Heinz Demisch
Demisch, Heinz

Maler, Schriftsteller.

*07.10.1913 Königsberg/Ostpreußen (damals Deutschland)
†24.11.2000 Saarbrücken (Deutschland)



Heinz Demisch wusste sich als Mensch, eigenständiger Künstler und Gelehrter dem Erkenntnisstreben Rudolf Steiners verpflichtet.

Seine unbedingte und weltoffene Wahrheitssuche, verbunden mit einer persönlichen Bescheidenheit, ließ ihn als freier Schriftsteller die Unabhängigkeit als einzige für ihn gültige Existenzform wählen.

Schon mit 14 Jahren beginnt er als Sohn eines Kaufmanns in seiner Geburtsstadt Königsberg privaten Malunterricht zu nehmen. Später studiert er dort freie Malerei an der Kunstakademie bei Alfred Partikel. Gleichzeitig besucht er an der Universität die Vorlesungen und Seminare von Wilhelm Worringer, einem der renommiertesten deutschen Kunsthistoriker seiner Zeit. Im Herbst 1931 hört er erstmals durch eine Schülerin von Caroline von Heydebrand den Namen Rudolf Steiners. 1932/33 studiert er Malerei und Plastik bei Wilhelm Klemm und Richard Engelmann an der Kunstschule Weimar. Er beendet sein Studium, um dem befohlenen Nazi-Weltanschauungsunterricht und dem paramilitärischen Kursus für Studierende zu entgehen. Da er sich künftig weigert, in die Reichskulturkammer einzutreten, erhält er de facto Mal- und Ausstellungsverbot.

Ende 1933 reist er mit Fahrrad und Staffelei nach Palermo, wo er bis Mai 1934 malt und ihm der Durchbruch zu seiner „Transzendenzlandschaft“ (Ch. L.) gelingt. Mittellos sieht er sich zur Rückkehr nach Deutschland gezwungen. Hierbei macht er Zwischenstation in Dornach, wo er u. a. Maler wie Gérard Wagner und Gerda Eicken trifft, mit Albert Steffen spricht, viele Veranstaltungen besucht und durch Marie Steiner persönlich zu nicht öffentlichen Vorträgen zugelassen wird. Die Architektur des zweiten Goetheanum beeindruckt nachhaltig die ganz individuelle, plastisch-musikalische Formensprache seiner folgenden Ölbilder. Zurück in Weimar, kann er ein kleines Atelier beziehen, wo er bis 1936 arbeitet. Es folgt eine vorübergehende Ateliergemeinschaft in Hagen im Haus von Gerda Eicken. Im Oktober 1938 Übersiedlung nach Berlin-Grünau.

Seiner weiteren Arbeit als Maler stellt sich ab Februar 1939 die Rekrutenausbildung entgegen, deren Brutalität ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt. Ende August Einberufung zum Militär. Nach Feldzügen durch Polen, Belgien und Russland wird Heinz Demisch im September 1943 schwer verwundet und gerät in russische Kriegsgefangenschaft. Die primitive Arbeit in einem Kohlenschacht bei Kiew und die Erkrankung an einer Art Malaria, ständiger Hunger und Kälte zerrütten seine Gesundheit.

Heinz Demisch kann 1945 in seine alte Wohnung nach Berlin-Grünau zurückkehren. Von Januar bis August 1946 entsteht in dichter Folge sein malerisches Hauptwerk, ein zwölfteiliger Zyklus von überaus lichthaltigen, abstrahierten Landschaften. Gleichzeitig greift er immer öfter zur Feder.

1947 lernt er die Schriftstellerin und Lektorin Eva-Maria Lichtenstern, geb. Mankiewicz (1915–69), kennen. Schon im Herbst wird geheiratet. 1948 wird der Sohn Ernst-Christian geboren.

