Walther Matthes
Matthes, Walther

Hochschullehrer.

*03.09.1901 Halberstadt (Deutschland)
†20.01.1997 Bosau, Ostholstein (Deutschland)
(anderer Todestag:19.)

Walther Matthes war einer der ersten Prähistoriker, die sich öffentlich zur Anthroposophie bekannten.

Sein Vater Paul unterrichtete Latein im Preußischen Schuldienst. Walther besuchte seit 1908 die Schule in der Kleinstadt Belgard, später in Neuruppin. Ein Lehrer weckte sein Interesse an der Vorgeschichte, die in Deutschland noch keine eingerichtete Fachwissenschaft war. So stellte er sich, seinem Ideal folgend, ab 1920 sein Studium selbst zusammen, indem er in Berlin, Marburg und Budapest Geschichte, historische Geografie, Kunstgeschichte und Philosophie studierte, soweit es ihm für die selbstgewählte Aufgabe nützen konnte.

Durch begeisterte Kommilitonen wie Helmuth Vermehren und Friedrich Benesch begegnete ihm erstmals die Anthroposophie.

1919 lernte er beim Wandervogel seine Frau Rose kennen. Der Ehe waren sieben Kinder beschieden.

Mit der Promotion schloss Matthes 1925 das Studium in Berlin ab. Bis 1928 führte er sowohl in vorbildlicher Weise die archäologische Landesaufnahme des Kreises Ostprignitz (Brandenburg) durch als auch Ausgrabungen bei Pritzwalk. 1928 wurde er mit dem Aufbau des Oberschlesischen Landesmuseums in Beuthen betraut, dessen Neubau er 1932 eröffnen konnte.

Nach den ersten wissenschaftlichen Erfolgen war er damit konfrontiert, dass die Vorgeschichte aus politischen Gründen an allen deutschen Universitäten einzog. Er gehörte zu den wenigen qualifizierten Fachwissenschaftlern, die dringend gesucht wurden. So erhielt er 1934 den Ruf auf den neuen Lehrstuhl für Vorgeschichte und Germanische Frühgeschichte an der Univer-sität Hamburg, obwohl er sich nicht habilitiert hatte. Die Universität gewann in ihm einen Forscher, der auch über die Elb-germanen publiziert hatte.

Familie Matthes zog nach Reinbek bei Hamburg und 1937 in das Haus Caprivi-straße 36 in Hamburg-Blankenese. Das Institut war provisorisch im Museum für Völkerkunde untergebracht, was zu Unstimmigkeiten mit der Museumsleitung führte.

Während des Zweiten Weltkriegs war Matthes durchgehend als Wissenschaftler tätig. Unterschiedliche Aufgaben führten ihn nach Italien, in die Bretagne, die Ukraine und nach Südrussland. Soweit er während dieser Zeit seinen Interessen folgen konnte, schuf er die Grundlagen für Forschungen, die er nach dem Kriege fortsetzte. So hatte er in der Bretagne Gelegenheit, Denkmäler der Megalithkultur aufzunehmen, ihre Steinsetzungen und Großsteinkammern kennen zu lernen und deren Ritzzeichnungen zu kopieren.

Seine wissenschaftliche Tätigkeit in der Ukraine war hingegen mit zeitspezifischen Fragestellungen konfrontiert. So interessierte man sich für die Frage, ob in vor-geschichtlicher Zeit beim Aufeinandertreffen südlicher und nordischer Kulturen eine von ihnen als dominant hervorging. Trotz politischer Erwartungen hielt er an seinem Ergebnis fest, dass die nordischen Kulturen nachweisbar keine vorherrschende Stellung eingenommen hatten. Seine Untersuchungen aus den Jahren 1942/43 wurden nicht mehr veröffentlicht.

Bei Kriegsende geriet er in Deutschland in russische Gefangenschaft, wurde aber noch während des Transports in den Osten aus gesundheitlichen Gründen zurückgeschickt. In Hamburg kam er in das britische Internierungslager Neuengamme. Dort begegnete er Menschen, die für sein weiteres Leben entscheidend wurden, wie z.B. dem Finanzkaufmann Wolfgang Essen, der ihn 1953 in die Mitverantwortung für die Klopstock-Stiftung berief.

Die Internierten waren fast vollständig isoliert. Die erzwungene Einsamkeit nutzte Matthes auch dazu, um mit sich über die Anthroposophie ins Reine zu kommen. Ohne mit ihm Kontakt aufnehmen zu können, meldete seine Frau derweil die Kinder an der Waldorfschule an.

