Norbert Glas
Glas, Norbert

Arzt, Phänomenologe.

*28.01.1897 Wien (damals Österreich-Ungarn)
†30.03.1986 Whaddon/Wynstones (UK)



Neben seiner praktisch-ärztlichen Tätigkeit hat Norbert Glas durch die Kraft seiner am Phänomen orientierten Beobachtung, mit seinen Vorträgen und Büchern auf die Bedingungen einer gesunden menschlichen Entwicklung aufmerksam gemacht; als ein Vertreter der Salutogenese war er damit seiner Zeit voraus.

Schon während der Kindheit, die Norbert Glas als einziger Sohn einer jüdischen Familie froh und behütet in Wien verlebte, wuchs in ihm der Entschluss, Arzt zu werden. Sein Medizinstudium wurde vom Ersten Weltkrieg unterbrochen, der ihn als Soldat nach Russland und in die Gefangenschaft nach Albanien führte. An Typhus schwer erkrankt, kehrte er nach Wien zurück und setzte sein Studium fort. In dieser Zeit begegnete er dem vier Jahre älteren Eugen Kolisko und mit ihm der Anthroposophie. Er heiratete die Ärztin Maria Deutsch, sie bekamen drei Kinder.

1920 begann seine engagierte anthroposophische Wirksamkeit: 23-jährig lernte er bei der Eröffnungsfeier des ersten Goetheanum Rudolf Steiner und Ita Wegman persönlich kennen. Er nahm 1921 am zweiten Ärztekurs (GA 313) teil. 1923 wurde er neben Alfred Zeissig, Julius Breitenstein, Ludwig Polzer-Hoditz, Franz Halla und Hans Erhard Lauer 26-jährig als jüngstes Mitglied in den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Österreich gewählt. 1924 wurde er während des Pastoralmedizinischen Kurses (GA 318) von Rudolf Steiner „als eines der sieben Mitglieder des esoterischen Kernes praktizierender Ärzte der Medizinischen Sektion“ (Leroi 1986, S. 199) berufen. Als junger Arzt arbeitete er mit Ita Wegman zusammen und blieb ihr eng verbunden. 1928 nahm er als Repräsentant Österreichs an der Vorbereitung der „World Conference on Spiritual Science“ teil. Von 1928–38 leitete er die mit dem Klinisch-Therapeutischen Institut Wegmans zusammenarbeitende Heilanstalt in Gnadenwald bei Innsbruck. Als Norbert Glas wegen seiner jüdischen Abstammung Österreich verließ, übernahm Margarethe Hauschka mit ihrem Mann ( Rudolf Hauschka) die Leitung.

Er emigrierte nach England und lebte seit 1940, seinem 43. Lebensjahr, mit seiner Familie unweit von Stroud in Gloucester. Dort baute er eine eigene Praxis auf, die er bis zu seinem Lebensende führte. Norbert und Maria Glas arbeiteten im Kollegium der Wynstones School, der 1938 von Margaret Bennell begründeten Waldorfschule, die in den Kriegsjahren durch die zahlreichen Emigrantenkinder rasch wuchs; er war Schularzt. Zudem leitete er eine kleine Privatklinik und später ein Altenheim.

Im Hintergrund seiner ärztlichen Tätigkeit befasste sich Norbert Glas mit Forschungen vor allem zu phänomenologisch-physiognomischen und biografischen Fragen. In dieser Zeit begann seine Vortragstätigkeit im englischen und nach dem Krieg im deutschen Sprachraum, das Gesagte „legte er mit beispielloser Zielstrebigkeit in schriftliche Darstellungen nieder“ (Hiebel 1986, S. 83). Als er 1924 Karmavorträge Rudolf Steiners (GA 235–240) hörte, hatte Steiner ihm nahe gelegt, sich mit einigen der dort beschriebenen Persönlichkeiten zu beschäftigen; die Begegnung mit Walter Johannes Stein, der häufig die anthroposophische Arbeit um Wynstones inspirierte, verstärkte seine Interessen an diesen Zusammenhängen – er forschte und schrieb u. a. über Lord Byron, Ibsen, Nero, Victor Hugo.

