Erik Asmussen
Asmussen, Erik Abbi

Architekt.

*02.11.1913 Kopenhagen (Dänemark)
†29.08.1998 Järna (Schweden)





„Am Anfang war die Metamorphose.“ – Erik Asmussen lebte als Architekt und Mensch in und aus dieser Kraft und ließ sie in seinen Bauten sichtbar werden.

Auf der Rückreise von Helsinki, bei einem Zwischenhalt in Schweden, kurz vor Weihnachten 1961, traf ich Asmussen zum ersten Mal. Arne Klingborg holte mich vom Schiff ab. Auf dem kurzen Weg vom Hafen in sein Atelier in der Stockholmer Altstadt sagte er – fast entschuldigend –, die dortige Waldorfschule habe für ihren geplanten Bau nicht einen der bekannten anthroposophischen Architekten ausgewählt, sondern den eher unbekannten Asmussen. Auch wenn dieser noch nichts Vergleichbares gebaut habe, so meine er doch, dass es richtig sei, mit ihm zusammenzuarbeiten. Im Rückblick muss man erkennen, dass hier zwei moderne, geistgemäße Haltungen zum Ausdruck kamen: das Vertrauen auf die individuelle künstlerische Entwicklung und die Gründung der architektonischen Gestaltfindung auf die realen Lebensprozesse einer Gemeinschaft.

Asmussen saß wortkarg vor dem Saalmodell für die Christoffer-Schule. Die Anlage mit Zugängen zu den Oberstufenklassen direkt vom Saal aus war großzügig einfach, aber auch riskant, forderte sie doch erhebliche Einschränkungen von den Benutzern oder gab ein definiertes Lebensgefühl vor. Das Gleiche galt für die Absicht, die Bühne von oben mit Tageslicht zu versehen. Es müssen wichtige Gemeinschaftsentscheidungen gewesen sein, hier auf Vorbilder von skandinavischen Hallenschulen zurückzugreifen.

Dann, seit Beginn der 60er-Jahre, entstand ein anthroposophisches Zentrum unweit von Stockholm, in Järna – und dort wurde Asmussens Arbeit sichtbar. Wir konnten in den folgenden Jahren, in denen es uns immer wieder nach Järna zu Tagungen und Ausstellungen zog, beobachten, wie trotz der persönlichen Handschrift Erik Asmussens die Impulse für die Bauverwirklichung von einer Gemeinschaft getragen waren, die ihre eigenen inneren Ziele hatte: die Begründung und die Arbeit in einem nordischen Kulturzentrum für ganz Skandinavien. Für die Formen der nach und nach entstehenden Gebäude wurde ein „Gesetz“ formuliert: Das Verhältnis von den persönlichen Bedürfnissen zu den Zielen der Gemeinschaft sollte sich in der Beziehung zwischen dem Horizontalen, in dem sich das Persönliche, wie z. B. das Wohnen, wiederfindet, und dem Vertikalen, dem Zeichen für die Gemeinschaft, ausdrücken, und zwar so, wie der jeweilige Zweck des Gebäudes es fordert. Hier war der Architekt gefordert, die Motive zu finden und sie metamorphisch von Bauwerk zu Bauwerk weiterzuentwickeln. Diese Arbeit scheint mir die originäre eigenständige und in der modernen Architektur bedeutende Leistung Asmussens zu sein. Mit Fantasie und Humor und einem inneren Gespür für das Wesentliche, in dem sich die jeweilige Funktion des Baus ausdrückt, entstanden nun Bauten für die Malerei, die Eurythmie, die Bibliothek, das Gemeinschaftshaus, sogar ein Maschinenbauwerk – die Mühle –, alles individuelle „Persönlichkeiten“ und in einer räumlichen Metamorphose untereinander und mit dem als Letztes entstandenen Saalbau als Hauptbau verbunden. Vorbild war die von Rudolf Steiner in Dornach gebaute Anlage, in der die so genannten Nebenbauten in einer räumlichen Metamorphose aus den Gestaltungsmotiven des Hauptbaus, des Goetheanum, entwickelt werden. In Järna entstand nun, diesem Beispiel folgend, aus den gleichen inneren Zielen eine neue, eigenständige Baugestalt von hoher Qualität und Einmaligkeit und frei von anthroposophischen Zitaten.

Asmussen war Däne. So lebten offensichtlich in ihm die Tugenden des dänischen rationalen Designs, der Sinn für das Einfache, das Kleine, das Detail und die Materialspannung, ebenso die Nähe zur volkstümlichen Gebrauchskunst, was in den vielen Lampenentwürfen, den Möbeln, insbesondere den liebevoll geformten Stühlen für den Kindergarten, den Leuchtern usw. zum Ausdruck kam.

Die Einfachheit seiner Gestaltbeziehungen kommt besonders an den Nordfenstern des Essraumes seines vielleicht besten Gebäudes, des Robygge, zum Ausdruck. Der lang gestreckte, rechteckige Essraum wird an seinen Enden in zwei Nischen „gedehnt“, die einmal den Eingang und diesem gegenüber den offenen Kamin als wichtigen Ort, als Treffpunkt für Gespräche z. B., einbinden. Die Decke folgt in der dritten Dimension diesem Motiv. Der Kamin bringt diese Dehnung plastisch zum Ausdruck. In den Fenstern der Nordseite findet man flächig-vertikal diese Dehnung nach oben wieder, mit einfachen Teilungen, eingebunden in den Rhythmus der Holzkonstruktion und den Hinweis auf die hinter dieser Wand aufgereihten Esstische. So entsteht eine diesem Ort entsprechende zurückhaltende Aussage – sehr schlicht und doch gewonnen aus dem räumlich-funktionalen Zusammenhang.

