Alice Sprengel
Sprengel, Alice

*29.09.1871 South Shields (Yorkshire) (UK)
†01.01.1949 Bern (Schweiz)
(Todestag und Monat nicht bekannt)



--Biografische Archivnotiz--

Alice Sprengel ist nach einem von ihr selbst geschrieben Lebenslauf als illegitimes Kind einer unverheirateten Pastorentochter aus Pommern bei einem Besuch ihrer Mutter im Hause ihres Bruders, des Kapitäns Franz Sprengel, am 29. September 1871 in South Shields in Yorkshire (England) geboren. Die Mutter reiste offensichtlich, um einen Skandal zu vermeiden, für die Geburt nach England. Im 4. Lebensjahr wurde sie vom Rittergutsbesitzer Georg Krause und seiner Frau auf Steinbach, Kreis Züllichau, zwischen Frankfurt/Oder und Posen gelegen, adoptiert. Sie hatte bei den Pflegeeltern eine ungewöhnlich leidvolle Jugend durchlebt. Sie schreibt, dass ihre Pflegemutter kränklich und psychisch nicht normal gewesen sei. Sie wurde im Hause von einer Gouvernante unterrichtet und war eine Zeitlang auch im Herrenhuter Pensionat in Gnadenfrei, Schlesien. Als sie 15 Jahre alt war, starb die Pflegemutter. Sie wurde daraufhin nach Berlin auf die Kunstschule geschickt, wo sie trotz längerer krankheitsbedingter Unterbrechung, noch nicht 18-jährig, das Zeichenlehrerinnenexamen für höhere Töchterschulen ablegte. Sie arbeitete danach in verschiedenen photographischen Ateliers, zuletzt in Straßburg.

Im 20. Lebensjahr trat erneut eine Gesundheitskrise auf, von der sie sich erst nach 6-7 Jahren erholte. Gleichzeitig erhielt sie aber, nach dem Tode des Pflegevaters, ein Legat des verstorbenen Vaters der Pflegemutter in der Höhe von 15000 M, so dass sie nicht fortlaufend verdienen musste. Als sich ihr Zustand gebessert hatte, nahm sie ihre Studien wieder auf, arbeitete im Atelier von Maximilian Dasio in München und lernte Metallarbeiten in der Kunstschule von Herrman Obrist und Wilhelm von Debochitz. 1904 trat sie in München in die Theosophische Gesellschaft ein, 1913 wechselte sie als Schülerin Rudolf Steiners in die Anthroposophische Gesellschaft. Sie machte nach 1904 einen seelisch sehr gedrückten Eindruck, außerdem sei sie stellungslos gewesen. Man wollte ihr helfen. Marie von Sivers zog sie 1907 zur Mitwirkung bei den Münchner Festspielen heran und veranlaßte, daß sie von Münchner Mitgliedern finanziell unterstützt wurde. Sie erhielt die Rolle der Persephone in Schuré’s Drama Eleusis. Marie von Sivers schrieb am 26. Mai 1907 darüber Folgendes: „Von zwei Damen, welche wir als unsere Sterne betrachteten und die in den Rollen von Persephone und Hekate Ausgezeichnetes versprachen, musste die eine fort, um eine Schwägerin in Brüssel zu pflegen, die plötzlich wahnsinnig geworden war; die andere wurde selbst nervenkrank“ “So waren die Chancen für das Gelingen der Aufführung sehr gering geworden. Nach manchem Zögern entschlossen wir uns, es mit einem sehr armen jungen Mädchen zu versuchen, die ein überaus schweres Leben hat und in Momenten der Niedergeschlagenheit ganz hoffnungslos wirkt, weil es ihr an Energie fehlt. Sie setzt sich dann hin, legt die Hände in den Schoß und sagt: ‚Ich kann‘s mir nicht bieten‘. Glücklicherweise konnte sie sich die Rolle der Persephone ‚bieten‘. Das war die Frage gewesen. Dann sah man den Funken, der von früher in ihr schlafend gelegen hatte, sich entzünden, und sie wurde jeden Tag glücklicher. Die zuerst sehr schwache Stimme, die ihr immer in die Brust herunterrutschte, wuchs mit jedem Tage; aber erst in der letzten Woche konnten wir sicher sein, dass man sie verstehen würde. Noch jetzt ist dieses junge Mädchen ganz verklärt, und sie hat noch immer die Allüren einer Prinzessin. Diese Tage werden die schönsten ihres Lebens gewesen sein.(43)“

