Eugen Kolisko
Kolisko, Eugen

Arzt, Waldorflehrer.

*21.03.1893 Wien (damals Österreich-Ungarn)
†29.11.1939 London (Grossbritannien)







Eugen Kolisko gehört zu den prägenden Gestalten der Generation, die als junge Mitarbeiter Rudolf Steiners in der zweiten und dritten Dekade des 20. Jahrhunderts die Kulturwirksamkeit der Anthroposophie begründeten – und zu den tragischsten. Als Arzt, Lehrer und Schularzt, als Wissenschaftler und Publizist war er einer der kompetentesten Vertreter der Anthroposophie. Nach dem Tod Rudolf Steiners 1925 stieß sein Wirken in wachsendem Maße auf Unverständnis innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Im englischen Exil starb er bereits im 47. Lebensjahr.

Am 21. März 1893 wurde Eugen Kolisko in Wien geboren. Väterlicherseits bestand schon lange eine Beziehung zu der berühmten Medizinischen Fakultät dieser Stadt und viele bekannte Menschen verkehrten im Hause Kolisko. Die Mutter stammte aus einer künstlerischen Familie und war eine begabte Pianistin. Sie umsorgte den als kleines Kind kränklichen Eugen mit großer Hingabe und besuchte viele Kurorte mit ihm. Wegen eines tuberkulösen Abszesses wurde das linke Ellenbogengelenk operiert, wurde steif und er konnte den Arm zeitlebens nicht mehr strecken. Eugen bekam wegen seiner labilen Gesundheit Privatunterricht und kam erst verhältnismäßig spät in das geschichtsträchtige Wiener Schottengymnasium, dessen Wurzeln in das iroschottische Christentum reichen.

Hier begegnete er ?Walter Johannes Stein. Stein und Kolisko waren zwei polar entgegengesetzte Menschen, sie wurden miteinander streitend zu engen Freunden und bald zu einander unablässig anregenden Weggefährten in der anthroposophischen Arbeit. Eugen Kolisko war zart und klein von Gestalt, hatte ein merkuriales Wesen und war ein Meister in der Überschau. Walter Johannes Stein hingegen hatte eine robuste Konstitution, trat immer streitbar und martialisch auf, er suchte den Ursprung aller Erscheinungen. Gemeinsam beschäftigten sie sich mit Differenzialrechnung und Axiomatik der Geometrie, mit Problemen der Physik und Philosophie, bei Spaziergängen versuchten sie Menschen so wahrzunehmen, dass sie etwas über das Temperament oder den Beruf sagen konnten.

Durch Steins Mutter lernten Walter und Eugen die Anthroposophie kennen. 1914 hörte er erstmals Vorträge Rudolf Steiners, kurz nach seinem 21. Geburtstag wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.

Als ob er nur wenig Zeit hätte, hatte Kolisko bis dahin bereits vieles aus seiner reichen kulturellen Umgebung aufgenommen: Er liebte Konzerte und Theateraufführungen, lebte sich in die Weltliteratur ein und erweiterte beständig seine geschichtlichen Kenntnisse. Das Erlebte oder Erarbeitete hielt er in genauen Tagebuchaufzeichnungen fest. Das gesellige Leben seiner Alters- und Studiengenossen – er studierte Medizin – interessierte ihn in dieser Periode seines Lebens kaum.

1917 schloss er 24-jährig mit einer Promotion das Medizinstudium ab, wurde Sachverständiger und Dozent für medizinische Chemie an der Universität in Wien und eine glänzende wissenschaftliche Karriere lag vor ihm. Aber es sollte anders kommen.

Im Januar 1920 bat ?Emil Molt Kolisko um Mitarbeit an der neu gegründeten Waldorfschule – als Vertretungslehrer! Auf Drängen Walter Johannes Steins und zum Entsetzen seiner Wiener Umgebung reiste Kolisko nach Stuttgart. Es begannen fünf intensive Jahre der Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Kollegium, mit seinem Freund und mit dem verehrten geistigen Lehrer.

Am 13. März 1920 hielt Kolisko einen Vortrag über Chemie, der für Rudolf Steiner den Anlass bot, an die Bildung einer Hochschule oder Akademie zu denken. Kolisko setzte sich in den darauf folgenden Jahren – und erneut in den 30er-Jahren in England – für diese Idee ein.

