Dora Gutbrod
Gutbrod, Dora

Sprachgestalterin.

*18.03.1905 Stuttgart (Deutschland)
†25.06.1989 Arlesheim (Schweiz)



















Am westlichen Hang Stuttgarts, an der Falkertstaffel, wächst Dora Gutbrod in einer von Musik und Dichtung durchzogenen Arztfamilie zwischen zwei Brüdern auf. Mit dem jüngeren Bruder, dem späteren Architekten Rolf Gutbrod, wird sie immer eng verbunden bleiben. Früh war die Mutter, Eugenie Gutbrod, geb. Rümelin, zur Anthroposophie gestoßen, konnte Rudolf Steiner auch um Rat fragen. Dora besucht das nahe gelegene Mädchengymnasium. Als die Waldorfschule 1919 ihre Pforten öffnete, meldet sie sich selbstständig mit den Worten „dorthin gehöre ich“ bei der erstaunten Schulleiterin ab. In der Klasse der ältesten Waldorfschüler bilden sich viele, ihr Leben begleitende Beziehungen. Carl Unger nimmt sie 1922 als Mitglied in die Anthroposophische Gesellschaft auf. Noch vor Abschluss der Oberstufe wird sie im selben Jahr „Haustochter“ der Familie Kühn in Wendlingen, wo sie die Kinder zu betreuen hat und so ziemlich die ganze in Stuttgart lebende Anthroposophenschaft persönlich kennen lernt.

Ein erstes, durch Frau Kühn vermitteltes Gespräch mit Marie Steiner zeigt ihre dramatische und rezitatorische Begabung. 1924 erhält sie eine Einladung zum Dramatischen Kurs (GA 282), 1925 tritt sie in den von Marie Steiner eröffneten Sprachkurs unter Leitung von Edwin Froböse ein.

Schon nach vier Monaten hat sie für die Eurythmie zu sprechen und übernimmt in der beginnenden Arbeit an den Mysteriendramen die Rolle der Luna (bis 1939). Bei Tourneen des Goetheanum-Eurythmieensembles ist sie seit 1928 Sprecherin und regelmäßig mit dem Sprechchor auf Reisen. Sie spielt tragende Rollen in zahlreichen Dramen Albert Steffens, tritt als Iphigenie, Maria Stuart, als die Fürstin in der „Braut von Messina“ und als Helena im „Faust“ auf, seit 1940 spielt sie bis 1973 die Maria in den Mysteriendramen – kurz, sie war von der Goetheanum-Bühne nicht wegzudenken. Das bedeutete eine über 23 Jahre währende, unbedingten Einsatz fordernde Schulung durch Marie Steiner und sie empfand die Unterweisung durch „Frau Doktor“ als entscheidende Komponente ihres eigenen künstlerischen Arbeitens.

Mit Kurt Hendewerk leitet Dora Gutbrod über viele Jahre den Sprechchor des Goetheanum, mit ihrem Lebensgefährten Günther Sponholz führt sie Hebbels „Gyges und sein Ring“ auf. Die äußeren Verhältnisse sind karg, durch eigene Kurse und Privatstunden kann sie den Lebensunterhalt und primitivste Unterbringung einigermaßen bestreiten.

Anfang der 60er-Jahre entwickelt sich ein erweitertes Aufgabenfeld. Seit 1963 unterrichtet sie auf den Ruf Ernst Weißerts hin in den internen pädagogischen Herbsttagungen der Freien Waldorfschulen und gibt zahlreiche Rezitationen in diesem Rahmen. „Die Organe bilden sich beim Hören“ – dieser Satz bedeutet einen Schlüssel zu ihrer Methodik und Fähigkeit, denn auch in großen Sälen kann sie so unterrichten, dass sich in den Hörenden eigene Schritte vollziehen; theoretische Darlegungen dagegen gehören nicht zu ihren Unterrichtsmitteln. Regelmäßige Lehrerkurse in verschiedenen Städten bis nach Skandinavien verbinden sie mit der pädagogischen Arbeit und schulen die Lehrer nicht nur im Behandeln der eigenen Sprache, sondern im genauen Hinhören auf die Stimmen der Kinder, bis hin zum behutsamen therapeutischen Eingreifen.

Die Begegnung mit Karl König vertieft ihr Verständnis für die Aufgabe der Heilpädagogik. Ein lange im Stillen gepflegter Arbeitsstrom tritt nach Beendigung der Bühnentätigkeit in den Vordergrund. Nachdem sie schon über Jahre Kindern mit Sprachstörungen weitergeholfen und auf ärztliche Verordnung ( Madeleine van Deventer) mit einzelnen Patienten gearbeitet hatte, intensiviert sie die Zusammenarbeit mit Ärzten. Das sprachtherapeutische Wirken durchdringt zunehmend die Kurse für Sprachgestalter und die Unterrichtsstunden für ihre zahlreichen Schüler. 1974 ruft sie eine Tagung ins Leben, in deren Mittelpunkt die sprachpädagogische und sprachtherapeutische Arbeit und Forschung steht. Bis heute findet diese Arbeitstagung jährlich im Rahmen der Medizinischen Sektion am Goetheanum statt. 1979 gründet sie die „Ausbildungsstätte in Sprachgestaltung für den pädagogischen und therapeutischen Bereich“. Aus dieser von vielen Ärzten und Heilpädagogen unterstützten Arbeit ( Georg von Arnim) entstand die heutige „Dora Gutbrod-Schule für Sprachkunst“ in Dornach.

Dora Gutbrod hatte ein unerschöpfliches Interesse an Menschen aus nahen und ihr ganz fremden Feldern, viele und wirksame Beziehungen verknüpften sie vor allem mit Künstlern und mit jungen Menschen, die von ihr geschult werden wollten. Und sie lebte tagtäglich in der Pflege des Gedenkens an den wachsenden Kreis ihr nahe stehender Verstorbener. Hier, im Stillen, wuchs ein Tätigkeitsbereich, aus dem ihr bis ins hohe Alter immer neue Kräfte zuströmen konnten.

Sie unterrichtete bis in ihre letzten Tage und starb am 25. Juni 1989 in Arlesheim.

Magda Maier


Werke: Beitrag in WKÄ; autobiografisch: Aus Erinnerungen, in: RRM 1990.
Literatur: Schöffler 1987; Ostermai, U.: Dora Gutbrod, in: N 1989, Nr. 37;
dies.: Dora Gutbrod, in: SHS 1989, Nr. 3; Froböse, E.: Im Gedenken an Dora
Gutbrod, in: Bü 1989, Nr. 4; Ostermai, U., Hege, M., Pommerenke, E.,
Schreiber, C.: Dora Gutbrod, in: RRM 1990. Albrecht, Beatrice: "Wegbereiter.
Anfänge und Verbreitung des Sprachimpulses von Marie Steiner in 48
Kurzbiografien", Zürich




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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