Als Arzt und Forscher schien er getragen von einer tiefen Menschenliebe und mit einer besonderen Fähigkeit begabt, die ihm begegnenden Phänomene sachlich und streng an der Wahrnehmung orientiert zu beschreiben – das Gesicht, die Hand, den Fuß oder die Haare; die frühe Kindheit, das mittlere oder spätere Alter; den Gestus des Sehens, des Hörens oder Tastens; die Bewegung, den Gang, die Haltung und die Sichtbarkeit des Temperaments. Immer erneut wagte er Verbindungslinien zwischen seinen Beobachtungen und geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen zu ziehen, um daraus eine Rat gebende Handlungskonsequenz zu entwickeln. Sein besonderes Interesse galt den Geschwulstkrankheiten, mit Rita Leroi-von May und ihrer 1963 in Arlesheim eröffneten Lukas-Klinik verband ihn die Suche nach neuen Wegen in der Krebstherapie. Er begriff das Krebsgeschehen als Sinnesorganbildung an falscher Stelle und entwickelte mit Unterstützung seiner Frau ein eigenes Therapiekonzept, in dem ein Schwerpunkt auf der Betätigung und Übung der Sinnesorgane lag. Im Mittelpunkt stand die Farb-Licht-Therapie.

Norbert Glas erreichte das 90. Lebensjahr. „Seine Gestalt erschien jugendlich geblieben, wie sein Antlitz bereits in der Jugendzeit Züge besonnener Altersweisheit zur Schau trug.“ (Hiebel, a. a. O.). Er starb am 30. März 1986, einem Ostersonntag.

Schon Mitte der 50er-Jahre stand ihm durch seine Forschungen zum menschlichen Lebenslauf klar vor Augen, dass jeder Mensch anstrebt, „wenn möglich bei einer ihm gemäßen Stellung der Sterne aus dem Leben zu gehen. [...] Untersuchungen über den Zeitpunkt des Todes zeigen immer wieder eine erstaunliche Logik in der Beziehung des Lebensschicksals und der Stellung der Gestirne im Augenblick des Todes.“ (Glas, Lichtvolles Alter, ²1982, S. 141).

Susanne Hofmeister


Werke: Die Formensprache des Gesichtes, Wien 1935, ²1937;
Kinderkrankheiten als Entwicklungsstufen, Wien 1937, ²1937; The
Physiognomy of the Four Temperaments, London 1938; The Handless
Maiden, A Grimm Story Interpreted, Stroud 1944; The Jewish Question,
Sheffield 1944;
Snow White and Rose Red, East Gannicox 1950; Red Riding Hood, East
Gannicox 1947; Mary’s Child, East Gannicox 1949; Sleeping Beauty, East
Gannicox 1950; How to Look at Illness, London 1951, ²o. J.; Lichtvolles
Alter, Stuttgart 1956, ²1982; Frühe Kindheit, Stuttgart 1957; ³1980;
Gefährdung und Heilung der Sinne, Stuttgart 1958, ²1976; Jugendzeit und
mittleres Lebensalter, Stuttgart 1960, ²1981; Der Antlitz offenbart den
Menschen, Bd. I/II, Stuttgart 1961/1963, 5 1984; Byrons Schicksalsrätsel,
Stuttgart 1962; Henry Stanley, Stuttgart 1964; Die Hände offenbaren den
Menschen, Stuttgart 1966, ³1981; Die Füße offenbaren menschlichen Willen,
Stuttgart 1972, ²1982; Ferdinand Raimund, sein Leben, Stuttgart 1974; Im
Zeichen der Saturn. Victor Hugo, Stuttgart 1975; Amos Comenius, Stuttgart
1976; Zur Farblichtbehandlung, Arlesheim 1976, ²1978; Nero. Das Böse und
seine Läuterung, Stuttgart 1978; Haare des Menschen, Stuttgart 1979;
Schicksalsmotive im dramatischen Schaffen Ibsens, Dornach 1981; Zur
Physiognomie von Gang und Haltung, Stuttgart 1981; Mimik. Das bewegte
Antlitz, Stuttgart 1985; Geistige Gründe körperlicher Krankheiten, Stuttgart
1986; Menschenfeindliche Kräfte im Antlitz, Stuttgart 1987; Laurence
Oliphant und seine Beziehung zu Ovid, Basel 1991; Erinnerungen an Steiner
und unveröffentlichte Beiträge, Basel 2001; Beiträge in Sammelwerken;
Übersetzungen ins Englische, Französische und Portugiesische erschienen;
zahlreiche Beiträge in BeH, weitere in ÄR, AM, ANS,Ay, BfA, CES, CtR, EK, N,
Na, Pfa, WKÄ, WNA.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr.
Steiners, o. O. 1970; Hiebel, F.: Norbert Glas, in: N 1986, Nr. 20;
Schuchhardt, W.: Norbert Glas, in: MaD 1986, Nr. 158; Leroi, R.: Norbert
Glas, in: BeH 1986, Nr. 5, auch in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische
Ärzte, Dornach 2000; Wood, B.: Dr. Norbert Glas, in: ANS 1986, Nr. 3;
Schöffler 1987; Lindenberg, Chronik 1988.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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