Im Jahre 1911 konnte das „Heilige Drama von Eleusis“ erneut in München aufgeführt werden, diesmal aber in Anwesenheit Schurés. Schuré schrieb Alice Sprengel ungewöhnliche schauspielerische Fähigkeiten zu . Schneider spricht vom „Aufleuchten der durch Persephone repräsentierten hellseherischen Kultur im Drama von Eleusis Edouard Schurés“. Ist es ein Zufall, dass sie in beiden ihrer Rollen die Hellseherin darstellt?

Um ihr zu einem ihren kunstgewerblichen Fähigkeiten entsprechenden Erwerb zu verhelfen, erhielt sie außerdem von Rudolf Steiner Ratschläge zur Anfertigung von symbolischem Schmuck u.ä. für Mitglieder. 1914 wurde ihr auch ermöglicht, nach Dornach zu übersiedeln. Die Hilfen deutete sie jedoch dahingehend, daß ihr in der Gesellschaft eine bedeutende Mission zukommen müsse. Sie spielte in der „Pforte der Einweihung“ am 15. August 1910 in München die Rolle der Theodora. Dies, sowie die Tatsache, daß Rudolf Steiner Ende 1911 im Zusammenhang mit dem Projekt, für die Mysterienspiele einen eigenen Bau zu errichten, den Versuch gemacht hatte, eine „Gesellschaft für Theosophische Art und Kunst“ zu stiften, in der sie ihrer kunstgewerblichen Tätigkeit wegen als Siegelbewahrer nominiert worden war, führten dazu, daß sie sich immer stärker in ihre Missionsvorstellungen hineinlebte. Sie war überzeugt, große Inkarnationen hinter sich zu haben und hielt sich sogar für die Inspiratorin von Rudolf Steiners geistigem Lehrgut. Die ihr zugewiesene Rolle der Theodora hatte in ihr die Vorstellung erzeugt, dadurch von Rudolf Steiner symbolisch ein Eheversprechen erhalten zu haben. Als dann Rudolf Steiner und Marie von Sivers sich Weihnachten 1914 verheirateten, löste dieses Ereignis bei ihr eine seelische Katastrophe aus, die sie in Briefen beschrieb. Der Auffassung, dass sie wegen ihrer kunstgewerblichen Tätigkeit als Siegelbewahrer nominiert worden war, scheinen die folgenden Sätze aus der Ansprache von Rudolf Steiner vom 15. 12. 1911 zu widersprechen: „Es wird notwendig sein, dass in einer gewissen Weise ein Zusammenschluß derjenigen, die zu dieser Arbeitsweise gehören, erfolgen kann; dieser Zusammenschluß wird erfolgen müssen in einer ganz anderen Weise als das bisher der Fall war. Wir werden haben müssen einen Überwacher dieses Zusammenschlusses. Die Stelle des Konservators, die als Amt zunächst übertragen wird Fräulein Sophie Stinde, wird in Verbindung stehen mit diesem Zusammenschluß selber. Die Art, wie sich die Persönlichkeiten zusammenfinden, - das alles erfordert Arbeit in der nächsten Zeit. Damit aber die Art des Zusammenschlusses, mit anderen Worten das Prinzip der Organisation, wird erfolgen können, haben wir notwendig einen Siegel-Konservator: Fräulein Sp., - während Sekretär wird: Dr. Carl Unger.(46)“

