Adolf Arenson
Arenson, Adolf

Kaufmann, Komponist.

*14.05.1855 Altona bei Hamburg (Deutschland)
†26.12.1936 Bad Cannstatt/Stuttgart (Deutschland)







Adolf Arenson war bis zum Ersten Weltkrieg wesentlich am Aufbau der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, vor allem in Stuttgart, beteiligt und zählt zu den prominenten Gestalten einer ersten Phase der anthroposophischen Bewegung.

Seine Familie führt zu den Sephardim zurück, die aus Spanien und Portugal im 16./17. Jahrhundert vertrieben worden waren. Sie fand in Hamburg eine Zuflucht. Die Kaufmanns-Laufbahn war Familientradition und das Familiennetz reichte bis nach Südamerika. Als der Vater schwere Zeiten erlebte, begann Adolf Arenson als 15-Jähriger seine kaufmännische Lehre, aber sein Herz hing an der Musik. Er hatte eine gute Singstimme und spielte hervorragend Klavier. 18-jährig (1873) reiste er nach Santiago de Chile, um in das Geschäft seines Schwagers einzusteigen. Er hatte Erfolg, übernahm bald die Firma und neben seiner beruflichen Tätigkeit bildete er sich stetig musikalisch weiter. Er eroberte sich die Geige und andere Instrumente und erwarb sich profunde Kenntnisse der klassischen und zeitgenössischen Musik.

1882 kehrte er kurz nach Hamburg zurück, um seine 19-jährige Kusine Deborah Piza zu heiraten. Sie waren spirituell suchende Menschen und von der Idee der Wiederverkörperung im Sinne Lessings angetan. Vor der endgültigen Rückkehr nach Hamburg im Jahre 1885 wurde ihre Tochter Clarita noch in Chile geboren, die zweite Tochter, Auguste, die spätere Frau von Carl Unger, 1886 schon in Altona.

Arenson widmete sich fortan ganz der Musik. Er hatte das südamerikanische Geschäft verkauft und war zudem durch die stille Teilhaberschaft an der Porzellanfabrik eines Jugendfreundes finanziell abgesichert.

Er schrieb bis 1895 fünf Opern. Zwei wurden schon 1888 und 1889 erfolgreich uraufgeführt. Das Klima in Hamburg bekam den Arensons nicht und die Familie zog 1892 nach Bad Cannstatt bei Stuttgart. Durch seine musikalische Arbeit entstand eine Beziehung zur Familie Unger, besonders zu Carl Unger entwickelte sich eine tiefe Lebensfreundschaft, in der es keine Rolle spielte, dass Adolf Arenson über 20 Jahre älter war. Die Arensons bekamen 1900 ihr drittes Kind, den Sohn Hans. Seine letzte Oper „Claudio Monteverdi“ wurde 1901 in Straßburg uraufgeführt. Danach schrieb er keine Opern mehr.

Anfang des 20. Jahrhunderts knüpften sie Verbindungen zur Theosophischen Gesellschaft. Im Herbst 1903 reiste Arenson als Delegierter der Stuttgarter Logen zur Generalversammlung der Gesellschaft nach Berlin, hörte zum ersten Mal Rudolf Steiner und lud ihn spontan zu einem Vortrag nach Stuttgart ein. Im Herbst 1904 wurde Arenson in den Vorstand der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft berufen (bis 1913). Zur gleichen Zeit wurden Arenson und Unger esoterische Schüler Rudolf Steiners. 1905 gründeten sie eine eigene Arbeitsgruppe, zu der auch der Unternehmer José del Monte zählte. Steiner schätzte die gedanklich-methodisch orientierte Arbeitsart, die in dem neuen Zweig geübt wurde (GA 35, S. 94), und regte Arenson an, Spinoza zu studieren, einführende Vorträge in die Anthroposophie zu halten und andere Mitglieder in esoterischen Fragen zu beraten.

Arenson unterstützte Marie von Sivers ( Marie Steiner) in ihrer Herausgebertätigkeit der Vorträge und Schriften Rudolf Steiners. Hier wurde der Grundstein für Arensons bekannt gewordenen „Führer durch 50 Vortragszyklen Rudolf Steiners“ gelegt, den späteren „Arenson Leitfaden“. Arenson und Unger gehörten neben Michael Bauer, Toni Völker und Elise Wolfram zu den offiziellen Vortragenden über die Theosophie.

1909 trat der Apotheker Ernst Heim aus Basel an Adolf Arenson heran, um den Grundstock zu einem eigenen Haus für den Stuttgarter Zweig zu stiften. Die Initiative wurde gerne aufgegriffen, denn nachdem Ernst August Karl Stockmeyer, inspiriert durch die künstlerische Gestaltung des Kongresses der Theosophischen Gesellschaft in München 1907 mit Hilfe seines Vaters (siehe GA 284), einen Modellbau mit plastischen Säulen in Malsch bei Karlsruhe errichtet hatte, war die Zeit reif für eine Umsetzung in größerem Maßstab. Im Keller wurde der Säulenkreis errichtet und blieb den Veranstaltungen der esoterischen Schule vorbehalten. Im Erdgeschoss wurde der Zweigraum errichtet, in dem die sieben von Rudolf Steiner entworfenen Siegel an der Emporenbrüstung angebracht wurden. Im ersten Stock wurde eine Wohnung für Steiner eingerichtet. Adolf Arenson, Carl Unger, Emil Molt, José del Monte und die Architekten Carl Schmidt Curtius und Ernst Aisenpreis zeichneten als „Bauverein Stuttgarter Anthroposophen“. Zur Zeit der Grundsteinlegung für das Gebäude in der Landhausstraße hielt Rudolf Steiner Vorträge über „Okkulte Geschichte“ (GA 126), im Oktober 1911 wurde das neue Zweighaus eingeweiht. Im Anschluss daran stiftete Rudolf Steiner am 15. Dezember die „Gesellschaft für Theosophische Art und Kunst“, in der Arensons Mitarbeit vorgesehen war. Es handelte sich um einen Versuch spiritueller Gemeinschaftsbildung, der schon kurz nach seinem Beginn scheiterte (GA 264, S. 421 f.).