Am 27. Dezember 1946 wurde er entlassen und konnte seine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen. Zu seinen akademischen Schülern zählen u.a. Ralf Busch, Gerd Gropp und Gerhard Körner. Er übernahm innerhalb der Fakultät die Funktion des Baubeauftragten für den Neubau der Fakultät, den „Philosophen-Turm“. 1969 wurde Walther Matthes emeritiert.

In der Anthroposophischen Gesellschaft übernahm er kein Amt, wirkte vielmehr durch seine vorbildliche wissenschaftliche Arbeit. Daneben engagierte er sich im „Kulturgeschichtlichen Arbeitskreis“, einer freien Vereinigung anthroposophischer Akademiker.

Am 1. Oktober 1984 zog er mit seiner Frau ins Tobiashaus in Ahrensfelde unweit jener vorgeschichtlichen Fundstelle im Ahrens-burger Tunneltal, die der Ahrensburger Stufe ihren Namen gegeben hat. Bis zu ihrem Tod im August 1990 konnte seine Frau Rose ihn noch pflegen.

Im November zog er wegen seiner Parkin-sonschen Krankheit in die Pflegeabteilung um. Eine neue Behandlung drängte die Parkinsonsche Krankheit zurück. Es entspann sich ein Herzensband mit der Mitarbeiterin Ingeborg Mauß, das am 4. April 1995 durch Heirat besiegelt wurde.

Am 17. Januar 1997 zogen sie nach Bosau an den Plöner See. Dort hatte sich auf dem Löjaer Berg sein Kollege Prof. Schwabedissen ein Haus mit einer herrlichen Sicht über den See gebaut, das sie nach dessen Tod mieten konnten. Drei Tage nach dem Einzug starb Matthes in demselben Raum, in dem sein Kollege ihm vorausgegangen war.

Walther Matthes entwickelte innerhalb der Vorgeschichte mehrfach neue Forschungs-Ansätze, die nicht ohne Widerspruch blieben.

In den Hamburger Elbvororten, besonders am Wittenbergener Ufer, fand Matthes Steinskulpturen, die er in die Zeit des älteren und mittleren Paläolithikums datieren konnte. Es handelt sich überwiegend um flache Feuersteine, die durch Abschläge an den Rändern in Tierfiguren umgewandelt wurden. Die exakt abwechselnde Reihenfolge der Abschläge und die Reihenfunde ähnlicher Motive schließen Zufalls-Bildungen aus.

In der Forschung um die umstrittenen Externsteine hat Matthes 1982 durch die Aufdeckung der Gründungsgeschichte des Klosters Corvey, dessen Vorgründung 816 er im Umfeld der Externsteine lokalisierte, einen ganz neuen Ausgangspunkt geschaffen. Gemeinsam mit Rolf Speckner konnte er in den letzten Lebensjahren die Grundlage für eine Umdatierung des Kreuzabnahmereliefs an den Externsteinen in das 9. Jahrhundert legen. Beides hat maßgeblich zur Öffnung der durch politische Vorurteile behinderten Forschungssituation beigetragen.

Für Walther Matthes waren die Quellen des wissenschaftlichen Strebens auch diejenigen, aus denen ihm der Zugang zur Geisteswissenschaft möglich wurde. Er war ein Mensch, der als Forscher nur sich selbst folgte.

Rolf Speckner


Werke: Urgeschichte des Kreises Ostprignitz, Leipzig 1929; Die nördlichen Elbgermanen in spätrömischer Zeit, Leipzig 1931; Die Germanen in der Prignitz zur Zeit der Völkerwanderung, Leipzig 1931; Die Sweben oder Altschwaben, in: Reinerth, H. [Hrsg.]: Die Vorgeschichte der deutschen Stämme, Leipzig 1940; Frühe bildende Kunst in Europa, in: ZRGG 1963; Die Darstellung von Tier und Mensch in der Plastik des älteren Paläolithikums, in: Jb. f. Symbolforschung. 1964; Zum Verständnis der älteren Eiszeitkunst, in: Antaios 1967; Eiszeitkunst im Nordseeraum, Otterndorf 1969; Corvey und die Externsteine, Stuttgart 1982; mit Speckner, R.: Das Relief an den Externsteinen, Ostfildern 1997; Beiträge in CH.
Literatur: Autorenvorstellung, in: Corvey und die Extensteine, Stuttgart 1982; Plato, B. v. [Hrsg.]: Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Dornach 2003.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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