Rudolf Steiner sprach über die „Kolisko’sche Chemie“ als die physiologische Chemie der Zukunft und für Kolisko wurde die Chemie zu einem Hauptarbeitsgebiet. Er entwickelte die „Gesten“ oder den „Charakter“ der Substanzen, die nicht nur für den Oberstufenunterricht der Waldorfschule prägend wurden, sondern auch für das Erfassen der therapeutischen Wirkung eines Stoffes einen wesentlichen Zugang boten. Seine Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner intensivierte sich, als dieser für die Anfang der 20er-Jahre in Deutschland grassierende Maul- und Klauenseuche ein neues Heilmittel konzipierte.

Daneben war er Mitinitiator der anthroposophischen Kulturzeitschrift „Die Drei“ und redigierte sie vom Oktober 1921 bis März 1923. 1921 errichtete Kolisko zusammen mit Stein und ?Carlo Septimus Picht ein Archiv des Goetheanismus, das sowohl goetheanistische Literatur wie auch Vorträge Rudolf Steiners sammelte und zur Verfügung stellte. Der Goetheanismus war Kolisko sozusagen angeboren, er war Großmeister in der Phänomenologie, die seiner Befähigung entsprach, alles, was er wahrnahm, in Prozessen zu sehen. Formulierungen wie „Das muss man sich doch nur anschauen, wenn aus einer Kaulquappe ein Frosch wird – was macht er denn? Der zieht die Luft ein und stößt die Gliedmaßen aus“ sind charakteristisch für ihn.

Rudolf Steiner schätzte Koliskos lebendige Art des Wahrnehmens und Denkens, er zog ihn als Redner für die zahlreichen Hochschulkurse heran, die in dieser Zeit gehalten wurden. In seinem Bericht über den Hochschulkurs in Holland 1922 charakterisierte er Kolisko: „Persönlichkeiten wie Dr. med. Eugen Kolisko können von der anthroposophischen Bewegung nicht hoch genug eingeschätzt werden. [...] Der naturwissenschaftliche Phänomenalismus hat in Kolisko einen Verfechter, der diese Seite des anthroposophischen Denkens überall aus der unbefangenen Sacherkenntnis objektiv entwickelt. Man hat bei Kolisko nirgends das Gefühl, dass er von vornherein Anthroposophie in seine Welterkenntnis hineinträgt, sondern überall das, dass er in einem sachgemäßen, aber intimen Denken aus den konkreten Problemen die anthroposophische Anschauung gewinnt. Dabei ist er innig als Persönlichkeit mit seinen Problemen verwachsen, sodass für mein Gefühl man ihm gegenübersteht als einer durch und durch wissenschaftlich überzeugend wirkenden Persönlichkeit. Wenn ich von ihm so sprechen höre wie diesmal über ‚freies Geistesleben‘, dann habe ich die Empfindung: der redet bis ins Herz hinein wahr; und in dieser Wahrheit lebt er sich restlos aus.“ (Steiner 1921/22)

1922 befestigte sich die zwei Jahre zuvor deutlich gewordene Wende in seinem beruflichen Leben. Im Mai sprach er in dem renommierten Wiener Ärzteverein über „neue Wege in der Pathologie und Therapie durch Anthroposophie“. Alles spricht dafür, dass die damalige Prominenz der Wiener medizinischen Welt, die ja den Namen Kolisko kannte, anwesend war. Für das Publikum muss das Vorgebrachte so fernab von gewohnten Auffassungen gewesen sein, so unerwartet, dass es – in den Worten Koliskos in einem Brief an seine Frau – „zum größten Skandal wurde, der in der medizinischen Welt Wiens seit Menschengedenken vorgekommen sein mag. Meine sämtlichen medizinischen Blutsbeziehungen bin ich jetzt mit einem Schlage los. Dort wächst für uns kein Gras mehr. Es musste wohl einmal so kommen.“

An der Stuttgarter Waldorfschule bildeten der Unterricht in der Oberstufe, vor allem für Chemie und Biologie, und der Aufbau der Schularzttätigkeit seine Hauptaufgaben. Er lernte dabei nicht nur die Kinder, sondern auch die Arbeit seiner Lehrerkollegen kennen. Denn er wollte die Kinder sehen, wie sie sich in der Gymnastik oder Eurythmie bewegen, wie sie zeichnen oder plastizieren, er wollte von den Kollegen hören, wie sie die Kinder sahen. Die bedeutende Rolle des Schularztes in einer Waldorfschule geht ebenso wie die Kinderbesprechungen als Herz der Lehrerkonferenzen von ihm aus. Er kannte den innigen Zusammenhang der physiologischen und psychologischen Prozesse beim aufwachsenden Kind. Er suchte immer erfahrener zu unterscheiden, ob ein seelisches oder körperliches Problem eine physiologische Ursache hatte und also medizinisch behandelt werden musste oder ob eine psychologische Schwierigkeit vorlag, die durch eine pädagogische Handhabung zu lösen war. Er betrachtete den Gesamtunterricht, das Schulleben als ein Heilmittel.

