Lili Kolisko
Kolisko, Lili Elisabeth Anna

Naturwissenschaftlerin, Übersetzerin.

*02.09.1889 Wien (damals Österreich-Ungarn)
†20.11.1976 Gloucester (Großbritannien)
(andere Geburtstage 1.9. oder 31.8.)





Lili (Lily) Kolisko gehörte während der Pionierzeit der anthroposophischen Bewegung zu den fruchtbarsten Forschern auf naturwissenschaftlichem Felde. Ihr sind Erkenntnisse und Methoden zu verdanken, die bis heute in der anthroposophischen Medizin, Pharmazie und Chemie, in der Landwirtschaft und der Ernährungsforschung zu den Grundlagen gehören. Durch ihre Versuche auf dem Gebiet der Potenzforschung wies sie aufgrund von Hinweisen Rudolf Steiners die Wirksamkeit kleinster, mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht mehr feststellbarer Entitäten nach. Die von Lili Kolisko selbstständig entwickelte Steigbildmethode ermöglichte die Erkenntnis und den Nachweis kosmischer Wirksamkeiten in irdischen Substanzen. Ihre Forschungen über den Einfluss rhythmischer Prozesse auf die Milzfunktion blieben bis heute ein viel versprechendes Fragment, das einer Fortführung harrt.

„Lili Kolisko war eine zarte, fast zierliche Erscheinung, die den unbeugsamen Willen, der sie beseelte, nicht äußerlich zur Schau trug. Sie wirkte zurückhaltend, bescheiden. Sie hielt sich sehr aufrecht. Ihr Schritt war bestimmt, ihr Handdruck fest, der Blick der grauen Augen begegnete erwartungsvoll, prüfend. Sprach man sie an, so öffnete sie sich willig; doch musste von Wichtigem die Rede sein. Zeitvergeudung war ihr verhasst. Ihre Antworten waren überlegt, jedes Wort abgewogen.“ (Pelikan 1977)

Auf ihre persönliche Biografie hin befragt, äußerte Lili Kolisko einmal: „Nehmen Sie die Milzfunktion (1922) bis zum Blei (1952), dann haben Sie meine Biografie.“ (Husemann 1976) Diese Antwort ist für Lili Kolisko charakteristisch. Ihr Werk war ihr wichtiger als ihre Person.

Sie wurde am 2. September 1889 als Tochter eines Schriftsetzers in Wien geboren und wuchs mit zwei Stiefgeschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf, belastet durch die Trunksucht des Vaters. Sie schloss das Gymnasium mit dem Abitur ab und meldete sich im Jahre 1914 als freiwillige Helferin zur Arbeit in einem Wiener Lazarett. Dort studierte sie u.a. medizinische Labormethoden, lernte, wie man Blutausstriche färbt, Bakterienkulturen züchtet und unter dem Mikroskop Zellen differenziert.

Im Lazarett begegnete sie dem jungen Assistenzarzt Eugen Kolisko, dessen Frau sie bald darauf werden sollte. Beide verband ein starkes naturwissenschaftliches Interesse und in wachsendem Maße die Anthroposophie. Im Mai 1915 begegnete sie zum ersten Mal Rudolf Steiner und formulierte wenig später in einem Brief an ihn Fragen, die sich auf die Entwicklung einer okkulten Chemie bezogen. Steiner gab als Antwort einige konkrete Forschungsanregungen und den Hinweis, dass sie die Fähigkeit habe, den Äther zu sehen. 1917 heiratete sie Eugen Kolisko und im März 1920 zog die Familie – 1919 wurde ihre Tochter geboren – nach Stuttgart. Eugen Kolisko hatte seine Universitätslaufbahn in Wien aufgegeben, um an der Stuttgarter Waldorfschule mitzuwirken, nahm aber im Juli in Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner Forschungen zur Entwicklung eines Heilmittels gegen die Maul- und Klauenseuche auf. Dafür waren umfangreiche Laboruntersuchungen nötig, die Lili Kolisko durchführte. Anschließend musste untersucht werden, in welcher Dosierung das Mittel gespritzt werde sollte. Dazu gab Rudolf Steiner ihr den Hinweis, sie solle mit dem Stoff in verschiedenen Verdünnungen Keimversuche an Pflanzen vornehmen und das Resultat in Kurvenform darstellen. Die Kurve würde dann ein Bild des Vitalisierungsvorgangs anzeigen.

