George Adams Kaufmann
Adams Kaufmann, George

Mathematiker, Übersetzer

*08.02.1894 Maryampol/Ostgalizien (damals Österreich-Ungarn)
†30.03.1963 Edgbaston bei Birmingham (Grossbritanien)







Getragen durch weltmännische Vielsprachigkeit und seine Begeisterung für die Sozialreformen Rudolf Steiners, wurde Adams in jungen Jahren ein genialer Übersetzer von Vorträgen Steiners in England. Mit seinen im Studium der theoretischen Physik, Chemie und projektiven Geometrie erworbenen Fähigkeiten steuerte er wegweisende Forschungsergebnisse für die anthroposophisch erweiterten Naturwissenschaften bei.

Der Vater, Georg von Kaufmann, britischer Nationalität und deutscher Herkunft, war ein Pionier der Ölindustrie. Die Mutter war eine geborene Adams aus England. Kurze Zeit nach der Geburt von George Adams zog die Familie nach Solotwina bei Stanislawow in den Vorbergen der Karpaten. Um 1897 trennten sich die Eltern und Adams junge Mutter musste ohne ihre drei Kinder nach England zurückkehren. Adams sah sie erst in den 30er-Jahren kurz vor ihrem Tod wieder.

Der Vater ging eine zweite Ehe mit einer jungen Deutschen ein, die Adams und seinen Geschwistern eine glückliche Kindheit mit intensiven Naturerlebnissen bescherte. Das schüchterne und melancholische Kind wuchs mehrsprachig auf, insbesondere mit Englisch, Deutsch und Polnisch. Englische Gouvernanten besorgten die Erziehung.

Ab 1905 lebte Adams in einem Internat in England, der Mill Hill School; in allen größeren Ferien reiste er allein nach Galizien zu seiner Familie. 1912 trat er ins Christ College in Cambridge ein, studierte im Hauptfach Chemie und schloss 1915 mit einem glänzenden Diplom (B. A.) ab.

Adams beschäftigte sich mit Problemen der Sozialreform, lehnte Gewalt ab und war während des Krieges aktiver Pazifist, nach eigenen Worten: ein „militanter Revolutionär“. Er saß während dieser Zeit zweimal als Kriegsdienstverweigerer im Gefängnis und wurde erst nach einem Hungerstreik entlassen.

Unbefriedigt von der gängigen materialistischen und atomistischen Denkweise der Naturwissenschaften seiner Zeit, suchte er Anregung in den Werken von Alfred North Whitehead und Bertrand Russell. Auf seine Frage an Russell, wie man ohne Atomhypothese zu brauchbaren Ansätzen in der theoretischen Physik kommen könne, riet ihm dieser, sich mit projektiver Geometrie zu beschäftigen. Daraufhin wechselte Adams seinen Studienschwerpunkt in Richtung Mathematik und theoretische Physik. Er hörte u. a. Vorlesungen bei Godefrey H. Hardy und begann ein intensives Studium der projektiven und nicht euklidischen Geometrie. Um 1918 schloss er sein Studium als Magister Artium Cantabriensis ab.

Um 1914 lernte er die „Geheimwissenschaft“ von Steiner kennen und wurde 1916 Mitglied der Londoner Emerson-Gruppe der Anthroposophischen Gesellschaft. Als Kriegsdienstverweigerer traf er Mary Fox, die der Gesellschaft der Quäker angehörte. Sie wurde 1920 seine Frau.

Sein brennendes Interesse an Steiners Ideen zur Sozialreform sowie eine geplante Übersetzung des Buches „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23) ließen ihn zusammen mit Ethel Wedgwood Steiner in Dornach besuchen. In verschiedenen Gesprächen erhielt Adams von ihm zunächst den Rat, sich der sozialen Tätigkeit zuzuwenden, was angesichts der Kriegsjahre sowie des sozialen Zusammenbruchs in Mittel- und Osteuropa nahe lag. Er unternahm verschiedene Reisen, um bei einer Hilfsaktion englischer und amerikanischer Quäker in Polen mitzuwirken.

1920 nahm er an der Eröffnungstagung des ersten Goetheanum-Baus teil. In England verband sich Adams mit Freunden, um für die Dreigliederungsbewegung sowie die Verbreitung der anthroposophischen Geisteswissenschaft zu wirken. Seine Frau Mary begann damals ihre langjährige Arbeit als Bibliothekarin und Übersetzerin im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft in London.