1948 ist das Jahr, in dem für Heinz Demisch sein malerisches und zeichnerisches Werk, das noch der Aufarbeitung harrt, zu einem inneren Abschluss kommt. In diesem Jahr erscheint in Berlin sein erstes kleines Buch „Franz Marc – der Maler eines Neubeginns“. Maria Marc erwirbt sofort 100 Exemplare und lädt den Autor zum Gespräch in ihr Haus nach Riedberg ein. In den folgenden Berliner Jahren bis 1959 und darüber hinaus von Frankfurt/M. aus hält Heinz Demisch viele hundert Vorträge, auch in anthroposophischen Zusammenhängen. Seit 1951 ist er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Seine Themen reichen von der ägyptischen Kunst, den frühen Kunstepochen, Raffael und Hieronymus Bosch über die Maler-Pioniere des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, wo er besonders Marc, Kandinsky, Macke, Chagall, Picasso, Max Ernst, den Surrealismus und die deutsche und internationale Entwicklung der abstrakten Malerei behandelt – überall trifft er auf voll besetzte Säle. 1958 besucht er Marc Chagall in Vence. Die mehrfachen Interviews gehen in das Buch „Vision und Mythos in der modernen Kunst“, das ihn weithin bekannt machen wird, ein. In dieser Publikation führt Demisch erstmals Steiners Begriff des Ätherischen in die Kunstgeschichte ein und macht ihn für das Verständnis von bestimmten Phänomenen moderner Kunst fruchtbar.

1955–73 arbeitet Heinz Demisch als freier Mitarbeiter bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Seine Gebiete sind Kunstgeschichte, Archäologie, Vor- und Frühgeschichte. Die Arbeit bei der FAZ intensiviert sich ab 1959, seit seinem Umzug von Berlin nach Kronberg bei Frankfurt/M. Dieser Wechsel ergab sich durch den Eintritt seiner Frau in das Feuilleton der FAZ, wo sie als Redakteurin u. a. für die „Schönen Künste“ verantwortlich zeichnet. Zum 100. Geburtstag von Rudolf Steiner schrieb Eva-Maria Demisch einen viel beachteten Jubiläumsartikel in der FAZ.

Der Weggang von Berlin bedeutete für Heinz Demisch eine Zäsur. Nunmehr konnte er sich verstärkt auf die eigene wissenschaftliche Arbeit konzentrieren. In den vergangenen zehn Jahren hatte er sich engagiert für die Berliner anthroposophische Kulturarbeit zur Verfügung gestellt – zusammen mit den älteren Freunden Helmut Vermehren, Franz Löffler, Helene Reisinger u. a. m. Im Namen des Kulturimpulses der „Kommenden“ ( Herbert Hillringhaus) organisierte er große Kongresse zu anthroposophischen Themen, war im Schulverein der Berliner Waldorfschule als Schriftführer tätig und betreute die Schulmitteilungen. An der Berliner Eurythmieschule gab er Kunstgeschichtsunterricht. Außerdem leitete er in seiner Zehlendorfer Wohnung allwöchentlich einen anthroposophischen Arbeitskreis.

1964 publiziert Demisch „Heinrich von Kleist. Schicksal im Zeichen der Bewusstseinsseele“. Es trägt ihm die Freundschaft mit Helmut Sembdner ein, einem der bedeutendsten Kleistforscher seiner Epoche.

Am 19. September 1969 stirbt seine Frau nach über 20-jähriger, sehr glücklicher Ehe. Mit einer ehemaligen Schulfreundin, Antonie Vellemann-Richardson, geht er 1971 eine zweite Ehe ein. Umzug nach Eppstein/Taunus. 1977 erscheint in Stuttgart Demischs groß angelegte Monographie „Die Sphinx. Geschichte ihrer Darstellung von den Anfängen bis zur Gegenwart“ – ein Standardwerk, das weltweit in viele wissenschaftliche Bibliotheken Eingang gefunden hat.

