Karl König
König, Karl

Arzt, Heilpädagoge, Gründer der Camphill-Bewegung.

*25.09.1902 Wien (damals Österreich-Ungarn)
†27.03.1966 Brachenreuthe bei Überlingen (Deutschland)











Karl König zählt zu den fruchtbarsten Mitarbeitern der anthroposophischen Bewegung und initiierte die heute weltweit tätige Camphill-Bewegung.

Er wird in Wien am 25. September als einziges Kind in eine assimilierte jüdische Familie geboren; seine Eltern besaßen ein Schuhgeschäft. Als Kind ist er oft einsam, er wirkt ernst, melancholisch und geistig sehr interessiert, wobei ihm seine häusliche und schulische Umgebung so gut wie keine Anregung und Unterstützung bietet; schon früh erscheint er ganz auf sich gestellt. Noch vor der Pubertät findet König, zunächst ohne Wissen seiner Eltern, eine tiefe Beziehung zum Christentum. Als Jugendlicher sehr an philosophischen und sozialen Fragen interessiert, entwickelt er ein ausgeprägtes soziales Gewissen. Zugleich beschäftigt er sich mit Fragen nach dem Wesen der Wirklichkeit und dem menschlichen Erkennen.

Nach der Schule entscheidet sich König für das Studium der Zoologie, Biologie und Medizin an der Wiener Universität. Das Problem der Erkenntnis verbindet sich in der folgenden Zeit mit der Frage nach dem Ursprung und den Entwicklungsbedingungen des Lebendigen. Die gängigen, materialistisch geprägten Theorien von Darwin, Haeckel oder Driesch lassen ihn unbefriedigt. Erst in der Begegnung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften findet König eine Methodik, die der eigenen Erkenntnisorientierung entspricht, und er entdeckt die von Goethe dargestellten Bildeprinzipien des organischen Lebens – etwa die Polarität und die Metamorphose – als gestaltende Kräfte in der Embryologie und Anatomie des Menschen. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Assistent am Institut für Embryologie veröffentlicht König mit 23 Jahren Forschungsergebnisse über die Wirksamkeit homöopathisch verdünnter Substanzen an Froschlarven. Er arbeitet sich selbstständig in die Homöopathie ein und beginnt noch während seines Studiums Patienten in der elterlichen Wohnung homöopathisch zu behandeln.

Bald nach der Begegnung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften stößt König auf die erkenntnistheoretischen Arbeiten Rudolf Steiners, in welchen er eigene Gedanken wiederfindet und zugleich deren Weiterführung. Obwohl mit Steiners Schriften inzwischen bekannt und Teilnehmer eines geisteswissenschaftlichen Studienkreises unter Leitung des Ehepaars ?Glas, unterlässt König den Besuch der Vorträge, welche Steiner in den Jahren 1922 und 1923 in Wien hält; desgleichen kommt er einer persönlichen Einladung von ?Norbert Glas und ?Ita Wegman zu einem Treffen Wiener Ärzte und Wissenschaftler mit Steiner nicht nach. Sein „Studium, ein gewisses Maß an jugendlichem Eigendünkel und auch Phlegma“ hätten der Begegnung mit Steiner im Weg gestanden, so König und: „Ich habe es später oft und tief bereut. Vielleicht war es aber auch ein Stück Notwendigkeit, das sich darin aussprach.“

Nach seinem Studium verzichtet König auf die ihm angetragene wissenschaftliche Laufbahn, da ihm die Bedingung, mit seiner Weltanschauung hinterm Berg zu halten, unannehmbar ist. Nach kurzer Zeit als Assistenzarzt geht König auf Einladung Ita Wegmans an das von ihr geleitete Klinisch-Therapeutische Institut nach Arlesheim, wo ihn die Begegnung mit den behinderten Kindern seine Lebensaufgabe erkennen lässt. In den vielfältigen körperlichen und konstitutionellen Besonderheiten sieht König unmittelbar die Wirkung der Gestalt-Bildekräfte, zugleich empfindet er die mehr oder weniger verborgene Persönlichkeit der Kinder und den Aufruf, dieser bei der Auseinandersetzung mit den leiblich gegebenen und den sozialen Umständen zu helfen. In dieser Zeit nimmt auch, von Ita Wegman initiiert, Königs weit reichende Vortragstätigkeit ihren Anfang.