In dieser Angabe Steiners lagen zwei für Lili Koliskos zukünftige Forschungen bahnbrechende Hinweise: Die unterschiedlichen Verdünnungen legten den Grund für die Potenzversuche der späteren Jahre und die Darstellung der Ergebnisse in Kurven waren der erste Schritt in der Entwicklung bildschaffender Verfahren. Lili Kolisko analysierte zusätzlich das Blut erkrankter Kühe, um ein krankheitserregendes Bakterium zu finden. So entdeckte sie einen durch die Milz abgesonderten Regulator im Blut, der mit dem Stoffwechselhaushalt im Zusammenhang steht. Die Ergebnisse veröffentlichte sie 1922 in der Schrift „Milzfunktion und Plättchenfrage“. Die Milz gilt bis heute als ein Organ, dessen Funktion im Organismus wenig erforscht ist. Lili Kolisko hatte mit der Entdeckung der Regulatoren, die inzwischen durch medizinische Forschungen bestätigt wurden, Pionierarbeit geleistet.

Mit diesen aus realen Lebenszusammenhängen gestellten Forschungsaufgaben war der Anfang des „Biologischen Instituts am Goetheanum“ gemacht, für das zunächst ein kleines Zimmerchen im Verwaltungsgebäude der Stuttgarter Waldorfschule als Laborraum diente. Den Zusatz „am Goetheanum“ wünschte Steiner, da die Forschungen im Sinne des Goetheanum betrieben wurden. Er begleitete die Forschungen Lili Koliskos mit großem Interesse und besuchte sie immer wieder im Labor, um die Ergebnisse der Versuchsreihen zu besprechen, zu interpretieren und neue Versuche zu entwickeln. Das sich bald erweiternde Forschungsinstitut war mit der Zielsetzung eingerichtet worden, entgegen dem herrschenden Materialismus durch Experimentalarbeiten das Wesen der Materie von einer anderen Seite zu erschließen. Lili Koliskos dort in Zusammenarbeit mit Steiner entwickelte Potenzversuche stellen in dieser Hinsicht einen wichtigen Schritt der anthroposophischen Forschung dar. Die Potenzierung einer Substanz über die Grenze ihrer mit damaligen Mitteln physikalisch messbaren Nachweisbarkeit hinaus und die Darstellung einer Kräftewirksamkeit jenseits dieser Grenze in bestimmten, gesetzmäßigen Schritten brachten den Ansatz zu einer Revolutionierung des Materiebegriffs: „Auf diese Weise ist es also gelungen, das bloß Materielle zu zerspalten, so dass in dem bloß Materiellen das wirklich Geistige zum Vorschein kommt. Denn wenn Sie das Materielle nicht, wie der Atomist es macht, in Atome zerspalten, sondern es in seinen Funktionen, Kräften zur Wirksamkeit bringen, dann zeigen Sie den guten Willen, ich möchte sagen, die Materie selber mit dem Geist zu durchsetzen, um ins Geistige überzutreten.“ (Steiner, GA 227, S. 240)

Steiners zahlreiche Berichte über die Arbeit im „Biologischen Institut am Goetheanum“ zeigen, welche Bedeutung er ihr beimaß. Er forderte Lili Kolisko u.a. dazu auf, ihre Forschungen „Über die Wirksamkeit kleinster Entitäten“ während der Weihnachtstagung am 31. Dezember 1923 vorzutragen. Er nannte ihre Arbeitsweise beispielhaft und entwickelte in diesem Zusammenhang Gedanken über die zukünftigen Aufgaben der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. In der anthroposophischen Ärzteschaft fanden Lili Koliskos Arbeiten dagegen wenig Anerkennung. Man sprach ihr die Fachkompetenz ab, da sie keine Pharmazeutin oder Ärztin sei, was nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht Folgen hatte, da ihre Arbeit in späteren Jahren keine entsprechende Unterstützung fand.