Die sachlich abwägende Haltung, die Demisch in dieser Untersuchung zu den entsprechenden Angaben Steiners einnimmt (s. z. B. S. 268), wurde von den meisten anthroposophischen Rezensenten nicht erkannt. Da eine konstruktive Diskussion darüber in anthroposophischen Zeitschriften nicht zugelassen wurde, sah sich der Autor schließlich 1990 zu einer Richtigstellung in einer eigenen Schrift veranlasst, die er „Die Fabel vom freien Geistesleben“ nannte und ausdrücklich nur für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bestimmte. Der Fall erscheint historisch relevant, da er beispielhaft das anhaltende Verständigungsproblem von anthroposophischen Rezensenten mit freier, wegweisender Wissenschaft beleuchtet.

1984 tritt Demisch wiederum mit einer umfangreichen kunstwissenschaftlichen Arbeit hervor: „Erhobene Hände. Geschichte einer Gebärde in der bildenden Kunst“. Auch diese Arbeit spricht anthroposophische Interessen an, um sie auf ein Terrain zu führen, das vom Neolithikum bis zur Gegenwart, von den bekannten Hochkulturen bis in die Stammeskulturen entlegener Erdteile reicht. Die heute so lebhaft gestellte Forderung nach einer globalen Öffnung der Kunstperspektiven wurde hier bereits eingelöst. – Parallel zu den zuletzt genannten Veröffentlichungen beschäftigte sich Heinz Demisch mit den wissenschaftlichen und historischen Problemen, die das Kaspar Hauser-Rätsel stellt. Mit Hermann Pies, dem Nestor der Hauser-Forschung, verband ihn bis zu dessen Tod (1983) ein enger freundschaftlicher Austausch (Pies: „Ich betrachte Sie als meinen Nachfolger“). Über Pies’ „Hauser-Dokumentation“ schrieb Heinz Demisch einen ausführlichen Aufsatz (FAZ, 8.11.1968), der für die öffentliche Anerkennung einer ernsthaften Hauser-Forschung einen Durchbruch bedeutete. Johannes Mayers (Urachhaus) verlegerische Hauser-Initiativen basieren auf Demischs Vermittlung zu Pies.

1989 zieht Heinz Demisch zur Tochter nach Frankfurt/M. und folgt ihr 1998 nach Saarbrücken. Noch vor Ausbruch seiner schweren Erkrankung gelingt ihm 1994 die Fertigstellung seines posthum im Jahre 2003 veröffentlichten Buches über Ludwig Richter (1803–84), in dessen Vita und Werk er aufgrund jahrelanger Studien in den Archiven und Museen von Dresden, Meißen und Berlin bisher unbekannte Aspekte aufdecken konnte. Das Buch enthält erstmals einen Abriss der Richter’schen Wissenschaftsgeschichte. – 1996 rundet sich Demischs kunsthistorische Arbeit erneut mit Franz Marc. Sein Aufsatz über „Franz Marcs ‚Turm der blauen Pferde’ und die Stoa“ deckt die Quellen zu der kosmischen Symbolik dieses Schlüsselbildes der Moderne auf.

Seinem Tod sah er, nahezu gelähmt, klaglos ergeben, ja oft mit seinem alten Humor, immer lesend und geistig hellwach entgegen.

Christa Lichtenstern


Werke: Franz Marc, der Maler des Neubeginns, Berlin 1948; Vision und
Mythos in der modernen Kunst, Stuttgart 1959; Heinrich von Kleist, Stuttgart
1964; Mythische Motive bei Marc Chagall, in: SYMBOLON, Jahrbuch für
Symbolforschung, Bd. 7, Basel 1970; Die Sphinx, Stuttgart 1977; Erhobene
Hände, Stuttgart 1984; Die Fabel vom freien Geistesleben, Frankfurt/M. 1990;
Neue Beobachtungen zu „Natur und Geist“ von Philipp Otto Runge, in:
Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, Tübingen 1996; Franz Marcs „Turm
der blauen Pferde“ und die Stoa, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst,
3. Folge, Bd. LI, München 2000; Übersetzung ins Japanische erschienen;
zahlreiche Beiträge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, K, weitere in CH, DD, EK, G, Msch.




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