In den 20er-Jahren wurde Adams neben zahlreichen Gesprächen bei etwa 110 Vorträgen Steiners als direkter Übersetzer in freier Rede beigezogen, was er mit seiner außerordentlichen Sprachfähigkeit brillant meisterte. Später wirkte er bei vielen Übersetzungen von Werken Steiners mit, oft zusammen mit seiner Frau Mary.

In den 20er-Jahren und Anfang der 30er-Jahre weilte Adams oft am Goetheanum. So erlebte er den Brand des ersten Goetheanum-Baus an der Jahreswende 1922/23 und nahm an der Weihnachtstagung zur Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1923–24 teil. 1924 wurde Adams von Steiner autorisierter Goetheanum-Redner.

Während seiner Tätigkeit als Vortragender, Seminarleiter und freier Mitarbeiter der Anthroposophischen Gesellschaft in England widmete sich Adams nach 1925 wieder vermehrt den Naturwissenschaften und der Mathematik. Er wandte sich insbesondere der projektiven Geometrie zu und nahm die Zusammenarbeit mit Elisabeth Vreede auf, der Leiterin der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum.

Anfang der 30er-Jahre erschien in rascher Folge eine Reihe von Aufsätzen und Buchbeiträgen über projektive synthetische Geometrie und deren Verhältnis zur mathematischen Physik, zur Goethe’schen Metamorphosenlehre und zur anthroposophischen Geisteswissenschaft. Insbesondere veröffentlichte Adams 1933 den bahnbrechenden Aufsatz „Vom ätherischen Raume“ in der Zeitschrift „Natura“ der Medizinischen Sektion am Goetheanum. Hier wird zum ersten Mal die Deutung des Begriffs des „Gegenraumes“, wie ihn Steiner u. a. in seinem dritten Naturwissenschaftlichen Kurs (GA 323) entwickelt, durch die polareuklidische Geometrie dargestellt. Einige Jahre später machte Louis Locher unabhängig von Adams dieselbe Entdeckung. Von da an wurde die Entfaltung des gegenräumlichen Denkens in seiner Beziehung zum gewöhnlichen Raumesdenken zum Angelpunkt aller wissenschaftlichen Arbeiten von Adams. 1934 erschien das groß angelegte Buch „Strahlende Weltgestaltung – synthetische Geometrie in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung“, weniger ein Lehrbuch der projektiven Geometrie als vielmehr eine umfassende Überschau zur geistesgeschichtlichen Bedeutung der synthetischen projektiven Geometrie und deren Verhältnis zur anthroposophischen Geisteswissenschaft. Ein geplanter zweiter Band zur mathematischen Physik erschien erst viele Jahre später in anderer Form.

Mit der Abberufung von Elisabeth Vreede und Ita Wegman aus dem Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft wurde auch eine Anzahl prominenter Mitglieder der englischen und holländischen Gesellschaft ausgeschlossen, auch Adams. Damit war ihm für weitere Forschungsarbeiten in Zusammenarbeit mit der Mathematisch-Astronomischen Sektion zunächst der Boden entzogen.

Mit dem Tod von Daniel N. Dunlop im Mai 1935 verlor die Anthroposophische Gesellschaft in Großbritannien ihren Vorsitzenden. Kurz darauf wurde Adams interimistischer Sekretär der Gesellschaft.

Mitte 1935 wurde die als Fremdsprachen-Sekretärin ausgebildete Olive Whicher Mitarbeiterin von Adams, die er nach und nach in die projektive Geometrie einführte.

Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs meldete sich Adams freiwillig und wurde in der Funktion eines Hauptmanns als Dolmetscher in einem Kriegsgefangenenlager eingesetzt. Seine Beziehungen zu Deutschland wurden bald Gegenstand einer Untersuchung, worauf er nach sechs Monaten Militärdienst 1940 entlassen wurde. Hierauf änderte er seinen Namen von George Kaufmann in George Adams, er nahm den Mädchennamen seiner Mutter an. Die weiteren Kriegsjahre war Adams in London Abhörer des polnischen Rundfunkdienstes im Auftrag der BBC und wurde im Luftschutz eingesetzt. Er lernte dabei mehrere slawische Sprachen. In der Freizeit vertiefte sich Adams in der British Library in die Entwicklungen der modernen mathematischen Naturwissenschaften, um sie mit seinen Gedanken zum Gegenraum zu durchdringen und zu erweitern.

