Sándor Török
Török, Sándor

Schriftsteller, Journalist, Pädagoge.

*25.02.1904 Homoróddaróc, Siebenbürgen (damals Österreich-Ungarn)
†30.04.1985 Budapest (Ungarn)



Sándor Török gehört zu den bedeutenden Schriftstellern Ungarns im 20. Jahrhundert. Er wirkte maßgeblich an der Entfaltung und zeitgemäßen Entwicklung der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik mit.

Török besuchte die Schule in der von Siebenbürger Sachsen im Mittelalter gegründeten Stadt Kronstadt, später im nahe gelegenen Fogarasch. Im Alter von 16 Jahren brach er seine Schulausbildung ab. Einem seiner autobiografischen Romane nach zu schließen verliebte er sich damals in die Primadonna eines Wandertheaters und beging daraufhin einen Selbstmordversuch. Anschließend zog er als Holzfäller und Straßenarbeiter in das Fogarascher Hochgebirge.

In der Nähe des Negoi -Gipfels war der riesenhafte rumänische Holzfäller Georghe Fenes Leiter der dortigen Waldarbeiter. Er war es, der den jungen Török lehrte, im Feuer, in der Welt der Steine, in den Gebirgsbächen „Wesen zu sehen“. Er vermittelte dem nur 16-jährigen Ungarn die Spiritualität der rumänischen Volkstradition. Török arbeitete später in einer Schmiede, dann in einer Brauerei, schließlich in einer Ledermanufaktur, wo er eine Fachprüfung als Ledergürtelmacher ablegte. Das blieb, wie er sich später stolz zu erinnern pflegte, seine höchste offizielle Berufsqualifikation. Török arbeitete danach bei der Post, wurde Mitglied des Chores am Klausenburger Ungarischen Theater, wo er bald zum Schauspieler avancierte. Von da an blieb er in gutem und freundschaftlichem Kontakt mit einer ganzen Reihe ungarischer Bühnendarsteller, die zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts zählen.

Seit 1923 war er Mitarbeiter der berühmten Klausenburger Zeitung „Ellenzék“ („Opposition“), arbeitete anschließend bei verschiedenen Blättern mit. 1920 wurde mit dem Friedensvertrag von Trianon Siebenbürgen Rumänien zugeschlagen. Török übersiedelte nach Ungarn, übernahm Gelegenheitsarbeiten, darunter die eines Buchausträgers in der Széchenyi Landesbibliothek. Es folgte ein Ruf nach Szeged, wo er von 1929 an verantwortlicher Redakteur beim „Szegedi Napló“ („Szegediner Journal“) wurde. Seine geliebte Braut, die er später heiratete, übersiedelte nun ebenfalls nach Ungarn.

Von 1931 an lebt er in Budapest, ist Mitarbeiter an Blättern wie „Magyarország“ („Ungarn“) und „Ujság“ („Zeitung“). Sein erstes Buch erschien bereits 1926 in Temesvár, es folgen alle zwei bis drei Jahre, später in jährlicher Abfolge, immer neue Romane und Theaterstücke. Die Niederschrift seiner Abenteuer als Untermieter in verschiedenen Budapester Wohnungen, die 1937 unter dem Titel „Jemand klopft an“ erschien, hat durchschlagenden Erfolg, wird öfter aufgelegt und viel später, im Jahr 2000, als Fernsehserie produziert. Das Buch trägt den Untertitel: „Roman in zwölf verschiedenen Zimmern“. Das Nationaltheater in Budapest bringt seine Stücke mit großem Erfolg. 1939 schreibt er einen Märchenroman mit dem Titel „Kököjszi és Bobojsza”. Kököjszi und Bobojsza sind zwei Zwerge, die aus den höheren Welten herunterkommen, um den neu geborenen Andris auf der Erde zu empfangen, zu führen und ihn jede Nacht zu besuchen. Die Geschichte erzählte Török dem Kind der bekannten Druckerfamilie Kner, Andris, und brachte sie anschließend zu Papier.

