Otto Hartmann
Hartmann, Otto Julius

Biologe und Naturphilosoph.

*28.02.1895 Graz (damals Österreich-Ungarn)
†28.12.1989 





Otto Julius Hartmann wurde 1895 in Graz geboren. Er studierte Biologie, Philosophie und Medizin und promovierte 1918 zum Doktor der Philosophie. Von 1922–54 war er Dozent, dann Professor an der Universität Graz mit Schwerpunkt allgemeine Biologie und Naturphilosophie. Außerdem war er Lehrer für angewandte Biologie an der Technischen Hochschule Graz.

Längere Studienaufenthalte führten ihn nach Berlin, Hamburg, Frankfurt, Marburg und Freiburg. Von 1945–53 hielt er in 80 Städten Mitteleuropas Vorträge mit dem Ziel, zu einem kulturellen Wiederaufbau beizutragen. Von 1954–65 war er in Brasilien, vor allem in São Paulo und in Rio de Janeiro, freiberuflich tätig.

Wegweisend waren seine Begegnungen mit Nicolai Hartmann, Ernst Cassirer, Max Scheler und vor allem mit Martin Heidegger.

Otto Julius Hartmann war sein Leben lang als Hochschullehrer und Schriftsteller tätig.

1926 wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und trat im Jahre 1957 wieder aus.

Otto Julius Hartmann war sowohl Philosoph, Biologe, Dozent und Schriftsteller als auch wieder nicht. „Voraussetzung aller Erkenntnis im Bereich der Freiheit ist der tiefe Schmerz über den Zustand unserer alltäglichen Ichheit und die wirkliche Mühe der Selbstverwaltung.“ (Hartmann 1932, S. 48) So wird – anlässlich einer Besprechung seiner Schrift „Der Mensch im Abgrunde seiner Freiheit“ – von Rudolf Köhler über ihn gesagt: „Das Ergebnis, zu dem Hartmann mit diesen Erkenntnismethoden gelangt, liegt daher nicht eigentlich mehr im Gebiete dessen, was bisher als Philosophie anerkannt wurde, es ist aber ebenso wenig etwa auf dem Felde einer der Philosophie ferngerückten Religion oder Ethik zu suchen; vielmehr ist das Ergebnis dieser Gedankengänge auf jener höheren Ebene zu finden, auf welcher Philosophie und Religion, Ethik und Kunst an der Verwirklichung eines einzigen Zieles zusammenarbeiten.“ (Köhler 1933/34, S. 83)

Das Wesen der Ichheit und Freiheit sei nur auf dem Hintergrund des Christentums ganz zu lösen: Solche Sätze veranlassen Rudolf Köhler zu der Bemerkung, dass man seit der Zeit des deutschen Idealismus nicht mehr gewöhnt sei, solches in einem philosophischen Werk zu lesen, und doch könnte es bereits den verheißungsvollen Anfang für eine „Philosophie der christlichen Existenz“ bilden.

Nebst der fundierten philosophischen Bildung schöpfte Otto Julius Hartmann aus den Anregungen Goethes und Steiners, dessen Lebenswerk er 1925 durch seine spätere Frau, die Hamburger Ärztin Helmi Burmeister, kennen lernte. Gedanken aus dem Ringen um Anthroposophie flossen in seine Lehrtätigkeit und in die Abendvorträge an der Universität ein.

1931 bildete sich aus einer studentischen Wohngemeinschaft an der Schillerstraße in Berlin die „Anthroposophische Arbeitsgemeinschaft Berlin“, zu der neben Otto Julius Hartmann auch Paul Höll, Alexandre Leroi und Friederike Charlotte Luise Schmidt gehörten. Im selben Hause befand sich die Praxis von Gerhard Suchantke, Margarethe Bockholt ( Margarethe Kirchner-Bockholt) und Ida Behre.

1947 war er – zusammen mit Studienrat Wilhelm Goosses und Helmut Hessenbruch – Mitbegründer der anthroposophischen Arbeitsgruppe „Wuppertaler Kurse“. Diese Gruppe war bemüht, sich – mitten in dem vom Schicksal hart betroffenen, dicht besiedelten Industriegebiet – dem wachsenden öffentlichen Interesse für die Anthroposophie zu stellen. Die Nähe der aufblühenden Rudolf Steiner-Schule in Wuppertal war befruchtend.

