Henri van Goudoever
van Goudoever, Henri Daniel

Dirigent, Cellist, Kursleiter.

*12.11.1898 Utrecht (Niederlande)
†03.03.1977 Den Haag (Niederlande)



Henri van Goudoever war ein einflussreicher Gestalter der anthroposophischen Arbeit, vor allem in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg prägte er einen neuen Stil. Seine erste Lebenshälfte zeichnete sich durch wiederholte Wandlungen aus, erst Cellist, dann Komponist, dann Operndirigent und schließlich Konzertdirigent. In der zweiten Hälfte seines Lebens war und blieb er Vertreter der Anthroposophie durch das gesprochene Wort.

Er stammte aus einer vornehmen Familie. Der Vater, Maurits Lodewijk van Goudoever, war „Agent“ der Nederlandse Bank; er war verheiratet mit Judith van Walré. Henri war das dritte von sechs Kindern. Seine Kindheit verbrachte er in dem stattlichen Familienhaus, das von Musik erfüllt war. Cello wurde sein Hauptinstrument, Klavier sein zweites. Das Komponieren fesselte ihn von Kind an. Die Verbindung mit der Mutter war und blieb innig. Neben der Schule besuchte er 1907–17 die Musikschule in Utrecht. Deren Direktor, der Komponist Johan Wagenaar, bedeutete viel für ihn.

Wichtig für seine weitere Entfaltung war die Bekanntschaft mit dem Okkultisten, Maler und Theosophen Adrianus de Winter, 1914, dessen visionäre Malerei spontane innere Farberlebnisse in ihm hervorriefen, sie veranlassten ihn zu einer Reihe von Kompositionen, die um das Thema „Der brennende Tempel“ kreisten. Sie gelangten zur Aufführung und erregten viel Interesse. De Winters Einfluss war es aber auch, der ihn davon abhielt, einen Vortrag von Steiner zu besuchen. De Winters negativer Eindruck von Steiner mag zu tun gehabt haben mit dem Konflikt in der Theosophischen Gesellschaft 1911/12 über die von Annie Besant geführte Aktion, dem Kind Jiddu Krishnamurti als dem wiederkommenden Weltenlehrer zu huldigen. Steiner hatte dieses Bestreben öffentlich desavouiert und dadurch das Missvergnügen vieler Theosophen geweckt.

Gleich nach dem Ersten Weltkrieg zog van Goudoever nach Paris, wo er sich 1918–21 bei Gérard Hekking auf dem Cello und dem Klavier weiter schulte. Eine tiefe Freundschaft verband die beiden.

1922 heiratete Henri van Goudoever Abrahamine (Mientje) Vosmaer; sie bekamen eine Tochter und zwei Söhne.

1922–24 war er Solist im Amsterdamer Concertgebouw-Orchester. Neue Bewegung und neue Akzente kamen in seinen Lebenslauf durch das Interesse, das der Dirigent Willem Mengelberg ihm als Cellisten und angehenden Komponisten erwies, der in Amsterdam und New York während einer Tournee seine „Tempelsuite“ mit Erfolg zur Aufführung brachte. Merkwürdig ist, dass van Goudoever seitdem nicht mehr komponiert hat. Die Partituren dieser Musik sind verschollen.

Er entschloss sich, Dirigent zu werden. Durch Mengelbergs Vermittlung wurde van Goudoever beim Wagner-Dirigenten Karl Muck Solorepetitor, zunächst in Bayreuth (1924). Die Umgebung und der Gedächtniskult um Wagner waren ihm völlig fremd. Viel bedeutete es für van Goudoevers Karriere, als der ehemalige König Ferdinand von Bulgarien, der als Fürst in Coburg residierte, ihn 1924 in die musikerfüllte Kleinstadt holte, wo das Musikleben von der Operette bis Richard Wagner und Richard Strauss reichte. Er holte Frau und Kind nach Coburg und stürzte sich ins Dirigieren (bis 1932). Er fand viel Anerkennung und wurde schließlich „Musikalischer Oberleiter“.

Das geistige Suchen war aber keineswegs von der Musik verdrängt worden. Jahrelang war ihm Mabel Collins „Light on the Path“ eine ständige Lektüre.

Im Januar 1928 wurde van Goudoever krank. Das in den Hintergrund geratene geistige Suchen wurde zur Bedrängnis. Eine ältere Bekannte schickte ihm Steiners „Die Geheimwissenschaft im Umriss“. Die Wirkung war tief und direkt, „nur vergleichbar mit der atmosphärischen Reinigung nach einem Unwetter mit Blitz und Donner“. Eine neue Quelle begann neben der Musik in ihm zu wirken.

