Rudolf von Koschützki
von Koschützki, Rudolf

Mitbegründer der Christengemeinschaft.

*08.04.1866 Tarnowitz/Oberschlesien (damals Deutschland)
†16.03.1954 Stuttgart (Deutschland)







„Fahrt ins Erdenland“ (Stuttgart 1933, ²1952) nennt Rudolf von Koschützki seine Autobiografie. Sie ist köstlich zu lesen, denn er war ein faszinierender Erzähler, aber sie enthält auch bewegende Einzelheiten eines Schicksalsweges, der die gewaltigen Umbrüche einer Zeit mit ihren Wirkungen für den Einzelnen zum Erlebnis bringt. Ein Landwirt aus jahrhundertealtem Geschlecht wird Schüler Rudolf Steiners und Priester der Christengemeinschaft als deren Mitbegründer.

Im Gebiet Oberschlesien, das heute zu Polen gehört, mit seinem Bergbau und der Schwerindustrie gab es seit der Slawenmission riesige Güter mit imponierenden Herrschaftshäusern. Seit vielen Jahrhunderten und Generationen lebten und arbeiteten die Vorfahren als Besitzer oder Verwalter auf solchen Gütern. In diese Welt wurde Rudolf von Koschützki geboren, noch vor dem Kaiserreich von 1871 und auf Gütern, die der Vater verwaltete, verlebte er seine Kindheit und Jugend – gerne beim Gesinde, bei den Tieren auf den Wiesen, Weiden und Äckern und in den Wäldern. Die Schulzeit erlebte er als „ständige Freiheitsberaubung“ und selbstverständlich wurde er Landwirt. Während einer Volontärzeit lernte er seine spätere Frau Martha (gen. Titania) kennen, die er 1892 heiratete. Alles schien, als sollte es ihm ergehen wie seinen Vätern: ein bodenständig-kultiviertes Leben auf möglichst eigener Scholle.

Aber das Schicksal hatte schon für eine Wende vorgesorgt. Am 18. Oktober 1891 ereignete sich das Eisenbahnunglück von Kohlfurt/Niederschlesien. Eigenartig, wie Koschützki gerade diesen Zug wählte und wie er noch einmal das Abteil wechselte. Denn nun blieb er – wenn auch schwer verwundet – eingeklemmt am Leben. Er stand für Stunden an der Todesschwelle und rang um sein Bewusstsein. Er blickte hinüber in das Reich der Seelen; aber er wollte auf der Erde leben. Nur war „eben dazwischen, zwischen Seele und Leib, etwas aus dem Leim gegangen“ (Koschützki 1933, S. 171). Obwohl er es immer wieder an verschiedenen Orten versuchte: Landmann konnte er nicht mehr sein.

Beim Lesen der ausführlichen Schilderungen seiner Erlebnisse in Briefen kam ein Onkel auf den Vorschlag, er solle Schriftsteller werden. – Vieles von dem, was er geschrieben hat, ist gar nicht mehr bekannt, muss für immer als verschollen gelten. Seit 1914 lebte er in Potsdam, später in Berlin. Dort lernte er 1916 Friedrich Rittelmeyer und durch ihn im Frühjahr 1917 Rudolf Steiner kennen. Als Kriegsberichterstatter und Herausgeber der „Feldkorrespondenz“ hörte er seinen ersten anthroposophischen Vortrag: „Das ist entweder vollkommener Wahnsinn oder das Größte, das seit zwei Jahrtausenden erlebt worden ist.“ (Koschützki 1933, S. 306)

Mit feinsinnigem Humor und tiefer Verehrung für alles Schöpfen und alles Menschenschicksal hatte Rudolf von Koschützki schon seit Jahrhundertbeginn geschrieben, um Menschen zu erwecken für das Göttliche in der Welt („Siehdichum“; „Quelle der Kraft“; „Der Schatz im Acker“). Im Krieg musste er von der schmerzlichen, schweren Seite des Lebens und vom Tode berichten. Jetzt, wo er mitten im Krieg Friedrich Rittelmeyer, Rudolf Steiner und die Anthroposophie kennen lernte, ist ihm ein neues Licht, das Licht geisterfüllter Gedanken, aufgegangen und schließlich sollte er erfahren, wie dieses Licht in seinen ursprünglichen Beruf heilend eindrang. Damals wurde die „biologisch-dynamische Landwirtschaft“ begründet und Rudolf von Koschützki half in ihrer Leitung in den ersten Jahren mit.

Er hatte sich dazu durch siebenjähriges Studium der Anthroposophie auf der einen Seite und durch ein Kompendium zum neuesten Stand der Landwirtschaft („Rationelle Landwirtschaft in Wort und Bild“) vorbereitet. Auch war er Biograf wichtiger Landwirte („Lebensbilder bedeutender Landwirte“). Inzwischen aber wollte das Schicksal von dem Landwirt und Schriftsteller noch ein Drittes.

Obwohl in der Arbeit an einem Buch und mit nur geringen Mitteln versehen, drängte es ihn im Juni 1921, nach Stuttgart zu reisen. Es fanden dort Vorträge Rudolf Steiners statt, die er hören wollte. Wovon er nicht wusste, war eines der Treffen der jungen Menschen, die die religiöse Erneuerung wollten. Er geriet in eine Versammlung, die ihm nicht zusagte, aber Emil Bock hielt ihn auf und bewog ihn zu bleiben. Er nahm – auf diese Weise eingeladen – dann am zweiten Theologenkurs in Dornach teil (GA 343), blieb seinem einmal gefassten Entschluss treu und wurde am 16. September 1922 als Achter der 45 Gründer zum Priester in der Christengemeinschaft geweiht.

