Walter Erlanger
Erlanger, Walter

Heilpädagoge, Buchhändler und Verleger

*19.01.1911 Buchau am Federsee (Deutschland)
†06.05.1972 Dubrovnik (Jugoslawien)



Walter Erlanger trug als Verleger wesentlich zur Entfaltung der Anthroposophie in den Niederlanden nach dem Zweiten Weltkrieg bei.

Er musste sein Jura-Studium in Tübingen, wo er durch Ernst Lehrs die Anthroposophie kennenlernte, abbrechen, da er wegen seiner jüdischen Herkunft nicht an den Examina teilnehmen durfte. Im November 1933 wurde er Einzelmitglied am Goetheanum. Er wanderte (ca. 1934) in die Schweiz aus, wo er im heilpädagogischen Heim „Sonnenhof“ in Arlesheim arbeitete.

Als der niederländische Arzt Bernard Lievegoed, Begründer des „Zonnehuis“ (des ersten heilpädagogischen Heimes in Holland), Mitte der 30er-Jahre den Sonnenhof besuchte, brachte Werner Pache ihn mit Walter Erlanger in Kontakt. Lievegoed lud Erlanger ein, nach Holland ins „Zonnehuis“ zu kommen. Er griff die Einladung auf und lebte seitdem in Zeist, Niederlande.

Im „Zonnehuis“ setzte Erlanger sich vor allem für Verwaltungsaufgaben ein; auch war er aktiv bei kulturellen Veranstaltungen, Jahresfesten usw.

In den Kriegsjahren musste Erlanger untertauchen, um der Verhaftung durch die Nazis zu entgehen. Er lebte in einem Versteck auf dem Dachboden einer befreundeten Familie. Lange Zeit war sein Zustand dort sehr kritisch: Er litt an offener Tuberkulose. Wie durch ein Wunder überwand er aber die Krankheit, u.a. dank der von Bernard Lievegoed vorgeschriebenen unorthodoxen Therapie.

Kurz nach dem Kriege übernahm er als spezielle Aufgabe die Betreuung eines rumänisch-jüdischen Knaben. Der Junge war durch eine niederländische Initiative mit einer Gruppe von 500 verwaisten jüdischen Kindern als Flüchtling nach Holland gekommen, wo dann entschieden wurde, wer stark genug sei, um nach Israel geschickt zu werden. Der Junge war durch schlimme Kindheitserlebnisse stark traumatisiert und wurde zusammen mit seiner Schwester im „Zonnehuis“ untergebracht. Walter Erlanger hat mit viel Takt und Einfühlungsvermögen dem Knaben ermöglicht, dass er nach einiger Zeit imstande war, in einer Gruppe zu leben und am Unterricht teilzunehmen.

1948, 37-jährig, heiratet er die gleichaltrige Lore Brauch. Beide – sie war eine erfahrene Heilpädagogin und hatte in Ascona unter Ita Wegman gearbeitet – arbeiteten in Zeist. 1951 wird die einzige Tochter Astrid geboren.

In den Nachkriegsjahren ergreift Walter Erlanger eine neue Aufgabe. Er erwirbt die „Nieuwe Boekerij“ im Haag, die bekannteste anthroposophische Buchhandlung im Lande, und eröffnet eine Filiale in Zeist. Dort veranstaltet er auch Kunstausstellungen anthroposophischer Maler, darunter der frühen Werke von Liane Collot d’Herbois.

Als 1952 führende Anthroposophen wie Willem Zeylmans van Emmichoven, Bernard Lievegoed und Pieter de Haan den anthroposophischen Verlag „Vrij Geestesleven“ gründen, wird Erlanger der erste Geschäftsführer. Als Verleger spielt er eine wichtige Rolle beim Aufbau der wachsenden anthroposophischen Bewegung, indem er sowohl Bücher von anthroposophischen Autoren wie Übersetzungen von Werken Rudolf Steiners herausgibt.

Walter Erlanger war ein Weltbürger. Wo immer er hinkam, fühlte er sich zu Hause. Er hatte ein warmes Interesse für seine Mitmenschen, aber zu gleicher Zeit eine nüchtern-sachliche Einstellung. Milder Humor und Sicherheit im Geistesstreben zeichneten ihn aus.

Er starb unerwartet während einer Ferienreise mit seiner Frau in Dubrovnik am 6. Mai 1972.

Nel Lievegoed-Schatborn


Werke: Sagen en legenden: Genoveva en Robert de Duivel, o. J.; als Redakteur: Zonlicht. Lees – en vertelboek, Zeist o. J., ³1983; Beiträge in G und MAVN.
Literatur: Lievegoed, B. C. J.: Walter Erlanger, in: MAVN 1972, Nr. 11.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

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