Nach dem Krieg 1945 erhielt er für zwei Jahre ein Stipendium der englischen Anthroposophischen Gesellschaft und widmete sich im Rudolf Steiner House in London zusammen mit Whicher einer geometrischen Untersuchung der Pflanzenwelt. Im Frühling 1947 machte er eine Entdeckung von großer Tragweite: Es war bisher nicht klar, wo man das projektive Gegenstück zur unendlich fernen Ebene des euklidischen Raumes, den unendlich inneren Mittelpunkt des polareuklidischen Raumes (bei Locher „absoluter Mittelpunkt“), in der Pflanzenwelt suchen müsse. Adams hatte die Idee, dass es nicht nur einen solchen Punkt geben könne, sondern dass am Keimpunkt jedes Knospens ein solcher Punkt beheimatet sein müsse. Diese Idee wurde zusammen mit Whicher unter Einbezug des lemniskatenartigen Zusammenwirkens von Raum und Gegenraum weiter ausgearbeitet. 1949 und 1952 erschienen darüber zwei Bücher auf Englisch und 1960 eine erweiterte Fassung auf Deutsch unter dem Titel „Die Pflanze in Raum und Gegenraum“.

Auf Veranlassung seiner Freunde Friedrich Geuter und Michael Wilson vom Sunfield Childrens Home in Clent bei Birmingham zog Adams 1947 zusammen mit Whicher nach Clent und gründete mit Wilson 1947 die „Goethean Science Foundation“ zur Unterstützung wissenschaftlicher Forschungsarbeiten. Der ruhige Ort sowie die gesicherte Existenz boten einen idealen Hintergrund für die folgenden fruchtbaren Arbeitsjahre.

Kurz vorher, 1946, nahm Adams auf eigene Initiative wieder Kontakt mit dem Goetheanum und der Mathematisch-Astronomischen Sektion unter der (noch stellvertretenden) Leitung von Louis Locher auf. Es war ihm ein Anliegen, trotz tief gehender menschlicher Differenzen auf sachlichem Gebiet Zusammenarbeit zu realisieren. Er beteiligte sich wieder aktiv an vielen Tagungen und Gesprächen am Goetheanum und in Deutschland.

Der schon in den 30er-Jahren entstandene Kontakt zu Georg Unger wurde mit der Gründung des „Mathematisch-Physikalischen Instituts“ 1956 intensiviert: Adams wurde mehrmals zu Besprechungen und zu Berichten aus seiner Arbeit eingeladen; Unger seinerseits kam öfter zur Fortsetzung der gemeinsamen Forschungsgespräche nach Clent.

In diesem Zeitraum entstanden die wegweisenden Untersuchungen zur Statik und Dynamik der Mechanik des starren Körpers unter den Gesichtspunkten von Raum und Gegenraum auf der Basis der projektiven Liniengeometrie. Sie wurden in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre in der von Unger herausgegebenen Zeitschrift „Mathematisch-Physikalische Korrespondenz“ veröffentlicht und sind erst 1996 in Buchform erschienen. Es gelang Adams aufgrund von Vorarbeiten verschiedener Mathematiker des 19. Jahrhunderts (Felix Klein, Arthur Cayley, William K. Clifford und Eduard Study), die Idee des Gegenraumes bis in die konkreten Einzelheiten der Statik und Dynamik des starren Körpers (in nicht euklidischen Räumen) zu verfolgen. Damit war ein Weg eröffnet, die mathematischen Begriffssysteme der theoretischen Physik unter einem ganz neuen Licht zu betrachten und zu deuten. Dabei musste den bewährten Theorien keine Gewalt angetan werden. Es musste nur dasjenige ernst genommen werden, was bereits als mathematische Struktur vorhanden war – ohne jedoch die traditionellen Deutungen dieser mathematischen Strukturen zu übernehmen. In fruchtbarer Weise sind diese Untersuchungen von Peter Gschwind aufgegriffen und bis in die Quantenphysik weitergeführt worden.

Gemeinsam mit Unger trat Adams auch in Zusammenarbeit mit Alexandre Leroi und Theodor Schwenk, was u. a. 1961 zur Gründung des „Instituts für Strömungsforschung“ in Herrischried im Schwarzwald führte. In seinen letzten Lebensjahren setzte Adams viel Kraft in dieses Projekt; er wollte seine Ideen zu Raum und Gegenraum bis ins Technische hinein erproben. Er berechnete spezielle Flächen (W-Flächen) und baute zusammen mit John Wilkes Modelle zur Selbstreinigung und Wiederbelebung des Wassers durch spezielle Bewegungsformen. Er arbeitete öfter mit Whicher in Herrischried und nahm regen Anteil am Fortschritt der Forschungen von Leroi und Schwenk. Aufgrund seines baldigen Todes konnten seine Ansätze jedoch nicht zu Ende geführt werden.

