Carl Karl Graf von Keyserlingk
Graf von Keyserlingk, Carl Karl Wilhelm Wolfgang

Offizier, Landwirt.

*14.08.1869 Jakobsdorf, Schlesien (damals Deutschland)
†29.12.1928 Breslau (damals Deutschland)



Der Beginn der biologisch - dynamischen Wirtschaftsweise geht wesentlich auf die Initiative von Carl Wilhelm Graf Keyserlingk zurück. Seinem in der Praxis gewonnenen Bewusstsein von der bedrohlichen Lage der Landwirtschaft und seinen drängenden Fragen nach weiterführenden Gesichtspunkten aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ist es zu verdanken, dass Rudolf Steiner 1924 auf Gut Koberwitz bei Breslau den Landwirtschaftlichen Kurs hielt.

Ein Vorfahr Graf Keyserlingks hatte sich als Ritter des Deutschherrenordens im Baltikum angesiedelt; 500 Jahre später zog Carl Wilhelms Vater, der berühmte Spinnenforscher Eugen Wilhelm von Keyserlingk (1832–89), von dort nach Schlesien und erwarb in Jakobsdorf ein Landgut. Charles Darwin erwähnt den Vater im Vorwort seines Buches „Über den Ursprung der Arten” als wichtigen Vorbereiter seiner Theorien. Carl Wilhelms Mutter Margarete war die Tochter des Historikers und zeitweiligen bayerischen Gesandten in Rom, Wilhelm von Dönniges. Auf dem elterlichen Landgut wuchs Carl Wilhelm auf, einige Zeit verbrachte er als Kind in Rom. Nach der Schulzeit und einer gründlichen landwirtschaftlichen Ausbildung schlug er eine militärische Laufbahn ein und wurde Offizier, bevor er sich in der Lebensmitte der Landwirtschaft zuwandte. 1899 heiratete er Johanna Skene of Skene, die einem alten schottischen Adelsgeschlecht entstammte und über außergewöhnliche spirituelle Fähigkeiten verfügte. Sie hatten drei Söhne, einer starb kurz nach der Geburt. Im Rahmen der für diese Zeit hochmodern organisierten und wirtschaftenden landwirtschaftlich-industriellen Unternehmensgruppe „Vom Rath, Schöller & Skene AG”, zu der auch eine Zuckerrübenfabrik gehörte, übernahm er als Direktor die Verwaltung der Güter bei Breslau, auf denen mehr als tausend Menschen arbeiteten.

Im Ersten Weltkrieg war Keyserlingk im Rang eines Majors Vertreter des Kriegsministeriums in Budapest zur Nahrungsmittelversorgung der Südostarmee, gegen Kriegsende wurde er nach Berlin berufen. Dort lernte Johanna Keyserlingk 1918 bei der ihr befreundeten Eliza Gräfin von Moltke Rudolf Steiner kennen. Bald darauf kam es zur ersten Begegnung des Grafen mit Steiner. Ihre Gespräche bezogen sich auf die besorgniserregenden Perspektiven für die Landwirtschaft in einer Zeit, die immer weit gehender durch einen lebensfeindlichen Materialismus bestimmt wurde. Auf Bitten Steiners übernahm Keyserlingk neben seinen Aufgaben in der Firma „Vom Rath, Schöller & Skene AG” mit Immanuel Voegele die Aufsicht über einige landwirtschaftliche Betriebe in Württemberg, die zu der Aktiengesellschaft „Der Kommende Tag” gehörten.

1920 zog die Familie Keyserlingk auf das Gut Koberwitz, das Schloss wurde bald zu einer gastfreundlichen Stätte mit kosmopolitischem Zug. Neben vielen Menschen aus dem Kunst- und Kulturleben beherbergten Keyserlingks 1922 die Priester aus dem Gründerkreis der Christengemeinschaft, Rudolf Meyer, Kurt von Wistinghausen und Rudolf von Koschützki.

Rudolf Steiner hatte bereits mit Ehrenfried Pfeiffer und Guenther Wachsmuth sowie mit Landwirten – vor allem seit 1922 mit Ernst Stegemann – geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Düngung und zum Pflanzenbau ausgearbeitet. Keyserlingk drängte auf einen Kursus Steiners, der sich der Landwirtschaft widmen und an Praktiker richten sollte. Über Pfingsten 1924, vom 7.–16. Juni, hielt Rudolf Steiner den „Landwirtschaftlichen Kursus in Koberwitz”, in dem er die spirituellen und praktischen Grundlagen der später so genannten biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise darstellte („Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft”, GA 327). Ca. 100 mit den Grundlagen der Anthroposophie vertraute, in Landwirtschaft oder naturwissenschaftlichen Gebieten tätige Menschen nahmen an dem Kurs teil. Keyserlingk, lebenserfahren und von den ungewöhnlichen, für ihn und die meisten Teilnehmer schwer nachzuvollziehenden Inhalten zugleich beeindruckt und überrascht, vertrat die Ansicht, der Landwirtschaftliche Kurs solle nicht zu früh publik gemacht, sondern erst in der Praxis erprobt werden. In diesem Sinne wurde auf seine Anregung noch während des Kurses der „Versuchsring anthroposophischer Landwirte” gegründet. Unstimmigkeiten innerhalb des von ihm geleiteten Versuchsrings über die vorläufige Geheimhaltung blieben in der Folge nicht aus; mancher erwartete auch von ihm, dass er die neuen Methoden in großem Stile auf einem der von ihm geführten Firmengüter einführte. Keyserlingks Sorgen bezogen sich nicht zuletzt auch darauf, dass zugunsten einer bloßen Anwendung der neuen Düngungsrichtlinien die esoterische und soziale Dimension vernachlässigt werden würde.

Trotz seiner Zurückhaltung nahmen die Spannungen zwischen dem Grafen und der Firma „Vom Rath, Schöller & Skene AG” zu, in der die moderne Agrochemie wachsenden Einfluss hatte. Keyserlingk gab seine Stellung auf und verließ Koberwitz 1928. Er kaufte die beiden Güter Raaben und Sasterhausen, wohin die Familie Keyserlingk zog.

Auf der Reise zu einer Versammlung der Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum starb Graf Keyserlingk 59-jährig überraschend am 29. Dezember 1928 in Breslau. Seine Urne trägt Worte, die als Leitmotiv über dem Leben Carl von Keyserlingks stehen können: „Stätten der Liebe und des Friedens gründen, an denen der Christus auferstehen kann.”

Hans-Jürgen Bracker


Werke: Beiträge in MdV.
Literatur: Seebohm, R., Lang, K.: Zum Tode von Karl Graf von Keyserlingk, in:
N 1929, Nr. 2; Vreede, E.: Sylvester-Erinnerung an Graf Carl Keyserlingk, in:
N 1929, Nr. 5; Lang, C.: In Erinnerung an Graf Carl von Keyserlingk,
Koberwitz, in: N 1962, Nr. 12; GA 262, 1967; Keyserlingk, A. v. [Hrsg.]:
Koberwitz 1924, Stuttgart 1974; Schöffler 1987; GA 260a, ²1987; Kühne, W.:
Die Stuttgarter Verhältnisse, Schaffhausen 1989; GA 259, 1991; Keyserlingk,
A. v.: Erinnerungen an frühe Forschungsarbeiten, Dürnau 1993; Koepf, H.,
von Plato, B.: Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20.
Jahrhundert, Dornach 2001.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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