Die Begegnung mit Tilla Maasberg, seiner späteren Frau, bringt König in Verbindung mit den sozialen und religiösen Impulsen der Herrnhuter Brüdergemeine in Schlesien, welche ihn sehr berühren. Tilla Maasberg und ?Albrecht Strohschein laden ihn zur Mitarbeit in dem heilpädagogischen Institut Pilgramshain ein, wohin er 1928 zieht. Im Jahr darauf findet die Heirat statt; in den folgenden Jahren werden vier Kinder geboren. Neben der Arbeit im Heim unterhält König eine Praxis als Allgemeinarzt, welche im Laufe der sieben Jahre ihres Bestehens von 40.000 Patienten aufgesucht wird; auch hält er zahlreiche Vorträge und Seminare, unter anderen mit ?Emil Bock und ?Rudolf Meyer. Mit Emil Bock gründet er 1930 in Eisenach eine Schule für Sozialarbeit. Diese ausgreifenden Aktivitäten und weitere soziale Probleme führen in dem Institut zu Spannungen, an denen König mit seinem hohen Anspruch und seiner Eigenwilligkeit Anteil hat. Unzufriedenheit mit den sozialen Verhältnissen und auch die wachsende Bedrohung der jüdischen Familie durch das NS-Regime veranlassen König 1935, mit 33 Jahren, nach Wien zu gehen. In diesem Jahr wird er, gemeinsam mit Ita Wegman und vielen anderen, infolge der Konflikte in der Anthroposophischen Gesellschaft aus dieser ausgeschlossen.

In Wien arbeitet König wieder – und mit ähnlichem Erfolg – als Allgemeinarzt. Dort sammelt sich um ihn eine Gruppe junger Menschen, die meisten von ihnen jüdischer Herkunft, mit denen sich eine intensive anthroposophische Studienarbeit entfaltet. Im Schatten der wachsenden Bedrohung durch den Nationalsozialismus reift in der Gruppe der Entschluss, eine heilpädagogische Gemeinschaft zu begründen. Nach einer Reihe von Fehlschlägen und auf lebensgefährlichen Wegen gelangt die Gruppe nach und nach in die Nähe von Aberdeen (Schottland), nach Camphill, wo die Arbeit aufgenommen werden kann. Als Ausgestoßene erleben die Flüchtlinge eine besondere Schicksalsnähe zu den ankommenden behinderten und milieugeschädigten Kindern. Aus dieser Nähe und der Gewissheit heraus, als Juden überlebt zu haben, begründen sie unter schwierigen Umständen ihre heilpädagogische Arbeit im Rahmen einer christlichen Gemeinschaftsbildung. Insbesondere König sieht darin auch den Versuch, die Anregungen Rudolf Steiners zur geistgemäßen Gestaltung des sozialen Lebens in seinen verschiedenen Schichten umzusetzen – und damit etwas von der verfehlten geistigen Aufgabe Mitteleuropas im 20. Jahrhundert zu retten.

Die Arbeit in Camphill entwickelt sich rasch, in den 40er- und 50er-Jahren entstehen neue Schulen in Schottland, England und Nordirland. 1953 wird die erste Dorfgemeinschaft für erwachsene Behinderte in England vorbereitet. König fördert und begleitet Neugründungen in den 50er- und 60er-Jahren in der Schweiz, in Holland, Skandinavien, den USA und in Südafrika. Trotz einer Fülle von administrativen Aufgaben bleibt er als heilpädagogischer Arzt tätig, entwickelt neue heilpädagogisch-künstlerische Therapien, berät Erzieher und Eltern und begründet ein heilpädagogisches Seminar. Von den 50er-Jahren an entfaltet König eine intensive Tätigkeit als Schriftsteller und Vortragender. Seine Forschungstätigkeit ist weit gespannt und reicht von der Heilpädagogik, Medizin und Psychologie über Biologie und Landwirtschaft bis hin zu geistesgeschichtlichen, sozialen und religiösen Arbeiten. Ihm gelingen grundlegende und über lange Zeit hin maßgebliche Darstellungen zur anthroposophischen Menschenkunde und tief gehende Interpretationen zu Steiners geisteswissenschaftlichen Forschungen. Vieles aber bleibt auch unausgeführt und fragmentarisch. Zugleich publiziert König in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Fachverlagen, auch nimmt er zu aktuellen Ereignissen und Diskussionen wie etwa der Contergan-Katastrophe oder der Euthanasie-Debatte in den 60er-Jahren Stellung. Karl König stirbt am 27. März 1966 in der Nähe von Überlingen am Bodensee.