Die Arbeitsgruppe setzte sich zur Aufgabe, die verschiedensten Gebiete des Kulturlebens in der durch Anthroposophie vertieften Erkenntnis wissenschaftlich darzustellen und in großen und kleinen Kursen durchzuarbeiten, öffentlich wie auch in geschlossenen Kreisen. Angestrebt war, vom tiefen und systematischen Durcharbeiten bestimmter Gebiete bis zu regelrechtem Fachstudium ausgewählter Spezialgebiete vorzudringen und Forschungsergebnisse durch Veröffentlichung einem breiteren Kreis zugänglich zu machen. Im ersten Zyklus nahmen an jedem Kurs 100 oder mehr – vorwiegend junge – Menschen teil. Im zweiten Semester wurden die Gebiete Philosophie, Erkenntnislehre, Menschenkunde, Pädagogik, Biologie, Physik und Literatur weiter ergänzt durch Kunst und Kunstgeschichte, Musik, Medizin, Sozialwissenschaft und als besonderes Gebiet Anthroposophie.

Otto Julius Hartmann war Mitarbeiter und Autor der Zeitschrift „Die Kommenden“, wo er eine Fülle von Aufsätzen veröffentlichte.

Zur dritten Auflage seines Buches „Erde und Kosmos“ bei Klostermann in Frankfurt am Main schreibt er Folgendes: Das Buch „trägt den Untertitel ‚Eine kosmologische Biologie’ und versucht, die Polarität zwischen Erde und Kosmos im Leben des Menschen, in den Naturreichen und Jahreszeiten sowie in den vier Elementen aufzuzeigen. Ausgangspunkt ist die Bewusstseinssituation des modernen Menschen. Dieser findet, nach außen schauend, um sich ausgebreitet eine räumlich-materielle Welt, die den Gesetzen der Geometrie, Mechanik und Physik unterworfen ist. Und er findet, in sich blickend, eine Welt der Moralität, des Schicksals und des Gewissens. Die Frage erhebt sich: wie lassen sich Materie und Geist, Physik und Moral, mechanische und Schicksalszusammenhänge in Verbindung bringen?“ (Hartmann, MaD 1950, S. 29).

So beschäftigt er sich mit der Frage, wie geistige Kräfte und Wesenheiten mit dem Raum zusammenhängen: Punkt und Sphäre, Räumliches und Überräumliches, Raum und Gegenraum werden befragt. „In Weiterführung des naturwissenschaftlich-mathematischen Denkens der Gegenwart wird der Versuch gemacht, die Geburt von Raum, Materie und Körperwelt aus einem Überräumlich-Geistigen Schritt für Schritt abzuleiten und zu begründen. Auf diesem Wege gewinnen wir die Begriffe der Verräumlichung und Enträumlichung, der Verkörperung und Entkörperung, der Vermaterialisierung und Entmaterialisierung, der Evolution und Involution.“ (Ebd.) Geist, Materie und Raum stehen den Metamorphosen des menschlichen Seelenlebens gegenüber, Einschlafen und Aufwachen, Geborenwerden und Sterben, Gemeinschaft und Vereinsamung reichen in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Die vier Elemente des Festen, Flüssigen, Luft- oder Wärmehaften werden in die Polarität eines physischen und geistigen Raumes gestellt und geben wichtige Aufschlüsse über ihre Dimensionen.

Vielen Menschen erschien Otto Julius Hartmann als Brückenbauer, als Sucher und Vermittler zwischen unvereinbar scheinenden Welten. Ob in Themen wie „Medizinisch-pastorale Psychologie“, „Sünde, Krankheit und Heilung“, „Wir und die Toten“, „Zivilisationsschäden machen uns krank“, „Der Kampf um den Menschen“, „Dynamische Morphologie (Embryonalentwicklung und Konstitutionslehre als Grundlage praktischer Medizin)“ oder „Die Gestaltstufen der Naturreiche“, immer ist es sein Anliegen, Polaritäten zu erkennen, Brücken zu suchen und so heilend in zerfallende Welten einzugreifen. Er bemühte sich um eine offene Anthroposophie, die den Zusammenhang mit zeitgenössischer Wissenschaft finden kann.

