Christian Geyer
Geyer, Christian

Evangelischer Theologe, Prediger und religiöser Schriftsteller.

*01.10.1862 Manau/Unterfranken (Deutschland)
†23.12.1929 Nürnberg (Deutschland)





Christian Geyer gehörte neben Friedrich Rittelmeyer zu den bekannten evangelischen Theologen, deren Verständnis und Engagement Rudolf Steiner bewogen, die Begründung der Christengemeinschaft anzuregen und zu begleiten. Obwohl Geyer sich kurz vor Begründung der Bewegung für religiöse Erneuerung 1922 von dem Vorhaben distanzierte, hat er eine bemerkenswerte Rolle auf dem Weg dahin sowie in der Auseinandersetzung der protestantischen Theologie mit Steiner und der Anthroposophie gespielt.

Christian Geyer entstammte einer fränkischen Familie, die seit Generationen in der evangelisch-lutherisch geprägten bayerischen Landeskirche das Pfarramt bekleidete. Er studierte an den Universitäten Erlangen und Leipzig Theologie. Nach einer Reihe von pfarramtlichen und religionspädagogischen Diensten in fränkischen Ortschaften wurde dem mit einer Arbeit zur Nördlinger Kirchengeschichte promovierten Theologen die angesehene Stelle eines „Hauptpredigers“ an der renommierten Sankt Sebalduskirche in Nürnberg übertragen. Das geschah 1902, im selben Jahr, in dem auch der zehn Jahre jüngere Friedrich Rittelmeyer nach Nürnberg an die benachbarte Heilig-Geist-Kirche versetzt wurde. Es kam bald zu einem kollegial fruchtbaren und freundschaftlichen Gedankenaustausch zwischen beiden Männern, die sich charakterlich wie geistig-religiös in vieler Hinsicht ergänzten.

Beide gehörten zu der Minderheit der „freien Gesinnten“ innerhalb der orthodox ausgerichteten Landeskirche. Weil sie sich mit ihrer theologisch-liberalen Orientierung um die Fragen einer dem Gegenwartsbewusstsein verpflichteten Religiosität kümmerten, hatten sie bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs hinein heftige Anfeindungen durch Kirchenleitung und Pfarrerschaft zu bestehen. Aufgrund ihres spirituellen Profils und ihrer weithin anerkannten Predigtgabe bestanden sie in überzeugender Weise den „Nürnberger Kirchenkampf“. Zwei gemeinsam herausgegebene Predigtbände und die 1910 von ihnen ins Leben gerufene Monatsschrift „Christentum und Gegenwart“ stellen zusätzliche Belege ihrer sprichwörtlichen „Kampfgemeinschaft“ dar. Sie dauerte im Wesentlichen bis zu Rittelmeyers Berufung nach Berlin (1916). Die eigentliche Entfremdung trat erst ein, als sich zeigte, dass Geyer den anfangs gemeinsam beschrittenen Weg zu einer konsequenten religiösen Erneuerung nicht mitgehen konnte.

Eine besondere Note bekam diese Gemeinsamkeit durch die Begegnung mit Rudolf Steiner, die der von beiden Theologen geschätzte Nürnberger Lehrer Michael Bauer vermittelt hatte. Ihrem spezifischen Naturell gemäß arbeiteten sich beide in die Anthroposophie ein, wobei Geyer – nach ersten Bedenken – nicht zögerte, die gewonnenen Einsichten alsbald in seiner Predigttätigkeit wie auch publizistisch fruchtbar zu machen. Nachhaltigen Eindruck machte auf ihn die Persönlichkeit Rudolf Steiners. Geyer erkannte frühzeitig die das Christus-Verständnis belebende Kraft der Anthroposophie. Denn darin war er mit Rittelmeyer einig, dass so etwas wie eine neue Reformation innerhalb des kirchlichen Lebens entfacht werden müsse, eine Belebung der Frömmigkeit, die einer geistigen Begründung bedarf und die durch die zeitgenössische liberale Theologie, durch den so genannten „Kulturprotestantismus“, nicht in Gang gebracht werden könnte.

Geyer, der sich als freier Geist verstand und sich daher nicht um die allgemeinen, oft auf Unkenntnis gegründeten Verurteilungen des Steiner´schen Werks kümmerte, riskierte es, seinen Ruf als profilierter Theologe in Wort und Schrift einzusetzen. So zögerte er nicht, in der von Rittelmeyer zu Steiners 60. Geburtstag herausgegebenen Festschrift einen auch in Theologenkreisen viel beachteten Beitrag („Rudolf Steiner und die Religion“) zu veröffentlichen. In Großveranstaltungen wirkte er als engagierter Redner mit, beispielsweise beim anthroposophischen Hochschulkurs im März 1922 in Berlin oder bei einer von ihm mitverantworteten Tagung „Anthroposophie und Christentum“ in Nürnberg (1922), dem Ort seines eigenen erfolgreichen Wirkens als Prediger. Weitere Vortragsreisen dieser Art führten ihn durch Deutschland und die Schweiz.

