Helene von Grunelius
von Grunelius, Helene

Ärztin.

*14.08.1897 Kolbsheim/Elsass (damals Deutschland)
†17.12.1936 Arlesheim (Schweiz)



Helene von Grunelius stand im vorbereitenden Zentrum der zwei großen, von Rudolf Steiner im Januar und April 1924 gehaltenen Vortragskurse für Medizinstudenten und junge Mediziner (GA 316), deren erster den Titel trug: „Moral des medizinischen Studiums und der Praxis (esoterisch und exoterisch)“. Sie sammelte die Menschen, leistete die innere und äußere Vorbereitungsarbeit und wurde zum Träger eines für die anthroposophische Medizin entscheidenden esoterischen Impulses für eine neue, durchchristete Heilkunst. Ihr Lebensweg war von jugendlichen Kräften im Sinne einer neuen Michaelsgemeinschaft impulsiert und von einer großen Verehrung für Rudolf Steiner sowie ausgesprochenen ärztlich-therapeutischen Fähigkeiten geprägt, geriet jedoch in die Auseinandersetzungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft nach Steiners Tod und endete früh und ausgesprochen tragisch.

Die Anthroposophie lernte Helene von Grunelius bereits in ihrer Kindheit kennen. Ihre Eltern, die beide der Theosophie nahe standen, stellten Julia Charlotte Mellinger als Erzieherin ihrer jüngeren Kinder in Schloss Kolbsheim (nahe Straßburg) ein und ermöglichten dadurch die frühe Verbindung von Elisabeth (Elisabeth von Grunelius), Andreas (Andreas von Grunelius), Helene und Marie ( Marie Wundt) mit dem Werden der anthroposophischen Bewegung. Helene selbst besuchte gemeinsam mit ihrem Bruder Andreas, dem sie lebenslang sehr verbunden blieb, ein Gymnasium in Straßburg, machte dort Abitur und studierte nach dem Ersten Weltkrieg in der Schweiz, in Tübingen und Frankfurt Medizin. 22-jährig trat sie im Februar 1920 in die Anthroposophische Gesellschaft ein und verfolgte mit wacher Aufmerksamkeit und aus nächster Nähe die Entwicklung der Stuttgarter Waldorfschule, die Entstehung des anthroposophischen Hochschulbundes, des „Kommenden Tages“, Eugen Koliskos Aktivitäten gegen die Maul- und Klauenseuche, insbesondere aber auch die ersten beiden Medizinischen Kurse Rudolf Steiners im Frühjahr 1920 (GA 312) und 1921 (GA 313), an denen sie teilnahm. Wie viele ihrer Freunde aus der jungen Generation litt sie sehr unter den Bedingungen und Inhalten ihres naturwissenschaftlich-reduktionistischen Hochschulstudiums; zugleich war sie von der fehlenden Dynamik innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft enttäuscht. Auch die von Steiner gehaltenen Ärztekurse waren nicht primär das, was sie und ihre Freunde suchten – so baten Madeleine van Deventer, Manfred von Kries, Heinrich Hardt und Maria Hachez stellvertretend für eine größere Gruppe anthroposophisch orientierter Medizinstudenten Steiner am 29. Oktober 1922 in einem persönlichen Gespräch um einen weiter gehenden, auf ihre Ausbildung und den dafür notwendigen ärztlichen Schulungsweg abgestimmten Vortragskurs. Rudolf Steiner konkretisierte dieses spirituelle Anliegen und sagte zu, sofern sich ein größerer Kreis verbindlich interessierter Studenten finden würde. Seit diesem Zeitpunkt und bis zum Beginn des Kurses am 2. Januar 1924, unmittelbar im Anschluss an die Weihnachtstagung, trug Helene von Grunelius – unterstützt von Madeleine van Deventer – die äußere und innere Vorbereitungsarbeit; sie wählte die infrage kommenden Menschen aus, hatte zahlreiche Gespräche mit Rudolf Steiner und Ita Wegman und erhielt von Steiner eine zentrale Meditation – für sich selbst und die Gruppe. Im Herbst 1923 siedelte sie nach Stuttgart über, wo sie bis zum Sommer 1924 in einem städtischen