Das großartige Buch kam in die Hände von Maria Göllner von Nagy ( Maria von Nagy), die den jungen Schriftsteller aufspürte. Der Budapester anthroposophische Arbeitskreis kam in der Göllner-Villa zusammen. Dorthin lud Maria von Nagy den jungen Schriftsteller ein und fragte ihn darüber aus, was er über Zwerge wisse und woher er dieses Wissen habe. Török nahm das zuerst mit Spott auf und kritisierte die anthroposophischen Studien, doch die Persönlichkeit Maria von Nagys bewog ihn zu bleiben.

In den gefahrvollen Jahren des Krieges, der deutschen Besetzung und der Judenverfolgung vertiefte sich diese Beziehung. Török spielte eine signifikante Rolle in den Bemühungen zur Rettung der ungarischen Juden. Er beschaffte illegale Ausweise, veranlasste deren Druck und Weitergabe. Eine Niederschrift von zwei aus Auschwitz geflüchteten slowakischen Juden, die in seine Hände kam, ließ er übersetzen und brachte sie der Schwiegertochter des Staatsoberhauptes, Admiral Horthy, mit der Bitte um Weitergabe an ihn. Obwohl Töröks jüdische Eltern schon vor seiner Geburt zum Christentum übergetreten waren, er also als Christ aufgewachsen war, wurde Török im Sinne der Rassengesetze als Jude eingestuft und zum Arbeitsdienst gezwungen. Von dort floh er und begann mit seinen illegalen Aktivitäten. Die Zeit der Belagerung Budapests und der Schreckensherrschaft der faschistischen Pfeilkreuzler verbrachte er zusammen mit anderen im Zuflussrohr eines Wasserbeckens in Maria von Nagys Garten und in ähnlichen Verstecken, immer auch den anderen Verfolgten mit seinem überschwänglichen Humor Kraft spendend.

Nach 1945 wurden sowohl seine früheren als auch seine neuen Stücke im Nationaltheater aufgeführt. Im Pester Theater der Innenstadt brachte er die Oberuferer Weihnachtsspiele im Geiste Rudolf Steiners zur Aufführung. Als Hauptmitarbeiter beim Rundfunk leitete er die berühmte Sendereihe „Festtagsbriefe“, in deren Rahmen er Briefe an damalige kulturelle und politische Führer schrieb: an Albert Einstein, G. B. Shaw, C. G. Jung, den Papst oder Stalin. Es wurden Grundfragen des Zeitgeschehens gestellt, und er bekam Antworten auf seine Schreiben. Als er es ablehnte, der allmählich heraufziehenden kommunistischen Zensur nachzugeben und Stellen aus einem Brief Einsteins wegzulassen, wurde er vom Rundfunk entfernt und erhielt Publikationsverbot. Nach einigen Jahren der Arbeitslosigkeit fand er eine Stelle als Korrektor in einem Lehrbuchverlag.

In diesem Zeitabschnitt bildeten sich seine anthroposophischen Studienkreise, die zahllose junge Menschen anzogen. Viele von ihnen wurden im öffentlichen Leben Ungarns bekannt. In unverändert engem Kontakt stand er weiterhin mit den Trägern des ungarischen Literatur- und Theaterlebens, die ihn oft aufsuchten, um persönlichen Rat bei ihm einzuholen. Trotz der Illegalität dieser Schaffensperiode erfasste sein Wirken weite Kreise.

