Margarete Kirchner-Bockholt
Kirchner-Bockholt, Margarete (Grete)
geb.: Bockholt

Ärztin, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum.

*08.10.1894 Dülmen (Westfalen) (Deutschland)
†09.04.1973 Arlesheim (Schweiz)





Als eine der engsten Mitarbeiterinnen Ita Wegmans wirkte sie impulsierend und prägend auf fast allen Gebieten der Heilberufe, besonders der Heileurythmie und der Heilpädagogik.

Von ihrer Jugend erfahren wir durch eine autobiografische Skizze: „Martha Margarete Kirchner-Bockholt wurde am 8. Oktober 1894 geboren in Dülmen, Westfalen. [...] Sie besuchte dort zunächst die höhere Mädchenschule, verließ diese aber auf Wunsch des Vaters und hatte Privatunterricht, besonders in Latein und Mathematik, um sich auf das humanistische Mädchen-Gymnasium in Köln vorzubereiten. Es gab zu der Zeit zwei humanistische Mädchen-Gymnasien, in Köln und Berlin. Der Eintritt erfolgte dann in die Untersekunda und im Frühjahr 1913 machte Grete Bockholt dort das Abitur.

Ihre Jugend war freudig und glücklich. Die Familie war katholisch, lebte aber in einer nicht stark kirchlich gebundenen Religiosität. Lebensentscheidend waren manche Gespräche mit dem Vater, der sich besonders interessierte für Goethes Faust und für das Thema der Abschaffung des Geistes im ökumenischen Konzil zu Konstantinopel. Er kämpfte gegen den Gedanken, dass der Geist keine selbständige Entität sei. Und so sagte er einmal zu seiner Tochter: Suche auf alle Fälle weiter.“ (Unveröffentlicht)

Das Medizinstudium erfolgte an den Universitäten Freiburg, Münster, München, Berlin und Rostock und sie schloss 1919 mit dem Staatsexamen ab. Ein ehemaliger Mitstudent, mit dem sie für das Examen arbeitete, schrieb nach ihrem Tode, wie er Grete Bockholt durch ihre hohe Intelligenz und ihre Zielstrebigkeit ebenso wie durch ihre ganz ungewöhnliche Urteilskraft in der Beurteilung menschlicher Situationen als ein sehr richtunggebendes Element erlebte.

1921 finden wir sie als Assistenzärztin in der Rostocker Psychiatrischen Universitätsklinik. Sie wurde gegen ihren Willen von ihrem Chef beauftragt, einen Vortrag über Anthroposophie von Eugen Kolisko zu hören, um zu beobachten und zu referieren. Sie verstand nicht viel von dem Vortrag, aber erlebte, dass hier etwas war, was sie lange gesucht hatte. Ein Satz dieses Vortrags zündete. Es war auch der einzige Satz, den sie berichten konnte: Es gibt in Dornach eine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, wo alle Gebiete des wissenschaftlichen Lebens eine Erneuerung erfahren sollen. Ihrem Bericht fügte sie hinzu: „und dort gehe ich sofort hin“. Es war der Tag vor ihrem Doktorexamen, sofort nach dem Abschluss fuhr sie nach Stuttgart, um Rudolf Steiner zu hören, und geriet in die Vorbereitung einer Eurythmieaufführung. Voller Begeisterung für diese neue Bewegungskunst begann sie ein Eurythmiestudium bei Alice Fels. Als Marie Steiner sie in einer Kursstunde gesehen hatte, lud sie sie nach Dornach ein, um ihr Studium dort fortzusetzen. Zu anderen Eurythmistinnen äußerte Marie Steiner einmal: „Sehen Sie sich diese junge Ärztin an, sie ist in all ihren Bewegungen kosmisch.“ (Mündlich überliefert)

Für Grete Bockholt war es ein großes Glückserlebnis, in die geistige und künstlerische Atmosphäre am Goetheanum eintauchen zu dürfen. Die künstlerische Gewissenhaftigkeit von Marie Steiner durchdrang die Arbeit und das ganze Leben. In diesem eurythmischen Jahr traf sie des öfteren Rudolf Steiner, der sie dezidiert mit „Guten Morgen, Frau Doktor“ begrüßte. Sie erlebte darin einen Weckruf, der sie an ihre eigentliche ärztliche Aufgabe gemahnte. Im August 1922 bat Ita Wegman sie, eine Vertretung für vier Wochen zu übernehmen. Als sie bleiben wollte, sollte sie das Rudolf Steiner mitteilen. Rudolf Steiner antwortete nur „Ja, gut“ und damit war sie neben Hilma Walter Assistenzärztin in der Klinik.