Marie Steiner fügt im Jahre 1947 die folgende Ausführung hinzu: „Die für Dornach aufregendste Krise war die des Sommers 1915. Es trat ein Dr. Gösch in den Vordergrund, ein typischer Pathologe und Vertreter der Psychoanalyse. Er redete sich ein, dass ihm der Siegelbewahrer die Augen geöffnet habe über Versprechungen, die Dr. Steiner gäbe und nicht halte. Dies legte er nach psychoanalytischer Methode in einer Broschüre dar. Zugleich schrieb er Dr. Steiner einen Brief, in dem er seine Theorien auf Grund der ihm vom Siegelbewahrer gemachten „Enthüllungen“ entwickelte. Der Siegelbewahrer hätte die ihr mit diesem Namen zugewiesene Aufgabe nicht anders verstehen können als in einem sehr persönlichen Sinn. Sie fühlte sich als die Inspiratorin des von Dr. Steiner der Menschheit gegebenen geistigen Lehrgutes. Da sie außerdem in München die Rolle der Theodora in den Mysterien-Dramen Rudolf Steiners gespielt hatte, zog sie daraus als Konsequenz den Beweis eines symbolisch gegebenen Ehe-Versprechens, auf dessen Erfüllung sie „sieben Jahre“ gewartet habe. Ihre vielen, um diesen Punkt sich drehenden, anklagenden Briefe, gaben dem Dr. Gösch Gelegenheit, eine psychoanalytische Abhandlung im Freud‘schen Sinne zur Beleuchtung ihres Falles zusammenzustellen. Ihm selbst war ja längere Zeit wegen seines krankhaft nervösen Zustandes die Freud‘sche Behandlung zuteil geworden und hatte sein Wesen tief infiziert. Sein offener Anklagebrief gab nun die Veranlassung zu zahlreichen, innerhalb der Gesellschaft streng und genau durchgeführten Verhandlungen, durch welche die Mitgliedschaft sich Klarheit über diesen Fall verschaffen sollte. Nachschriften darüber sind vorhanden und gaben auch die Grundlage für das als Sondernummer der Zeitschrift „Anthroposophie“ in Stuttgart herausgegebene Buch: „Anthroposophie und Psychoanalyse“. Hier sei nur das erwähnt, was sich bezieht auf den Fall Sp. – alias Proserpina – alias Theodora – alias Siegelbewahrer, und sich bei ihr in so mystisch-persönlicher Weise als Grössenwahn darlebte. Freilich hatten sich bei ihr noch vor dem Kriege Symptome der Selbst-Überheblichkeit schon geltend gemacht. An diesem unglücklichen Grössenwahn scheiterte die Möglichkeit der weiteren Nominierungen in den aus acht Persönlichkeiten bestehenden Kreis. Der eine Stein war herausgefallen durch egoistische Selbstüberhebung und dem Hineingeraten ins Mystisch-Abwegige. Der Siegelbewahrer sprengte das Siegel im allergewöhnlichsten menschlichen Sinne. Die Notwendigkeit des Heranziehens der Frau als aktive Mitarbeiterin an den Kulturaufgaben der Zukunft ist unabweislich und wird erreicht werden müssen trotz des Scheiterns dieser Bemühungen in einzelnen Fällen. – So erging es uns mit dem Siegelbewahrer.(47)“

Gestellte Bilder von den Aufführenden des ersten Dramas wurden vom Fotografen (und Kunstmaler) Fritz Haß an verschiedene Adressen verschickt. In der Mappe an Sophie Stinde und Pauline von Kalckreuth war auch das Bild der „Theodora“ erhalten. Ein weiteres Bild von Alice Sprengel anläßlich der Taufe von Helga Wagner ist ebenfalls erhalten.