Kolisko stand in den frühen 20er-Jahren zunehmend im Zentrum der anthroposophischen Aktivitäten. 1923 wurde er als Vorstandsmitglied der neu gebildeten Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland berufen. Rudolf Steiner lud ihn zu entscheidenden anthroposophischen Fachkursen – zum Jungmedizinerkurs (GA 316), zum Heilpädagogischen Kurs (GA 317) und Pastoralmedizinischen Kurs (GA 318) – persönlich ein, oft zusammen mit seiner Frau Lili (?Lili Kolisko). Nach der Weihnachtstagung 1923/24 und der Begründung der Medizinischen Sektion am Goetheanum erkannte Kolisko im Spätsommer 1924, dass die wegweisende Zusammenarbeit von Rudolf Steiner und ?Ita Wegman ihr Fundament in einer langen karmischen Verbundenheit hatte – er teilte Wegman diese Einsicht mit. Für Rudolf Steiner wurde dies zum Anlass, einen „Kern der Medizinischen Sektion“ zu bilden, der für die geistigen Impulse, die durch diese Sektion fließen konnten, mitverantwortlich wurde. Kolisko wurde mit sechs anderen Ärzten in diesen Kern berufen.

Vieles wurde in dieser Zeit von Eugen Kolisko mitinitiiert. Er war intensiv am Aufbau der verschiedenen künstlerischen Therapien, der Heileurythmie, der Musiktherapie und insbesondere des Heilsingens (?Valborg Werbeck-Svärdström) beteiligt. Seine Aufsätze über Ernährungsfragen in der Zeitschrift „Natura“, die er für die Medizinische Sektion 1926–31 redigierte, sind noch immer grundlegend. Menschenkundliche, biologische, geschichtliche, chemische, pädagogische Publikationen erschienen. Zusammen mit seiner Frau erforschte er die Zusammenhänge zwischen kosmischen Kräften und irdischen Prozessen, die sowohl für die Medizin als auch für die Landwirtschaft von nachhaltiger Bedeutung wurden.

Nach Rudolf Steiners Tod im März 1925 wurde das weitere Arbeiten für Eugen Kolisko schwierig. In der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die seit Weihnachten 1923 bestand und eine grundlegend neue Struktur und Leitung bekommen hatte, kam er in Konflikt mit führenden Persönlichkeiten. Einer der Gründe war seine Ablehnung, die ihm von ?Marie Steiner angetragene zentrale Stelle im Dornacher Vorstand einzunehmen, da er – in Übereinstimmung mit Ita Wegman – meinte, dass der von Rudolf Steiner gebildete Vorstand eine neue „Schicksalsgemeinschaft“ sei, die auch nach dem Tod des Gründers fortzubestehen habe. Äußerlich existierte die fördernde Hilfe seines Lehrers, der ihm Aufträge, Hinweise und immer neue Herausforderungen bot, nicht mehr. Immer mehr sah sich Kolisko innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, aber auch in der Waldorfschule infrage gestellt. Zugleich setzte er seine Forschung auf den skizzierten Gebieten fort, inspirierte viele Menschen und hatte den Mut zu neuen Gestaltungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, die Anfang der 30er-Jahre zu der Bildung freier anthroposophischer Initiativen in Deutschland führten. 1934 wurde er aus der Stuttgarter Waldorfschule entlassen und ein Jahr später aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen.

Er führte daraufhin für kurze Zeit das Sanatorium Burghalde im Schwarzwald, wo er das Ideal einer „therapeutischen Provinz“ zu realisieren versuchte: das aufeinander bezogene Wirken von klinischer Arbeit, Pädagogik, Heilpädagogik und biologisch-dynamischer Landwirtschaft. In diesem Zusammenhang entstand der Keim für den heute so genannten „Verein für anthroposophisches Heilwesen“. Was Kolisko vor Augen stand, kam aber nicht zustande. So emigrierte er 1936 nach England – wie kurz vor ihm auch Walter Johannes Stein und viele Mitarbeiter der anthroposophischen Bewegung, die Ita Wegmans Einschätzung der sich verfinsternden Weltlage teilten.