„Lassen Sie sich von Doktor Julia Bort [Julia Bort-Pache] die Heileurythmie-Übungen zeigen“, hatte Rudolf Steiner noch zu ihr gesagt. So begann ihre besondere Aufgabe, Eurythmie und Medizin in der Heileurythmie miteinander zu verbinden. Bald oblag ihr die Betreuung der seelenpflegebedürftigen Kinder in der Dependance Holle und der medizinischen Patienten im Sonnenhof. Es begann eine ganz neue Art des Lernens unter der Anleitung von Rudolf Steiner und Ita Wegman, besonders durch die vielen Patientenbesprechungen in der Klinik, bei denen Grete Bockholt und Hilma Walter meist dabei sein durften. „Es war ein Lernen aus innerer Frageaktivität, die schließlich in einen Erkenntnisprozess hineinführte.“ (Bockholt 1956) In den folgenden Jahren konnte sie das reiche geistige Leben aufnehmen, das durch Rudolf Steiner in den Jahren 1922–24 gegeben wurde: die Vorträge, die künstlerischen Aktivitäten, die praktischen Anregungen. Sie erlebte den Brand des Goetheanum, die Weihnachtstagung, dann die unendliche Fülle des Jahres 1924, die Karma-Vorträge (GA 235–240), die Kurse für junge Mediziner (GA 316), den Pastoral-Medizinischen Kurs (GA 318) und den Heilpädagogischen Kurs (GA 317), der für sie eine neue Welt eröffnete.

Bei der Gründung der Jugendsektion wurde Grete Bockholt als interimistische Leiterin ernannt – sie kannte damals die Anthroposophie gerade seit drei Jahren – , bis Maria Röschl sich aus ihrer Arbeit an der Stuttgarter Waldorfschule freimachen konnte.

Tief erlebten sie und Hilma Walter auch die Arbeit von Rudolf Steiner und Ita Wegman an dem Buch „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“ (GA 27), die Ita Wegman intensiv beanspruchte, sodass ihre jungen Mitarbeiter mehr Verantwortung zu übernehmen hatten. Das galt dann umso mehr für die vielen Reisen der Jahre 1923/24 und die Zeit des folgenden Krankenlagers Rudolf Steiners. Die karmische Verbindung zwischen Rudolf Steiner und Ita Wegman war Grete Bockholt aufgegangen, als sie einmal sah, wie Rudolf Steiner beim Verlassen des Hauses an Wegmans Mantel etwas richtete, der Lehrer am Schüler.

In den schweren Jahren nach Rudolf Steiners Tod war sie bedingungslos an der Seite Ita Wegmans in gemeinsamer Arbeit und gleichem Ziele, unermüdlich strebend für die Ausbreitung der medizinischen und heilpädagogischen Bewegung. Ita Wegman wünschte ihre Mitarbeit bei vielen Tagungen. Sie pflegte zu sagen: „Bockholt muss mit, sie gibt Glanz an die Sache.“

Im Jahre 1931, angesichts der drohenden politischen Verhältnisse, versuchte Ita Wegman das anthroposophisch-medizinische Wirken durch Schaffung von medizinischen Zentren in Berlin und London zu verstärken. Grete Bockholt ging nach Berlin, zusammen mit Ida Behre, Werner Kaelin, Gerhard Suchantke. Sie führte dort eine Praxis, gab Heileurythmie, hielt Vorträge, Ausbildungskurse für Heileurythmie wurden eingerichtet und ein heilpädagogisches Tagesheim wurde eröffnet.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 kehrte sie in die Schweiz zurück. Bei der Evakuierung der Klinik 1939 begleitete sie Ita Wegman ins Tessin und übernahm die ärztliche Leitung des heilpädagogischen Heimes „La Motta“ in Brissago. Die äußerliche Zusammenarbeit endete mit dem Tode Ita Wegmans im März 1943. Bei der Ansprache zur Urnenbeisetzung Michaeli 1943 spricht Grete Bockholt über Erinnerungen an Ita Wegman: „Wir alle wollen diese Erinnerungen pflegen, aber nicht, um am Vergangenen zu haften, sondern weil diese Erinnerungen sich umwandeln können und wir gerade durch sie auch den Weg finden können zu den Keimen für Zukunftsziele, die in dem Geistesstrom liegen, der durch Rudolf Steiner auf der Erde vertreten wurde und dem Ita Wegman auf das Engste verbunden ist.“ (Unveröffentlicht) Sie charakterisiert mit diesen Worten ihr Verhältnis zu den Impulsen Rudolf Steiners und Ita Wegmans.

