Heinrich Hardt
Hardt, Heinrich

Arzt, Heilpädagoge.

*18.06.1896 Stargard/Mecklenburg (Deutschland)
†23.07.1981 Arlesheim (Schweiz)



Heinrich Hardt gehört zu den initiativen Gründerpersönlichkeiten der anthroposophisch inspirierten Heilpädagogik.

Er ist als Junker in Mecklenburg aufgewachsen. Sein Vater und die Vorfahren waren Rittergutsbesitzer. Mit 18 Jahren meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und war Fähnrich im Ersten Weltkrieg. In den Kämpfen an den Masurischen Seen 1917 wurde er schwer verwundet. Er war schon aufgegeben worden, doch ein Arzt rettete sein Leben durch eine spontane Operation. Seitdem lebte er als körperlich Behinderter und entschied sich dazu, selbst Arzt zu werden.

Heinrich Hardt absolvierte sein Studium in Rostock und traf dort Gerbert Grohmann, Joachim Sydow und Kurt Magerstädt. Durch diese Freunde lernte er die Anthroposophie kennen und wurde 1922 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Schon während seiner Studienzeit in Rostock hatte er Gespräche mit Rudolf Steiner, so am 29. Oktober 1922. Im selben Monat nahm er an der Medizinischen Woche des Klinisch-Therapeutischen Instituts in Stuttgart teil. Wie er waren zahlreiche anthroposophisch orientierte Medizinstudenten unzufrieden mit den Stuttgarter Ärzten und ihren als konventionell empfundenen Vorträgen. Sie baten Steiner um ein persönliches Gespräch. Heinrich Hardt, Manfred von Kries und Madeleine van Deventer (sowie die Botanikerin Maria Hachez) brachten ihre Wünsche nach Hilfestellungen für eine seelische Vertiefung innerhalb des Medizinstudiums vor – eines Studiums, das zum Arztberuf vorbereiten sollte, jedoch nicht in der Lage war, ärztliche Seelenfähigkeiten zu stärken. Steiner versprach ihnen die Abhaltung eines Kurses über „Die Vermenschlichung der Medizin“ unter der Voraussetzung, dass eine ausreichende Zahl hinreichend motivierter Studenten und junger Ärzte gefunden würde. Rudolf Steiner hielt die Ärztin Helene von Grunelius von der Vorbereitungsgruppe eindringlich dazu an, nur jüngere Mediziner einzuladen, während er selbst Ita Wegman als seine Mitarbeiterin am Kurs bezeichnete und einige wenige Ärzte persönlich hinzubitten wollte.

Zusammen mit Manfred von Kries war Heinrich Hardt nach der Weihnachtstagung 1923/24, an der er teilnahm, Mitinitiator der Jungmedizinerkurse (GA 316) Januar und Ostern 1924. Er wurde 1924 Mitglied der Medizinischen Sektion und begann die chirurgische Fachausbildung in Jena. Er brach diese Fortbildung aber zugunsten der ärztlichen Mitarbeit am heilpädagogischen Institut „Lauenstein“ als Nachfolger von Ilse Knauer ab. Seine spätere Frau, Schwester Margarethe [Grete] Becker, half tatkräftig bei der Herrichtung des „Lauenstein“.

In den Anfangsjahren der heilpädagogischen Arbeit schrieb Heinrich Hardt in einem Aufsatz eindrucksvoll über seine Aufgabe, u. a.: „Wenn man [...] weiß, dass es nicht auf den Wagen ankommt, sondern auf die Fracht, die er trägt, nicht so sehr auf den Käfig, sondern auf den Vogel, der in ihm singt oder doch singen möchte, dann schaut man mit andern Augen, lauscht mit andern Ohren auf das Wesen, das sich mühsam äußert, von dem man weiß, dass es ewig ist und keineswegs begonnen und beendet wird durch einen kurzen Erdentag.“ (Natura 1926/27, S. 142)

Im Jahre 1932 musste das „Haus Bernhard“ des Jenaer Zweigleiters Oberstleutnant Richard Seebohm, das als Heim zusätzlich zum „Lauenstein“ genutzt wurde, zurückgegeben werden. Heinrich Hardt suchte infolgedessen ein größeres Anwesen, das als Folgeeinrichtung des „Lauenstein“ dienen könnte. Schon im April 1932 siedelte er nach Altefeld unweit von Eisenach über. Altefeld war ein großes ländliches Anwesen mit Gestüt und Landwirtschaft. Hardt nahm den Namen „Lauenstein“ – er war der Letzte der in diesem Haus arbeitenden Heilpädagogen – dorthin mit. Das Institut hieß nun: „Heil- und Erziehungsinstitut Lauenstein, Altefeld bei Herleshausen/Werra“. Anlässlich der offiziellen Einweihung besuchte Ita Wegman am 1. September 1932 den neuen „Lauenstein“. Das Institut war als Krankenanstalt genehmigt worden; in ihm lebten bald über 70 seelenpflegebedürftige Kinder und 40 Mitarbeiter. Ita Wegman war begeistert von diesem Ort und der dortigen Arbeit. Sie korrespondierte häufig mit Heinrich Hardt.

