Fried Friedrich Geuter
Geuter, Fried Friedrich

Heilpädagoge.

*01.01.1894 Darmstadt (Deutschland)
†14.02.1960 Ravenswood (England)
(Geburtstag und -monat unbekannt)



Fried Geuter gehört zu den Pionieren der anthroposophischen Heilpädagogik, vor allem in England.

Er war fest davon überzeugt, dass, wenn man nur seinem Herzen erlaubt, genau hinzuhören und hinzusehen auf alles, was die täglichen Ereignisse einem sagen möchten, es dann unnötig wird, sich Sorgen zu machen über die Zukunft, weil sich dann immer Mittel und Wege finden, um allen Aufgaben gerecht zu werden.

Für diese innere Stimmung und Überzeugung mag das Bild stehen, dass Fried Geuter – nachdem er als Knabe durch das Hantieren mit einem Gewehr einem Freund ein Auge geraubt hatte – sich ein feierliches Gelübde ablegte, dass er nie mehr mit einem Gewehr umgehen werde, obwohl er natürlich wusste, dass er militärdienstpflichtig würde. Es fügte sich so.

Fried Geuter hatte gerade eine kaufmännische Laufbahn angetreten, als er zur Wehrmacht einberufen wurde. Im westfälischen Städtchen Meschede lernte er 1918 Herbert Hahn kennen, der als Dolmetscher einer friedlichen Beschäftigung im Garnisonsdienst nachging. Sie lasen in einem kleinen Kreis in Herbert Hahns bescheidener Soldatenunterkunft verschiedene grundlegende Vorträge von Rudolf Steiner.

Dass Fried Geuter nur durch falsche Weichenstellung auf einen kaufmännischen Beruf gekommen sei, darin waren sich seine Freunde einig. Ganz andere Fähigkeiten leuchteten aus seinem Wesen auf, sobald man ihm begegnet war. Er sei von einem wundertätigen Genius begnadet worden: vom „Genius des Gesprächs“. Es konnte passieren, dass man abends mit einem Gespräch begann und morgens um sechs Uhr frisch zum Tagewerk oder in die Frühmesse ging, wie nach jener Weihnachtsnacht in Meschede, von der Herbert Hahn berichtet. Die Kerzen waren längst abgebrannt.

Auch die ersten Dokumente der sozialen Dreigliederungsbewegung, die aus Stuttgart zugesandt wurden, studierten die Freunde gemeinsam und hörten zum ersten Mal die Namen von Kommerzienrat Emil Molt, von Universitätsprofessor Wilhelm von Blume oder Carl Unger.

1918 hatte er Maria geheiratet, eine Krankenschwester, die er in Meschede kennen gelernt hatte. Aus dieser Ehe gingen ein Sohn und zwei Töchter hervor.

Nach Ende des Krieges übernahmen Herbert Hahn und Fried Geuter Aufgaben in Stuttgart; Fried Geuter arbeitete in der Dreigliederungsbewegung und später beim „Kommenden Tag“.

1920 reiste Fried Geuter von Stadt zu Stadt, um mit großem Geschick und Organisationstalent eine Vortragsreise für Walter Johannes Stein und Herbert Hahn vorzubereiten. Stationen waren unter anderem Berlin, Königsberg und Breslau.

Nach einer kurzen, aber heftigen Krankheit wurde ihm schlagartig bewusst, dass er Heilpädagoge werden wollte. Dieser Entschluss brachte einen großen, fruchtbaren Umbruch in sein Leben. Von Ita Wegman beraten und impulsiert, arbeitete er sich zunächst im heilpädagogischen Institut Sonnenhof in Arlesheim ein, um 1929 nach England zu gehen, wo er mit Michael Wilson und anderen Freunden wesentlich zum Ausbau der heilpädagogischen Arbeit in England beitrug. Er hatte als Sohn einer Frankfurter Kaufmannsfamilie England schon in früher Jugend gründlich kennen gelernt. Ein großer Teil anthroposophischer Pionierarbeit in England geht auf Fried Geuter zurück.