Nach dem Krieg kehrte sie 1949 nach Arlesheim zurück. Sie heiratete Erich Kirchner, den kaufmännischen Leiter der Klinik. Die Ausbildungskurse in Heileurythmie wurden wieder aufgenommen, 1950 erfolgte die Gründung des Heilpädagogischen Seminars in Eckwälden, dessen Leitung sie mit Franz Geraths und Albrecht Strohschein teilte. Sie konnte nun auf medizinischem und anthroposophischem Felde intensiv mit den Freunden zusammenarbeiten, von denen sie durch den Krieg zeitweilig getrennt war, besonders mit Willem Zeylmans van Emmichoven.

Wichtig war ihr auch ein langes Gespräch mit Marie Steiner in Beatenberg, in dem vieles in einer offenen Stimmung besprochen werden konnte.

1955 wurde Grete Kirchner-Bockholt von Albert Steffen mit Madeleine van Deventer, Hans Bleiker und Gerhard Schmidt in das Leitungsgremium der Medizinischen Sektion am Goetheanum berufen. Dieser Schritt erforderte viel Mut von ihr, denn er war vielen ihrer Freunde unerwartet und manchem auf dem Hintergrund der innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Ita Wegman auch unverständlich. Doch ging sie dieses Wagnis ein, da sie sich tief verbunden wusste mit dem, was an Wesenhaftem aus der lebendig fortwirkenden Zusammenarbeit von Rudolf Steiner und Ita Wegman nicht nur für die medizinische Seite der Sektion, sondern auch für deren Wirken innerhalb der Hochschule entsteht – dem fühlte sie sich verpflichtet.

Als Sektionsleiterin entfaltete sie eine rege Tätigkeit. Mit Walther Bühler, Margarethe Hauschka und Eberhard Schickler begründete sie die jährliche Heilberufetagung in Stuttgart und wirkte 1955–57 mit. Die Neubelebung der pastoral-medizinischen Arbeit lag ihr am Herzen, die erste Tagung fand 1958 noch mit Guenther Wachsmuth statt. Auch die Impulsierung der anthroposophischen Krankenpflege war ihr ein Anliegen, sowohl in Kursen als auch Tagungen; es ging ihr um ein Bewusstmachen der Aufgaben einer anthroposophischen Schwesternschaft. Die erste Tagung 1958 organisierte und gestaltete sie selbst. Die Meditationen für Kranke der Ärzteschaft zugänglich zu machen erschien ihr so wichtig, dass sie bei den „Comburg-Tagungen“ dreimal darüber sprach und die Wortlaute in einer ersten Sammlung den Kollegen vermittelte. Es war für Grete Kirchner-Bockholt ein spezifischer Teil der anthroposophisch-medizinischen Aufgaben.

Sie war in diesen Jahren auch maßgeblich am anthroposophischen Leben der Klinik beteiligt und es war beeindruckend zu erleben, dass und wie sie mit der Frage lebte, was gegenwärtig geistig notwendig sei, was aus der geistigen Welt herein möchte. Oft kamen dann auch fruchtbare Antworten.

Ebenfalls in dieser Zeit arbeitete sie das Material der verschiedenen heileurythmischen Angaben Rudolf Steiners auf und verband es mit ihrer langjährigen Erfahrung in Praxis und Unterricht zu dem Buch „Grundelemente der Heileurythmie“. Dieses Werk ist neben dem Heileurythmiekurs das Fundament für die eurythmische Bewegungstherapie sowohl für den Heileurythmisten wie auch für den Arzt, der sich in diese Therapieform einarbeiten will.