Nachdem Rudolf Steiner am 21. August 1915 von Heinrich und Gertrud Goesch einen sehr kritischen, ja scharf tadelnden Brief erhalten hatte, in dem Heinrich Goesch sich auf „Erkenntnisse, die ich mir unter Anleitung des Siegelbewahrers der Gesellschaft für theosophische Art und Kunst, dessen Protektor Christian Rosenkreutz ist, erworben habe“ bezieht, wurde Alice Sprengel am 23. September 1915 von Michael Bauer im Namen des Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft mitgeteilt, daß ihre Mitgliedschaft wegen ihrer Stellungnahme, die den Zielen der Gesellschaft widerspreche, widerrufen würde. In der darauf folgenden Zeit übertrug Alice Sprengel ihre Loyalität an Theodor Reuss. Sie wurde seine Sekretärin und erhielt danach von ihm die Autorisation, O.T.O.-Logen zu gründen. Sie wurde eines der drei Mitglieder des Exekutiv-Vorstandes, also des höchsten Vorstandes in der „Anationalen Großloge & Mystischer Tempel ‚Verità mistica‘ des Orients Ascona“, wahrscheinlich neben Margarethe Hardegger (1882-1963), alias Schwester Hyazinthe, und Genja Jantzen. Sie leitete auch eine Loge in Davos, die 1921 ihren Charter bekam. Sie erstellte auch Horoskope, so befindet sich im Nachlaß von Frau Hardegger in der Zentralbibliothek Zürich ein von Frau Sprengel für Margarethe Hardegger erstelltes Horoskop mit dem Datum 13.9.1939. Eine Rekonstruktion des angeblichen O.T.O Gelöbnisses von Rudolf Steiner erstellte Alice Sprengel Jahrzehnte nach dem angeblichen Verfassungsdatum aus dem Gedächtnis, mit einem für den Fachmann offensichtlich nicht zeitgerechten Inhalt. Selbst von dieser Rekonstruktion gibt es nur eine Abschrift, die über Gundula Bader, Emil Bock und Erich Gabert in Archivbestände und schlußendlich zur Veröffentlichung in GA 265, S. 100, gelangte. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg fungierte Frau Sprengels Tessiner O.T.O.-Loge in der Schweiz als eine Art Exil-Loge für viele vertriebene ausländische Okkultisten, so auch für den Gründer der berühmten Fraternitas saturni, Eugen Grosche. Alice Sprengel scheint auch mit Felix L. Pinkus, alias Eliezer, geb. 1881, zusammen gearbeitet zu haben, der 1947 starb. 1943 hat sie Hermann Joseph Metzger (1919-1990), alias Frater Paragranus oder Peter Mano, initiiert. Margarethe Hardegger hatte mit Alice Sprengel bereits um das Amt des Vorsitzenden gekämpft. Nach Frau Sprengels Tod 1949 in Bern rivalisierte sie mit Genja Jantzen um das Amt des Nachfolgers von Alice Sprengel. H.J. Metzger gründete eine eigene O.T.O.-Loge in Zürich und beschrieb noch 1963 Frau Sprengel als die älteste Schwester des Ordens.




GA 262 Personenregister
Ga 264 Personenregister
König, Peter R.: Ordo templis orientis im: www.cyberlink.ch/-koenig/consider.htm, Stand: 15.03.2010
König, Peter-R.: Ordo templis orientis FAQ Frühgeschichte und Entwicklung. http://user.cyberlink.ch/~koenig/frueh.htm, Stand: 18.3.2010
Steiner, Rudolf: Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft: Zur Dornacher Krise vom Jahre 1915 (GA 253) Dornach: Rudolf Steiner Verlag 1989
Die Gruppenaufnahme von Söcking ist in: Groddeck, Wolfram: Das Wirken Rudolf Steiners, Band III: 1907-1917, Schaffhausen abgedruckt
www.margerethe-hardegger.ch/q16.html
Howe, Ellic: Magicians of the Golden Dawn: a Documentary History of a Magical Order. 1857-1923. New York City: Samuel Weiser 1972, XXVIII + 306 p.
Schneider, Camille: Edouard Schuré. Seine Lebensbegegnungen mit Rudolf Steiner und Richard Wagner. Freiburg in Breisgau: Verlag Die Kommenden 1971, S. 126.
ibid. S. 134.
ibid S. 169
Steiner, Rudolf: Ein durch Rudolf Steiner gegebener Zukunftsimpuls und was zunächst daraus geworden ist. Ansprache, gehalten in Berlin am 15. Dezember 1911. Dornach: Manuskriptdruck 1947, S. 10
Steiner, Marie: Vorwort in: Steiner, Rudolf: Ein durch Rudolf Steiner gegebener Zukunftsimpuls und was zunächst daraus geworden ist. Dornach: Manuskriptdruck 1947
Lebenslauf von Alice Sprengel in: Gnostika, Jahrgang 9, Heft 31 vom November 2005, S. 61 und 77-79




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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