Königs Persönlichkeit war von einem im höchsten Maße gesteigerten Erleben von Gegensätzen und Spannungen geprägt – dem Erfassen von großen geistigen Impulsen angesichts der eigenen beschränkten inneren und äußeren Möglichkeiten und einer materialistisch geprägten Epoche; der Einsamkeit, Eigenwilligkeit und der Bemühung um Gemeinschaftsbildung und Zugehörigkeit; dem Ausgestoßen- und Angenommenwerden; der kritisch-melancholischen Selbstreflexivität im Gegensatz zu der drängend-impulsiven Selbstvergessenheit in der Begegnung mit Menschen, im Erleben geistiger Zusammenhänge und Handlungsnotwendigkeiten – es wundert nicht, dass König begeisterte Verehrung erfuhr und auf ebenso heftige Ablehnung stieß.

Die sehr persönliche Erfahrung dieser Gegensätze machte ihn empfänglich für das Schicksal und die Bedürfnisse behinderter, kranker und „schwieriger“ Menschen, sie impulsierte seine umfassenden Erkenntnisbemühungen wie seine Fähigkeit, persönliche und soziale Heilungsprozesse in Gang zu bringen. Im Zentrum seiner Persönlichkeit stand eine starke Kraft, welche die wesentlichen geistigen Schritte ganz aus sich heraus entwickelte. Seine sozialen Impulse aber versuchte er in besonderer Weise mit der Hilfe anderer Menschen zu leben.

Verschiedene und jeweils sehr ausgeprägte Impulse verbinden und verstärken sich in Königs Biografie: die Arbeit an einer meditativen Menschenkunde, welche, der Empirie treu, die seelischen, leiblichen und geschichtlichen Phänomene so weit zu Bildern verdichtet, dass diese dem meditativen Umgang offen werden und weiterentwickelt werden können. König erkannte, dass die Prinzipien, die Probleme und Fragen des Menschseins insbesondere, in reiner Form, wenn auch einseitig ausgeprägt, bei Menschen in Zuständen der Behinderung, des Krankseins und der Verstörung zur Erscheinung kommen – und dass ihnen darum besonderer Dank gebührt.

Königs Impuls und seine große Fähigkeit, Heilungsprozesse zu befördern, waren von der Erfahrung getragen, dass dies nur gelingt, wenn sich dem Helfen-Wollenden das Wesen des anderen Menschen – durch alle Besonderheiten hindurch – annähernd offenbart.

Schließlich die Bemühung um zukünftige Formen sozialen Lebens: König war von der Gewissheit erfüllt, dass behinderte oder „schwierige“ Menschen Kristallisationspunkte für besondere soziale Prozesse werden können und ihrerseits besondere Entwicklungen in den sie begleitenden Menschen anzustoßen vermögen. Ihm stand vor Augen, dass eine Gruppe oder Gesellschaft erst dann christlich-spirituell getragen ist, wenn Behinderung oder Auffälligkeit zwar als Phänomen anerkannt und verstanden wird, aber nicht mehr als Maßstab des Zusammenlebens gilt. Dass es sich bei seinen eigenen Ideen, Entwürfen, Impulsen – wenngleich er sie bisweilen mit großer Entschiedenheit vorzutragen wusste – um „Vorläufer von Vorläufern“ handelte, war König stets bewusst.