Otto Julius Hartmann hat klar und sicher, mutig und temperamentvoll und zugleich besonnen auf die Menschen gewirkt, die ihm, sei es als Student im Hörsaal einer Universität, sei es als Leser seiner Bücher oder als Freund begegnet sind.

Christa Seiler


Werke: Der Mensch im Abgrunde seiner Freiheit, Frankfurt/M. 1932, 4 1979; Der Kampf um den Menschen in Natur, Mythos, Geschichte, München 1934, Freiburg i. Br. ²1969; Erde und Kosmos im Leben des Menschen, Frankfurt/M. 1938, ³1950; Der Mensch als Selbstgestalter seines Schicksals, Frankfurt/M. 1939, 11 1984; Dynamische Morphologie, Frankfurt/M. 1943, ²1959; Die Gestaltstufen der Naturreiche, Halle/S. 1945, Freiburg i. Br. ²1967; Wir und die Toten, Frankfurt/M. 1946, ³1983; Geheimnisse der Menschenbegegnungen und soziale Schicksale, München 1949, Frankfurt/M. 8 1992; Anthroposophie. Einführung in des Verständnis des Menschen-Wesens, Freiburg i. Br. 1950; Erde und Kosmos, in: MaD 1950, Nr. 14; An der Pforte von Geburt und Tod, Freiburg i. Br. 1952; Medizinisch-pastorale Psychologie, Frankfurt/M. 1952; Sünde, Krankheit und Heilung, Freiburg i. Br. 1953, dann als   Schicksal, Krankheit und Heilung, Freiburg i. Br. ³1972; Geheimnisse von Jenseits der Schwelle, Graz 1956; Faust. Der moderne Mensch in der Begegnung mit dem Bösen, Freiburg i. Br. 1957, Schaffhausen ²1980; Zivilisationsschäden machen uns krank, Freiburg i. Br. 1958; Die Esoterik im Werk Richard Wagners, Freiburg i. Br. 1960; Einführung in die Biologie, 12 Hefte, Freiburg i. Br. 1964; Die Frage nach der Seele, 18 Hefte, Freiburg i. Br. o. J.; Erkenntnishilfen für Antworten auf aktuelle Lebensfragen, 24 Hefte, Freiburg i. Br. 1975–77; Freiheit: wodurch? wovon? wozu?, Schaffhausen 1977; Antworten auf aktuelle Lebensfragen. Neue Folge, 24 Hefte, Freiburg i. Br. 1978–80; Bedeutsame Seelenprobleme von heute, 12 Hefte, Freiburg i. Br. 1981–82; Orientierungshilfen in einer chaotischen Welt, Freiburg i. Br. o. J.; Von den Geheimnissen der menschlichen Seele, 18 Hefte, Freiburg i. Br 1982–84; Wege zu einer zeitgemäßen Selbst- und Welterkenntnis, 24 Hefte, Freiburg i. Br. o. J.; Bilder und Zeichen. Zeugnisse geistiger Wirklichkeiten, Schaffhausen 1985; Übersetzung ins Französische erschienen; Beiträge in BfA, DD, G, K, Wa.
Literatur: Köhler, R.: „Der Mensch im Abgrunde seiner Freiheit“, in: CH 1933/34, Nr. 3; Köhler, R.: Der Kampf um den Menschen, in: CH 1934/35, Nr. 11; Hessenbruch, H.: Wuppertaler Kurse, in: MaD 1947, Nr. 1; Götte, F., Grone, J. v.: Abschiedsgrüße von Professor Otto Julius Hartmann, in: MaD 1954, Nr. 30; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Frensch, M.: Otto Julius Hartmann, in: K 1990, Nr. 2; Klainguti, G.: Auf dem Weg zu einer Logik des Ich, Schaffhausen 1991; Falter, R.: Von den Elementen zu den Elementarwesen, in: No 1996, Nr. 7/8.




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