Heinrich Wendel
Wendel, Heinrich

Bühnenbildner, Lehrer am Opernstudio Düsseldorf.

*09.03.1915 Bremen (Deutschland)
†27.03.1980 Düsseldorf (Deutschland)



Geniale Menschen verdanken es vielfach den Lebensumständen, in die sie hineingeboren wurden, dass ihre Begabungen in besonderer Weise unterstützt und gefördert werden können. Heinrich Wendel, in Bremen geboren, war ein außerordentlich sensibles Kind, das seine Umwelt als feindlich betrachtete und ablehnte. In dieser Situation waren es drei Personen, die sich seiner verständnisvoll und warmherzig annahmen und so seinem späteren Leben und künstlerischen Schaffen Richtung und Ziel gaben: zum einen die Mutter, Pianistin, dann der Vater, ursprünglich Geiger, Schüler von Joachim und Bargiel in Berlin, der später als Dirigent Generalmusikdirektor in Bremen wurde. Durch ihn hatte der Junge auch seine erste Begegnung mit Bachs Matthäus-Passion, einer Aufführung, die der Vater selbst dirigierte und deren aufwühlendes Erleben die Maßstäbe für die Interpretation dieses gewaltigen Werkes bei dem jungen Heinrich setzte.

Der dritte entscheidende Mensch war der feinsinnige Hauslehrer und Heilpädagoge Paul Richter, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Bremen, der Rudolf Steiner noch persönlich kennen lernte. Richter war eigentlich Exportkaufmann, hatte sein Militärjahr in Tsingtau, China, abgeleistet und war dort hängen geblieben. Auf Pferderücken erforschte er China. Im Ersten Weltkrieg kam er über Sibirien zurück nach Bremen, sattelte um, studierte Malerei und Kunstgeschich-te und machte das Zeichenlehrerexamen. So konnte er dem jungen Heinrich Wendel nicht nur den Weg in die als feindlich empfundene Umwelt ebnen und ihn fürs Gymnasium vorbereiten, sondern auch darüber hinaus viele Einblicke in die Rätsel der Erde und des Kosmos geben. Er wies ihm mit selbst gebauten Fernrohren die Geheimnisse des Sternenhimmels, ließ ihn Bühnenbilder entwerfen, Modelle bauen und las mit ihm Theaterstücke.

Nach dem Abitur folgte eine Studien- und Lehrzeit als Bühnenbildner, die Wendel an der Kunsthochschule Bremen, in Berlin und am Staatlichen Schauspielhaus Hamburg absolvierte. Daneben studierte er Philosophie, Geschichte, Biologie, Medizin, Astronomie, Nuklear- u. Astrophysik und Literatur sowie Stil- und Theatergeschichte. Sein erstes Engagement bekam er 1936 in Stendal. Über Halberstadt, Wuppertal und Nürnberg kam er dann nach Stuttgart. Dort war er 1945–47 als jüngster Ausstattungsleiter Deutschlands am Württembergischen Staatstheater engagiert.

Zwei entscheidende Begegnungen fielen in diese Zeit: mit der Rezitatorin und Sprachgestalterin Karin Haupt, die bis zu ihrem Tode 1963 seine mütterliche Freundin und Mentorin in anthroposophisch-geisteswissenschaftlichen Fragen blieb. In Lorch, wo er seinen Wohnsitz aufschlug, betrieb er mit ihr eine private Sternwarte und setzte so die in Bremen begonnenen Studien des Sternenhimmels fort. – Die zweite Persönlichkeit, die er kennen lernte, war der indische Weise Sharma, der ihm Lehrmeister für östliche Esoterik wurde.

Neben seiner beruflichen Arbeit in Stuttgart hielt er Vorträge und gab als beliebter Dozent Kurse im Lehrerproseminar der Waldorfschule. Durch seine freie Art kam er dabei in Gegensatz zu den mehr konservativen Vertretern der Anthroposophie und zog sich daraufhin zurück. Er war kein Kämpfer, der unbedingt seine Meinung durchsetzen wollte, sondern ging lieber den Weg des anfeuernden, durch die Art seiner Darstellung überzeugenden Trägers seiner Ideen.

„Das Theater – sein Universum“ heißt der Titel eines Ausstellungskataloges seiner Werke. Das deutet schon darauf hin, dass seine Bühnenbilder weit mehr waren als nur „Dekorationen“ zum jeweiligen Stück. Sie waren Visionen, Imaginationen, die den Geisthintergrund der Texte und der Musik, ihren „kosmischen Kern“ durchscheinen ließen und im Bühnenraum erlebbar machten. – Und noch eine Steigerung: Bühnenbilder aus Licht so darzustellen, dass sie plastisch wirkten und keine aufwendige Herstellung mehr brauchten.

Sein beruflicher Weg führte über viele Städte, zuletzt an die Deutsche Oper am Rhein (Düsseldorf, Duisburg, Wuppertal), wo er von 1964–80 als Ausstattungsleiter wirkte. Seine großen Erfolge waren jedoch nur durch eine besondere Gruppe von Menschen möglich, die sich dort zusammenfand: Grischa Barfuss, Wendels Generalintendant und Freund, Georg Reinhardt, der Operndirektor, und Wendels Lebensgefährte Erich Walter als Ballettchef, der in seltener künstlerischer Übereinstimmung sein Schaffen mittrug. Aus dieser menschlich-künstlerischen Konstellation erwuchs die Voraussetzung für Wendels überragendes Bühnenschaffen, welches, von Düsseldorf ausgehend, auch durch Gastspiele in den großen Kulturzentren und bei Festspielen von Edinburgh bis Salzburg und Buenos Aires tausende von Menschen begeisterte.

Durch seine enge Freundschaft zu Kurt Herberts in Wuppertal war es ihm außerdem möglich, im Rahmen des Kulturprogramms, welches Herberts für die Mitarbeiter seines Betriebes einrichtete, in vielen Vorträgen über geisteswissenschaftliche Themen zu sprechen. In der Beschäftigung mit Geisteswissenschaft in vielen Formen – und durch seine zahlreichen Reisen, mit eigenen Expeditionen zu eiszeitlichen Höhlen – holte er sich immer wieder neue Einsichten und Ideen, die er dann auf der Bühne und in seinen Vorträgen umsetzen konnte.

Er hat 3.000 Bilder eiszeitlicher Höhlenkunst auf Reisen in 40 spanische und französische Höhlen zusammengetragen. Diese Dias, die den Erhaltungszustand der europäischen Höhlenkunst bis zu den 70er-Jahren festhalten, stehen im Neandertal-Museum, Mettmann, der Fachwelt für Forschungszwecke zur Verfügung.

Sein Leben war eine einzige Wanderung, eine Suche nach sich selbst und den tiefsten Geheimnissen des Daseins.

Martin Sandkühler


Werke: Die Placenta, das Geheimnis der Verwandlung, in: Bossle, L.: Wirkung des Schöpferischen, Würzburg 1986; Plastische Projektion im Bühnenbild, in: Hartmann, R.: Oper, Stuttgart 1977. Ausstellungskatalog (Ausstellung Heinrich Wendel, 30.11.81–15.1.1982), Düsseldorf 1981.
Literatur: Weißert, E.: Karin Haupt, in: MaD 1963, Nr. 66; Trouwborst, R., Kügler, I., Plümacher, G.: Die Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf 1986; Leyden, B., Kügler, I.: Heinrich Wendel. Das Theater – sein Universum, in: Bossle, L.: Wirkung des Schöpferischen, Würzburg 1986; Das Theater – sein Universum. Heinrich Wendel und seine Bühnenbilder, Düsseldorf 1990.




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