Zwei weitere Umstände haben dazu beigetragen, dass das Coburger Idyll nach acht Jahren ein Ende nahm. Erstens veränderte sich schon vor 1933 die Stimmung in Deutschland. Der Nazismus warf seine Schatten voraus, Hitler wurde schon im Jahre 1932 „Ehrenbürger“ von Coburg. Der zweite Grund war das Schicksal des dritten Kindes Kai. Dieses war behindert, aber mit „goldenen Händen“ begabt. Van Goudoever behielt sein ganzes Leben eine innige Verbindung zu ihm. Er sah sich nach einem Arbeits- und Wohnort in der Nähe eines heilpädagogischen Heimes für Kai um. Van Goudoevers fanden in Zeist, in der Nähe seiner Geburtsstadt Utrecht, das kurz vorher von Bernard Lievegoed gegründete „Zonnehuis“. Die beiden ältesten Kinder konnten in Zeist die junge Waldorfschule besuchen. Er selbst bewarb sich 1932 mit Erfolg um die Stelle des ersten Dirigenten beim „Utrechts Stedelijk Orkest“. Nach im Laufe der Jahre wachsenden Unstimmigkeiten über die musikalische Richtung des Orchesters wurde er 1937 erneut krank und kündigte seine Anstellung.

In dieser Existenzkrise begegnete er in Arlesheim Ita Wegman. „Und sie war es, die mit der größten Liebenswürdigkeit sagte: ‚Machen Sie doch etwas anderes.‘“ In den folgenden Jahren, die auch den Zweiten Weltkrieg umfassten, vertiefte er sich systematisch in die Anthroposophie, vor allem in die „Philosophie der Freiheit“; seine beiden anderen Hauptthemen waren Rudolf Steiners „Seelenkalender“ und die vier Mysteriendramen. „Wir waren inzwischen nach Den Haag übergesiedelt, und ganz allmählich begann das neue Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es hier und da zu Kursen, erst in Holland und dann, durch die Stuttgarter Hochschulwochen, auch in Deutschland. Ab und zu sah man noch die alten Freunde, aber man hatte sich wenig mehr zu sagen. Irgendwie hatte man sie verloren [...].“ (Goudoever 1977, S. 140)

Als die niederländische Anthroposophische Gesellschaft nach Kriegsende wieder ins Dasein trat, war van Goudoever aktiv beteiligt. Er war eine Zeit lang Vorsitzender des Schulvereins der ebenfalls wieder eröffneten Haager „Freien Schule“.

Das Eigene seines anthroposophischen Arbeitsstils offenbarte sich klar und deutlich im Jahre 1951 auf den damals jährlich im Sommer stattfindenden Stuttgarter Hochschulwochen. Diese entsprachen zunächst einem stürmischen Bedürfnis. Der geistige Hunger nach dem Kriege war groß, der Zulauf war zunächst überwältigend. Auch van Goudoever war als Redner eingeladen worden. Er war entsetzt und besorgt über die Dichte des Vortragsprogramms. Die Überfülle an gesprochenem Wort und den intellektuellen Stil vieler Vorträge empfand er als ungesund. Sein Kurs über das erste Mysteriendrama bekam in wenigen Tagen einen schnell wachsenden Zulauf. Dies machte Eindruck. Es kam zu einer durchaus freundlichen Aussprache mit den Kursveranstaltern. Van Goudoever erklärte, er könne bei dieser Einrichtung „seelisch nicht atmen“. Er schlug vor, den Charakter gründlich zu ändern.

Sein Vorschlag wurde zwar nicht unmittelbar befolgt, aber seine anthroposophisch-gestalterische Arbeit wurde zunehmend – vor allem in Deutschland und Holland – geschätzt. Man erlebte an ihm den Künstler. Es war aber keine nur ästhetische Qualität, sondern das Schöne verband sich mit dem moralischen Element und der gedanklichen Klarheit. Die Erkenntnistheorie sowie die innere Schulung lebten auf als Schöne Wissenschaft. Die Darstellungen, immer von Mund zu Ohr, eröffneten eindrucksvolle weite Zusammenhänge, waren aber in Humor und Bescheidenheit getaucht.

Besondere Qualitäten hatte er im Kontakt mit jungen Menschen. Er verstand ihre Wünsche und ihren Stil. Er würdigte das spielerische Gleichgewicht zwischen körperlicher Bewegung (Eurythmie und damals noch populäre Gemeinschaftsspiele) und Gedankenanstrengung im Kreisgespräch. In der führenden Kerngruppe der niederländischen Anthroposophischen Gesellschaft sagte er, dort, auf den Jugendzusammenkünften, finde er dasjenige, was ursprünglich mit dem anthroposophischen Zweigleben gemeint war. Formlosigkeit war ihm tief zuwider. Aber das Walten des Spieltriebs in der Gemeinschaft war ihm Bedürfnis und Ziel.

In den 50er- und 60er-Jahren kam van Goudoever immer häufiger nach Deutschland. Er reiste selten in andere Länder als nach Deutschland oder in die Schweiz. Ein Ereignis für sich war eine von niederländischen Freunden finanzierte Vortragsreise nach Jerusalem im September 1967, drei Monate nach dem Sechstagekrieg. Den Schlussvortrag über das Böse hielt er gemeinsam mit Johannes Hemleben, der zufällig auch in Israel war.