Anschließend gründete er in Breslau mit Rudolf Meyer und Kurt von Wistinghausen die Gemeinde. Er wohnte mit seiner Familie in Schloss Koberwitz zu Gast beim Grafen Keyserlingk. Dort hielt er auch die erste Menschenweihehandlung in Schlesien. Bald konnte durch Vermittlung von Moritz Bartsch ein Schulraum in Breslau gemietet werden, in dem sich ein reiches Leben entfaltete. – Zur Weihnachtstagung 1923 in Dornach, die zur Gründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft führte, war Koschützki als offizieller Vertreter der Christengemeinschaft von Friedrich Rittelmeyer entsandt. 57-jährig war er damals der Senior der Priesterschaft.

Zu Pfingsten 1924 weilte Rudolf Steiner für den „Landwirtschaftlichen Kurs“ (GA 327) auf Schloss Koberwitz. Er hielt in der Zeit auch Klassenstunden der neu gestifteten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Rudolf von Koschützki und seine Pfarrerkollegen waren dazu als Hochschulmitglieder aufgenommen worden. Als Anthroposoph und Hochschulmitglied, als zelebrierender Priester, als liebevoller Praktiker, Lehrer und Leiter in der Landwirtschaft und als Mensch war er für alle folgenden Jahre ein überzeugender Repräsentant der anthroposophischen Sache.

Auf seine Weise weist das kleine Büchlein von 1927 „Vom lichten Leben“ darauf hin. Der Kenner wird darin die Spuren einer rosenkreuzerisch geschulten Persönlichkeit finden.

Von seiner Übersiedlung nach Berlin, der Tätigkeit als „Ausgleichsmann“, nicht nur im Priesterkreis, berichtet er selbst. Emil Bock hat ihn 1934 zur Palästinareise eingeladen, von der wir durch Bock und Herbert Hahn lebendige Schilderungen haben. Beim Verbot der Christengemeinschaft 1941 wurde er nur verhört, aber nicht inhaftiert. Er lebte dann mit seiner Frau – nach der Ausbombung in Berlin – bei seiner verheirateten Tochter in Osterburg in der Altmark. Den Zusammenbruch des „Reiches“, die Eroberung, Plünderung, Besetzungen mussten noch erlebt werden. Dann starb 1947 seine Frau, mit der er bald 60 Jahre gelebt hatte.

Nach einem kurzen Aufenthalt bei Bremen holte Emil Bock Koschützki nach Stuttgart. 1953 hat er dort, unvergesslich, im Kreis von Hunderten von Jugendlichen von Rudolf Steiner, von sich, von den Gründungsschritten der Christengemeinschaft erzählt. Es war anlässlich einer großen Jugendtagung. Der Jugendlichste war der Uralte, der Erzpriester, der bald darauf diese Erde, die er so liebte, verließ. Er freute sich darauf, „drüben“ von der ersten Zeit der Christengemeinschaft und deren Jugend zu berichten.

Rudolf F. Gädeke


Werke: Siehdichum, 1904; Quelle der Kraft, Hamburg 1912, ²1915; Der Schatz im Acker, 1914; Lebensbilder bedeutender Landwirte o.J.; Das Paradies in euch, Stuttgart 1920; Rationelle Landwirtschaft in Wort und Bild, 1922; Vom lichten Leben, Stuttgart 1927; Das neue Lied vom Acker, in: Gäa Sophia, Bd. IV, Stuttgart 1929; Fahrt ins Erdenland, Stuttgart 1933, ²1952; Sonne auf Erden, Stuttgart 1937, ²1952; Die Tiere der Stadt, Stuttgart 1950, ²1951; Die Tiere des Zirkus, Stuttgart 1950, ²1951; Tiere des Landmanns, Stuttgart 1951; Der Wald, 1951; Mein Kinderland, Stuttgart 1951; Mein Jugendland, Stuttgart 1951; Briefe an die Jugend, Stuttgart 1957; zahlreiche Beiträge in CH, weitere in AT, BeH, MaD, N, Tch.
Literatur: autobiografische Aufsätze in: CH 1928/29, Nr. 7, 9, 10, 11, 12, 1929/30, Nr. 2, 10, 11, 1930/31, Nr. 9 und MaD 1950, Nr. 11; Rittelmeyer, F. u. a.: Rudolf von Koschützki im Spiegel seiner Freunde, in: CH 1936/37, Nr. 1; Bock, E.: Rudolf Koschützki unter uns; Wistinghausen, K. v.: Ansprache bei der Feuerbestattung, in: CH 1954, Nr. 5; ders.: Rudolf von Koschützki, Husemann, G.: Totengedenken an Rudolf von Koschützki, in: MaD 1954, Nr. 28; Letzteres auch in: BeH 1954, Nr. 5/6; Wistinghausen, K. v.: Ein Jahr nach dem Abschied, in: CH 1955, Nr. 3; Reuter, H.: Carl Wernicke und Rudolf von Koschützki – zwei Freunde, in: BeH 1960, Nr. 3; Galle, G.: Schlesische Erinnerungen; Kelber, W.: Einen solchen Mann gekannt zu haben ..., in: CH 1966, Nr. 4; Wistinghausen, K. v.: Rudolf von Koschützki, in: CH 1974, Nr. 3; Schöffler 1987; Gädeke, R. F.: Die Gründer der Christengemeinschaft, Dornach 1992.




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