Ostern 1963 wurde Margarete Kirchner-Bockholt Mitglied des Vorstandes am Goetheanum. Friedrich Hiebel berichtete nach ihrem Tode von ihrer Aufnahme in den Vorstand durch Albert Steffen und ihren Ausführungen dazu. Sie habe über das Wachsen von Beziehungen, von geistiger Anerkennung, von geistiger Zusammenarbeit gesprochen, wie sie entstehen können aus dem Hinhorchen-Wollen auf geistige Intentionen Rudolf Steiners. Sie schließt mit dem Satz: „An der Aufgabe mitzuwirken an der Intensivierung der Hochschule, an der Realisierung der Hochschule – und damit der Weihnachtstagung – auf der Erde arbeite ich freudig mit.“ (Zitiert nach Hiebel 1973, S. 84)

Ihr Wirken innerhalb des Vorstandes geschah mit dem Ziel, Verständnis zu erwecken und wechselseitige geistige Anerkennung zu fördern. Das wurde von Rudolf Grosse später bei der Generalversammlung 1973 ausgesprochen. Friedrich Hiebel fand die Worte: „Ihre Bedeutung im Zusammenarbeiten mit den Mitgliedern des Vorstandes am Goetheanum lag in der Intensivierung des Esoterischen. Darauf beharrte sie in michaelisch-eiserner Folgerichtigkeit.“ (A.a.O.)

1969 trat sie – 75-jährig – von allen Funktionen zurück, nahm aber bis zu ihrem Tode 1973 auf Bitte der anderen Vorstandsmitglieder weiterhin an den Sitzungen teil.

Erich Kirchner berichtete, dass Ita Wegman Weihnachten 1942 zu Grete Bockholt sagte, sie wolle ihr die Sprüche abschreiben, die Rudolf Steiner ihr gegeben habe. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Im Nachlass Wegmans fanden sich verschiedene Sprüche und die Frage stellte sich, wie damit umzugehen sei. Kirchner-Bockholt suchte lange nach einer Form der Veröffentlichung, die doch zugleich eine Hülle und ein Schutz sein sollte. So kam das Buch „Die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita Wegman“ zustande, das versucht, Zusammenhänge zu finden zwischen den Sprüchen und verschiedenen Inkarnationen Ita Wegmans. Kirchner-Bockholt hat sehr mit dieser Aufgabe gerungen und das letzte Kapitel wenige Tage vor ihrem Tod fertiggestellt.

Gudrune Wolff-Hoffmann


Werke: Das Jahr 1924, in: Erinnerungen an Ita Wegman, Arlesheim 1945;
Die Erweiterung der Heilkunst, in: Wir erlebten Rudolf Steiner, Stuttgart 1956;
Hygienische Eurythmie, Bad Liebenzell o.J.; Grundelemente der Heileurythmie,
Dornach 1962, ³1981; Die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita
Wegman, Dornach 1976, ²1981; Beiträge in Sammelwerken; Übersetzungen
ins Englische erschienen; Beiträge in BeH, DD, EK, MaD, MfK, N, Na, WJ,
WNA.
Literatur: van Deventer, M. P.: Margarethe Kirchner-Bockholt zum 70.
Geburtstag, in: N 1964, Nr. 40; Behre, I.: Zum Bericht von Manfred Schmidt-
Brabant über Berlin, in: MaD 1966 Nr. 75, S. 70 f; Hagemann, E.:
Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners, o. O. 1970; van
Deventer, M. P.: Dr. med. Margarete Kirchner-Bockholt, Kirchner, E:
Margarethe Kirchner-Bockholt, Holtzapfel, W.: Ansprache, Savitch, M.: Im
Gedenken, Hiebel, F.: Erinnerungsbilder, in: N 1973, Nr. 21, Deventers
Beitrag auch in: Aus der Entwicklung der Heileurythmie, Stuttgart 1983, und
in: Selg, P. [Hrsg.]: Anthroposophische Ärzte, Dornach 2000; Holtzapfel, W.:
Margarethe Kirchner-Bockholt, in: BeH 1973, Nr. 6; Schöffler 1987; Fucke, E.:
Siebzehn Begegnungen, Stuttgart 1996.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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