Ungeachtet dieser Schwierigkeiten widmete sie sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten der Erforschung des Verhältnisses von irdischen Stoffen und kosmischen Kräften, insbesondere dem Einfluss der Planetenkonstellationen auf Stoffe und Substanzen. Die Ergebnisse zahlreicher Keim- und Wachstumsversuche mit ausgesuchten Weizenkörnern und anderen Pflanzensamen zeichnete sie auf, wertete sie aus und stellte damit Grundlagen für die Forschung innerhalb der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise zur Verfügung. Für die pharmazeutische Forschung war ihre Praxis des Schüttelns von Substanzen, die sie differenzierte und auf bestimmte Stoffe und Schüttelrhythmen spezifizierte, von Bedeutung. Ihre Ergebnisse auf dem Felde der Potenzforschung erfuhren 1938 auf einem Homöopathenkongress Anerkennung.

Um den Wirkungen der Gestaltungskräfte in ihrem sinnlichen Erscheinen noch näher zu kommen, entwickelte Lili Kolisko die so genannte Streifen- oder Steigbildmethode. Ein zylindrisch geformtes Filterpapier wurde in ein flaches Gefäß mit einer vorbereiteten Flüssigkeit gestellt, sodass die Flüssigkeit an dem Papier aufsteigen konnte. Sie ließ Pflanzensaft oder salzhaltige Substanzen aufsteigen, sodass sich verschiedene Bildgestaltungen zeigten. Ein geübtes Auge vermochte aus den Bildern auf dem Papier die entsprechenden Gestaltungskräfte zu differenzieren. Sie untersuchte zugleich den Zusammenhang besonderer astronomischer Ereignisse, wie einer Monden- oder Sonnenfinsternis, mit den erkannten Gestaltungskräften. Mehrere Publikationen unter dem Obertitel „Sternenwirken in Erdenstoffen“ geben die Ergebnisse dieser jahrelangen Forschungen anschaulich wieder.

„Die Koliskoschen Streifenbilder stellen an jeden Naturforscher [...] die entscheidende Frage: ob er unter Wahrung der kritischen Bewusstheit die eigene Bildefähigkeit diesen Bildern gegenüber aufrufen oder ob er vor diesen Kunstwerken starr und ungewandelt bleiben will. Die Welt selbst malt in ergreifender Anschaulichkeit auf den bescheidenen weißen Papierstreifen die erste Stufe der Offenbarung des Übersinnlichen: das lebendige, farbige, wechselreiche und doch ausdrucksvoll sprechende Bild. Wir stehen vor dem bedeutsamen Ereignis, dass die geistdurchdrungene Natur selber den Menschen, der ihr die Malfläche bot, zur Erringung der Imagination aufruft.“ (Poppelbaum 1928)

Neben der Forschungsarbeit nahm Lili Kolisko mit ihrem Mann regen Anteil am Leben der Anthroposophischen Gesellschaft. Im Jahre 1924, als Rudolf Steiner mit den esoterischen Unterweisungen für die Erste Klasse der Freien Hochschule begann, erhielt Lili Kolisko den Auftrag, die Klassenstunden für die Waldorflehrer in Stuttgart zu lesen. Als sich nach dem Tode Rudolf Steiners 1925 Differenzen zwischen einzelnen Vorstandsmitgliedern und infolgedessen zwischen Mitgliedergruppen entwickelten, wurden die Arbeitsbedingungen für Lili und Eugen Kolisko, die sich Ita Wegman und Elisabeth Vreede verbunden fühlten, zunehmend schwieriger. 1934 verließen sie Stuttgart und emigrierten nach einer Zwischenstation in Unterlengenhardt nach England. Dort war mit Unterstützung von Daniel N. Dunlop in London der Aufbau einer Hochschule für Geisteswissenschaft geplant. Der Plan scheiterte. Eugen Kolisko starb bald darauf unerwartet im Jahre 1939 an einem Herzinfarkt.