Familie Hardt wohnte dort mit ihren beiden Kindern in beengten Verhältnissen. Die Schulleitung hatte bis 1936 Gustav Ritter. Neben der Gesamtleitung war Hardt noch Landarzt und hielt auch als Schularzt enge persönliche Kontakte zu den Waldorfschulen Dresden, Kassel und Hannover.

Im Jahre 1935 kam es nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft zu Hausdurchsuchungen durch die Gestapo. 1940 beschlagnahmte die deutsche Wehrmacht das gesamte Anwesen, weil dort wieder Pferde gezüchtet werden sollten. Ein hoher Offizier, der eine behinderte Tochter unter Hardts Schützlingen hatte, wollte eine Enteignung vermeiden, und es gelang, einen Tausch- und Entschädigungsvertrag abzuschließen. Schließlich wurde durch Mithilfe der Reichsumsiedlungsgesellschaft in Seewalde bei Wesenberg in Mecklenburg ein Anwesen mit 120 Morgen Land gefunden. Der Umzug im August 1941 hat vermutlich bewirkt, dass die Behörden in Hessen das Institut nicht mehr beachteten, sodass es nicht wie die meisten anderen im Jahre 1941 verboten und geschlossen wurde. In Seewalde waren die Behörden offensichtlich noch nicht informiert. Hardt konnte die Einrichtung bis zur Enteignung bzw. zwangsweisen Auflösung 1949 durch die DDR-Behörden halten.

Er selbst musste, nachdem die meisten zu Betreuenden eine Bleibe gefunden hatten, mit seiner Familie fliehen. Er ging als Letzter aus Seewalde fort, verunglückte schwer mit seinem Motorrad während eines Gewitterregens auf der Landstraße zwischen Neustrelitz und Rheinsberg. So waren „Seewalde“ und auch das von Franz Löffler begründete „Gerswalde“ im Osten die beiden letzten großen anthroposophischen Institute, die nach dem Kriegsende bis 1949 bzw. September 1950 fortgearbeitet haben. Das Ehepaar Hardt war seit dem Jenaer „Lauenstein“ mit Franz und Änne Löffler sehr befreundet und hatte in diesen schweren Zeiten in ständigem engen Kontakt mit ihnen gestanden.

Nach seiner Flucht 1949 nach West-Berlin reiste Hardt mit seiner Frau nach England, Schottland, in die Schweiz und nach Schweden, auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstätte. Schließlich entschloss er sich 1950, als Heim- und Schularzt im Landschulheim Benefeld in der Lüneburger Heide tätig zu werden. 1956 erkrankte er schwer während seiner dortigen Tätigkeit. Er musste seine aktive Mitarbeit als beendet ansehen. Zunächst lebte er in dem von Kurt Gäch gegründeten Institut „Birkenhof“ nahe Lüneburg. Später wohnte er mit seiner Frau in Murrhardt. Hier verstarb seine Frau am 8. März 1972. Nun zog es ihn in die Nähe seiner beiden Kinder, welche im Institut Hepsisau bzw. der Filderklinik arbeiteten, in den „Michaelshof“.

Heinrich Hardt trug an Tagungen der Gesellschaft anthroposophischer Ärzte Wesentliches bei und bereicherte die Teilnehmer der Comburg-, Urach- und Teinach-Tagungen als einer der selten gewordenen Zeugen, die noch Begegnungen und manches Gespräch mit Rudolf Steiner gehabt hatten. Auch bei den seit 1952 zweijährlich stattfindenden Heilpädagogischen Tagungen eröffnete er durch einen geisteswissenschaftlichen Beitrag oft begeisternd die Tagesarbeit.

Heinrich Hardt hat sein ganzes Sein der Anthroposophie und der anthroposophischen Heilpädagogik gewidmet. Er war ein echter Mecklenburger, ein „Mikilenburger“, und lebte wie ein Kämpfer der „Mikilenburg“ – der Michaelsburg des Anthyrius, dieses Feldherrn Alexanders des Großen, der nach dessen Tod wieder in seine Heimat im Norden, in das heutige Mecklenburg, zurückgekehrt sein soll.

Hermann Girke


Werke: Beiträge in BeH, Na, N, WKÄ.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Reinhold, E.: Margarete Hardt, in: MaD 1972, Nr. 101; Wedepohl, W.: Für Dr. Heinrich Hardt, in: BeH 1982, Nr. 1; Schöffler 1987; Zeylmans van Emmichoven, J. E.: Wer war Ita Wegman?, Bd. I/III, Heidelberg 1990/1992; Uhlenhoff, W.: Die Kinder des Heilpädagogischen Kurses, Stuttgart 1994; Grimm, R. [Hrsg.]: Neues kommt nicht von selbst, Dornach 1999; Uhlenhoff, W.: Zur Geschichte des Lauenstein, in: MaD 2000, Nr. 212; Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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