Hedwig Diestel
Diestel, Hedwig

Kindergärtnerin, Eurythmistin, Dichterin.

*23.12.1901 Auf Landgut bei Schwerin (Deutschland)
†19.04.1991 Niefern-Öschelbronn (Deutschland)



Hedwig Diestel wuchs als älteste von vier Geschwistern auf dem Familiengut bei Schwerin (Mecklenburg) auf. Durch eine ihrer Erzieherinnen, von der sie Hausunterricht erhielt, wurde früh ihr Sinn für die Dichtung geweckt, sodass sie selbst erste Verse zu formulieren suchte. Der jüngste von ihren drei Brüdern ist früh verstorben. Als sie 12 Jahre alt war, verkaufte der erkrankte Vater das Gut. Sie verbrachte dann die Kriegsjahre in Schwerin und besuchte dort eine öffentliche Schule, bevor sie sich als Kindergärtnerin ausbilden ließ. Nach dem Examen wurde ihr in Uelzen die Leitung eines Kindergartens übertragen. Damals schon entstanden ihre ersten Gedichte und Märchenspiele für die ihr anvertrauten Kinder. Die Arbeit machte ihr viel Freude, dennoch spürte sie, dass sie einen andern Weg gehen müsse. Die entscheidende Anregung kam, als ihre einstige Erzieherin sie mit der Anthroposophie bekannt machte und ihr riet, Eurythmistin zu werden.

1927 trat sie in die Anthroposophische Gesellschaft ein, sie fuhr nach Dornach. Nach den Ausbildungsjahren bei Isabella de Jaager war Diestel 1931–39 an der Hamburger Rudolf-Steiner-Schule (Goetheschule) tätig. Sie unterrichtete Eurythmie in allen Klassen, in einigen außerdem Handarbeit. Als die Schule von den Nationalsozialisten geschlossen wurde, ging sie nach Freiburg/Br. und gab dort privaten Eurythmie-Unterricht, bis auch hier die Gestapo eingriff. Schließlich kam sie in einer Leihbücherei unter.

Im November 1944 wurde sie bei einem Luftangriff auf Freiburg/Br. verschüttet. Mit einem schweren Schock und verletzt wurde die für todgehaltene aus der Leichenhalle geborgen, aber sie hatte ihr Gehör für immer verloren.

In ihrer schlichten Art berichtet sie darüber: „Durch eine Bombe verlor ich das Gehör. Nun begann ich Märchen zu erzählen und Kurse über Poetik zu halten. Verse hatte ich schon immer geschrieben. In Märchen und Gedichten aber erkennt man – nach einem Wort von Novalis – die wahren Weltgeschichten und wenn nun als Drittes sich die Kunst der Eurythmie dazugesellt, darf man etwas von den Geheimnissen der Kunst vermitteln, deren die Menschheit zu ihrer Heilung so dringend bedarf.“ (Zit. b. Neubauer 1973)

Trotz der Behinderung gelang es ihr, Eurythmie-Unterricht für Kinder und Erwachsene zu erteilen. Auch gab sie in verschiedenen Freiburger Krankenhäusern, meist in den Kinderabteilungen, aber auch in der Universitäts-Nervenklinik, regelmäßig Märchenstunden für Patienten. Diestel: „Es wäre schön, wenn auch in anderen Städten Menschen die Initiative zu solchem Tun ergriffen! Die Seelen brauchen die heilende Bildersprache der Märchen!“ (Autobiogr., 1968)

Die von ihr für die Großen und die Kleinen vorgelesenen Märchen besorgte sie sich nach intensiven Studien aus in- und ausländischen Bibliotheken. So entstand auch ihre reichhaltige Sammlung von Kinderreimen. Kein Vers in ihren Gedichtbändchen zur Eurythmie ist je erschienen, den sie nicht selbst in Lese- und Unterrichtsstunden erprobt hätte. Heute werden in vielen Unterstufen-Klassen von Steiner-Schulen ihre Kindergedichte gesprochen und gespielt, aber auch im Eurythmieunterricht verwendet.

Ihre letzten zehn Lebensjahre verbrachte sie im Altersheim in Öschelbronn.

Mario Zadow


Werke: Die Himmelsharfe (L), Stuttgart 1954; Wir kommen aus dem Mondenland (L), Freiburg/Br. 1957, Weißenseifen ²1998; Gedichte zur Eurythmie für groß und klein, Freiburg/Br. 1967; Kindertag. Gedichte für Kinder, Stuttgart 1967, 1996 (7. Aufl.); Gedichte für groß und klein, Freiburg/Br. 1969; Einem fernen Ziel entgegen (L), Basel 1970; Verse zur Eurythmie für Kinder, Basel 1974, ³1982; Verse zur Eurythmie für Erwachsene, Basel 1974, ²1975; Der Regenbogen. Gedichte, Basel ²1986; Nie gehörte Lieder (L), Basel 1986; Klumpedump und Schnickelschnack, Stuttgart 1994; Ich bin ein großer brauner Bär, Stuttgart [1995]; Verse für die pädagogische Eurythmie, Dornach 1998; Verse für die Eurythmie im Vorschulalter, Dornach 1999; Beiträge in CH, EK, G, MaD und Msch.
Literatur: autobiografisch: Märchenerzählen in Kliniken, in: MaD 1968, Nr. 86; Neubauer, G.: Hedwig Diestel, in: G 1973, Nr. 7; Barkhoff, M.: Schönen Dank, liebe Hedwig Diestel! In: G 1986, Nr. 52/53; Schulz, E.: Hedwig Diestel, in: RRM 1992, Nr. 22; Heilmann, S.: Hedwig Diestel, in: Leh 1993, Nr. 47; Heilmann, S.: Hedwig Diestel, in: N 1993, Nr. 4.




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