Krankenhaus ihre Medizinstudien mit einem praktischen Jahr abschloss. An der Gründung und Entwicklung der Freien Anthroposophischen Gesellschaft, die im Wesentlichen aus den Kräften der jüngeren Generation getragen wurde, nahm sie ebenso innersten Anteil wie an all den Krisenvorgängen dieses „Schicksalsjahres“ 1923 (s. GA 259), innerhalb und außerhalb der anthroposophischen Zusammenhänge. Der von Steiner schließlich gehaltene Januarkurs über „Die Moral des medizinischen Studiums und der Praxis (esoterisch und exoterisch)“ (GA 316) brachte für Helene von Grunelius und ihre Freunde die Erfüllung einer lang gehegten inneren Sehnsucht und eröffnete weite spirituelle Gesichtspunkte – zugleich war Grunelius ihr eigenes Ungenügen und das ihrer Mithörer deutlich. Sie ging in den Wochen nach Abschluss der Vorträge davon aus, dass nun keine Aufnahme der Gruppenmitglieder in die Erste Klasse möglich sei und wollte auch zu dem – im März erstmals angekündigten – Fortsetzungskurs zur Osterzeit persönlich nicht kommen. Nach einer Intervention vonseiten Ita Wegmans aber entschied sie sich schließlich anders und beteiligte sich selbst wieder aktiv an der Vorbereitung dieses zweiten Treffens. Nach dem Eintreffen der Gruppe in Dornach wurden alle Kursteilnehmer geschlossen in die Erste Klasse aufgenommen, nahmen an den allgemeinen anthroposophischen Ostervorträgen und einer Klassenstunde teil und hörten schließlich den für sie bestimmten großen Kurs. Wie wenigen anderen Menschen aus der Gruppe der jungen, begeisterten und idealistisch gestimmten Medizinstudenten und Ärzte war es Grunelius bereits während dieser Osterwochen, vermehrt aber in den Monaten danach deutlich, dass Rudolf Steiner von den Einzelnen eine viel intensivere meditative Arbeit erwartet hatte, zugleich aber auch den festen und verbindlichen Willenszusammenschluss für die gemeinsame Bewältigung der Aufgaben einer neuen, esoterisch vertieften und in ihrer innersten Substanz durchchristeten Medizin. Grunelius litt unter diesen Versagenserlebnissen und versuchte in Briefen einigen ihrer jugendlichen Freunde die Notwendigkeit einer solchen Willensbildung während des Sommers und in der Vorbereitung auf die Septembervorträge über Pastoralmedizin intensiv zu verdeutlichen, zugleich war sie gesundheitlich angeschlagen und erschöpft. Zu dem schließlich von Rudolf Steiner begründeten, aus sieben praktizierenden Ärzten bestehenden „Esoterischen Kern der Medizinischen Sektion“ gehörte Grunelius nicht. – Nach dem Tod Rudolf Steiners am 30. März 1925 bemühte sich Helene von Grunelius, die Inhalte der Karmakurse und die darin vermittelten Aufschlüsse über die geistesgeschichtliche Situation und spirituellen Zukunftsaufgaben der anthroposophischen Bewegung weiteren Mitgliedern auch außerhalb der Zentren von Dornach, Stuttgart etc. zu vermitteln, obgleich sie nur widerstrebend Vorträge hielt. „Inneren Mut und Begeisterung muss man ja gerade stark an sich machen, wenn man aus Dornach kommend den Anthroposophen und Nichtanthroposophen einen Hauch dieser hohen, durchchristeten Geistesluft in die Herzen tragen will. Denn eine große Vertiefung aller Anthroposophen, eine tiefe Erschütterung u. Erweckung scheint mir jetzt das Dringendste u. Wichtigste zu sein.“ (Brief an Margarethe Bockholt [ Kirchner-Bockholt], 19. April 1925) Auch nahm sie unterrichtend an den ersten Schwesternkursen in Ita Wegmans Klinisch-Therapeutischem Institut teil, war jedoch ab dem Herbst 1925 so geschwächt und lungenkrank, dass sie sich für fast zwei Jahre, bis zum Sommer 1927, zur Kur ins Tessin zurückziehen musste.