In den letzten Jahren, nach einem leichten Schlaganfall im August 1959, teilte Adams seine Zeit zwischen dem Schwarzwald und England auf. Er begann sich wieder intensiver mit Übersetzungen des Werkes Steiners zu beschäftigen, insbesondere mit den „Wahrspruchworten“ (GA 40), der „Geheimwissenschaft“ und den „Anthroposophischen Leitsätzen“ (GA 26).

Adams vereinigte in seiner Persönlichkeit einige scheinbar widersprüchliche Eigenschaften, die ihn jedoch zu einem allseits verehrten und liebevollen Menschen machten: Er war zugleich weltmännisch-vielsprachig sowie schüchtern-kindlich; sein Geist war an kristallklarer Mathematik, Chemie und Physik geschult, sein Verhältnis zu Naturtatsachen und mathematischen Sachverhalten war ein religiös-inniges, fast schwärmerisches; er war im politischen Leben ein unbeugsamer Revolutionär und ließ sich für seine Überzeugungen auch einsperren; seinen Freunden gegenüber war er ein äußerst bescheidener, humorvoller und sein tiefes Wissen nie in den Vordergrund stellender Begleiter.

Renatus Ziegler


Werke: Fruits of Anthroposophy, London 1922; Christ and the Earth, London
1927; Synthetische Geometrie, Goethesche Metamorphosenlehre und
Mathematische Physik, in: Mathesis, Stuttgart 1931; The Anthroposophical
Movement, London 1932, ²1933; Von dem ätherischen Raume, in: Na 1932–
33, Nr. 5/6; Space and the Light of the Creation, London 1933; Von dem
ätherischen Raume, in: Na 1933, Stuttgart ²1964, ³1981; Strahlende
Weltgestaltung, Dornach 1934, ²1965; Christ in the Power of Memory and
the Power of Love, East Grinstead 1938; The Mysteries of the Rose-Cross,
East Grinstead 1955, London ²1989; Physical and Ethereal Spaces, London
1965, ²1978; Universal Forces in Mechanics, London 1977; Grundfragen der
Naturwissenschaft, Stuttgart 1979; Das Rosenkreuzertum als Mysterium der
Trinität, Stuttgart 1981, ²1994; Lemniskatische Regelflächen, Dornach 1989;
Universalkräfte in der Mechanik, Dornach o. J., ³1996. Nature Ever New.
Zahlreiche Übersetzungen von Werken Rudolf Steiners in Englische.
Werke zusammen mit O. Whicher: The Living Plant and the Science of
Physical and Ethereal Space, Stourbridge 1949; The Plant between Sun and
Earth, Clent 1952, London ²1980; Die Pflanze in Raum und Gegenraum,
Stuttgart 1960, ²1979; Pflanze, Sonne, Erde, Stuttgart 1963.
Literatur : Unger, G.: George Adams, in: MaK 1963, Nr. 40; Unger, G.:
George Adams, in: N 1963, Nr. 15; Götte, F.: Ein Gedenkblatt für George
Adams, in: MaD 1963, Nr. 66; Whicher, O.: The Life and Work of George
Adams: an Introduction, in: GBl 1964; Whicher, O.: George Adams. Ein
Geistsucher in unserer Zeit, Dornach 1973; Gschwind, P.: Zum Nachlass von
G. Adams, in: MaK 1981, Nr. 121; Deimann 1987; Schöffler 1987, S. 341;
Unger, G.: Zum 100. Geburtstag von George Adams, in: N 1994, Nr. 28;
Ziegler, R.: Bibliographie von G. Adams, in: Adams, Dornach ³1996; Ziegler,
R.: Biographien und Bibliographien, Dornach 2001.
Nachlass: Adams House, 20 Freshfild Bank, Forest Row, Sussex RH18 5HG,
England; Peter Gschwind, Benedikt- Hugi-Weg 18, CH–4143 Dornach; Archiv
am Goetheanum, Dornach; Archiv der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung,
Dornach; Freie Hochschule für Waldorfpädagogik, Mannheim.




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