Willi Aeppli
Aeppli, Willi

Waldorflehrer

*03.06.1894 Ada bei Accra (damals Goldküste)
†28.01.1972 Bochum-Langendreer (Deutschland)
(Alternativer Geburtstag: 03.07)



Tätig zu sein bis zur letzten Sekunde ist ein charakteristisches Bild der Persönlichkeit Willi Aepplis. Sein Tod überraschte ihn am Schreibtisch. Er wirkte als Waldorflehrer, Berater der Waldorfschulen und Publizist.

Willi Aeppli wurde am 3. Juni 1894 in Ada, in der Nähe von Accra (Ghana) geboren. Sein Vater Heinrich war Kaufmann und Leiter einer Faktorei der Basler Mission an der Goldküste. Auch seine Mutter, Jeanette Plüss, war in der Mission als Lehrerin tätig.

Der Aeppli eigene leise Humor zeigt sich beispielhaft in seiner Bemerkung: „Ich habe in den Armen einer Königin gelegen.“ Die Eltern hatten den noch nicht einjährigen Knaben auf einer Schiffsreise zu den Stationen der Faktorei ins Landesinnere mitgenommen. Eines Morgens wurde das Kind vermisst. Die besorgten Eltern fanden es in der nächsten Siedlung in den Armen einer uralten Königin. Ernst Weißert, der ungewöhnliche Situationen liebte und gern erzählte, meinte sogar: Die Königin hätte angeboten, das Kind in Gold aufzuwiegen, wenn man es ihr überließe. Durch die Geburt in einer englischen Kolonie wurde Aeppli englischer Staatsbürger, er zollte dieser Tatsache gebührenden Respekt, indem er sich stets zum Neujahrsempfang des britischen Botschafters einfand.

Der Vater starb an einer Tropenkrankheit, als Willi eineinhalb Jahre alt war. Die Mutter kehrte in ihr Aargauer Dorf zurück, wo Aeppli glückliche Kinderjahre verlebte. Sie nahm ein Missionarskind zur Miterziehung auf. Die beiden Jungen liebten sich innig. Willi war fünf Jahre alt, als sein Freund an Scharlach erkrankte, ins Spital kam und starb. Willi hatte solche Sehnsucht nach ihm, dass er alle Lebensfreude verlor und die Nächte durchwachte. Da erlebte er, dass sein Freund zu ihm kam. Fortan wusste er, dass das Leben mit dem Tod kein Ende hatte. Dieses Kindheitserlebnis mag wieder vor seine Seele gerückt sein, als er 1918 einen Vortrag von Rudolf Steiner hörte. Vom Vortragsinhalt wusste er am nächsten Tag nichts mehr zu erzählen, aber er begann sofort, die Theosophie zu lesen. Da erfuhr er von der Welt, aus der damals sein verstorbener Freund gekommen war. Er verband sich spontan für sein künftiges Leben mit der Anthroposophie. Als ich diese Geschichte aus Willi Aepplis Jugend erfuhr, war mir der absolute Ernst und Fleiß verständlich, mit dem er Anthroposophie lebte.

Er wählte, nachdem er die Bezirksschule absolviert hatte, den Beruf der Mutter, kam auf das vierjährige Lehrerbildungsseminar, das streng in evangelischem Sinne geführt wurde, und verließ es als Volksschullehrer. Neben seinem Schuldienst an der Scuola Svizzera, den er 1914 antrat, tat er Militärdienst als Grenzschützer im Jura. Ab 1917 besuchte er die Universität in Zürich. Er studierte Germanistik und Neue Geschichte und wurde mit dem Abschluss 1920 Lehrer an einer höheren Schule.

1922 veröffentlichte er vier Artikel über die Philosophie der Freiheit in der Solothurner Zeitung. Das Interesse für das, was in der Zeit geschah, begleitete ihn sein Leben lang. Die Not, die er erkannte, veranlasste ihn immer wieder, auf das hinzuweisen, was aus der Anthroposophie für diese Not hilfreich sein konnte. Im selben Jahr gründet er mit Freunden den Troxler-Zweig in Olten, dessen Vorsitz er 14 Jahre lang führte. 1923 nahm er als Vertreter der Schweizer Landesgesellschaft an der Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft teil. Er war in seinem 28. Lebensjahr.

Damals führte er auch mehrere Gespräche mit Rudolf Steiner. Bei dem Taktgefühl, das Willi Aeppli eigen war, ging der Anstoß zu solchen Gesprächen wohl von Rudolf Steiner aus. Wenn diese Gespräche im Atelier stattfanden, arbeitete Rudolf Steiner an der großen Holzplastik. Er begann während des Gesprächs zu schnitzen. In den dadurch bedingten Pausen stiegen Fragen in Aepplis Seele auf, die er aber nicht äußerte. Zu seiner Überraschung wurden sie – obwohl er sie nicht ausgesprochen hatte – von Rudolf Steiner beantwortet. Diese Intensität des Eingehens auf den anderen wurde Willi Aeppli zum Vorbild. Er übte das Zuhören ein Leben lang. Das machte vor allem seine letzten 20 Lebensjahre so erfolgreich. Hans Rudolf Niederhäuser, sein Freund, berichtete später: „Willi Aeppli konnte ein guter Ratgeber sein, weil er in seltenem Maße die Gabe besaß, selbstlos hinzuhören, auf den anderen Menschen einzugehen. So war dasjenige, was er als ,Rat‘ gab, nicht seine fertig mitgebrachte Vorstellung, die hätte den anderen nur unfrei gemacht; im Zusammenschauen und Denken mit dem jungen Kollegen entstand etwas ganz Neues, etwas, was reicher war, als was in der Seele des Einzelnen lebte, was als Ergebnis aus der gegebenen Situation entstand und nur für diesen einmaligen Fall Geltung haben konnte. Dadurch fühlte sich der Beratene frei, ja durch den Freund auf die eigenen schöpferischen Kräfte hingewiesen; aber auch für Willi Aeppli war dieses Raten ein schöpferischer Akt, der ihn selber jung und lebendig hielt.“ (Niederhäuser 1973, S. 2f)