Obwohl sie dort einige Patienten mitbehandelte, waren diese Jahre ein weit gehender biografischer Tief- und Wendepunkt – nach dem Tod Rudolf Steiners, dem offensichtlichen Scheitern der Bewegung junger Mediziner und den Auseinandersetzungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Helene von Grunelius war ein aufrichtiger, geistesklarer und mutiger Mensch – sie versuchte trotz ihrer Jugendlichkeit und der sie auszeichnenden Begeisterungskräfte stets der gestellten Situation objektiv und unparteiisch ins Auge zu sehen, wobei sie sich selbst nicht schonte und mit melancholischen Wesenszügen zu kämpfen hatte. Schließlich aber kehrte sie 30-jährig nach Stuttgart zurück, wo sie im September 1927 eine eigene ärztliche Praxis eröffnete und therapeutisch sehr erfolgreich war. Sie arbeitete immer enger mit Eugen Kolisko an der Stuttgarter Waldorfschule zusammen und lernte Koliskos große medizinisch-therapeutische und soziale Möglichkeiten kennen, vertrat ihn bei seinen Abwesenheiten von der Schule und war in häufigem therapeutischen Austausch mit Ita Wegman und den ärztlichen Kollegen der Arlesheimer Klinik. Koliskos Weggang von der Schule im Sommer 1934 und die damit in Zusammenhang stehenden, auch sie selbst betreffenden Vorgänge verletzten sie tief. Nachdem die Schule sie aufgrund ihrer Verbindung zu Kolisko als Schulärztin ablehnte, beteiligte sich Helene von Grunelius an der Eröffnung des Sanatoriums Burghalde in Unterlengenhardt am 3. April 1935 durch Eugen und Lili Kolisko, wo eine gemeinsame medizinisch-therapeutische Aufbauarbeit begann. Als sich Eugen Kolisko aber nach nur einem Jahr entschied, nach England zu emigrieren, Daniel Dunlops Nachfolge anzutreten und in London etwas „Umfassendes, Weltenweites für die Anthroposophie aufzubauen“ (L. Kolisko), war dies ein weiterer und folgenreicher Eingriff in Grunelius’ Lebensgeschichte – „wie mit einem Schlage fühlte sie plötzlich alle Pläne und Hoffnungen durchkreuzt“ (Glas 1956). Sie lehnte es ab, die Burghalde ohne Kolisko verantwortlich weiterzuführen, und machte sich in sehr angegriffenem Gesundheitszustand auf eine gehetzte Reise nach Italien, wo sie schließlich mit einer Lungenblutung zusammenbrach. Am 10. Oktober 1936 wurde sie in Ita Wegmans Klinik gebracht, in der sie trotz aller Bemühungen vonseiten Wegmans, die mit größter Intensität um das Leben von Helene von Grunelius kämpfte, am 17. Dezember 1936 verstarb, erst 39 Jahre alt. „Dieses Hinscheiden war ein ungeheures Erlebnis für uns alle und auch für diejenigen Menschen, die in Stuttgart mit ihr zusammengearbeitet haben.“ (Ita Wegman an Willem Zeylmans van Emmichoven, 14. Januar 1937)

Peter Selg


Werke: Beitrag in N.
Der Nachlass Helene von Grunelius´ und große Teile ihrer noch erhaltenen Korrespondenz befinden sich im Ita Wegman-Archiv, Arlesheim.
Literatur: Glas, N.: Dr. Helene von Grunelius, in: BeH 1956, Nr. 11/12; Kolisko, L.: Eugen Kolisko – ein Lebensbild, Gerabronn-Crailsheim 1961; van Deventer, M.: Die anthroposophisch-medizinische Bewegung in den verschiedenen Etappen ihrer Entwicklung, Arlesheim 1982, ²1992; Zeylmans van Emmichoven, E.: Ita Wegman . Eine Dokumentation, Bd. I, Heidelberg 1990; Selg, P.: Helene von Grunelius und Rudolf Steiners Kurse für junge Mediziner. Eine biographische Studie, Dornach 2003.




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