Er wurde in London zunächst warm empfangen. Sein Impuls, eine Hochschule für Geisteswissenschaft zu gründen, erwachte hier erneut. Er begann mit den Vorbereitungen für den Aufbau einer Universität, in der verschiedene Disziplinen einander befruchten sollten. Im Frühjahr 1939 unternahm er eine Reise nach Amerika, die ihn bis zur Westküste führte. Enttäuscht vom mangelnden Widerhall auf seine Vorträge und Anregungen kehrte er müde zurück. Dennoch arbeitete er diszipliniert an zum Teil breit angelegten Publikationen über den neuen Beruf des Schularztes, über Chemie, Landwirtschaft, Geschichte und Menschenkunde weiter.

Drei Tage vor seinem Tod erzählte er seiner Frau merkwürdig erregt und doch freudig: „Denke dir, heute Nacht habe ich von Dr. Steiner geträumt, ich bin durch einen langen finsteren Gang gegangen und als ich endlich herauskam, da stand Dr. Steiner vor mir und streckte mir die Hände entgegen. Ich war so voller Freude, dass ich ihm einfach um den Hals fiel.“ Am 29. November 1939, unterwegs zu dem Biologischen Institut westlich von London, starb Kolisko an einem Herzschlag. Er war allein in seinem Zugabteil.

Joop van Dam


Werke: Das Wesen und die Behandlung der Maul- und Klauenseuche,
Arlesheim o.J., Dornach ²2001; Österreich und die Dreigliederung des sozialen
Organismus, in: Soziale Zukunft. Der Weg zum Staat, Stuttgart 1921;
Hypothesenfreie Chemie im Sinne der Geisteswissenschaft, in:
Anthroposophische Hochschulkurse, Bd. I/II, Stuttgart 1922; Gedanken zur
anthroposophischen Tierkunde, in: Gäa Sophia, Bd.I, Dornach 1926; The
Human Organism in the Light of Anthroposophy, London 1927, Bournemouth
²1978; Medical Work in Education, London 1929, Bournemouth ²1979;
Reincarnation and other Essays, London o.J., Bournemouth ²1978; Die
zwölf Gruppen des Tierkreises, in: Gäa Sophia, Bd. V, Stuttgart 1930; Vom
ersten Unterricht in der Chemie, Stuttgart 1932; Man’s Connection with the
Whole Universe, Wynstones [1943]; Zoology for Everybody, Bd. I/II,
Brookthorpe [1944]; Geology, Bournemouth [1945], ²1978; mit Kolisko, L.:
Agriculture of Tomorrow, Gloucester 1945, Bournemouth ²1978; Lead and
the Human Organism, Bournemouth 1980; Auf der Suche nach neuen
Wahrheiten, Dornach 1989; Die Mission des englischsprachigen Westens,
Basel 2002; Vom therapeutischen Charakter der Waldorfschule, Dornach
2002; Beiträge in Na, AAF, AGB, AÖ, BeH, BP, CH, DD, DsO, EK, FW, G, MM,
N, PA, Tom, WdN, ZP.
Literatur: Steiner, R.: Meine holländische und englische Reise, in: G
1921/22, Nr. 39; Erlacher, R. u.a.: Eugen Kolisko zum 14. Todestage, in:
MaD 1953, Nr. 26; König, K.: Eugen Kolisko, Spieß, W.: Erinnerungen an Dr.
Eugen Kolisko, in: BeH 1953, Nr. 11/12, König auch in: Selg, P. [Hrsg.]:
Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Krück von Poturzyn, M. J.: Eugen
Kolisko, in: MaD 1959, Nr. 50; Kolisko, L.: Eugen Kolisko, Gerabronn 1961;
Schickler, E. u.a.: Eugen Kolisko. Bilder aus seinem Leben und Wirken, o. A.;
Husemann, F.: Eugen Kolisko, in: BeH 1970, Nr. 5; Husemann, G.: Eugen
Kolisko, in: BeH 1976, Nr. 5; Husemann, G. u.a.: Eugen Kolisko, in: Der
Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977; Stein, W. J.: Eugen Kolisko,
in: BeH 1984, Nr. 6; Schöffler 1987; Deimann 1987; GA 260a, ²1987;
Lindenberg, Chronik 1988; Husemann, G.: Erinnerungen an Eugen Kolisko,
in: BeH 1989, Nr. 6; Schubert, K. u.a.: Erinnerungsbilder, in: Auf der Suche
nach neuen Wahrheiten, Dornach 1989; GA 259, 1991; Merry, E. C.:
Impressionen aus der Arbeit mit Eugen Kolisko, in: MaD 1993, Nr. 183;
Kliewer, U.: Feier zum 100. Geburtstag von Eugen Kolisko, in: N 1993, Nr.
19; Selg, P.: Anfänge anthroposophischer Heilkunst, Dornach 2000.




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