Ernst Aisenpreis
Aisenpreis, Ernst

Architekt.

*28.01.1884 Bietigheim/Württ. (Deutschland)
†10.11.1949 Dornach (Schweiz)













Ernst Aisenpreis beriet und leitete als Architekt zwischen 1914 und 1949 den Bau des ersten und zweiten Goetheanum sowie zahlreicher Nebenbauten in Dornach und Arlesheim.

Nach dem Tode der Mutter wurde Ernst durch die Tante erzogen. Sie wohnte in einem kleinen Haus in Bietigheim, Ernst hütete dort Enten und Gänse. Täglich wurde die Bibel gelesen, sodass Ernst mehrmals in seinem Leben die ganze Bibel gelesen hatte. Er durchlief zwei bauhandwerkliche Lehren – Maurer und Steinmetz – und absolvierte die Baufachschule in Stuttgart.

Später wurde er Bauführer, auch in München, wo er 1909/10 in dem Kreis um Felix Peipers und an den Aufführungen der Mysteriendramen mitwirkte. Seine erste Begegnung mit der Anthroposophie geschah 1905, er hörte Rudolf Steiner über Hegel sprechen.

Seit etwa Ostern 1913 war er vorwiegend in Dornach, um den Holzeinkauf für das erste Goetheanum in Gang zu bringen. In der Nacht, die auf die Grundsteinlegung am 20. September 1913 folgte, brach ein furchtbares Gewitter los. Auf dem Dornacher Hügel stand schon sein erstes Bauwerk, die Schreinerei. Wie konnte er sie schützen? Mitten in der Nacht eilte er zur Baustelle und flehte zu den guten Geistern, diese erste Keimzelle stehen zu lassen. Am nächsten Morgen ließ er Spannbügel an der Decke der Schreinerei einziehen – sie sind noch heute zu sehen. Die Schreinerei war vielleicht der lebendigste Ort auf dem Hügel, dort fanden die Arbeitervorträge statt, die Schnitz- und Hobelarbeiten, aber auch die Weihnachtsspiele – dann war der große Raum mit Tannenreis geschmückt, vorne stand eine Bank für die Kinder; Rudolf Steiner hielt eine Ansprache und erzählte sogar vom Teufel, wie der die Leute, die Spieler, herholen musste.

Alte Freunde haben mir versichert, wie kalt der Winter 1913 war und wie schwer es für die Pferde war, die großen Holzbalken den Dornacher Hügel heraufzuziehen. Es gab damals noch keine rechten Straßen den Hügel herauf.

Seit Juli 1914 blieb Ernst Aisenpreis 35 Jahre lang leitender Architekt des Goetheanum-Baubüros. Er war verheiratet und hatte einen Sohn. Helene Finckh war seine Schwägerin.

Nach dem Brand des ersten Goetheanum wurde es ihm zur Aufgabe, das Modell des zweiten Goetheanum auszuführen. Bei dem zweiten Bau mussten viele Kompromisse eingegangen werden. Es gab inkompetente Ratschläge, Kritiker und Behördenauflagen. Nach Rudolf Steiners Tod wurde es noch schwerer, obwohl Guenther Wachsmuth alles unternahm, um den Bau zu ermöglichen. Aber er konnte niemanden mehr nach Anweisungen oder Ratschlägen fragen und sicher sein, dass sie im Sinne des Baugedankens wären. Große Treue zu seiner Arbeit zeichnete ihn aus und ein Verständnis für die Grundlagen des Werks. Das zweite Goetheanum wurde in einer Zeit errichtet, in der es noch keine Erfahrungen mit monumentalen Betonbauten gab. Hier entstand unter seiner Leitung eine Pionierleistung nicht nur der Architektur, sondern auch der Bautechnik.

Daneben entstanden in seiner Regie unter anderem 1924 das Holzhaus der Ita-Wegman-Klinik, der Anbau der Rudolf Steiner-Halde, früher „Eurythmeum“ genannt, und das Haus Schuurmann nach dem Entwurf Rudolf Steiners sowie 1931, mit Carl Kemper, das Haus Jewsijenko in Dornach. Wenn andere in die Ferien fuhren, blieb Ernst Aisenpreis meist in Dornach mit der Bemerkung: „Jetzt ist’s doch am allerschönsten, weil alle weg sind!“

Er, der sonst nie krank war, hatte noch gegen Ende seines Lebens ein langes Krankenlager mit mehreren Operationen, aber er ertrug es und beschenkte seine Besucher noch mit Fröhlichkeit.

Berenike Aisenpreis


Werke: mit Fränkl-Lundborg, O.: Memorandum in der Nachlassfrage, Dornach
1946; Beiträge in G, N.
Literatur: Kayser, F.: Architektonisches Gestalten, Stuttgart 1933; Steffen, A.:
Ernst Aisenpreis, in: N 1949, Nr. 47, auch in: Geistesschulung und
Gemeinschaftsbildung, Dornach 1974; Wachsmuth, G.: Ernst Aisenpreis, in: N
1949, Nr. 47; Zimmer, E.: Haus Schuurman, in: MuB 1964/65, Nr. 3; Biesantz,
H., Klingborg, A.: Das Goetheanum, Dornach 1978; Groddeck 1980; GA 260a,
²1987; Schöffler 1987; GA 259, 1991.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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