Ebenfalls 1909 bat Steiner Adolf Arenson für die Aufführung von Edouard Schurés „Die Kinder des Luzifer“ die Musik zu komponieren, in den Jahren 1910–13 dann zu den Mysteriendramen. „Das war keine Begleitmusik oder bloßes Vor- und Zwischenspiel; an Stellen, wo die Ausdrucksmöglichkeit durch das Wort an seine Grenze gekommen war, trat die Musik in ihre Rechte.“ (Strakosch, A.: Lebenswege mit Rudolf Steiner, 1947, Bd. I, S. 174) Arenson zog sie 1925 wieder zurück, „weil in der alten Schule wurzelnd“, um späteren Komponisten Raum zu geben.

Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich mit dem sozialpolitischen Engagement Steiners, der Gründung der Waldorfschule 1919, dem Interesse und der Mitarbeit einer jüngeren, zum großen Teil akademisch geschulten Generation das Klima der anthroposophischen Arbeit in Stuttgart vollständig. Arenson und Unger, ihre Lebens- und Arbeitsweise wurden in Frage gestellt. Für viele Jüngere waren sie die Repräsentanten einer bereits vergangenen Epoche. Dieser Generationenkonflikt war im Februar 1923 einer der Gründe zur Bildung der „Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland“ einerseits und der „Freien Anthroposophischen Gesellschaft“andererseits, die den Anliegen und Bedürfnissen der jüngeren Generation Raum neben dem bisher Aufgebauten geben sollte (s. GA 257). Die Zeit stand für Arenson im Zeichen zunehmender Vereinsamung, bei der nicht zuletzt auch der in diesen Jahren anwachsende Antisemitismus eine Rolle spielte.

Arenson und Unger intensivierten das Studium der „Leitsätze“ (GA 26) in ihrem Arbeitskreis, wobei die 50 Vortragszyklen, die Arenson durch seinen „Leitfaden“ erschlossen hatte, zugleich Erweiterung und Vertiefung ermöglichten. 1926 erschien   als Manuskript der „Führer durch die fünfzig Vortragszyklen Rudolf Steiners“ erstmalig und diente in den Jahrzehnten vor der systematischen Edition einer Rudolf Steiner-Gesamtausgabe als eine verbreitete und viel genutzte Orientierungs- und Studienhilfe. Die Ermordung Carl Ungers am 4. Januar 1929 bedeutete zweifellos einen tiefen Einschnitt in Arensons Leben. Nichts aber ist überliefert darüber, wie der 74-Jährige diesen Schmerz verarbeitete. Er übernahm selbstverständlich die Leitung der wöchentlichen Zweigabende in Stuttgart, bis Hermann von Baravalle ihn ablöste. Er trug in Verbindung mit Marie Steiner zu der Herausgabe der Vorträge Rudolf Steiners bei und setzte seine Einführungsvorträge fort.

Nach der Machtergreifung Hitlers zog sich Arenson zurück. Am Morgen des 26. Dezember 1936 starb er in Bad Cannstatt.

Ronald Templeton


Werke: Fünf Opern und eine Operette; viele Lieder und Choräle; Musik zu "Kinder des Luzifer" von Edouard Schuré; Musik zu den vier Mysteriendramen Rudolf Steiners, [Stuttgart] 1960; Sieben Kinderstücke für Eurythmie, Stuttgart o. J., später: Sieber Klavierstücke für Kindereurythmie, Dornach ²1983
Zum Studium der Geisteswissenschaft, Berlin 1913; Das Erdinnere, Berlin 1914; Die Bergpredigt, Berlin 1914; Leitfäden 1919 bis 1923, o. A.; Grundzüge geisteswissenschaftlicher Methodik, in: Anthroposophische Hochschulkurse, Bd. III, Stuttgart 1921; Die Kindheitsgeschichte Jesu. Die beiden Jesusknaben, Stuttgart 1921; Gedanken und Betrachtungen zur Bergpredigt, Stuttgart 1924; Musikalische Plaudereien, Stuttgart 1924, Dornach ²1930; Ein Führer durch die Vortragszyklen Rudolf Steiners, o. O. 1930, später Leitfaden durch 50 Vortragszyklen Rudolf Steiners, ²1961, 9 1991; Ergebnisse aus dem Studium der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, Bd. I/II/III/IV, Freiburg/Br. 1980; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen ins Englische, Italienische und Schwedische erschienen; Beiträge in N, A, DD.
Literatur: Steiner, M. u.a.: Adolf Arenson, in: N 1937, Nr. 1; Unger-Arenson, A.: Adolf Arenson – Zum 15. Todestage, in: MaD 1951, Nr. 18; Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o.O. 1970; Pappacena, E.: Di alguni cultori della Scienza dello Spirito, Bari 1971; Groddeck 1980; GA 34, ²1987; GA 265, 1987; Ginat, C.: Verzeichnis musikalischer Werke, Dornach ²1987; Lindenberg, Chronik 1988; Wiesberger, H.: Marie Steiner – von Sivers, Dornach 1988; Templeton, R.: Carl Unger. Der Weg eines Geistesschülers, Dornach 1990; GA 259, 1991; Wiesberger, H.: Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit, Dornach 1997.




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