Von daher stand nahezu fest, dass Geyer in der zu begründenden Christengemeinschaft an der Seite Rittelmeyers in leitender Funktion mittun würde. Nicht nur der Berliner Freund und Kollege erwartete dies. Steiner selbst rechnete damit, dass Geyer zusammen mit Rittelmeyer und Emil Bock Leitung und Aufbau dieser Bewegung für religiöse Erneuerung in die Hand nehmen würde. Dazu kam es jedoch nicht. Wer ihn gründlich genug kannte, der verstand, wie fremd diesem durch und durch protestantisch geprägten Menschen das kultische Leben sein musste, das zum Mittelpunkt der Christengemeinschaft werden sollte – und dies, obschon er die ihr innewohnende Spiritualität bejahte. So gestand er seinen Freunden und Steiner persönlich, weshalb es ihm unmöglich sei, in die Schar der Begründer der Christengemeinschaft einzutreten. Deshalb blieb sein Platz, der Platz des 60-Jährigen, am 22. September 1922 unbesetzt – für die gerade ins Leben tretende junge Bewegung ein schwerer Schlag, auch für Rittelmeyer persönlich.

Auf der anderen Seite verdient festgehalten zu werden, welche wesentlichen Anstöße Geyer für seine kirchlich-religiöse Tätigkeit von der Vertiefung in die anthroposophische Weltanschauung und Christologie nicht nur empfangen hatte und weitergab, sondern mit welcher Rückhaltlosigkeit er – gerade auch nach seiner von vielen als negativ empfundenen Lebensentscheidung – für Steiner und die Anthroposophie Partei ergriff. In seinem mit Humor durchsetzten Erinnerungsbuch „Heiteres und Ernstes aus meinem Leben“ setzte er dem einstigen Freund Rittelmeyer einen würdigenden, dessen Wesen verständnisvoll charakterisierenden Denkstein. Er bezeugte vor allem den starken Eindruck, den Steiner auf ihn gemacht hatte: „Soweit ich ihn persönlich kennen zu lernen Gelegenheit hatte, kann ich nur sagen, dass die Erinnerung an ihn zu den erfreulichsten gehört und dass es mir leid wäre, wenn ich, wie die meisten Zeitgenossen, an ihm vorbeigegangen wäre. Jedenfalls war er von den vielen Menschen, denen ich begegnete, geistig weitaus der bedeutendste.“ (S. 184 f.) Und hinsichtlich der Theologenvorträge von 1921/22: „Was Steiner in diesen Wochen leistete, war bewunderungswürdig [...] Ich habe damals oft gedacht und auch gesagt, wo in aller Welt wir einen Theologen anträfen, der sich den Situationen aussetzen könnte, in denen sich dieser ,Laie’ mit einem Ernst und einer Sicherheit bewegte, als habe er sein ganzes Leben lang nur Theologie getrieben.“ (S. 189) Geyers ehemaliger Kollege und späterer Mitbegründer der Christengemeinschaft August Pauli kommentierte andere Äußerungen: „Dass Geyer, wenn er einmal das Wort nehmen würde, um über die Christengemeinschaft zu sprechen, das nur in vornehmsten Tone tun würde, haben wir von ihm nie anders erwartet.“ (Pauli 1925/26, S. 218)

Gerhard Wehr


Werke: Gott und die Seele. Predigten (zusammen mit F. Rittelmeyer), Ulm
1906; Leben aus Gott. Predigten (zusammen mit F. Rittelmeyer), Ulm 1911,
München 81918; Theologie des ältesten Glaubens, Ulm 1913; Theosophie und
Religion, Nürnberg 1918, ²1919; R. Steiner und die Religion, in: Vom
Lebenswerk Rudolf Steiners, München 1921; Anthroposophie und
Christengemeinschaft, in: Zeitwende 1926; Der lebendige Kalender,
Rudolstadt 1927; Heiteres und Ernstes aus meinem Leben, München 1929;
³1962; zahlreiche Beiträge in CGw, weitere in CH.
Literatur: Pauli, A.: D. Dr. Geyer und die Christengemeinschaft, in: CH 1925/2
6, Nr. 7; Rittelmeyer, F.: Zur Erinnerung an Chr. Geyer, in: Christian Geyer
zum Gedächtnis, Kassel 1930; Bock, E.: Zeitgenossen, Weggenossen,
Wegbereiter, Stuttgart 1959; Kelber, W.: Zu Chr. Geyers 100. Geburtstag,
in: CH 1962, Nr. 10: von Loewenich, W.: Christian Geyer, in: Jahrbuch für
Fränkische Landesforschung, Neustadt/A. 1964; Rießbeck, F.: Die Predigt
bei Christian Geyer (Diss. theol.), Erlangen 1978; Trillhaas, W.: Christian
Geyer. Fränkischer Prediger und Erzieher von Format, in: Nachrichten d.
evang. luth. Kirche in Bayern, 1979; Zwei liberale bayerische Theologen. Fr.
Rittelmeyer und Chr. Geyer, in: Bayr. Rundfunk, 29.8.1993; Wehr, G.:
Anthroposophie und religiöse Erneuerung in Nürnberg, in: Bayr. Rundfunk,
Studio Nürnberg, 6.7.1995; ders.: Friedrich Rittelmeyer. Sein Leben.
Religiöse Erneuerung als Brückenschlag, Wies [1985], Stuttgart ²1998.




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