Johann Ernst
Ernst, Johann Wolfgang

Philologe, Sprachgestalter, Bühnenkünstler.

*14.09.1910 Annaberg (damals Österreich-Ungarn)
†20.03.1986 Arlesheim (Schweiz)





Johann Wolfgang Ernst hat sich als Schüler Marie Steiners insbesondere den anthroposophischen Sprachimpuls in Kunst, Methodik und Wissenschaft zur Lebensaufgabe gemacht. Zu seinen wissenschaftlichen Hauptwerken gehört eine in wesentlichen Teilen unveröffentlichte Arbeit zur Plato-Forschung.

Ernst wurde in Annaberg, Niederösterreich, als zweites Kind des dortigen Lehrers geboren. Er hörte am „Wiener Kongress“ 1922 den letzten Vortrag Rudolf Steiners und besuchte auf seinen Rat die Waldorfschule in Stuttgart. Dort machte er 1930 Abitur und nahm das Studium der Romanistik in Wien und an der Pariser Sorbonne auf. 1936 promovierte er mit einer Dissertation über ein vergleichendes sprachhistorisches Thema.

Zuerst 1922, dann 1925 hörte er Marie Steiners Rezitationskunst, von 1929 an hörte er als Bühnenhelfer in den Semesterferien regelmäßig mit größtem Interesse ihre Proben. Das daran entwickelte methodisch-künstlerische Gehör bildete ab 1936 die Grundlage für die Zusammenarbeit mit der Sprachgestalterin Hertha-Luise Zuelzer in Wien, die er 1938 heiratete. Im selben Jahr berief Marie Steiner beide ans Goetheanum und bewahrte sie vor dem Schicksal der Okkupation. Ernst wurde ihr Schüler und später Schauspieler. Sein Asylantenstatus und die Wirren um die Nachlassverfügungen Marie Steiners verunmöglichten teilweise seine offizielle Mitarbeit am Goetheanum.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit widmete er sich von 1938–46 der Übersetzung manichäischer Texte aus dem Koptischen, Forschungen zum Urchristentum, zum Ursprung der Schweiz und der Ausarbeitung einer okkulten Naturgeschichte sowie der Zusammenfassung seiner methodischen Erkenntnisse der Sprachgestaltung im „Buch der Sprache“. Marie Steiner beauftragte seine Frau und ihn mit der Leitung der Ausbildungsschule für Sprachgestaltung und dramatische Kunst am Goetheanum. Gedacht war an ein breit angelegtes Studium mit größerem Fächerangebot, wozu Marie Steiner auch Finanzen bereitstellte. Hier wirkte er zunächst als Dozent für Poetik und Gymnastik, dann auch für Sprachgestaltung. Es entstanden Übersetzungen und dramaturgische Bearbeitungen für die Rezitationskunst. Mit Ernst Marti arbeitete er an Elementen einer therapeutischen Sprachgestaltung. Nach Marie Steiners Tod 1948 wurde die Schule in Dornach angefochten und zog 1951 nach Malsch bei Karlsruhe. Bis etwa 1956 wurden erfolgreiche Tourneen mit einer Schauspieltruppe unternommen.

In einem kleinen Kreis widmete sich Ernst Forschungen zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft und zur Biografie Rudolf Steiners. Nach diversen Anträgen dieser Gruppe an die Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1963 wurde er mit fünf weiteren Mitgliedern durch Vorstandsbeschluss ausgeschlossen.

1963 erkrankte seine Frau und während der jahrelangen persönlichen Pflege entstand sein zentrales Werk über Plato mit interpretativer Neuübersetzung des Dialogs „Ion“. Nach dem Tod seiner Frau 1974 nahm er die Arbeit an der Marie Steiner-Schule wieder verstärkt auf und intensivierte zugleich die schriftstellerische Tätigkeit.

1976 machte er Bekanntschaft mit Dorothea Vaudaux, seiner zweiten Frau, und lebte seit 1980 in Muttenz bei Basel. Er führte die Ausbildungstätigkeit in kleinerem Rahmen fort und widmete sich Übersetzungen aus den Evangelien, u. a. des Markus-Evangeliums, mit breiter philologischer und inhaltlicher Kommentierung, der Herausgabe eines Werkes von Gourvitch über Wladimir Solowjow sowie der Erforschung und Diskussion der Konstitutionsfragen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

Er starb nach kurzer Krankheit in der Ita Wegman-Klinik, Arlesheim. Die besondere Methodik der Marie Steiner-Schule wird von Dorothea Ernst-Vaudaux und Jürg Schmied weitergepflegt.

Jürg Schmied


Manuskript: "Aus der Marie Steiner Schule für Sprachgestaltung und dramatische Kunst. Arbeitsmaterialien. Aufsätze, Übersetzungen und Gedichte von J. W. Ernst, biografische Dokumente" Zusammengestellt von Jürg Schmied

Werke: Periodizität sprachlicher Vorgänge (Diss.), Wien 1936; Die Erzählung vom Sterben des Mani. Aus dem Koptischen übertragen und rekonstruiert, Basel 1941; Wesen des Eingeweihtentums, Dornach o.J. (um 1942); Sophokles: Antigone, Coburg 1951; Aischylos: Die Eumeniden, Malsch 1951; Auferstehungsbilder. Geistliches Spiel, Hannover 1952; Euripides: Medea, Coburg 1955; Sophokles: König Oedipus, Coburg [1957]; Das Schicksal unserer Zivilisation und die kommende Kultur des 21. Jahrhunderts, Freiburg i. Br. 1972, überarbeitet: Schaffhausen ²1987; Platon: Ion, die Kunst Dichtung zu sprechen, Freiburg i. Br. 1975; Über den Ursprung der sogenannten „Allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft“, Malsch 1977, erweitert ²1980; Kriterien der anthroposophischen Gemeinschaftsbildung, Malsch 1980; Die musische Kunst, Schlüssel der Kultur, Malsch 1980; Sind wir Götter?, in: Weitbrecht, H. u.a. [Hrsg.]: Was ist Wirklichkeit? Stuttgart 1983; zahlreiche Beiträge in G, weitere in BfA, K, MaB, N.
Nachlass: Briefwechsel, Dokumente u.a. zur Marie Steiner-Schule für Sprachgestaltung und dramatische Kunst, Manuskripte und Entwürfe: Dorothea Ernst-Vaudaux, Waldhofstrasse 6, CH-4310 Rheinfelden, später bei Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, Dornach.

Literatur: Jost, M. [Hrsg.]: Worte des Gedenkens, Oberwil 1986; Aregger, G.: „... dass er nochmals beginne“, in: I3 1986, Nr. 7/8; Schmied, J.: Ein Leben für die Zukunft, in: Ggw 1986/87, Nr. 3; Schöffler 1987; ders.: www.jwernst.ch. Albrecht, Beatrice: "Wegbereiter. Anfänge und Verbreitung des Sprachimpulses von Marie Steiner in 48 Kurzbiografien", Zürich




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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