen; Beiträge in AGB, AQ, CaM, EaA, EK, GBl, MaD, Msch, N, PA, TA,
Tom.
Literatur: Barfield, O.: The Quarterly and its Editor und Cecil Harwood, in:
AQ, 1976, Nr. 2; Unger, G.: Für Cecil Alfred Harwood, in: N 1976, Nr. 8;
Heidenreich, A.: Aufbruch, Stuttgart 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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