Für Lili Kolisko begann eine einsame Zeit. Sie setzte ihre Forschungen unter erschwerten Bedingungen unbeirrt fort und musste ihren Lebensunterhalt zeitweise mit Heimarbeit verdienen. Nebenbei übersetzte sie zahlreiche Arbeiten ihres Mannes ins Englische und gab sie im Namen des von ihr gegründeten Kolisko Archivs heraus. Seit Anfang der 40er-Jahre publizierte sie neue Forschungsergebnisse und stellte ein gemeinsam mit Eugen Kolisko geplantes Buch über die „Landwirtschaft der Zukunft“ fertig. In den 50er-Jahren unternahm sie noch einige Reisen nach Deutschland und in die Schweiz, wo sie von ihren neueren Forschungen berichtete; viele Ergebnisse blieben unveröffentlicht. Eine Art Abschluss ihrer Lebensarbeit bildete die 1961 erschienene Biografie über Eugen Kolisko, in der sie vor allem über Vorgänge in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft aus ihrem persönlichen, zuweilen bitteren Erleben berichtet. Am 20. November 1976 starb Lili Kolisko in Gloucester, England.

Christiane Haid


Werke: Milzfunktion und Plättchenfrage, Der Kommende Tag AG Verlag,
Stuttgart 1922; Physiologischer und physikalischer Nachweis der Wirksamkeit
kleinster Entitäten Der Kommende Tag AG Verlag, Stuttgart 1923, heute
lieferbar: Verlag am Goetheanum, Dornach 1997; Aus dem biologischen
Institute am Goetheanum, in: Gäa Sophia, Bd. I, Dornach 1926; Kristall-
Gestaltungskräfte, Dornach o. J.; Die Sonnenfinsternis vom 29. Juni 1927;
Stuttgart 1927; Sternenwirken in Erdenstoffen, Stuttgart 1927; Der Silber und
der Mond, Stuttgart 1929; Der Jupiter und das Zinn, Stuttgart 1932; Der
Mond und das Pflanzenwachstum, Stuttgart 1933; Mitteilungen des
Biologischen Instituts am Goetheanum, Bd. I/II/III/IV, Stuttgart 1934/1934/
1935/1935; Gold und die Sonne. Die totale Finsternis vom 19. VI. 1936,
Stuttgart 1936; Capillary Dynamolysis, Wynstones [1943]; mit E. Kolisko:
Agriculture of Tomorrow, Gloucester 1945, Bournemouth ²1978; Foot and
Mouth Disease, Edge o. J.; Spirit in Matter, Edge 1948; Saturn und Blei,
Edge near Stroud 1952; mit E. Kolisko: Die Landwirtschaft der Zukunft,
Edge 1958; Physiologischer und physikalischer Nachweis der Wirksamkeit
kleinster Entitäten 1923–1959, Stuttgart 1959; Die totale Sonnenfinsternis
vom 15. II. 1961, Stuttgart 1961; Die Sonnenfinsternis im Experiment, als
Erlebnis und ihr Wesen, Stuttgart 1961; Eugen Kolisko, ein Lebensbild,
Gerabronn 1961; Übersetzungen ins Englische und Französische erschienen;
Beiträge in AF, BeH, CH, CtR, Ka, MaD, MM, N, Na, WdN.
Literatur: Maier, R. D.: Über neue wissenschaftliche Entdeckungen, in: DD
1922/23, Nr. 10/11; Poppelbaum, H.: Zur Methodik der Koliskoschen
Phänomene, in: DD 1928, Nr. 8; Pelikan, W.: Zur Frage der
Reproduzierbarkeit Koliskoscher Potenzkurven, in: WKÄ 1950, Nr. 8 und LE
1950, Nr. 3/4; Benesch, F.: Materie nicht materialistisch, in: CH 1960, Nr. 7;
Reuter, H.: Die Befreiung aus der Gefangenschaft der Materie. Zum Werk
von Lili Kolisko, in: BeH 1962, Nr. 3; Unger, G.: Die Ergebnisse der
Forschungsarbeit von Lili Kolisko neu bestätigt, in: LE 1970, Nr. 6;
Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O.
1970; Pelikan, W.: Zum Lebenswerk von Lili Kolisko, in: G 1977, Nr. 13;
Husemann, G.: Lili Kolisko. Werk und Wesen, in: BeH 1978, Nr. 2; GA 260a,
²1987; Schöffler 1987; GA 259, 1991; Keyserlingk, A. von: Erinnerungen an
frühe Forschungsarbeiten, Dürnau 1993.




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