Nach 1956 wurde er, zusammen mit anderen Verfolgten, rehabilitiert und mit der Leitung der bis dahin bedeutungslosen Zeitschrift „Család és Iskola“ (Familie und Schule) betraut. Sofort gewann er prominente Autoren und angesehene Fachleute für Beiträge. Bald steigerte sich die Auflage der Zeitschrift von 6.000 Exemplaren auf 60.000 und wurde auch im Straßenverkauf erhältlich. In der Zeitschrift erschienen zum ersten Mal in der ungarischen Öffentlichkeit Darstellungen über die Grundprinzipien und Anschauungsweisen der Waldorfpädagogik. Nach der Wende von 1989, die Sándor Török nicht mehr miterleben konnte, haben seine Schüler den ersten Waldorfkindergarten und die erste Waldorfschule im Ostblock in der Trägerschaft der „Sándor Török-Stiftung“ gegründet. Diese Schüler sind heute sowohl in der Waldorfbewegung als auch in der Anthroposophischen Gesellschaft in Ungarn leitend tätig. Töröks Wirkung, die mehrere hundert Menschen persönlich und mehrere zehntausend über seine Werke erreichte, ist in Hinblick auf Verbreitung und Stärkung einer an Rudolf Steiner anknüpfenden Spiritualität in Ungarn kaum zu ermessen.

Am Ende seines Lebens wurden Neuauflagen seiner Werke veranstaltet, im Rundfunk gesendet, im Staatlichen Marionettentheater gespielt. Als Filme adaptiert wurden seine Stücke und Drehbücher, die sich dem Kind und den „Wundern“ des Kindesalters zuwandten. Generationen sind mit seinen Kinderbüchern aufgewachsen, oft so, dass sie den Namen des Autors gar nicht kannten. Die Figuren aber blieben lebendig. Das bewirkte bei vielen Menschen, dass sie später nach deren Schöpfer suchten und so als Erwachsene der Waldorfpädagogik oder Anthroposophie begegneten.

Sándor Török erhielt eine Reihe bedeutender literarischer Preise: den Baumgarten-Preis (1933), den Attila-József-Preis (1979), die Goldene Feder (1984). Er wurde bereits 1938 zum Mitglied der exklusiven „Petöfi-Gesellschaft“ gewählt.

Tamás Vekerdy


Werke: das Gesamtwerk besteht aus ca. 40 Bänden, dazu kommen mehrere hundert Artikel, Reportagen, Feuilletons. Hauptwerke: Ein wahnsinniger Kerl und was um ihn herum passiert, 1929; Die fremde Stadt, 1932; Eine Provinzprimadonna, 1934; Und dennoch dreht sich die Erde nicht, 1936; Jemand klopft an. Der Roman in zwölf verschiedenen Zimmern, 1937; Fabriczi, der Seiltänzer, 1939; Kököjszi und Bobojsza, 1939; Tagebuch eines Augenzeugen, 1941; Vertrauliche Geständnisse, 1943; Gauner, 1943; Geheimnisvolle Reisen, 1947; Csili-Csalas Wunder, 1956; Der Lügensoldat, 1957; Der kleinste Gott, 1966; Leib und Seele, 1970; Einen kleinen Garten hätte ich gern, 1979; Das Lächeln Gottes, 1984. Was ist die Anthroposophie. Einführende Vorträge, 2001. – Sämtliche Titel sind in ungarischer Sprache in Budapest erschienen, manche in mehreren Auflagen.
Literatur (ungarisch): Tábor, Á: Sándor Töröks Geheimnisse, in: Élet és irodalom, 1970, Nr. 35; Tóth, E.: Der Zauberer, Budapest 1970; Szenes, S.: „So waren wir, oder auch so ...“ Interview mit Sándor Török, in: Kritika 1985; Vekerdy, T.: Sándor Török, in: Träume und Albträume, Budapest 1993; Bächer, I.: Sándor Török, in: Mit drei Frauen abreisen, Budapest 2000; (deutsch:) Tóth, E., Vekerdy, T.: Pioniere der Anthroposophie in Ungarn, in: N 1992, Nr. 41.




Abkürzungen: siehe www.kulturimpuls.org

Copyright: Text und Bild sind urheberrechtlich geschützt. Reproduktion in jeglicher Form nur nach schriftlicher Genehmigung der Forschungsstelle Kulturimpuls, Dornach
© Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation – www.kulturimpuls.org