Eine besondere Beziehung hatte Henri van Goudoever zu Willem Zeylmans. Die beiden Männer verstanden sich bestens. Sie waren sich nicht immer einig, aber die herzliche gegenseitige Anerkennung litt nicht darunter. Zeylmans berief van Goudoever auch zur Mitarbeit als Lektor der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Merkwürdig ist gewiss, dass van Goudoever nie ein Amt in der niederländischen Landesgesellschaft innegehabt hat. Er war bestimmt nicht ohne organisatorische Begabung und war lange Zeit in der Kerngruppe der tätigen Mitglieder der niederländischen Anthroposophischen Gesellschaft. Aber Ämter und Funktionen blieben ihm fremd.

Van Goudoever hatte die Weihnachtstagung 1923/24 nicht mitgemacht, aber er erkannte die damals vollzogene geistige Grundsteinlegung als Ausgangspunkt seines Strebens. Wichtig war für ihn das damals noch nicht gedruckte und deshalb wenig erforschte Geistesgut von Rudolf Steiners esoterischem Unterricht aus der Zeit vor 1914. In den letzten Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg hatte er von Elisabeth Vreede viel Material und tiefe Einblicke in diese gelegentlich so genannte „alte Esoterik“ bekommen. Er betrachtete das nicht als eine Alternative, sondern als unterstützende Vorbereitung zu der Grundsteinlegung von 1923 und dem esoterischen Lehrgang der Ersten Klasse. Namentlich in Deutschland wirkte er auf viele als Vertreter des Weihnachtstagungsimpulses und als „Sendbote des Goetheanum“ – so der tief mit ihm verbundene Roland Schultze-Florey († 1979) in einer Gedenkansprache.

Van Goudoever schrieb wenig. Das kann man bedauern, wenn man seine Artikel über die Mysteriendramen, seine Betrachtungen zum Seelenkalender oder seine eigene Lebensskizze „Das Erwachen aus dem Traum“ liest. Auch für das geschriebene Wort fehlte es ihm nicht an Begabung. Er aber sah seinen Lebensauftrag ganz eindeutig in dem Prinzip „von Mund zu Ohr“ liegend.

Diese Selbstbeschränkung war bewundernswert. Aber eine Veranlagung blieb dadurch weitgehend in ihrer möglichen Wirkung beschränkt: die Geistesforschung. Van Goudoevers meditative bildhafte Betrachtungsweise konnte ideelle Bezüge zu geistig realen Einsichten vertiefen, die er in seinen Kursen erläuterte. So fanden sie zwar den Weg in manches Notizheft, aber keinen Niederschlag im geschriebenen und gedruckten Wort als geisteswissenschaftliches Studienmaterial.

Als im Jahre 1975 seine Frau starb, blieb er mit seinem behinderten Sohn Kai in seiner Wohnung in Den Haag. Er setzte seine Vortragsarbeit fort und hielt sich im Gesellschaftsleben völlig im Hintergrund. In den letzten Jahren erhielt er Pflegehilfe. Er war bis zuletzt klaren Geistes und starb 1977 plötzlich, ohne krank zu sein, wahrscheinlich durch einen Schlaganfall.

Hans Peter van Manen


Werke: Rudolf Steiners Mysteriendramen. Abhandlung I, Den Haag 1950; Eine
Betrachtung über den Anthroposophischen Seelenkalender, Stuttgart 1975,
³1988; Over de mysteriedrama’s van R. Steiner. 5 beschouwingen, Den Haag
1982; Übersetzungen ins Englische, Spanische und Schwedische erschienen;
Beiträge in VOp, MAVN, MaD, N; Kompositionen: Allegro für Orchester, 1916;
La Fête bleue für Violoncello und Orchester, 1919; Impression für Orchester,
1920; Suite für Violoncello und Orchester, 1922.
Literatur: Riemann, H.: Musiklexikon, Bd. I., Berlin 1929; André (Pseudonym): De nieuwe dirigent van het U.S.O., Henri Daniel van Goudoever, in: Symphonia 1932, Nr. 8; Lievegoed-van Buuren Schele, M.: In memoriam Judith Magdalena van Goudoever, in: MAVN 1959, Nr. 11; Levy, E.: Besuch von H. D. van Goudoever in Jerusalem, in: N 1967, Nr. 47; Wilkens, H.: Henri Daniel van Goudoever, ein Dankwort, in: N 1977, Nr. 13; Fiechter-Bischof, M.: Im Gedenken an Henri Daniel van Goudoever, in: N 1977, Nr. 42; Mees, L. F. C.: Henri Daniel van Goudoever, in: MaD 1977, Nr. 120; autobiografisch: Het ontwaken uit de droom, Mees, L. F. C.: Han van Goudoever, Bemmelen, D. J. van: Henri Daniel van Goudoever, Struik, L., Wilkens, H.: Han van Goudoever, in: MAVN 1977, Nr. 5.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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