Bernhard Schmalenbach


Werke: The Earthly and Cosmic Nutrition Streams in Man and Plant,
Stourbridge 1953; Die ersten drei Jahre des Kindes, Stuttgart 1957,
10 1997; The Human Soul, Aberdeen 1959, Edinburgh ³1986; Der
Mongolismus, Stuttgart 1959, 4 1980; Embryologie und Weltentstehung,
6 Vorträge, Freiburg i. Br. 1958, Schaffhausen 6 1986; Die Schicksale
Sigmund Freuds und Josef Breuers, Stuttgart 1962; Die beiden Jünger
Johannes, Stuttgart 1963; Die Contergan-Katastrophe, Freiburg i. Br. 1963;
Brüder und Schwestern, Stuttgart 1964, 10 1989; Ewige Kindheit,
3 Vorträge, Wien 1964; Heilpädagogische Diagnostik, Arlesheim 1965,
³1983; Bruder Tier, Stuttgart 1967, Frankfurt/M. ³1981; Leben und Arbeiten
in der Camphill-Bewegung, Heiligenberg [1967]; Das verborgene Land
unserer Seele. Versuch einer Wesensbeschreibung, Freiburg i. Br. 1967;
Von den Geheimnissen der Seele. Grundlagen einer neuen Psychologie,
Freiburg i. Br. 1967; Earth and Man, Glencraig 1969, ²1982; Über Rudolf
Steiners Seelenkalender, Stuttgart 1970, ²1988; Sinnesentwicklung und
Leiberfahrung, Stuttgart 1971, 4 1995; Geister unter dem Zeitgeist,
Stuttgart 1973; Epilepsie und Hysterie, Arlesheim 1978, ²1984; Illnesses
of Our Time, Bournemouth 1979; Festival Plays, Botton Village 1984; A
Christmas Story, Botton Village 1984, ³1995; In Need of Special
Understanding, Whitby 1986; Die Mission des Gewissens, Stuttgart 1992;
On the Inner Path, Whitby 1994; Der Kreis der zwölf Sinne und die sieben
Lebensprozesse, Stuttgart 1999; Vorträge und Aufzeichnungen zum
Heilpädagogischen Kurs, Stuttgart 2000; Übersetzungen ins Deutsche,
Englische, Französische, Portugiesische, Niederländische, Russische und
Japanische sind erschienen; zahlreiche Beiträge in BeH, weitere in SbK, Na,
AGB, Ai, AQ, BfA, BdM, CAC, CH, Cr, DD, EK, FD, GBl, K, MaD, Msch, MM,
MuB, N, PA, Pfa, Pst, T, WNA.
Literatur: Geraths, F. u.a.: Dr. med. Karl König zum 60. Geburtstag, in:
MaD 1962, Nr. 61; Karl König zum 60. Geburtstag, in: SbK 1962, Nr. 1;
Götte, F.: Karl König, in: MaD 1966, Nr. 76, auch in: Selg, P. [Hrsg.]:
Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Kirchner-Bockholt, M.: Im
Gedenken an Karl König, in: N 1966, Nr. 16; Sinnig, U.: In memoriam Karl
König, in: N 1966, Nr. 19; Reuschle, F. M.: Vom Lebenswerk Karl Königs, in:
CH 1966, Nr. 6; Jülich, H.: Von der Geburt der Camphill-Bewegung, in: BfA
1966, Nr. 5; Pietzner, C. et al.: Life with Karl König, in: Cr 1966, Nr. 4;
Heidenreich, A.: Dr. Karl König. An Appreciation, in: CC 1966, Nr. 9/10;
Heinze, H.: Dr. Karl König, in: LE 1966, Nr. 3; König, B., König, T., A.:
Personal Memories of Dr. Karl König, in: GBl 1967; Reuschle, F. M.: Im
Zeichen der Menschlichkeit, Stuttgart 1968; Hagemann, E.: Bibliographie
der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; Lindenberg, C.-A.: Karl
König. Ein Lebensbild, in: Pietzner, C. [Hrsg.]: Camphill. 50 Jahre, Stuttgart
1971; Husemann, G. D.: Der Heilpädagoge Karl König, Stuttgart 1971;
Schöffler 1987; Müller-Wiedemann, H.: Karl König, Stuttgart 1992; Spieker,
K. D.: Karl König – eine mitteleuropäische Biographie, in: MaD 1994, Nr.
190; Urieli, B. L.: Karl König – ein Bild seines Lebens, in: G 1995/96, Nr.
37/38; Fucke, E.: Siebzehn Begegnungen, Stuttgart 1996; Grimm, R. [Hrsg.]:
Neues kommt nicht von selbst, Dornach 1999; Schmalenbach, B.: Karl König,
in: Grimm, R. u. a. [Hrsg.]: Lebensbilder, München 2000; Selg, P.:
Erinnerung an Dr. Karl König, in: MSt 2000, Nr. 2; Selg, P.: Anfänge
anthroposophischer Heilkunst, Dornach 2000.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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