Asmussen ist – wie Rudolf Steiner – oft kopiert worden. Dabei bleibt naturgemäß der Hintergrund der kopierten Form, ihre Einbindung in die ihr zugehörige Raumstruktur, auf der Strecke. Sie erhält dann, hier wie dort, ersatzweise den Charakter des Weltanschaulichen.

Vielleicht ist diesem aber auch ein positiver Gesichtspunkt abzugewinnen: Es könnte doch der Ausdruck für das nicht immer ganz deutliche Erleben sein, dass hier eine eigenständige Bauaussage auf der Basis der Anthroposophie geschaffen wurde, wie sie nur wenigen Zeitgenossen gelungen ist und die wegen ihrer Eigenständigkeit von manchen Kollegen auch so nicht gesehen wird. Die Einfachheit und die relativ orthogonale Struktur seiner Grundrisse lassen für manchen Betrachter nicht zu, seine Architektur als organisch zu sehen. Man erwartet mehr „Plastik“. Man muss sich darauf einlassen, die innere Plastizität der Metamorphose zu erfahren, wie sie in den Järnabauten von Asmussen mit großer Meisterschaft ausgearbeitet wurde.

Asmussen, Järna und die Metamorphose sind nicht isoliert voneinander zu sehen. Die Art des Umganges in einem konkreten Wirkungsfeld mit den neu zu erarbeitenden Gestaltungskräften der organischen Welt macht das Persönliche aus, bildet die eigene Handschrift des Architekten, nicht die Tatsache allein, dass man sich um diese Kräfte bemüht.

Asmussens Bauten in Järna sind zweifellos einige der besten, insbesondere das schon erwähnte Robygge. Auch der zuletzt gebaute Saal erreicht nach meiner Einschätzung nicht mehr diese Eindeutigkeit. Für mich hat er etwas von einem zu groß gewordenen kleinen Haus, trotz vieler Qualitäten, die u. a. auch in der Öffentlichkeit gesehen und prämiert wurden.

Sobald seine Bauten den skandinavischen Raum verlassen, scheinen sie Schwierigkeiten mit der Eingliederung zu haben. Man hat manchmal den Eindruck von skandinavischem Export, wodurch seine Bauten dann nicht genügend in die Örtlichkeit einwachsen. Das tut aber seiner Leistung, in Järna eine eigenständige architektonische Aussage geschaffen zu haben, an der man die „Fruchtbarkeit der Anthroposophie“ (Rudolf Steiner) ablesen kann, keinerlei Abbruch. Vielleicht im Gegenteil, denn die Bedeutung eines gelebten Kontextes für die Qualität der Architektur wird daran deutlich.

Asmussens Bauten tragen ein charakteristisches Merkmal, das unverzichtbar zu ihnen gehört: die manchmal sehr starke Farbigkeit. Hier tritt insbesondere die Wirksamkeit der „Gruppe“ in Erscheinung. War es zunächst die Zusammenarbeit mit dem Maler Arne Klingborg, so später die mit Fritz Fuchs, der fast alle seine bekannten Bauten farblich gestaltet hat und der darüber hinaus, von Järna ausgehend, den Impuls für eine farbige Architektur in vielen Ländern und für die unterschiedlichsten Aufgaben ausgebreitet hat.

Erik Asmussen war das jüngste von drei Geschwistern. Sein Vater Christian war Künstler und entwarf Möbel. Er studierte an der Technischen Hochschule und an der Kunstakademie in Kopenhagen. Nach Tätigkeit in Architekturbüros in Kopenhagen und Århus arbeitete er seit 1939 in Schweden und fand durch seine Frau Mucha zur Anthroposophie. Er trat im Januar 1954 in Stockholm in die Anthroposophische Gesellschaft ein. Seine drei Kinder besuchten alle die Waldorfschule. 1960 eröffnete er sein eigenes Büro und wohnte lange Jahre in Järna, wo er auch starb. Einen Tag nach der Trauerfeier, an der fast 500 Menschen teilnahmen, wurde in Stockholm eine Ausstellung der „Königlichen Akademie der freien Künste“ über sein Werk eröffnet, die noch von ihm konzipiert worden war.

Jens Peters


Werke: Kristofferskolan i Bromma, Rudolf Steiner-Seminariet i Järna,
Almandinen, Eurythmihuset, Biblioteket, in: arkitektur 1974, Nr. 6; mit
anderen: The Architecture in Järna – Järnai építészet, Budapest 1987.
Literatur: Eriksson, E. u. a.: Erik Asmussen, in: arkitektur 1984, Nr. 6; Raab, R.:
Ein offenbares Geheimnis der Bauten vom dänischen Architekten Erik Asmussen
in Järna, in: Stl 1985/86, Nr. 2; Sonne-Frederiksen, N.: Erik Asmussen im
Moskauer „Architektur-Institut“, in: G 1989, Nr. 19; Kuusela, M.:
Arkkitehtuuripäivät Moskovassa, in: Tak 1989, Nr. 2; Magisk borg för
antroposofer, in: Mlb 1991, Nr. Juni; Reberg, A.: När skönheten kom till byn, in:
Mlb 1996, Nr. 2; Raab, R., Sjöström, J., Olsson-Chemnitz, E.: Erik Asmussen,
in: Mlb 1998, Nr. Dec.; Wagner, U.: Konsten att lufta sina ritningar, in: Bd.
1998, Nr. 3; Vater, J.: Erik Asmussen, in: G 1998, Nr. 39; ders.: Erik
Asmussen, in: ASD 1998/99, Nr. 2; ders.: Lebendige Formen mit nordischem
Charakter, in: G 2000, Nr. 20; Spaar, M.: Erik Asmussen auf der Reise durch
Europa, in: G 2000, Nr. 37.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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