Herbert Hahn – der die Entwicklung mehr aus der Ferne, aber nicht minder interessiert mitverfolgte – schildert die Begabung Fried Geuters für die Heilpädagogik: „Was den Renaissance-Künstlern im großen eigen war, das besaß er im bescheideneren seelischen Umfang im kleinen: eine nahezu universelle Begabung für die verschiedenen Künste und Wissenschaften. Nun blieb diese universelle Begabung auf allen Feldern im Knospenzustand, blieb latent. Wäre eine dieser Begabungen – die malerische, die musikalische die plastische oder die dichterisch-dramatische – zur vollen Reife gelangt, dann hätte sie vermutlich die Energien des Lebens bald erschöpft. Im latenten, im besten Sinne spielenden Zustand, im Dahinopfern des eigentlich äußeren Erfolges, bildeten alle diese knospenhaften Anlagen ein Ganzes, das von einer feinen Sphäre heilender Moralität durchdrungen war.“ (Hahn, 1960/61, S. 53)

1930 erfolgte die Gründung von Sunfield, einem heilpädagogischen Heim. Fried Geuter war ein begnadeter Heilpädagoge. Ob einfallsreich, verständnisvoll, spielerisch, konsequent oder gar streng: Immer waren seine Handlungen geprägt von intuitivem Erfassen der jeweiligen seelischen Situation des Kindes. Die ethische Grundlage für die heilpädagogische Arbeit war die „Philosophie der Freiheit“ (GA 4), mit deren Studium im Kollegenkreis zeitgleich mit der Gründung begonnen wurde. Das gemeinsame Ringen der Mitarbeiter um diese Grundlagen bildete für viele Jahre den inneren Kern der gemeinsamen Aufgabe. Eine andere tiefe innere Verbindung – zur Parsival-Legende – führte dazu, dass sie in einem einfachen Kinderspiel zusammengefasst und bei Ita Wegmans erstem Besuch aufgeführt wurde. Sunfield war von Anfang an ein Zentrum der anthroposophischen Jugendarbeit. Fried organisierte ein vielfältiges Kulturleben, es herrschte ein besonders herzlicher Umgangston.

Nach einer schicksalsmäßig persönlich schwierigen Zeit verließ Fried Geuter 1951 die von ihm mitbegründete Institution. Er heiratete ein zweites Mal und lebte für einige Zeit in der Schweiz, wo er Vorträge hielt.

Die letzte große Aufgabe, die – abermals aus England – an ihn herantrat, war eine Herausforderung, auf die er sich erst nach intensivem inneren Ringen einlassen konnte: die Gründung einer anthroposophisch-heilpädagogischen Institution für seelenpflegebedürftige Kinder jüdischer Abstammung und mosaischer Konfession, Ravenswood bei Crowthone 1953. Er sagte zu, unter einer Bedingung: dass die Mitarbeiter der zu gründenden Institution ihr Leben im Tages- und Jahreslauf so einrichten dürften, wie es den Grundlagen der anthroposophisch-heilpädagogischen Bewegung entspreche. Andererseits sollten die rituellen Gewohnheiten der jüdischen Kinder nicht angetastet werden. Die Haltung und die Art, wie Fried Geuter diese Aufgabe in eine weit reichende Kulturwirksamkeit zu stellen vermochte, bewirkte bei den offiziellen Kreisen große Anerkennung und Hochachtung vor den spirituellen Grundlagen der anthroposophisch-heilpädagogischen Arbeit.

Zwei Monate vor seinem Tod hielt er noch zu seiner besonderen Freude einen Vortrag über Schiller – war ihm doch die Freundschaft zwischen Schiller und Goethe sein Leben lang Urbild.

Am 14. Februar 1960 ging Fried Geuter – er hatte schon länger Herzbeschwerden – in der von ihm gegründeten Institution der jüdischen Gemeinde in Ravenswood über die Schwelle.

Christa Seiler


Werke: My first meeting with Rudolf Steiner, in: Geuter, I.: Adventure of
Curative Education, East Grinstead 1962; mit Isabel Geuter: L’Enfant
inadapté, St. Prex 1977; Beiträge in AM, CJN, CtR, EK, Na, SbK, WdN.
Literatur: Wilson, M.: Fried Geuter, in: SbK 1959/60, Nr. 2; Hahn, H.: Noch
ein Freundeswort zum Gedenken an Fried Geuter, in: SbK 1960/61, Nr. 2;
Erlanger, W.: Herinneringen aan Fried Geuter en Clent, Lievegoed, B. C. J.:
Fried Geuter, in: MAVN 1960, Nr. 4; Geuter, I.: Adventure of Curative
Education, East Grinstead 1962; Waterman, C.: Fried Geuter and the
Children, in: GBl 1964; Krück von Poturzyn, M. J.: Aufbruch der Kinder 1924,
Stuttgart 1968; Kühne, W.: Die Stuttgarter Verhältnisse, Schaffhausen 1989.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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