Willi Aeppli bereitete mit anderen den Beginn der Basler Waldorfschule vor. 1927 übernahm er eine erste Klasse. Was er in der achtjährigen Klassenlehrerzeit erlebte und sich menschenkundlich erarbeitete, ist der Inhalt seiner ersten Schrift “Aus der Unterrichtspraxis an einer Rudolf Steiner-Schule“. In diese Zeit fällt auch die intensive Beschäftigung mit dem Schweizer Pädagogen und Philosophen Ignaz Paul Vital Troxler. Willi Aeppli ist es zu verdanken, dass das Lebensbild und Werk dieses großen Schweizers wieder erschlossen wurde. Über seine Mutter bekam er Zugang zu dem Großneffen Troxlers und damit zu dessen Nachlass, der in mühseliger Arbeit entziffert werden musste. 1936 veröffentlichte er die „Fragmente“, etwa 1500 Aufzeichnungen Troxlers, schrieb dazu eine Einleitung und Troxlers Biografie. 1944 folgte die „Naturlehre des menschlichen Erkennens“, 1958 „Gewissheit des Geistes“ mit je einem Beitrag von Willi Aeppli. In der Beschäftigung mit Troxler übte er die Disziplinierung seines eigenen Denkens. Sie half ihm bei der Darstellung schwieriger pädagogischer Themen. „Sinnesorganismus, Sinnesverlust und Sinnespflege“ erschien 1955, „Wesen und Ausbildung der Urteilskraft“ 1963. Geboren werden sie aus der Not, die Aeppli, ausgelöst durch abbauende Zeittendenzen, empfindet. Sie geben Hinweise darauf, was praktisch getan werden kann, um diesen Zeittendenzen zu begegnen. Auch heute, fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen, sind diese Schriften keineswegs überholt.

Für die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft war das Jahr 1947 ein Jahr der Krise. Marie Steiner hatte öffentlich begründet, wie sie den Umgang mit dem Nachlass Rudolf Steiners in Zukunft handhaben wollte: mithilfe einer von der Gesellschaft unabhängigen Institution. Dies schien einem Teil der Gesellschaft, darunter den Vorständen Albert Steffen und Guenther Wachsmuth unakzeptabel. In den sich daraus ergebenden Auseinandersetzungen geriet Willi Aeppli auch in die schärfste Kritik Steffens. Aeppli aber ging unbeirrt den Weg, den er persönlich für richtig hielt, ohne jeden Zorn. Er handelte sehr still, aber entschieden.

60-jährig rief ihn Ernst Weißert in die Dienste des Bundes der Waldorfschulen in Deutschland. Er besuchte die Schulen, die teilweise noch im Aufbau begriffen waren, hielt mit ihren Lehrern Arbeitstage ab, bereicherte mit seiner profunden Kenntnis der Waldorfpädagogik die Konferenzen, beriet einzelne Lehrer. Willi Aepplis Berufung war ein Glücksfall für die deutsche Schulbewegung. Erst 1969, als Aeppli bereits 75 Jahre war, bat er um seine Entlassung. Es war überaus erstaunlich, mit welcher Frische er sich bis zum Schluss einsetzte und auch mit welcher Geduld er die Reisen und wechselnden Unterkünfte ertrug, gingen doch seine Reisen bis nach Sao Paulo. Danach hatte er noch viele literarische Pläne. Über Vorarbeiten dazu ist er leider nicht hinausgekommen.

Erhard Fucke


Werke: Aus der Unterrichtspraxis an einer Rudolf Steiner-Schule, Basel 1934,
²1950; Paul Vital Troxler. Aufsätze, Basel 1929; 5 Aufsätze in:
Menschenbildung, Basel 1934; als Herausgeber von Troxler, I. P. V.:
Fragmente, St. Gallen 1936, Naturlehre, Bern 1944 und Gewißheit des
Geistes, Stuttgart [1958]; Sinnesorganismus, Sinnesverlust, Sinnespflege.
Die Sinneslehre Rudolf Steiners in ihrer Bedeutung für die Erziehung, Stuttgart
1955, 1996 (5. Aufl.); Die Eltern bereiten die Lernfähigkeit ihrer Kinder vor,
in: Plan und Praxis des Waldorfkindergartens, Stuttgart o.J.; Wesen und
Ausbildung der Urteilskraft, Stuttgart 1963, ²1986; Aus dem Anfangsunterricht
einer Rudolf Steiner-Schule, Oberwil 1982, ²1988 (gekürzte Fassung von
„Aus der Unterrichtspraxis“); Übersetzungen ins Englische, Spanische und
Schwedische erschienen; zahlreiche Beiträge in Msch, weitere in BfA, EK, G,
Ggw, WNA.
Literatur: Hagemann, E.: Bibliographie der Arbeiten der Schüler Dr. Steiners,
o.O. 1970; autobiographisch: Aus Erinnerungen. Meine Vorfahren, in: Leh
1972, Nr. 5; Schöffler 1987; Zimmer, R.: Willi Aeppli, in: N 1972, Nr.14;
Baumgärtner, B.: Willi Aeppli, in: MaD 1972, Nr. 102; Niederhäuser, H.R.: Im
Gedenken an Willi Aeppli, in: Msch 1973, Nr. 1.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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